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Zwischen
"Pagan Poetry" und "Pagan Pop"
Islands
altes Heidentum bleibt jung
von
Thor Wanzek
Vorwort
"Die
spinnen wohl, die Isländer!" Mit diesem Spruch auf den Lippen
und einer hastigen Handbewegung in Richtung Kopf kann ich mir den guten,
alten Obelix vorstellen, wie er angesichts troll- und elfengläubiger
Isländer reagieren würde, die aus Rücksicht auf Elfen
eine Straße lieber um einen von ihnen bewohnten Stein herum bauen,
als ihn zur Seite zu schaffen. Doch ist der Glaube an das "unsichtbare
Volk" eine ausschließlich isländische Spezialität?
Nach aktuellen Studien (1) glaubt in Deutschland immerhin jeder Siebte
an Elfen, Trolle oder Kobolde, und 47 Prozent der Befragten wünschen
sich (unabhängig vom Glauben) eine Elfe als MitbewohnerIn.
Doch was hier zu Lande als "Elfen-Boom" sensationell hoch
stilisiert wird, ist für die Isländer ein alter Hut
um genau zu sein: ein ururalter Hut, den viele von ihnen offensichtlich
immer mal wieder gerne aufsetzen und dem Ernst des Lebens ein Schnippchen
schlagen. Während sich Neuheiden außerhalb Islands teilweise
massiv vom Christentum distanzieren, haben die Isländer das keineswegs
nötig: ihre Kultur wurzelt selbst nach tausend Jahren Christentum
immer noch stark in heidnischer Sprache, heidnischer Ästhetik und
heidnischem Glauben. Der folgende Bericht setzt sich aus Fragmenten
zur Studie "Auf Midgards Wegen" zusammen, die sich speziell
mit nordischem Neuheidentum beschäftigt
"Christus"
und "Allvater"
Vor 1000 Jahren beschloss das Althing, ein Vorläufer des isländischen
Parlaments, welches heute noch den selben Namen trägt, dass ein
jeder Bewohner der Insel zur christlichen Taufe verpflichtet sei. Es
war eine Entscheidung, die u.a. wohl aus politischem Kalkül gegenüber
den missionierenden Norwegern gefällt wurde und ein Nebeneinander
von heidnischem Brauchtum und christlicher Lehre bis heute ermöglichte.
Denn obwohl das Christentum zum offiziellen Glauben erklärt wurde,
durften die heidnischen Götter zumindest im privaten Bereich weiter
verehrt werden - das beschloss der Althing ebenfalls. Nach dem Urteil
des Historikers Hans Kuhn eine weise Entscheidung gegenüber dem
fanatisch christlichen, norwegischen König Olaf Tryggvason dem
Heiligen.
Dieser hatte jene Isländer, die sich 999 in Norwegen aufhielten,
als Geiseln genommen und drohte, sie alle zu töten, wenn sich die
Isländer weiterhin weigerten, die christliche Religion als eigene
an zu nehmen.. "Aber die Isländer ließen sich (...)
nicht in diese Zwangsjacke (eines strengen Christentums Anm.
d. Verf.) pressen und waren daher imstande, so aus zu wählen, wie
sie es als richtig erkannten, und das gute Eigene von dem Neuen nicht
ersticken, sondern befruchten zu lassen." (2)
Vermutlich liegen in dieser Befruchtung die Wurzeln für einen heidnisch-christlichen
Synkretismus, von dem heute noch halbheidnische / halbchristliche Götternamen
wie "Al-fadir" (= "Allvater", ein weiterer Name
Odins) oder "Sig-fadir" künden. Ursprünglich war
das isländische Heidentum "ein später Seitenzweig des
nordischen und dies ein Teil des germanischen Heidentums. Es ist noch
weithin üblich, dies als ein Stück Urreligion zu betrachten
und zu behandeln und es in vielem auf eine ähnliche Stufe zu stellen
wie die Religionen der primitiven Völker. (...) Es ist auch leicht,
aus ihm primitive Züge an den Tag zu fördern, die dieser Stufe
mit Fug und Recht zuerkannt werden. Diese Elemente haben die zäheste
Lebenskraft und können jeden Wechsel und jeden Verfall in den höheren
Schichten der Religion überleben. Sie vegetieren auch unter dem
Christentum fort und verraten meist nur wenig über ihr Alter und
ihre Herkunft." (3)
"Wissen Sie, ich stamme von den Westfjorden. Und da war der Glaube
an Elfen nicht so stark. Was uns da mehr interessiert hat, das waren
die Trolle. Die fanden wir irgendwie beeindruckender." (Ólafur
Ragnar Grimsson, isländischer Staatspräsident, kurz nach seinem
Amtsantritt im Juli 1996) (4)
Das
"verborgene Volk"
Aus der heidnischen Zeit hat bis heute der Glaube an das sog. "verborgene
Volk" nicht nur überlebt, sondern das kulturelle Leben der
Isländer nachhaltig beeinflusst. Wahrscheinlich liegen in dem Angesicht
einer ebenso überwältigend schönen wie furchteinflößenden,
urgewaltigen Natur zwischen tausend Grüntönen und grotesken
Lavagesteinen die Wurzeln für den Glauben an übernatürliche
Wesen, den über die Hälfte der Isländer nach wie vor
teilt.
Für die rund 270.000 Einwohner der Insel schließen sich Kirchgang
und Rücksichtnahme auf Elfen ("álfar"), die in
manchem für uns unscheinbar wirkenden Stein am Wegesrand hausen,
nicht aus. Während die Kirche den scheinbar harmlosen Aberglauben
belächelt, belächeln wiederum manche Isländer die Kirche,
deren Lehre für Troll- und Elfengläubige fremdartig bzw. unnatürlich
bleibt. Nach dem offiziellen Handbuch der isländischen Trolle,
dem "Vae Hartal" haben rund 40 Prozent der Befragten schon
mit Toten Kontakt gehabt. Gestorbene Menschen, die nach ihrem Tod keine
Ruhe finden, treiben als "Afturganga" ihr schreckliches Unwesen
und töten andere Menschen oder verschleppen sie der Sage nach durch
offene Gräber in die Hölle. Die Geister verraten sich allerdings
dadurch, dass sie sich ständig wiederholen und dass sie nicht den
Namen Gottes, "Gud", aussprechen können. Wie der volkskundliche
Atlas "Vae Hartal" informiert, treiben neben Trollen und Afturganga
auch hunderte von "Guhlen", leichenfressenden Dämonen,
ihr Unwesen.
Mit dem Bewusstsein, dass die meist unsichtbaren Mitbewohner der Insel
rücksichtslosen Raubbau an der Natur vergelten können, bemühen
sich die Isländer um ein freundliches Auskommen mit ihren übernatürlichen
Nachbarn. Dem Glauben an Elfen, Feen, Trollen, Gnome und "Huldufolks"
wird selbst von offizieller Seite Rechnung getragen: Erla Stefánsdóttier
hat als Elfenbeauftragte Islands die Wesen kategorisiert und ihre Wohnsitze
und Wege in einer "Landkarte der verborgenen Welt" markiert.
Um Konflikten mit dem meist unsichtbaren Volk aus dem Weg zu gehen,
wird Stefánsdóttier bei Bauvorhaben von offizieller und
privater Seite zu Rate gezogen. So ist es keine Seltenheit, dass eine
schon geplante Straße in ihrer Wegführung bei Besichtigung
des Geländes noch einmal in ihrem Verlauf neu geplant wird, um
nicht die Wohnsitze von Elfen oder Feeen zu zerstören. Wege, auf
denen mehrere Unfälle passierten, hinter denen man die verborgenen
Wesen vermutete, wurden in ihrem Verlauf noch einmal geändert.
Die "Alfholsvegur" ("Elfenhügelstraße")
zwischen Rejkjavík und Kópavogur führt tatsächlich
um einen Hügel herum, in dem angeblich Elfen hausen. In der Stadt
Grundafjördur steht an der Hauptstraße zwischen den Häusern
Nr. 82 und Nr. 86 ein Felsen: Nr. 84 wird von Elfen bewohnt. Über
die Stadt Hafnarfjördur heißt es in Stefánsdóttiers
Plan: "Hafnarfjördur ist die Stadt der Menschen und der verborgenen
Wesen. Sobald man die verborgenen Wesen wahr nimmt, die in jedem Vorgarten
hausen, wird die Lava auf ganz besondere Weise lebendig."
In dem Felsenhügel oberhalb der Stadt vermuten zahlreiche Einheimische
das Elfenschloss Hamarinn, in dem eine weiß gekleidete Frau mit
Silbergürtel und von königlichem Blut leben soll. Bei den
Elfen handelt es sich nach den Sagen um die Nachfahren Evas, die nicht
gewaschen waren, als Gott zu Besuch kam. Sie mussten sich verstecken
und leben bis heute im Verborgenen. Wer die Elfen besucht und von seiner
Reise zurück kehrt, der bringt oft Reichtümer mit sich, hat
sich aber auch auf seltsame Weise verändert. Die Elfen treten
in sehr unterschiedlichen Gestalten und Größen auf, einige
von ihnen sind lang und dünn, andere wiederum machen einen wohlgenährten
Eindruck und sind von kleiner Statur. Den Menschen am Ähnlichsten
sind die Angehörigen des sogenannten "huldufólks"
des verborgenen Volks. Sie gelten als sehr sozial und wenn sie einmal
gesehen werden, so tragen sie zumeist farbenfrohe Kleidung. Die "jardvergar"
oder Gnome erreichen nur eine Größe zehn bis 12 Zentimetern
und leben in ähnlichen Familienverhältnissen wie die Menschen.
Über die Stadt wacht ein Geist, der in flaschengrünen und
tiefblauen Färbungen in Erscheinung tritt. Wesentlich unangenehmere
Wesen als Elfen sind die garstigen Trolle, die nur nachts ihre Grotten
und Höhlen verlassen, dann jedoch den Menschen durch ihre Zauberkräfte
gefährlich werden können. So ist der Sage nach schon manch
beherzter Mann dem Zauber einer Trollfrau erlegen und ward seitdem nicht
gesehen. Erreichen die Trolle ihre unterirdischen Behausungen nicht
vor Tagesanbruch, werden sie von der Sonne an Ort und Stelle zu Stein
verwandelt. Dieses Schicksal ereilte zahlreiche Trolle, darunter eine
riesenhafte Erscheinung, die heute noch am Fuße des Snaefellsjökulls
steht. Als schwer einschätzbar gelten die isländischen
Zwerge ("dvergar"), die ungefähr so groß werden
wie drei bis fünf Jahre alte Kinder. Ihnen wird eine farbenreiche
Aura und manchen ein temperamentvolles Wesen nachgesagt, doch während
einige von ihnen durchaus freundliche Umgangsformen pflegen, gelten
andere wiederum als unhöflich oder kühl.
Nach Erla Stefánsdóttier gibt es in Island heute noch
zahlreiche Energielinien, wie sie auch in China oder bei den australischen
Aborigines bekannt sind. Diese Linien treten in unterschiedlichen Farbtönen
auf und erstrecken sich über weite Landstriche. Berggeister senden
blitzende Energielinien in tiefen Farben aus. Blaue Linien, die von
Steinhaufen in eine Richtung weisen, markieren alte Pfade, die heute
überwuchert sind. "Wenn wir uns selbst in einen harmonischen
Zustand versetzen und für einen Moment eine Pause von der Hektik
des modernen Lebens einlegen wollen, dann müssen wir versuchen,
die Tür zu unseren Seelen zu öffnen und die universelle Kraft
des Lebens (...) betrachten, das Bewusstsein, welches in allen Dingen
ruht." Dann, so Stefánsdóttier, würde der Mensch
sich "mit allen lebenden und natürlichen Wesen in Einklag
befinden und Energie, Licht und Freude für sein Leben gewinnen."
Die Koexistenz von christlichem und heidnischem Glauben wurzelt in einer
Gelassenheit der Isländer, die sich auch in ihren Erzählungen
finden lässt. So sagt man dem im Mittelalter lebenden Bischof Gudmundur
dem Guten eine tiefe Gemütsruhe nach. Der Geistliche wollte die
im Norden liegende Insel Drangey weihen, um die bösen Trolle und
Dämonen zu vertreiben, die den Inselbewohnern Schaden zufügten.
Als er die Zeremonie beinahe beendet hatte, erklang im Felsen eine Stimme,
die Gudmundur bat, auch dem Bösen einen Ort zum Leben zu lassen.
Der Überlieferung nach zeigte der Bischof Verständnis für
die Bitte der Geister und vollendete die Weihung nicht.
Mit ähnlicher Gelassenheit pflegen die Isländer ihr Brauchtum
heute. Auch wenn scheinbar die Hälfte aller Isländer das verborgene
Volk achtet, so glauben nach Arni Björnsson, einem einheimischen
Volkskundler und Elfenkenner, nur wenige an die tatsächliche Existenz.
"Die meisten von uns sind nicht wirklich davon überzeugt,
dass es sie gibt, andererseits wollen wir die Möglichkeit ihrer
Existenz nicht leugnen. Eigentlich ist es eine Art Skepsis. Wir leben
in einem höchst unberechenbaren Land - was heute Gras und Wiese
ist, kann morgen Lava und Asche sein. Daraus haben wir gelernt, uns
nicht zu sehr auf den Augenschein zu verlassen." (5)
"Pagan
poetry "
Als direkte Nachfahren der Wikinger pflegen zahlreiche Isländer
die Kultur ihrer Ahnen heute immer noch mit großem Stolz. Im Durchschnitt
verfasst jeder zehnte Inselbewohner in seinem Leben ein prosaisches
Werk in der Tradition seiner Vorväter. Die Sprache gilt als Kern
der isländischen Kultur und wird seinem Ruf als "Latein des
Nordens" durchaus gerecht, gibt es doch staatlich eingesetzte,
akademische Kommitees, die neue Wörter ins Isländische übersetzen.
So wird z.B. aus dem "Computer" ein "tölva",
zusammen gesetzt aus "tala" (Zahl) und "völva"
(Prophetin). (6) Nur im isländischen Alphabet sind bis heute einige
Runen-Zeichen erhalten geblieben.
Zu den zeitgenössischen AutorInnen gehört auch Birgitta Jonsdottir,
die erst durch ihre Arbeit mit den Sagen in Berührung kam und seitdem
zu einigen Göttern Texte verfasst und Bilder gemalt hat:"Ich
nahm an der Erstellung eines Rollenspiels teil, welches auf der alten
Welt, sprich: der Welt nach der nordischen Mythologie, basierte. Ich
portraitierte die Götter in Bildern und Texten, recherchierte viel
und wurde mir bewusst, dass ich als Isländerin nur sehr wenig über
meine eigene Geschichte, über die Mythen und Götter wusste.
Ich konnte mich mit den Göttern immer besser anfreunden, umso mehr
ich über sie heraus fand. Es stimmte mich traurig, erkennen zu
müssen, wie viel Wissen über die unbekannteren Götter
verloren ging. Als ich dann letzten Endes die Portraits schuf, fühlte
ich mich ihnen sehr nahe und malte drauf los, ohne zu wissen, welcher
Gott auf dem Papier erscheinen würde ... Als ich damit fertig war,
hatte ich das Gefühl, dass es sich dabei um einen Test handelte.
Ich rief die anderen an dem Projekt beteiligten Leute und fragte sie,
wen ich gemalt hätte und ihre Antworten bestätigten meine
Gefühle. Es war sehr intensiv und wundervoll, sich diesen Wesen
so nahe zu fühlen. Ich fühlte, dass sie es waren, die mich
führten. Ich kam ebenso zu der Schlussfolgerung, dass die Mythen
durch das Geschichten-Erzählen erhalten blieben und dass sie verloren
wären oder stagnieren würden, wenn sie niemand mehr erzählen
würde. Somit begann ich, auf meiner Recherche und meiner Intuition
aufbauend, neue Geschichten zu erzählen, die mir irgendwie realer
erschienen."
Birgitta veröffentlichte auch einige ihrer Bilder und Texte im
Internet.
Wie eng die Vermarktung niedlicher Elfen-Klischees und nachdenklicher
heidnischer Gedanken manchmal bei einander liegen können, wird
am isländischen Musik-Exportschlager Björk deutlich, die wohl
bekannteste Elfe ihres Landes, wenn man dem Tenor der Pop-Presse Glauben
schenken möchte. Dass Björk nicht nur eine süße
Elfe im Sinne simpler Vermarktungs-Strategien ist, sondern dass sie
die Idee eines "heidnischen Ur-Bewusstseins" auf eigene Weise
fort spinnt, offenbahrt sie auf ihrem neuen Album "Vespertine".
Im Lied "Pagan Poetry" singt sie von der simplen Oberfläche,
unter der im tiefsten Inneren heidnische Dichtung erklingt:
Pagan
poetry
Pedalling through the dark currents
I find an accurate copy
a blueprint
of the pleasure in me
swirling black lilies totally ripe
he offers a handshake
crooked five fingers
form a pattern
yet to be matched
swirling black lilies totally ripe
a secret code carved
in a palm of fingers
form a pattern
yet to be matched
swirling black lilies totally ripe
morsecoding signals
pulsate
wake me up
from hibernate
on the surface simplicity
but the darkest pit in me
is pagan poetry
pagan poetry
Heidnische Poesie
Durch dunkle Ströme treibend
Finde ich eine genaue Kopie,
eine Blaupause
der Freude in mir
Herumwirbelnde schwarze Lilien, zu allem bereit
Er bietet mir einen Händedruck
Fünf verkrümmte Finger
formen ein Muster,
das noch sein Gegenstück sucht
Herumwirbelnde schwarze Lilien, zu allem bereit
Ein geheimer Code,
eingebrannt in eine Handfläche,
formt ein Muster,
das noch sein Gegenstück sucht
Herumwirbelnde schwarze Lilien, zu allem bereit
Morsesignale
pulsieren
wecken mich auf
vom Winterschlaf
Auf der Oberfläche Unkompliziertheit
aber der dunkelste Schacht in mir
ist Heidnische Poesie
Heidnische Poesie
Neuer
Asenglaube
In seinem Buch "Das alte Island" weist Hans Kuhn auf dürftige
Quellen des Heidentums hin: "Von der Dichtung, die zu ihm gehörte,
sind nur geringe Splitter erhalten geblieben. Viele der Isländer,
die da im 12. und 13. Jahrhundert sammelten, was noch an Überlieferungen
aus der Frühzeit vorhanden war, werden an den Nachrichten über
diese Seite des Lebens, die nun so ganz verändert war, interessiert
gewesen sein. Aber was noch zu fassen war, waren, so scheint es, vor
allem Einzelheiten, die sich als Kuriosa in der Überlieferung gehalten
hatten und deren fremdartig gewordenen Eigenheiten der Verzerrung, Vergröberung
und Missdeutung ausgesetzt gewesen waren. Trotzdem lässt
sich einiges Wichtige über die besonderen Formen des heidnischen
Kults in Island sagen. Die allgemeine Bezeichnung für die
heidnische Kultfeier war "blót", das mit "Opfer"
übersetzt zu werden pflegt und dies auch heißen konnte. Es
meint aber meist den ganzen Gottesdienst, in dessen Mittelpunkte jedoch
ein Opfer zu stehen pflegte. Da es diese Form des Kults im Christentum
nicht gab, konnte blót auch zum Inbegriff des Heidentums werden.
Es ist daher auch möglich, dass die Opfer nicht ganz so selbstverständlich
zum heidnischen Gottesdienst gehörten, wie die Christen es glaubten.
Geopfert wurden nach unserer Kenntnis im Allgemeinen Tiere, auch
große. Menschenopfer waren in der Schlusszeit des nordischen Heidentums
selten und wurden in Island wahrscheinlich nie gebracht. Was in den
Gottesdiensten außer den Opfern weiter zu geschehen pflegte, ob
etwa das Gebet oder der Vortrag von Hymnen - Reste von solchen sind
überliefert - einen festen Platz in ihnen hatte, entzieht sich
leider unserer Kenntnis, und ebenso, ob es auf der Insel regelmäßig
abgehaltene Kultfeste gab, wie sie aus anderen nordischen Ländern
gut bezeugt sind. Aber die religiöse Organisation kann in der Kolonie
nur sehr locker gewesen sein und bestand, zum mindesten im Anfang, nur
aus privaten Tempelgemeinden." (7)
1874, tausend Jahre nach dem Beginn der Besiedelung der grünen
Insel erhielten die Isländer eine eigene Verfassung, die ihnen
Glaubensfreiheit zusicherte. Der Volksglaube hatte die Christianisierung
überlebt, doch erst 99 Jahre später gründeten 12 Menschen
die Asenglaubensgemeinde "Ásatrúfelagid", die
wohl als das ursprüngliche und wichtigste Vorbild für die
heutigen, über den ganzen Erdball verteilten Ásatrú-Gemeinschaften
bezeichnet werden kann, staatlich anerkannt. Die Führung als Hohepriester
übernahm bis zu seinem Tod 1993 der für seine Dichtung bekannte
Sveinbjörn Beinteinsson, ein Bauer mit einem mächtigen Rauschebart,
dessen Physiognomie durchaus an einen Gandalf erinnern lässt. Doch
Beinteinsson hatte pragmatische Gründe, Ásatrú als
dem Christentum gleich berechtigte Religion anerkennen zu lassen: Er
wollte der Anfang der 70er Jahre wachsenden Zahl der "Kinder Jesu"
(8) mit der Religion entgegen treten, die auf Island seiner Meinung
nach immer noch am Tiefsten verwurzelt war und der Natur des Landes
entsprach. Beinteinsson selbst verkörperte dabei den bewussten
Kompromiss zwischen Tradition und Fortschritt. Er, der sich als Bauer
ganz in der Tradition seiner Vorväter sah, zweifelte daran, dass
der Mensch mit der Geschwindigkeit des Fortschritts noch Schritt halten
könne. Dennoch sah er, dass die Menschen die neuen Herausforderungen
stets irgendwie meisterten. Er "mähte mit Feingefühl
das Gras im alten Friedhaof bei Saurbær am Hvalfjordstrand und
ehrte zugleich die alten Götter" (10). In seiner Verehrung
lehnte er jedoch nicht strikt alles Neue ab, sondern verband traditionelle
Formen des Gesangs mit neuer Dichtkunst. Die Verbreitung seines Glaubens
sah er gelassen:
"Wir haben einen Verein gegründet, den Verein der Menschen,
die an die Asen glauben. In der Satzung steht sogar, dass es verboten
ist, zu missionieren. Man soll seinen eigenen Glauben nicht anderen
aufzwingen. Die kommen von alleine, wenn sie soweit sind." (11)
Wichtiger als eine strikte Ordnung im nordischen Pantheon und eine krampfhaft
authentische Rekonstruktion Jahrhunderte verschollener Zeremonien (gesetzt
der Fall, so etwas ist überhaupt möglich) war für Beinteinsson
nach eigener Aussage, die Perspektive des Menschen auf sein Leben zu
erweitern, welche durch Fortschritt und Wissenschaft eingeengt wird.
"Es ist eine besondere Aufgabe unserer Religion, die Verbindung
des Menschen zur Natur wieder her zu stellen, zu allen Kräften,
die in der Natur sind, um sie verstehen zu können. Es fließt
ein Bach, es wächst ein Baum, der Mensch ist nur Teil dieses Prozesses.
Er muss sich bewusst als einen Teil des Ablaufs der Naturkräfte
empfinden." (5) Dies gestaltet sich, so der Hohepriester in einem
vor rund 15 Jahren geführten Interview, gerade in der heutigen
Zeit als zunehmend schwierig. Er sah eine Welt, die sich "zu Tode
tanzt" und nicht mehr damit aufhören kann. Er beschrieb Beobachtungen
und Gefühle, wie sie offensichtlich von zahlreichen Menschen (nicht
nur) in der Heiden-Szene geteilt werden:
Interview mit Sveinbjörn Beinteinsson
Frage: "Wollen Sie die Zeit zurück drehen?"
Beinteinsson: "Nein, ich setzte mich nicht mit meiner Gruppe dahin
und sage, jetzt haben wir den Glauben von früher, leben wir auch
das Leben von früher. Ich will die Zeit nicht tausend Jahre zurück
drehen. Ich muss mein Leben an die heutige Zeit anpassen. Wir können
und wollen die technische Entwicklung nicht abschaffen."
"Sie lehnen Autos oder das Fernsehen nicht ab?"
"Nein, wir müssen nur lernen, damit um zu gehen. Diese Dinge
dürfen nicht die alte Ausgewogenheit der Menschen zerstören,
die sie früher hatten. Die Wissenschaft hat unser Gleichgewicht
im Leben genommen. Wir fühlen uns nicht mehr wohl. In meiner Jugend
habe ich hier in Island dieses gleichgewicht noch bei den Älteren
erlebt. Sie führten ein einfaches Leben, versuchten, niemandem
weh zu tun, sie ruhten in sich. Menschen, die in sich ruhen, gibt es
kaum noch. Das haben die schnellen technischen Entwicklungen zerstört."
(12)
Beinteinsson selbst mahnte zu Lebzeiten, bei der Rückbesinnung
auf alte Werte nicht den selben Fehlern zu verfallen wie zahllose christliche
Missionare vor rund 1000 Jahren: "Wir müssen jetzt stop sagen
und wieder einen stärkeren Kontakt zur Natur bekommen, uns als
Teil der Natur erkennen. Aber die Leute müssen diesen Weg ohne
Extremismus gehen, ohne Aggressionen." (13)
Beinteinssons Einfluss auf Teile verschiedener Jugendkulturen ist nur
schwer zu umreißen, doch vor allem auf die sog. "Neofolk"-Szene,
in der zahlreiche Künstler sich selbst als "heidnisch"
definieren, hat das Heiden-Oberhaupt eine Faszination ausgestrahlt,
die sich z.B. darin spiegelt, dass die englische Kult-Band Current 93
Beinteinssons Edda-Gesang neu aufgelegt und speziell ihrer Szene zugänglich
gemacht hat. Die isländische Ásatrúfelagid besteht
mittlerweile aus rund 450 Mitgliedern. Mehrmals im Jahr treffen sie
sich mit Freunden zum "blót", bei dem heute jedoch
keine Opfer gemacht werden. Symbolisch wird Met aus einem Horn getrunken
und dabei der Götter gedacht, die auch in Gebeten und Gedichten
geehrt oder um Hilfe gebeten werden.
Auszug aus den Verhaltensregeln:
"Asenglaube (Ásatrú) ist der Name unseres Glaubens.
Es ist erlaubt, sich zu mehreren Göttern und mächtigen Wesen
zu bekennen. Jedermann trägt die Verantwortung für sich und
sein Handeln. Es dürfen den Göttern Symbole und Statuen geweiht
werden, doch besteht keine Pflicht, diese an zu beten. Heilige Götter
und andere Heiligtümer dürfen nicht der Geringschätzung
anheim fallen. Es ist erlaubt, sein Wissen um die Vereinigung und die
heidnischen Bräuche zu verbreiten, doch wird organisiertes Missionieren
als unnötig betrachtet. Es ist erlaubt, andere Kirchen und Glaubensgemeinschaften
zu besuchen. Mitglieder der Asengemeinde üben ihren Glauben auf
eine Weise aus, die mit den Landesgesetzen nicht in Konflikt steht.
Die Hohepriester bieten den Mitgliedern ihre Dienste an, so zum Beispiel
bei Namensgebungen und Trauungen. Alle diejenigen, die sich zu den Heiden
zählen und ihren festen Wohnsitz auf Island haben, können
der Vereinigung beitreten. Wir geloben die alten Bräuche, wie auch
die Kultur unserer Vorfahren zu ehren." (14)
Junge Skalden singen alte Lieder
Ende
2001 erscheint das erste Langspielalbum des isländischen Trios
Sólstafir ("Sólstafir" bedeutet in etwa: "durch
die Wolken brechendes Sonnenlicht"). Der Titel "Í Blódi
og Anda", zu deutsch "In Blut und Geist" spiegelt das
einfache Verständnis der jungen Musiker vom Ásatrú-Glauben.
Im gleichnamigen Lied werden Männer besungen, welche sich in Blut
und Geist gleichen und der "Perversion" des Christentums trotzen.
Die harsche Wortwahl ist typisch für das Genre des sogenannten
"Pagan Metal", einer musikalisch dem Black Metal verwandten
Stilrichtung, in welcher die Liedtexte zum großen Teil auf Sagen,
Überlieferungen und neuen Interpretationen der mythologischen Themen
basieren. Dabei ist der Übermut in den meisten Fällen weitaus
größer als historische Authenzität oder eine tiefschürfende
Auseinandersetzung. Gerade die Wortwahl "Blut und Geist" weckt
in Deutschland wohl kaum positive Assoziationen, doch im Interview distanziert
sich die Band eindeutig von nationalsozialistischem Gedankengut und
verweist auf die schwedische Band Bathory, die mit ähnlichen völkischen
Begriffen eine wichtige Basis für den Pagan Metal legte. (15) Nachdem
Anfang bis Mitte der 90er in Skandinavien dutzende Kirchen von Kriminellen
des Metal-Undergrounds abgebrannt oder anderweitig attackiert wurden,
hat sich eine wilde Ästhetik etabliert, in der Mythen und Märchen
auf der einen, Politik und Rassenhetze auf der anderen Seite erneut
vermischt werden. Die Ernsthaftigkeit der Musiker ist gerade für
Außenstehende nur schwer ein zu schätzen, wobei die meisten
Bands nur mit der im Heavy Metal typischen Provokation kokettieren.
Pagan Metal ist in zahlreichen Fällen nach wie vor in erster Linie
Heavy Metal und erst in zweiter Linie Musik mit "heidnischem"
Beiwerk.
Sólstafir sind die bekanntesten isländischen Vertreter dieses
Stils und haben aufgrund ihrer Herkunft natürlich den Vorteil,
Texte aus der Edda in der Originalsprache vortragen zu können.
Auf der ersten Mini-CD "Til Valhallar" wurden Ausschnitte
einer Lesung des Gründers der heidnischen Glaubensgemeinschaft,
Sveinbjörn Beinteinsson, eingefügt. Von einem unbekannten
Verfasser haben sich Sólstafir einen Gesang zu Ehren Odins angeeignet.
Darüber hinaus vertonen sie zahlreiche moderne Dichter. Sie sehen
sich als heidnische Musiker, deren sprudelnde Inspirationsquelle als
Sagenschatz vor den Haustür liegt. Sie singen größtenteils
in ihrer Landessprache, "weil es sich für isländische
Heiden so gehört". (16)
"In
Blut und Geist" (Ásatrú)
Sie glauben an die Götter, Beschreiter alter Wege
Der Glaube an sich selbst, Ehrlichkeit und Treue.
Durch die Waffe zu sterben, weder Sieg noch Niederlage.
Die Zusammenkunft von Gleichen in Blut und Geist
wird im Ragnarök kämpfen, bis kein Mann mehr steht.
Nach dem Tod immer feierlich willkommen
Weder Sonne noch Mond, weder Tag noch Nacht.
Dann kam der Christ und ergriff die Macht.
Doch nicht jeder beugte sich seinem Glauben,
blieb sich selbst treu, bis in das jetzige 20. Jahrhundert.
Der Widerstand gegen das Christentum klingt ab, doch bleibt bestehn
blind sind sie gegen die Illusion in seinem Inneren.
Sie glauben an die Götter, der feste Halt in der Kultur
wird aufs Neue bestehn, das Christentum den Hunden vorgeworfen.
Wie
bei vielen der sog. "Pagan Metal Bands" funktioniert Heidentum
auch bei den Isländern Sólstafir als Etikette einer in Klischees
und szenetypischen Stilelementen strikten Jugendkultur, die selbst nicht
immer Ansätze eines tiefen Verständnisses für den Umgang
mit heidnischen oder überhaupt religiösen Elementen offenbahrt.
So hat z.B. Sänger Adalbörn kein Problem damit, sich als Atheist
und trotzdem als Heiden zu bezeichnen. Doch vielleicht hätte Beinteinsson
gerade über den recht unbekümmerten Umgang von jungen Menschen
vergnügt lachen können...
Interview mit "Solstafir":
"In dem Lied "Ásatrú" singt ihr von Menschen,
die in Blut und Geist gleich sind. Ist das ein Synonym für das
kulturelle Erbe, von welchem zahlreiche Elemente 1000 Christentum überlebten?"
Adalbjorn: "Nein, es bezeichnet einfach nur die Gefallenen, die
Einherjer, die feierlich in Walhalla ankommen, wo alle in Blut und Geist
gleich sind."
"Auf eurer Mini-CD "Til Valhallar" habt ihr einen Ausschnitt
der Beinteinsson-Lesung als Intro eingefügt. Welche persönlichen
Gründe haben euch dazu getrieben? Seid ihr Mitglieder der Ásatrúfélagid?
Und was haltet ihr generell von religiösen Organisationen?"
"Nun, die meisten von uns sind Mitglieder der Ásatrúfélagid
seit 1995/96. Dennoch bin ich ein Atheist, ich glaube an nichts Göttliches
außer der Natur selbst. Ásatrú ist nicht mit Religionen
wie dem Islam oder dem Christentum vergleichbar, es ist eher eine Art
Brauchtum. Ich kenne einige Leute, die Ásatrú ganz extrem
betreiben, vergleichbar mit fanatisch am Wort orientierten Christen.
Wenn man in der Ásatrúfélagid Mitglied ist, zahlst
du Steuern an sie anstatt an die christliche Kirche. Ich unterstütze
die Ásatrú-Gemeinde und nehme ab und zu an den blóts
teil, bei denen es traditionelles Essen und Met gibt."
"Ist es für euch wichtig, eine heidnische Botschaft mit eurer
Musik zu verbreiten, oder macht ihr das nur für euch und kümmert
euch nicht darum, was andere darüber denken?"
"Wir wollen nicht unbedingt eine heidnische Botschaft verbreiten,
aber wir wollen die Flamme des Heidentums am Leben halten. Und wenn
ich tatsächlich verständliche Botschaften für jedermann
vermitteln wollte, dann würde ich kaum auf isländisch kreischen,
sondern eher in englisch. Wir sind jedoch keine Propaganda-Band. Es
mag sein, dass wir uns hier und dort als heidnische Band äußern
oder auch mal T-Shirts mit dem Spruch "Fuck Christianity"
tragen, doch hat das keine politische Tragweite. Wir richten uns nicht
darum, was andere sagen. Versteh mich nicht falsch, aber das einzige
Prinzip, dem wir folgen, ist dass wir eine heidnische Metal-Band sind."
"Inwiefern seht ihr Sólstafir in einer traditionellen Linie
mit der großen und einzigartigen Literatur Islands oder der Ästhetik
eines Bildhauers wie Einar Jonsson?"
"Ich muss zugeben, dass ich darüber noch nie auf diese Weise
gedacht habe. Ich sehe Sólstafir in keiner traditionellen Linie.
Dennoch sind wir wohl die einzige isländische Metal-Band, die eine
Verbindung zur alten Literatur hat. Unsere alten Texte hatten alle auf
die eine oder andere Weise damit zu tun. Als du Einar Jonsson erwähntest,
da war ich mir noch nicht einmal sicher, wer es ist das sollte
bezeichnend sein, wie gut ich mich in dieser Kunstrichtung auskenne."
"Was bedeutet Heidentum für dich in Hinblick auf die Erziehung
deiner Kinder eines Tages?"
"Meine Kinder werden mit einer Vielzahl anderer Perspektiven als
durchschnittliche Kinder christlicher Eltern aufwachsen. Die Mythologie
an sich ist ein so großes kulturelles Erbe, bei dem Island eine
große Rolle spielt."
"Macht ihr eigentlich Unterschiede zwischen dem Glauben an die
Asen und an das huldufolk?"
"Beides sind natürlich alte Bräuche, aber heutzutage
gehört das huldufolk eher in die Märchenecke. Solche Geschichten
erzählen die Eltern ihren Kindern. Ásatrú umfasst
die Bräuche, nach denen die verrückten Wikinger lebten."
(Das neue Sólstafir-Album ist bei www.ars-metalli.de erhältlich.)
Mit den Elfen per Du ...
Mit den Elfen per Du ist der gebürtige Deutsche Wolfgang Müller,
der in Berlin und Reykjavik lebt. Der taz-Kolumnist, Buchautor, Direktor
der Walther von Goethe-Foundation in Island und freischaffende Künstler
ist als "Elfenexperte" durch zahlreiche Auftritte im Fernsehen
oder auf Veranstaltungen zum Thema "Island und Elfen" bekannt.
Ich traf ihn im Anschluss an ein Literatur-Festival, auf dem Müller
sein neues Buch "Die Elfe im Schlafsack" vorgestellt hatte.
"Wie fand Ihre erste bewusste Begegnung mit dem Heidentum statt,
bei der Sie gemerkt haben, dass da etwas Heidnisches ist?"
"Hm, die Elfen sind ja ein Teil der ganzen vorchristlichen Mythologie,
die ja in Island nicht so streng verfolgt wurde wie anderswo. Im Jahre
1000 wurden die Isländer christianisiert, bzw. sie entschlossen
sich dazu aus pragmatischen Gründen, um dem Druck des norwegischen
Königs zu entfliehen, doch bis zum 1270 findet man keine negative
Beschreibung der vorchristlichen Religion.
Der alte Glaube wurde aus dem Öffentlichen ins Private verlegt
und dieses Pragmatische zeugt von einem unfanatischen Umgang. Religionen
haben oft etwas fanatisches, wenn sie Botschaften versenden und Menschen
überzeugen wollen. Dem folgte häufig - auch bei den Christen
- eine fürchterliche Blutspur und eine Verdammung der anderen Religionen,
so sind z.B. die Indianer ja auch nicht friedlich bekehrt worden. Bei
Island finde ich es ganz spannend, dass dieser Übergang recht milde
vonstatten ging, und dass dadurch auch Schriften erhalten blieben, die
anderswo zerstört wurden, z.B. die Edda und der ganze Schöpfungsmythos.
Diese Schriften sind garantiert von jemandem geschrieben worden, der
schon Christ war. Das zeugt von einer pragmatischen Haltung und einer
gewissen Offenheit. Ich glaube, das ist eine ganz gute Haltung, sich
mit diesen Dingen auseinander zu setzen. Es ist z.B. absurd, Runen zu
tabuisiseren, weil ein paar durchgeknallte Neonazis sie benutzen oder
sie früher von den Nazis benutzt wurden. Es ist ein Stück
Archäologie, welches nicht tabuisiert werden darf. Die Isländer
gehen mit diesen Sachen spielerisch und nicht fanatisch um."
"Was sich darin äußert - wie Sie im Vorwort zu Ihrem
Interview mit Jörmundur Ingi in der taz geschrieben haben
dass z.B. die sog. "Pop-Elfe" Björk zusammen mit dem
Gründer der isländischen Heidengemeinschaft eine Ode an die
alten Götter gesungen hat."
"Ja, das gibt es sogar auf der CD, das weiß ich ganz genau.
Hilmar Örn Hilmarsson, Musiker und Komponist, der u.a. die Musik
für Fridrik Thor Fridrikson (isländischer Filmregisseur) schrieb,
hat auch etwas mit den Heiden zu tun. Ich war bei dem Heiden-Treffen,
welches eine Woche vor dem Fest zum 1000. Jahrestag der Christianisierung
statt fand. Es war eine ganz offene, freundliche Atmosphäre. Es
war sehr weltlich und Jörmundur Ingi sagte mir in einem Gespräch,
dass sich die Leute auch nicht anders verhalten sollten als privat.
Er wolle keine Atmosphäre wie in der Kirche, wo alle ernst sind
und erst wieder lustig werden, wenn sie draußen sind. Ich fand,
das war eine ganz angenehme Atmosphäre."
"Sind die alten Götter am Leben geblieben oder wieder zu neuem
Leben erwacht?"
"Ich habe die Theorie aufgestellt, dass es da einen Zusammenhang
mit der 68er-Bewegung gibt, da gerade in den 70ern viele aus der Kirche
ausgetreten sind (die Heidengemeinschaft wurde 1972 gegründet
Thor Wanzek). Ich bin auch aus der Kirche ausgetreten, bin aber aber
auch nicht Mitglied der Heiden. Ich konnte ästhetisch, künstlerisch
und spirituell mit der Kirche nichts anfangen. Die Kirche war für
mich wie ein merkwürdiger Film. Gleichzeitig glaube ich aber, dass
der Mensch immer spirituelle Bedürfnisse hat und dass das rationale
Weltbild, in welches wir eingebunden sind, ist ja auch schrecklich
es geht nur um Geld und Wirtschaft, das ist ja grauenvoll. Ich denke,
dass es legitim ist, alle neuen Möglichkeiten erst mal entstehen
zu lassen und nicht gleich panisch zu reagieren. Dass die Kirche das
Heidentum bekämpft, ist natürlich klar, da es sich um Konkurrenz
handelt. Aber Kultur entsteht, entwickelt und verändert sich."
"Was ist in der heutigen isländischen Welt die Idee von den
Elfen?"
"Als Deutscher würde ich sagen, dass hinter der Idee von den
Elfen ein ganz pragmatischer, ökologischer Gedanke steht. Ein Stein
kann ein ganz normaler Stein sein, vielleicht etwas groß und er
steht gerade vor einem Dorf herum. Wenn jemand vor 300 Jahren ein Märchen
über diesen Stein geschrieben hat und erzählte, dass in diesem
Stein eine Elfe lebt, dann wird dieser Stein sozusagen durch die Geschichte
geschützt. Er ist nicht heilig, aber man würde nicht unbedingt
sagen: "Das ist ja nur ein normaler Stein, der muss da weg, weil
die Straße wichtiger ist". Dann wird die Straße halt
um den Stein geleitet, weil man die Elfen nicht stören möchte.
Dabei geht es gar nicht um Glaube ja / nein, sondern es ist eine Haltung,
die ich sehr sympathisch und überlegenswert finde. Natürlich
wird sie nicht überall konsequent durch gesetzt. Es ist also nicht
so, dass die Elfen immer das letzte Wort haben."
"Als Außenstehender habe ich den Eindruck, dass weniger Arroganz
im Spiel ist, wenn es darum geht, nichtmenschliches Leben zu bewerten
oder es gar auszuschließen..."
"Die Welt vermischt sich eigentlich mehr. Auf der einen Seite sind
die Isländer sehr high tech und haben die höchste Handy-Rate,
die höchste Auto-Rate und die höchste Internet-Rate in Europa,
aber gleichzeitig haben sie immer einen Bezug zur Vergangenheit, indem
sie z.B. einen Computer "tölva" nennen und sich damit
ihre Identität als Nation bewahren. Das vermischt sich eigentlich
auf ganz lustige und interessante Weise."
"Wenn man als Elfenspezialist hier ihn Deutschland mit dem Thema
"Heidentum" konfrontiert wird, läuft es einem da kalt
den Rücken herunter?"
"Es gibt im Neuheidentum Auswüchse, die ich kein bisschen
lustig finde, doch solche Auswüchse gibt es in der Kirche auch.
Ein Berater von Präsident Bush hat gesagt, die Anschläge wären
auch durch Lesben und Schwule möglich. Dafür musste er sich
gleich entschuldigen, aber so etwas ist natürlich Fundamentalismus
pur."
"Es gibt aber einen Unterschied zwischen Heidentum hier und in
Island?"
"Ja, wie gesagt, sind die Isländer nicht so ideologisch fixiert.
Natürlich hat es in Island all das gegeben, was es hier auch gegeben
hat. In den Zwanzigern gab es auf Island auch Kommunisten, in den Dreißigern
auch Nazis also die gleichen Elemente wie anderswo auch, allerdings
sind sie nicht mit solcher Vehemenz durchgesetzt worden. Das hätte
auch niemand verstanden. In einer Gesellschaft voller Individualisten
hätte ein Fanatiker als das da gestanden, was er wirklich ist:
nämlich ein Fanatiker, der andere Leute unbedingt von seinen Ideen
überzeugen muss. Da sind die Isländer stolz, unabhängig
und selbstbewusst genug, um zu sagen: 'Das geht mir zu weit.'"
"Wird in Island zwischen dem Glauben an die Götter und dem
Glauben an das huldufolk getrennt?"
"Bei den Heiden stehen natürlich die Götter Odin, Thor
usw. im Vordergrund. Gleichzeitig muss das etwas Verspieltes haben,
da es ja fast gar keine Überlieferungen darüber gibt. Es sind
ja nur ganz wenige Zeugnisse vorhanden, von Zeitgenossen ohnehin so
gut wie gar nichts. Es gibt minimale Anhaltspunkte, so dass jemand,
der heute eine Heidenreligion gründen will, jede Menge Phantasie
und Kreativität braucht. Das ist ja schon mal gar nicht schlecht."
"Welche sonstigen Verflechtungen von Heidentum und Musik sind Ihnen
in Island bekannt?"
"Es gibt welche, die ebenfalls spielerischer Natur sind. Als ich
mal mit meiner Band "Die tödliche Doris" in Island war,
lernte ich die "Sugarcubes" kennen allerdings zu einer
Zeit, als Björk schon nicht mehr dabei war. Diese bauten auf spielerische
Weise Strophen aus der Edda in ihre Musik ein. Überreste heidnischer
Kultur gibt es bei uns in Deutschland ja auch, wie z.B. den Weihnachtsmann,
allerdings haben wir nicht einen so spielerischen Umgang damit."
Ein
vorläufiges Fazit
... möchte ich noch nicht fällen, zumal an das Heidentum heute
gerade in Deutschland so ernste Ansprüche gelegt werden, dass mir
manchmal die Haare zu Berge stehen. Innerhalb der Szene huldigen zahlreiche
Menschen den engen Kriterien, um so etwas wie "Authenzität"
herzustellen, Medien und Forscher verengen ihre Sichtweise auf politische
Fragestellungen. Eines kann ich allerdings unumwunden schon jetzt feststellen:
Heidentum in Island ist wesentlich mehr und es ist lebendig.
So lebendig wie der Aberglaube der Elfengläubigen, die trotzdem
in die Kirche gehen; so lebendig wie der Troll mit Riesenpenis in Wolfgang
Müllers Buch; so lebendig wie die harschen Heavy Metal-Hymnen verträumter
Rebellen; und so lebendig wie die Worte, die hoffentlich bei denjenigen
nach hallen, die sich einmal näher mit dem Gedankengut des verstorbenen
Beinteinsson beschäftigt haben: "Wir müssen jetzt stop
sagen und wieder einen stärkeren Kontakt zur Natur bekommen, uns
als Teil der Natur erkennen. Aber die Leute müssen diesen Weg ohne
Extremismus gehen, ohne Aggressionen." Nicht zuletzt ist das Heidentum
(immer noch) lebendig, weil die Isländer selbst darum kein großes
Aufsehen machen.
Tusen Takk til Jan og Jan!
Thor
Wanzek (geb. 1976) studiert Pädagogik und arbeitet mit sog.
"geistig behinderten" und "autistischen" Menschen
zusammen. In seiner Freizeit schreibt er für verschiedene Musik-Magazine.
In den letzten Jahren interviewte er zahlreiche Künstler, die Elemente
aus heidnischen Traditionen aufgreifen und in individuelle, ebenso antagonistische
wie zeitgenössische Formen bringen. Der Geschichte seines Vornamens
auf der Spur, sammelt er derzeit Material für eine Studie zum Thema
"Neuheidentum". Kontakt: thor.wanzek@t-online.de
Anmerkungen:
1) vgl. PM-Magazin Dezember 2001, S. 60ff
2) Hans Kuhn: "Das alte Island", Eugen Diederichs Verlag,
Düsseldorf / Köln 1971, S. 177
3) ebd. 159 f
4) Wolfgang Müller: "Die Elfe im Schlafsack, Neue Märchen
und Fabeln aus Island", Verbrecher Verlag, Berlin 2001, S. 102
5) "Das verborgene Volk" in: "Island", Polyglott
APA Guide, Langenscheidt, Berlin und München 2000, S. 267
6) "Island", Polyglott APA Guide, Berlin und München
2000, S. 90 f
7) Hans Kuhn: "Das alte Island", S. 162 f
8) vgl. Gisela Graichen, "Die neuen Hexen", Hoffmann und Campe
Verlag Hamburg 1986, S. 283ff
9) aus dem Booklet der "Edda"-CD von Sveinbjörn Beinteinsson
10) Graichen, ebenda.
11) ebenda.
12) ebenda.
13) ebenda.
14) aus einer Info-Broschüre der Ásatrú-Gemeinschaft
15) "Die Sonne scheint durch dichte Wolken", Legacy-Magazin
Nr. 15, S. 76
16) ebd.
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