Mit den Elfen per Du ...

   
 

Mit den Elfen per Du ist der gebürtige Deutsche Wolfgang Müller, der in Berlin und Reykjavik lebt. Der taz-Kolumnist, Buchautor, Direktor der Walther von Goethe-Foundation in Island und freischaffende Künstler ist als "Elfenexperte" durch zahlreiche Auftritte im Fernsehen oder auf Veranstaltungen zum Thema "Island und Elfen" bekannt. Ich traf ihn im Anschluss an ein Literatur-Festival, auf dem Müller sein neues Buch "Die Elfe im Schlafsack" vorgestellt hatte.

"Wie fand Ihre erste bewusste Begegnung mit dem Heidentum statt, bei der Sie gemerkt haben, dass da etwas Heidnisches ist?"

"Hm, die Elfen sind ja ein Teil der ganzen vorchristlichen Mythologie, die ja in Island nicht so streng verfolgt wurde wie anderswo. Im Jahre 1000 wurden die Isländer christianisiert, bzw. sie entschlossen sich dazu aus pragmatischen Gründen, um dem Druck des norwegischen Königs zu entfliehen, doch bis zum 1270 findet man keine negative Beschreibung der vorchristlichen Religion.


Der alte Glaube wurde aus dem Öffentlichen ins Private verlegt und dieses Pragmatische zeugt von einem unfanatischen Umgang. Religionen haben oft etwas fanatisches, wenn sie Botschaften versenden und Menschen überzeugen wollen. Dem folgte häufig - auch bei den Christen - eine fürchterliche Blutspur und eine Verdammung der anderen Religionen, so sind z.B. die Indianer ja auch nicht friedlich bekehrt worden. Bei Island finde ich es ganz spannend, dass dieser Übergang recht milde vonstatten ging, und dass dadurch auch Schriften erhalten blieben, die anderswo zerstört wurden, z.B. die Edda und der ganze Schöpfungsmythos. Diese Schriften sind garantiert von jemandem geschrieben worden, der schon Christ war. Das zeugt von einer pragmatischen Haltung und einer gewissen Offenheit. Ich glaube, das ist eine ganz gute Haltung, sich mit diesen Dingen auseinander zu setzen. Es ist z.B. absurd, Runen zu tabuisiseren, weil ein paar durchgeknallte Neonazis sie benutzen oder sie früher von den Nazis benutzt wurden. Es ist ein Stück Archäologie, welches nicht tabuisiert werden darf. Die Isländer gehen mit diesen Sachen spielerisch und nicht fanatisch um."

"Was sich darin äußert - wie Sie im Vorwort zu Ihrem Interview mit Jörmundur Ingi in der taz geschrieben haben – dass z.B. die sog. "Pop-Elfe" Björk zusammen mit dem Gründer der isländischen Heidengemeinschaft eine Ode an die alten Götter gesungen hat."

"Ja, das gibt es sogar auf der CD, das weiß ich ganz genau. Hilmar Örn Hilmarsson, Musiker und Komponist, der u.a. die Musik für Fridrik Thor Fridrikson (isländischer Filmregisseur) schrieb, hat auch etwas mit den Heiden zu tun. Ich war bei dem Heiden-Treffen, welches eine Woche vor dem Fest zum 1000. Jahrestag der Christianisierung statt fand. Es war eine ganz offene, freundliche Atmosphäre. Es war sehr weltlich und Jörmundur Ingi sagte mir in einem Gespräch, dass sich die Leute auch nicht anders verhalten sollten als privat. Er wolle keine Atmosphäre wie in der Kirche, wo alle ernst sind und erst wieder lustig werden, wenn sie draußen sind. Ich fand, das war eine ganz angenehme Atmosphäre."

"Sind die alten Götter am Leben geblieben oder wieder zu neuem Leben erwacht?"

"Ich habe die Theorie aufgestellt, dass es da einen Zusammenhang mit der 68er-Bewegung gibt, da gerade in den 70ern viele aus der Kirche ausgetreten sind (die Heidengemeinschaft wurde 1972 gegründet – Thor Wanzek). Ich bin auch aus der Kirche ausgetreten, bin aber aber auch nicht Mitglied der Heiden. Ich konnte ästhetisch, künstlerisch und spirituell mit der Kirche nichts anfangen. Die Kirche war für mich wie ein merkwürdiger Film. Gleichzeitig glaube ich aber, dass der Mensch immer spirituelle Bedürfnisse hat und dass das rationale Weltbild, in welches wir eingebunden sind, ist ja auch schrecklich – es geht nur um Geld und Wirtschaft, das ist ja grauenvoll. Ich denke, dass es legitim ist, alle neuen Möglichkeiten erst mal entstehen zu lassen und nicht gleich panisch zu reagieren. Dass die Kirche das Heidentum bekämpft, ist natürlich klar, da es sich um Konkurrenz handelt. Aber Kultur entsteht, entwickelt und verändert sich."

"Was ist in der heutigen isländischen Welt die Idee von den Elfen?"

"Als Deutscher würde ich sagen, dass hinter der Idee von den Elfen ein ganz pragmatischer, ökologischer Gedanke steht. Ein Stein kann ein ganz normaler Stein sein, vielleicht etwas groß und er steht gerade vor einem Dorf herum. Wenn jemand vor 300 Jahren ein Märchen über diesen Stein geschrieben hat und erzählte, dass in diesem Stein eine Elfe lebt, dann wird dieser Stein sozusagen durch die Geschichte geschützt. Er ist nicht heilig, aber man würde nicht unbedingt sagen: "Das ist ja nur ein normaler Stein, der muss da weg, weil die Straße wichtiger ist". Dann wird die Straße halt um den Stein geleitet, weil man die Elfen nicht stören möchte. Dabei geht es gar nicht um Glaube ja / nein, sondern es ist eine Haltung, die ich sehr sympathisch und überlegenswert finde. Natürlich wird sie nicht überall konsequent durch gesetzt. Es ist also nicht so, dass die Elfen immer das letzte Wort haben."

"Als Außenstehender habe ich den Eindruck, dass weniger Arroganz im Spiel ist, wenn es darum geht, nichtmenschliches Leben zu bewerten oder es gar auszuschließen..."

"Die Welt vermischt sich eigentlich mehr. Auf der einen Seite sind die Isländer sehr high tech und haben die höchste Handy-Rate, die höchste Auto-Rate und die höchste Internet-Rate in Europa, aber gleichzeitig haben sie immer einen Bezug zur Vergangenheit, indem sie z.B. einen Computer "tölva" nennen und sich damit ihre Identität als Nation bewahren. Das vermischt sich eigentlich auf ganz lustige und interessante Weise."

"Wenn man als Elfenspezialist hier ihn Deutschland mit dem Thema "Heidentum" konfrontiert wird, läuft es einem da kalt den Rücken herunter?"

"Es gibt im Neuheidentum Auswüchse, die ich kein bisschen lustig finde, doch solche Auswüchse gibt es in der Kirche auch. Ein Berater von Präsident Bush hat gesagt, die Anschläge wären auch durch Lesben und Schwule möglich. Dafür musste er sich gleich entschuldigen, aber so etwas ist natürlich Fundamentalismus pur."

"Es gibt aber einen Unterschied zwischen Heidentum hier und in Island?"

"Ja, wie gesagt, sind die Isländer nicht so ideologisch fixiert. Natürlich hat es in Island all das gegeben, was es hier auch gegeben hat. In den Zwanzigern gab es auf Island auch Kommunisten, in den Dreißigern auch Nazis – also die gleichen Elemente wie anderswo auch, allerdings sind sie nicht mit solcher Vehemenz durchgesetzt worden. Das hätte auch niemand verstanden. In einer Gesellschaft voller Individualisten hätte ein Fanatiker als das da gestanden, was er wirklich ist: nämlich ein Fanatiker, der andere Leute unbedingt von seinen Ideen überzeugen muss. Da sind die Isländer stolz, unabhängig und selbstbewusst genug, um zu sagen: 'Das geht mir zu weit.'"

"Wird in Island zwischen dem Glauben an die Götter und dem Glauben an das huldufolk getrennt?"

"Bei den Heiden stehen natürlich die Götter Odin, Thor usw. im Vordergrund. Gleichzeitig muss das etwas Verspieltes haben, da es ja fast gar keine Überlieferungen darüber gibt. Es sind ja nur ganz wenige Zeugnisse vorhanden, von Zeitgenossen ohnehin so gut wie gar nichts. Es gibt minimale Anhaltspunkte, so dass jemand, der heute eine Heidenreligion gründen will, jede Menge Phantasie und Kreativität braucht. Das ist ja schon mal gar nicht schlecht."

"Welche sonstigen Verflechtungen von Heidentum und Musik sind Ihnen in Island bekannt?"

"Es gibt welche, die ebenfalls spielerischer Natur sind. Als ich mal mit meiner Band "Die tödliche Doris" in Island war, lernte ich die "Sugarcubes" kennen – allerdings zu einer Zeit, als Björk schon nicht mehr dabei war. Diese bauten auf spielerische Weise Strophen aus der Edda in ihre Musik ein. Überreste heidnischer Kultur gibt es bei uns in Deutschland ja auch, wie z.B. den Weihnachtsmann, allerdings haben wir nicht einen so spielerischen Umgang damit."

 

Junge Skalden und alte Lieder   Ein vorläufiges Fazit