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Der alte Glaube wurde aus dem Öffentlichen ins Private verlegt und
dieses Pragmatische zeugt von einem unfanatischen Umgang. Religionen
haben oft etwas fanatisches, wenn sie Botschaften versenden und Menschen
überzeugen wollen. Dem folgte häufig - auch bei den Christen
- eine fürchterliche Blutspur und eine Verdammung der anderen Religionen,
so sind z.B. die Indianer ja auch nicht friedlich bekehrt worden. Bei
Island finde ich es ganz spannend, dass dieser Übergang recht milde
vonstatten ging, und dass dadurch auch Schriften erhalten blieben, die
anderswo zerstört wurden, z.B. die Edda und der ganze Schöpfungsmythos.
Diese Schriften sind garantiert von jemandem geschrieben worden, der schon
Christ war. Das zeugt von einer pragmatischen Haltung und einer gewissen
Offenheit. Ich glaube, das ist eine ganz gute Haltung, sich mit diesen
Dingen auseinander zu setzen. Es ist z.B. absurd, Runen zu tabuisiseren,
weil ein paar durchgeknallte Neonazis sie benutzen oder sie früher
von den Nazis benutzt wurden. Es ist ein Stück Archäologie,
welches nicht tabuisiert werden darf. Die Isländer gehen mit diesen
Sachen spielerisch und nicht fanatisch um."
"Was sich darin äußert - wie Sie im Vorwort zu Ihrem Interview
mit Jörmundur Ingi in der taz geschrieben haben dass z.B.
die sog. "Pop-Elfe" Björk zusammen mit dem Gründer
der isländischen Heidengemeinschaft eine Ode an die alten Götter
gesungen hat."
"Ja, das gibt es sogar auf der CD, das weiß ich ganz genau.
Hilmar Örn Hilmarsson, Musiker und Komponist, der u.a. die
Musik für Fridrik Thor Fridrikson (isländischer Filmregisseur)
schrieb, hat auch etwas mit den Heiden zu tun. Ich war bei dem Heiden-Treffen,
welches eine Woche vor dem Fest zum 1000. Jahrestag der Christianisierung
statt fand. Es war eine ganz offene, freundliche Atmosphäre. Es war
sehr weltlich und Jörmundur Ingi sagte mir in einem Gespräch,
dass sich die Leute auch nicht anders verhalten sollten als privat. Er
wolle keine Atmosphäre wie in der Kirche, wo alle ernst sind und
erst wieder lustig werden, wenn sie draußen sind. Ich fand, das
war eine ganz angenehme Atmosphäre."
"Sind die alten Götter am Leben geblieben oder wieder zu neuem
Leben erwacht?"
"Ich habe die Theorie aufgestellt, dass es da einen Zusammenhang
mit der 68er-Bewegung gibt, da gerade in den 70ern viele aus der
Kirche ausgetreten sind (die Heidengemeinschaft wurde 1972 gegründet
Thor Wanzek). Ich bin auch aus der Kirche ausgetreten, bin aber
aber auch nicht Mitglied der Heiden. Ich konnte ästhetisch, künstlerisch
und spirituell mit der Kirche nichts anfangen. Die Kirche war für
mich wie ein merkwürdiger Film. Gleichzeitig glaube ich aber, dass
der Mensch immer spirituelle Bedürfnisse hat und dass das rationale
Weltbild, in welches wir eingebunden sind, ist ja auch schrecklich
es geht nur um Geld und Wirtschaft, das ist ja grauenvoll. Ich denke,
dass es legitim ist, alle neuen Möglichkeiten erst mal entstehen
zu lassen und nicht gleich panisch zu reagieren. Dass die Kirche das Heidentum
bekämpft, ist natürlich klar, da es sich um Konkurrenz handelt.
Aber Kultur entsteht, entwickelt und verändert sich."
"Was ist in der heutigen isländischen Welt die Idee von den
Elfen?"
"Als Deutscher würde ich sagen, dass hinter der Idee von den
Elfen ein ganz pragmatischer, ökologischer Gedanke
steht. Ein Stein kann ein ganz normaler Stein sein, vielleicht etwas groß
und er steht gerade vor einem Dorf herum. Wenn jemand vor 300 Jahren ein
Märchen über diesen Stein geschrieben hat und erzählte,
dass in diesem Stein eine Elfe lebt, dann wird dieser Stein sozusagen
durch die Geschichte geschützt. Er ist nicht heilig, aber man würde
nicht unbedingt sagen: "Das ist ja nur ein normaler Stein, der muss
da weg, weil die Straße wichtiger ist". Dann wird die Straße
halt um den Stein geleitet, weil man die Elfen nicht stören möchte.
Dabei geht es gar nicht um Glaube ja / nein, sondern es ist eine Haltung,
die ich sehr sympathisch und überlegenswert finde. Natürlich
wird sie nicht überall konsequent durch gesetzt. Es ist also nicht
so, dass die Elfen immer das letzte Wort haben."
"Als Außenstehender habe ich den Eindruck, dass weniger Arroganz
im Spiel ist, wenn es darum geht, nichtmenschliches Leben zu bewerten
oder es gar auszuschließen..."
"Die Welt vermischt sich eigentlich mehr. Auf der einen Seite sind
die Isländer sehr high tech und haben die höchste Handy-Rate,
die höchste Auto-Rate und die höchste Internet-Rate in Europa,
aber gleichzeitig haben sie immer einen Bezug zur Vergangenheit, indem
sie z.B. einen Computer "tölva" nennen und sich
damit ihre Identität als Nation bewahren. Das vermischt sich eigentlich
auf ganz lustige und interessante Weise."
"Wenn man als Elfenspezialist hier ihn Deutschland mit dem Thema
"Heidentum" konfrontiert wird, läuft es einem da
kalt den Rücken herunter?"
"Es gibt im Neuheidentum Auswüchse, die ich kein bisschen lustig
finde, doch solche Auswüchse gibt es in der Kirche auch. Ein Berater
von Präsident Bush hat gesagt, die Anschläge wären auch
durch Lesben und Schwule möglich. Dafür musste er sich gleich
entschuldigen, aber so etwas ist natürlich Fundamentalismus pur."
"Es gibt aber einen Unterschied zwischen Heidentum hier und in Island?"
"Ja, wie gesagt, sind die Isländer nicht so ideologisch fixiert.
Natürlich hat es in Island all das gegeben, was es hier auch gegeben
hat. In den Zwanzigern gab es auf Island auch Kommunisten, in den Dreißigern
auch Nazis also die gleichen Elemente wie anderswo auch, allerdings
sind sie nicht mit solcher Vehemenz durchgesetzt worden. Das hätte
auch niemand verstanden. In einer Gesellschaft voller Individualisten
hätte ein Fanatiker als das da gestanden, was er wirklich ist: nämlich
ein Fanatiker, der andere Leute unbedingt von seinen Ideen überzeugen
muss. Da sind die Isländer stolz, unabhängig und selbstbewusst
genug, um zu sagen: 'Das geht mir zu weit.'"
"Wird in Island zwischen dem Glauben an die Götter und dem Glauben
an das huldufolk getrennt?"
"Bei den Heiden stehen natürlich die Götter Odin, Thor
usw. im Vordergrund. Gleichzeitig muss das etwas Verspieltes haben, da
es ja fast gar keine Überlieferungen darüber gibt. Es sind ja
nur ganz wenige Zeugnisse vorhanden, von Zeitgenossen ohnehin so gut wie
gar nichts. Es gibt minimale Anhaltspunkte, so dass jemand, der heute
eine Heidenreligion gründen will, jede Menge Phantasie und Kreativität
braucht. Das ist ja schon mal gar nicht schlecht."
"Welche sonstigen Verflechtungen von Heidentum und Musik sind Ihnen
in Island bekannt?"
"Es gibt welche, die ebenfalls spielerischer Natur sind. Als ich
mal mit meiner Band "Die tödliche Doris" in Island
war, lernte ich die "Sugarcubes" kennen allerdings
zu einer Zeit, als Björk schon nicht mehr dabei war. Diese bauten
auf spielerische Weise Strophen aus der Edda in ihre Musik ein. Überreste
heidnischer Kultur gibt es bei uns in Deutschland ja auch, wie z.B. den
Weihnachtsmann, allerdings haben wir nicht einen so spielerischen Umgang
damit."
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