Junge Skalden singen alte Lieder

   
 

Ende 2001 erscheint das erste Langspielalbum des isländischen Trios Sólstafir , was soviel heisst wie "durch die Wolken brechendes Sonnenlicht". Der Titel "Í Blódi og Anda", zu deutsch "In Blut und Geist" spiegelt das einfache Verständnis der jungen Musiker vom Ásatrú-Glauben. Im gleichnamigen Lied werden Männer besungen, welche sich in Blut und Geist gleichen und der "Perversion" des Christentums trotzen. Die harsche Wortwahl ist typisch für das Genre des sogenannten "Pagan Metal", einer musikalisch dem Black Metal verwandten Stilrichtung, in welcher die Liedtexte zum großen Teil auf Sagen, Überlieferungen und neuen Interpretationen der mythologischen Themen basieren.


Dabei ist der Übermut in den meisten Fällen weitaus größer als historische Authenzität oder eine tiefschürfende Auseinandersetzung. Gerade die Wortwahl "Blut und Geist" weckt in Deutschland wohl kaum positive Assoziationen, doch im Interview distanziert sich die Band eindeutig von nationalsozialistischem Gedankengut und verweist auf die schwedische Band Bathory, die mit ähnlichen völkischen Begriffen eine wichtige Basis für den Pagan Metal legte. (15) Nachdem Anfang bis Mitte der 90er in Skandinavien dutzende Kirchen von Kriminellen des Metal-Undergrounds abgebrannt oder anderweitig attackiert wurden, hat sich eine wilde Ästhetik etabliert, in der Mythen und Märchen auf der einen, Politik und Rassenhetze auf der anderen Seite erneut vermischt werden. Die Ernsthaftigkeit der Musiker ist gerade für Außenstehende nur schwer einzuschätzen, wobei die meisten Bands nur mit der im Heavy Metal typischen Provokation kokettieren. Pagan Metal ist in zahlreichen Fällen nach wie vor in erster Linie Heavy Metal und erst in zweiter Linie Musik mit "heidnischem" Beiwerk.

Sólstafir sind die bekanntesten isländischen Vertreter dieses Stils und haben aufgrund ihrer Herkunft natürlich den Vorteil, Texte aus der Edda in der Originalsprache vortragen zu können. Auf der ersten Mini-CD "Til Valhallar" wurden Ausschnitte einer Lesung des Gründers der heidnischen Glaubensgemeinschaft, Sveinbjörn Beinteinsson, eingefügt. Von einem unbekannten Verfasser haben sich Sólstafir einen Gesang zu Ehren Odins angeeignet. Darüber hinaus vertonen sie zahlreiche moderne Dichter. Sie sehen sich als heidnische Musiker, deren sprudelnde Inspirationsquelle als Sagenschatz vor den Haustür liegt. Sie singen größtenteils in ihrer Landessprache, "weil es sich für isländische Heiden so gehört". (16)

"In Blut und Geist" (Ásatrú):

Sie glauben an die Götter, Beschreiter alter Wege
Der Glaube an sich selbst, Ehrlichkeit und Treue.
Durch die Waffe zu sterben, weder Sieg noch Niederlage.
Die Zusammenkunft von Gleichen in Blut und Geist
wird im Ragnarök kämpfen, bis kein Mann mehr steht.

Nach dem Tod immer feierlich willkommen
Weder Sonne noch Mond, weder Tag noch Nacht.
Dann kam der Christ und ergriff die Macht.
Doch nicht jeder beugte sich seinem Glauben,
blieb sich selbst treu, bis in das jetzige 20. Jahrhundert.

Der Widerstand gegen das Christentum klingt ab, doch bleibt bestehn
blind sind sie gegen die Illusion in seinem Inneren.
Sie glauben an die Götter, der feste Halt in der Kultur
wird aufs Neue bestehn, das Christentum den Hunden vorgeworfen.

Wie bei vielen der sog. "Pagan Metal Bands" funktioniert Heidentum auch bei den Isländern Sólstafir als Etikette einer in Klischees und szenetypischen Stilelementen strikten Jugendkultur, die selbst nicht immer Ansätze eines tiefen Verständnisses für den Umgang mit heidnischen oder überhaupt religiösen Elementen offenbahrt. So hat z.B. Sänger Adalbörn kein Problem damit, sich als Atheist und trotzdem als Heiden zu bezeichnen. Doch vielleicht hätte Beinteinsson gerade über den recht unbekümmerten Umgang von jungen Menschen vergnügt lachen können...


Interview mit "Solstafir":

"In dem Lied "Ásatrú" singt ihr von Menschen, die in Blut und Geist gleich sind. Ist das ein Synonym für das kulturelle Erbe, von welchem zahlreiche Elemente 1000 Christentum überlebten?"

Adalbjorn: "Nein, es bezeichnet einfach nur die Gefallenen, die Einherjer, die feierlich in Walhalla ankommen, wo alle in Blut und Geist gleich sind."

"Auf eurer Mini-CD "Til Valhallar" habt ihr einen Ausschnitt der Beinteinsson-Lesung als Intro eingefügt. Welche persönlichen Gründe haben euch dazu getrieben? Seid ihr Mitglieder der Ásatrúfélagid? Und was haltet ihr generell von religiösen Organisationen?"

"Nun, die meisten von uns sind Mitglieder der Ásatrúfélagid seit 1995/96. Dennoch bin ich ein Atheist, ich glaube an nichts Göttliches außer der Natur selbst. Ásatrú ist nicht mit Religionen wie dem Islam oder dem Christentum vergleichbar, es ist eher eine Art Brauchtum. Ich kenne einige Leute, die Ásatrú ganz extrem betreiben, vergleichbar mit fanatisch am Wort orientierten Christen. Wenn man in der Ásatrúfélagid Mitglied ist, zahlst du Steuern an sie anstatt an die christliche Kirche. Ich unterstütze die Ásatrú-Gemeinde und nehme ab und zu an den blóts teil, bei denen es traditionelles Essen und Met gibt."

"Ist es für euch wichtig, eine heidnische Botschaft mit eurer Musik zu verbreiten, oder macht ihr das nur für euch und kümmert euch nicht darum, was andere darüber denken?"

"Wir wollen nicht unbedingt eine heidnische Botschaft verbreiten, aber wir wollen die Flamme des Heidentums am Leben halten. Und wenn ich tatsächlich verständliche Botschaften für jedermann vermitteln wollte, dann würde ich kaum auf isländisch kreischen, sondern eher in englisch. Wir sind jedoch keine Propaganda-Band. Es mag sein, dass wir uns hier und dort als heidnische Band äußern oder auch mal T-Shirts mit dem Spruch "Fuck Christianity" tragen, doch hat das keine politische Tragweite. Wir richten uns nicht darum, was andere sagen. Versteh mich nicht falsch, aber das einzige Prinzip, dem wir folgen, ist dass wir eine heidnische Metal-Band sind."

"Inwiefern seht ihr Sólstafir in einer traditionellen Linie mit der großen und einzigartigen Literatur Islands oder der Ästhetik eines Bildhauers wie Einar Jonsson?"

"Ich muss zugeben, dass ich darüber noch nie auf diese Weise gedacht habe. Ich sehe Sólstafir in keiner traditionellen Linie. Dennoch sind wir wohl die einzige isländische Metal-Band, die eine Verbindung zur alten Literatur hat. Unsere alten Texte hatten alle auf die eine oder andere Weise damit zu tun. Als du Einar Jonsson erwähntest, da war ich mir noch nicht einmal sicher, wer es ist – das sollte bezeichnend sein, wie gut ich mich in dieser Kunstrichtung auskenne."

"Was bedeutet Heidentum für dich in Hinblick auf die Erziehung deiner Kinder eines Tages?"

"Meine Kinder werden mit einer Vielzahl anderer Perspektiven als durchschnittliche Kinder christlicher Eltern aufwachsen. Die Mythologie an sich ist ein so großes kulturelles Erbe, bei dem Island eine große Rolle spielt."

"Macht ihr eigentlich Unterschiede zwischen dem Glauben an die Asen und an das huldufolk?"

"Beides sind natürlich alte Bräuche, aber heutzutage gehört das huldufolk eher in die Märchenecke. Solche Geschichten erzählen die Eltern ihren Kindern. Ásatrú umfasst die Bräuche, nach denen die verrückten Wikinger lebten."

(Das neue Sólstafir-Album ist bei www.ars-metalli.de erhältlich.)

 

15) "Die Sonne scheint durch dichte Wolken", Legacy-Magazin Nr. 15, S. 76.
16) ebd.


Interview mit S. Beinteinsson   Mit den Elfen per Du