Neuer Asenglaube

   
 

In seinem Buch "Das alte Island" weist Hans Kuhn auf dürftige Quellen des Heidentums hin:

"Von der Dichtung, die zu ihm gehörte, sind nur geringe Splitter erhalten geblieben. Viele der Isländer, die da im 12. und 13. Jahrhundert sammelten, was noch an Überlieferungen aus der Frühzeit vorhanden war, werden an den Nachrichten über diese Seite des Lebens, die nun so ganz verändert war, interessiert gewesen sein. Aber was noch zu fassen war, waren, so scheint es, vor allem Einzelheiten, die sich als Kuriosa in der Überlieferung gehalten hatten und deren fremdartig gewordenen Eigenheiten der Verzerrung, Vergröberung und Missdeutung ausgesetzt gewesen waren.


Trotzdem lässt sich einiges Wichtige über die besonderen Formen des heidnischen Kults in Island sagen. Die allgemeine Bezeichnung für die heidnische Kultfeier war "blót", das mit "Opfer" übersetzt zu werden pflegt und dies auch heißen konnte. Es meint aber meist den ganzen Gottesdienst, in dessen Mittelpunkte jedoch ein Opfer zu stehen pflegte. Da es diese Form des Kults im Christentum nicht gab, konnte blót auch zum Inbegriff des Heidentums werden. Es ist daher auch möglich, dass die Opfer nicht ganz so selbstverständlich zum heidnischen Gottesdienst gehörten, wie die Christen es glaubten.

Geopfert wurden nach unserer Kenntnis im Allgemeinen Tiere, auch große. Menschenopfer waren in der Schlusszeit des nordischen Heidentums selten und wurden in Island wahrscheinlich nie gebracht. Was in den Gottesdiensten außer den Opfern weiter zu geschehen pflegte, ob etwa das Gebet oder der Vortrag von Hymnen - Reste von solchen sind überliefert - einen festen Platz in ihnen hatte, entzieht sich leider unserer Kenntnis, und ebenso, ob es auf der Insel regelmäßig abgehaltene Kultfeste gab, wie sie aus anderen nordischen Ländern gut bezeugt sind. Aber die religiöse Organisation kann in der Kolonie nur sehr locker gewesen sein und bestand, zum mindesten im Anfang, nur aus privaten Tempelgemeinden." (7)

1874, tausend Jahre nach dem Beginn der Besiedelung der grünen Insel erhielten die Isländer eine eigene Verfassung, die ihnen Glaubensfreiheit zusicherte. Der Volksglaube hatte die Christianisierung überlebt, doch erst 99 Jahre später gründeten 12 Menschen die Asenglaubensgemeinde "Ásatrúfelagid", die wohl als das ursprüngliche und wichtigste Vorbild für die heutigen, über den ganzen Erdball verteilten Ásatrú-Gemeinschaften bezeichnet werden kann, staatlich anerkannt. Die Führung als Hohepriester übernahm bis zu seinem Tod 1993 der für seine Dichtung bekannte Sveinbjörn Beinteinsson, ein Bauer mit einem mächtigen Rauschebart, dessen Physiognomie durchaus an einen Gandalf erinnern lässt. Doch Beinteinsson hatte pragmatische Gründe, Ásatrú als dem Christentum gleich berechtigte Religion anerkennen zu lassen: Er wollte der Anfang der 70er Jahre wachsenden Zahl der "Kinder Jesu" (8) mit der Religion entgegen treten, die auf Island seiner Meinung nach immer noch am Tiefsten verwurzelt war und der Natur des Landes entsprach. Beinteinsson selbst verkörperte dabei den bewussten Kompromiss zwischen Tradition und Fortschritt. Er, der sich als Bauer ganz in der Tradition seiner Vorväter sah, zweifelte daran, dass der Mensch mit der Geschwindigkeit des Fortschritts noch Schritt halten könne. Dennoch sah er, dass die Menschen die neuen Herausforderungen stets irgendwie meisterten. Er "mähte mit Feingefühl das Gras im alten Friedhaof bei Saurbær am Hvalfjordstrand und ehrte zugleich die alten Götter" (10). In seiner Verehrung lehnte er jedoch nicht strikt alles Neue ab, sondern verband traditionelle Formen des Gesangs mit neuer Dichtkunst. Die Verbreitung seines Glaubens sah er gelassen:

"Wir haben einen Verein gegründet, den Verein der Menschen, die an die Asen glauben. In der Satzung steht sogar, dass es verboten ist, zu missionieren. Man soll seinen eigenen Glauben nicht anderen aufzwingen. Die kommen von alleine, wenn sie soweit sind." (11)

Wichtiger als eine strikte Ordnung im nordischen Pantheon und eine krampfhaft authentische Rekonstruktion Jahrhunderte verschollener Zeremonien (gesetzt der Fall, so etwas ist überhaupt möglich) war für Beinteinsson nach eigener Aussage, die Perspektive des Menschen auf sein Leben zu erweitern, welche durch Fortschritt und Wissenschaft eingeengt wird. "Es ist eine besondere Aufgabe unserer Religion, die Verbindung des Menschen zur Natur wieder her zu stellen, zu allen Kräften, die in der Natur sind, um sie verstehen zu können. Es fließt ein Bach, es wächst ein Baum, der Mensch ist nur Teil dieses Prozesses. Er muss sich bewusst als einen Teil des Ablaufs der Naturkräfte empfinden." (5) Dies gestaltet sich, so der Hohepriester in einem vor rund 15 Jahren geführten Interview, gerade in der heutigen Zeit als zunehmend schwierig. Er sah eine Welt, die sich "zu Tode tanzt" und nicht mehr damit aufhören kann. Er beschrieb Beobachtungen und Gefühle, wie sie offensichtlich von zahlreichen Menschen (nicht nur) in der Heiden-Szene geteilt werden:



7) Hans Kuhn: "Das alte Island", S. 162 & 163.
8) vgl. Gisela Graichen, "Die neuen Hexen", Hoffmann und Campe Verlag Hamburg 1986, S. 283ff.
9) aus dem Booklet der "Edda"-CD von Sveinbjörn Beinteinsson
10) Graichen, ebenda.
11) ebenda.


"Pagan poetry"   Sveinbjörn Beinteinsson