Im "Wald der Märtyrer"
  Zwei schwarzverhüllte Frauen schreiten über ein ausgedehntes Gräberfeld auf dem Teheraner Friedhof  "Behesht e Zahra", das für Zehntausende von Gefallenen des "Heiligen Krieges" reserviert ist. Der Boden des "forest of martyrs" ist karg und sandig und auf langen Stöcken sind grosse Fotografien der Verstorbenen befestigt: Sinnbild für den inbrünstig betriebenen Märtyrerkult, ohne den der islamische Fundamentalismus nicht denkbar und weitaus weniger "effizient" wäre.

Die Vorbilder reichen weit in die Geschichte zurück und reihen die jungen Attentäter von heute in eine ruhmreiche Heldenkette ein. Bereits im 7. Jhd. entstand eine Märtyrerlegende um den Tod des Imam Hussein, eines Sohnes der Mohammed-Tochter Fatima, der iin Kerbela vom "heidnischen" Kalifen Yazid grausam verstümmelt worden war. Seit dieser Zeit gilt der Name "Yazid" als Begriff für das Böse schlechthin, auch der verhasste Schah von Persien oder der amerikanische Präsident wurden so benannt. Ihre mangelnde Solidarität mit Hussein und seinen Tod empfinden die schiitischen Muslime his heute als eine historische Erbsünde, für die sie alljährlich im Rahmen von Trauerprozessionen und Selbstgeisselungen symbolisch zu büßen trachten. Dabei kommt auch ein Passionsspiel (ta'ziya) zur Aufführung, bei dem die traumatischen Geschehnisse von Kerbela in theatralischen Szenen nachgestellt werden.

Ein anderes Vorbild ist Shaikh Hassan, der 1928 in Ismailia/ Ägypten die "Muslimische Bruderschaft" gründete, die als Urzelle aller terroristischen Vereinigungen gilt und bereits damals über eine halbe Millionen Anhänger besass. Sie entstand aus Empörung gegen die Ausbeutung Ismailias durch die britisch-französische Suez-Canal-Company sowie den Lebensstil eines vermögenden Establishments, das in Luxus und Sinnenfreuden lebte. Hassan, der bereits nach dem 2. Weltkrieg Terroranschläge gegen Kinos, Bars, Hotels und Restaurants organisierte, wurde 1949 hingerichtet und gilt heute als bedeutender Märtyrer der Bewegung. Ebenso der spätere Leiter der "Muslimischen Bruderschaft", Sayyed Muhammad Qutb, der 1965 im ägyptischen Polizeistaat Gamal Abd-el Nassers erhängt wurde.

Wie intensiv dieser Helden- und Opferkult betrieben wird, zeigen Beobachtungen von Peter Scholl-Latour während des Märtyrermonats Muharram auf dem Teheraner Friedhof "Behesht e Zahra":

"Ein paar tausend Menschen hatten sich an den frischen Gräbern der Märtyrer zusammengefunden. Schuhada nannte man diese 'Bekenner' der islamischen Revolution, die den Kugeln der Repression zum Opfer gefallen waren. Einer von ihnen war unlängst den Soldaten mit geöffnetem Hemd entgegengetreten, bot ihnen die Brust als Zielscheibe in der Gewissheit, dass der Tod ihm die Pforten des Paradieses öffnen würde. Die Truppe hatte gezögert, aber ein Offizier gab den Feuerbefehl. Während der junge Revolutionär zusammenbrach, stürzten sich seine Begleiter auf den Leichnam, tauchten die Hände in seine Wunden und beschmierten sich das Gesicht mit seinem Blut." (Allah sei mit den Standhaften, 143)  
Wie tief solche Opfer- und Märtyrervorstellungen in der islamischen Welt verwurzelt sind, zeigte 1981 eine Kampagne im Iran mit dem Titel "Opfert eines eurer Kinder für den Imam!", die innerhalb kürzester Zeit 1 Million Freiwillige zusammenbrachte. Gegen den Vorwurf des Kindesmissbrauches konterten die muslimischen Theologen, die westliche Trennung in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter sei reine Willkür und schneide das Individuum von seiner gesellschaftlichen Verantwortung ab. Man verbanne den Menschen in "Alters-Ghettos" und verurteile ihn dazu," jung" zu sein: Wieso müssten Kinder dauernd "kindlich" sein oder "hinter dämlichen Bällen herlaufen, statt bereits die Kräfte des Bösen abzuschneiden?" Die einzig natürliche Lebenslinie - so ein Hisbollah-Theoretiker - sei "tam' yeez", die Fähigkeit, zwischen gut und böse unterscheiden zu können. Dazu seien Mädchen schon mit 9 Jahren in der Lage, Jungen ab 16. Ab diesem Zeitpunkt würden bereits alle muslimische Pflichten gelten, auch der Einsatz im "Heiligen Krieg". (Holy Terror, 81f)

In Konsequenz dieser Auslegung wurden auch viele Kinder eingezogen, um dem Regime zu helfen und das "Licht der Göttlichen Gerechtigkeit" wieder auf die Erde zurückzubringen. Man setzte sie etwa im Iran-Irak-Krieg ein, um Pfade durch vermintes Gelände zu bahnen, wobei Hunderte auf grausamste Weise ihr Leben verloren.

 

"Bräute des Blutes"   Der "Rosengarten"