"Tod dem, der sich rasiert!"


Das Weltbild der islamistischen Terrororganistationen ist strikt dualistisch: Die Welt, so definierte es einmal einer ihrer Führer, Sayyed Muhammad Qutb, sei ein von Allah geschaffener schöner Garten, in dem jedoch auch Unkraut wuchere. Die vornehmste Aufgabe der Gläubigen sei es, dieses mit allen Mitteln auszurotten. Dazu gehöre auch Mord, denn der Prophet habe selber "mit seinen gesegneten Händen" getötet und der Islam erlaube den "Heiligen Krieg", wenn er angegriffen werde. Für den islamischen Fundamentalismus heiligt der Zweck alle Mittel. Er träumt von der Wiederherstellung einer "reinen" religiösen Urgemeinschaft, in der - unter der Führung der Muslime - Gleichberechtigung aller Menschen herrsche und Prostitution, Drogenhandel, Pornographie, kapitalistische Ausbeutung und exzessive Kriminalität nicht mehr denkbar seien.

 

Diese radikalisierte Art des Islam, verbunden mit Terroranschlägen gegen die westliche "Dekadenz", gibt es schon seit der Gründung der "Muslimischen Bruderschaft" in Ismailia/ Ägypten im Jahre 1928. Aber vor allem die islamische Revolution des Ayatollah Khomeini im Iran (1978-79) und die Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern verschärften seine Prinzipien und Kampfformen. Einer der aufschlussreichsten Studien dazu ist das Buch "Holy Terror" des persischen Journalisten Amir Taheri, das vor allem die religiöse Hinterwelt dieser Gruppen analysiert. Dieses Buch erschien zwar schon 1987, aber es blieb bisher das einzige, das wirklich in die Tiefen islamistischer Terrororganisationen vordrang.

Taheri konzentriert sich aus eigener Kenntnis auf den Iran als eine Art Urmodell fundamentalistischer Ideologie. Das heutige Teheraner Regime ist zwar liberaler, aber unterstützt nach wie vor radikale Gruppierungen und befürwortet die Selbstmordanschläge der Palästinenser in Israel. Zu Khomeinis Zeiten war die Herrschaft radikaler Muslime im Iran wesentlich unerbittlicher und kultivierte Verhaltensformen, wie wir sie heute etwa von den afghanischen Taliban kennen. Für diese - wie auch für den bei Ihnen beherbergten Osama Bin Laden - ist Khomeini ein grosses Vorbild.

Taheri beschreibt , wie im damaligen Iran die Schulung junger Selbstmordattentäter mit der Kontrolle der eigenen Bürger begann: "Marg bar rish-tarash!" (Tod dem, der sich rasiert!) war einer ihrer Kriegsrufe und richtete sich gegen "westliche Unsitten" in Kleidung, Freizeit und Partnerschaft. Männer mit Krawatten oder ohne Bart wurden angegriffen und Frauen in "leichtfertiger Aufmachung" mit Säure beschüttet. Die Frauen wurden angewiesen, sich vollkommen zu verhüllen, weil - so ein führender Geistlicher - "jede Haarlocke, die aus einem nachlässig getragenen Schleier herausschaut, ein Dolchstich ins Herz unserer Märtyrer ist." (Holy Terror, 12f)

Viele der Aufpasser waren noch Kinder, die man zu fanatischen Ordnungshütern geschult hatte: Sie durften Privatwohnungen kontrollieren und wenn nötig anzeigen bzw. sogar in Brand stecken. Man konfiszierte Tonbänder, Videos, Spielkarten, Musikinstrumente, Lippenstifte, Alkohol, Parfum und nichtislamische Literatur, steckte Hunderttausende ins Gefängnis und vollzog viele Hinrichtungen. Als im Jahre 1986 der amerikanische Pop-Star Michael Jackson auch iranische Teenager begeisterte, ging man gegen die Fans des "sodomitischen schwarzen US-Boys" vor und verbrannte Tausende von Videocassetten auf einem riesigen Scheiterhaufen. In nahezu jedem Regierungsbüro wurde ein "Beobachter" eingesetzt, um auf Arbeitseifer und Religionstreue der Mitarbeiter zu achten. Selbst Gefangene wurden auf Schritt und Tritt bewacht, gelegentlich auch auf der Toilette: Ein Insasse berichtete, dass die Wärter ihn zwangen, mit dem linken Fuss zuerst einzutreten, da dies von Khomeini so angeordnet worden war.

Ziel all dieser für den Westen bizarr anmutenden Praktiken war und ist die "Wiederherstellung der verlorenen Einheit mit dem Schöpfer", die sich in der Uniformität seiner Gläubigen spiegeln soll. Kaum ein islamischer Geistlicher vertrat diese Idee so unerbittlich wie Khomeini und kaum einer hatte - wenigstens vorübergehend - einen solchen Erfolg damit. Nachdem er vom Schah verbannt worden war, hatte der schon betagte Ayatollah zunächst im Pariser Exil Zuflucht gefunden. Aber er konnte wieder in seine Heimat zurückkehren, das Regime stürzen und in relativ kurzer Zeit den "Gottesstaat" ausrufen. Vor allem seine charismatische Art machte ihn zu einem Volkshelden und mächtigen Führer, der zehn Jahre lang uneingeschränkt herrschte und die westliche Welt immer wieder in Atem hielt. Peter Scholl-Latour beschrieb Khomeinis unmittelbare Ausstrahlung einmal folgendermassen:

"In seinen Augen schimmerte keine Spur von Wohlwollen. Ein tragischer Ernst sprach aus diesem Blick, eine Strenge, ein totaler Abstand, der schaudern machte. Plötzlich spürte ich, dass ich hier keiner mittelalterlichen Persönlichkeit gegenübersass, wie immer wieder geschrieben und behauptet worden war. Hier begegnete ich einem Mann von biblischer Dimension, der den Richtern und Propheten des Alten Testaments verwandt war. Diese Versetzung in eine ferne, mystische Phase der Menschheit ist bis zuletzt mein faszinierendstes Erlebnis im Umgang mit Khomeini und seiner schiitischen Revolution geblieben." (Allah ist mit den Standhaften, 1983, 140)


"Unkraut in Gottes Garten"   Hizb-Allah