Johann Gottfried Herder (1744-1803) war einer der ersten deutschen Gelehrten, die sich ernsthaft für nordeuropäische Mythologie und Volkskunde interessierten, was umso bemerkenswerter ist, als er von Hause aus Theologe war.

Bereits während seiner Tätigkeit als Lehrer und Prediger in Riga lernte er Lieder, Tänze und Bräuche Lettlands kennen, was in ihm den Wunsch erweckte, mehr über die Volkspoesie des alten Europa in Erfahrung zu bringen. Eine starke weitere Inspiration für dieses Anliegen ging seltsamerweise von einer Fälschung aus: Wie viele seiner Zeitgenossen schwärmte auch Herder für den "Ossian", eine von dem Schotten James MacPherson herausgegebene Sammlung angeblich alter gälischer Lieder, die dieser jedoch in eigenem Stil bearbeitet hatte.

Dennoch löste der Ton der Verse starke Gefühle in Herder aus. Er las den "Ossian" erstmals auf einer Schiffsreise von Riga nach Frankreich, die ihn von verhassten Amtsgeschäften wegführte und tagelang dem Anblick des Meeres und der Elemente aussetzte.

Dort spürte er starke Parallelen zu den Versen des Schotten, in denen dieser die rauhe nordische Landschaft, den extremen Wechsel der Tages- und Jahreszeiten sowie Heldentum und Druidenmagie beschrieb.

 

Trotzdem Herder wusste, dass die Lieder nicht echt waren und er MacPherson sogar aufforderte, die Originale zu veröffentlichen, regten ihn die unbekannten Bilder an, sich genauer mit der Volkspoesie des Nordens zu beschäftigen. Als authentischere Quelle besorgte er sich z.B. Buchanans "Reisen durch die westlichen Hebriden 1782-1790", der die Realität des dortigen Lebens realistischer beschrieb: Buchanan schildert etwa das harte Sklavendasein der Einheimischen, aber weist auch auf ihre grossen Talente als Musiker, Dichter und Sänger hin.

Rauschen der Haine  

Ossian 1