Kosmisches Kreuz

Der heilende Traum von Holbeins Henker führt ihn in ein Tattoo-Studio: "Das Kreuz am Körper"
 heißt ein Beitrag im "Magazin für Theologie und Ästhetik". Darin ist ein Tattoo abgebildet, das zum phallisch kastrierten Christus eine echte Alternative darstellt.
 

Das Tattoo zeigt einen gekreuzigten Mann. Wie Holbeins Christus ist er völlig nackt, jedoch so auf das Kreuz gespannt, dass zwischen den leicht geöffneten Oberschenkeln seine unbeschädigte Männlichkeit offen präsentiert wird. Das Kreuz hat eine seltsame Struktur. Es kombiniert einen Pfahl mit der x-förmigen Struktur eines Andreaskreuzes. Da an jedes seiner Arme ein Arm des Gekreuzigten genagelt ist, scheint dieser vier Arme zu haben. Umgeben ist das Ganze von sechs asiatischen Schriftzeichen. Insgesamt macht so diese Kreuzigung auf mich den Eindruck eines magischen Zeichens.

Georg Baudler (Das Kreuz) führt zu solchen magischen Kreuzen eine Unzahl von Beispielen aus vorchristlicher und spätantiker Zeit an. Hugo Rahner (Griechische Mythen in christlicher Deutung) beginnt sein Kapitel "Das Mysterium des Kreuzes" mit dem Satz: "Das Holz, auf das sich Teiresias stützt, ist das Kreuz." Im Rückgriff auf pythagoräische Weisheit sah Platon im "Timaios" das liegende Chi – die x-förmige Struktur unseres Tattoo-Kreuzes ist ein griechisches Chi – als Epiphanie der kosmischen Weltseele.

Astronomische Grundlage dafür ist, dass sich die beiden großen Himmelskreise, der Äquator und die Ekliptik, in Form eines liegenden Chi schneiden. "Das liest nun der antike Christ wie eine schon den Heiden aufgegangene Ahnung des weltbauenden Logos, der am Kreuz hängend den Kosmos zusammenfasst und um das Mysterium des Kreuzes schwingen lässt." (Hugo Rahner, Griechische Mythen in christlcher Deutung, S. 58)

So preist Gregor von Nyssa, einer der drei grossen kappadozischen Kirchenväter, das Kreuz als "kosmisches Prägezeichen" (ebd., S. 60). Gerade in der griechisch-byzantinischen Patristik und Frömmigkeit, die die heidnisch-antike Kontinuität viel stärker bewahrte als der römisch-germanische Westen, lebte das kosmische Verständnis des Kreuzes weiter. Der rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade spricht deshalb für den orthodox geprägten südosteuropäischen Raum von einem bis heute wirksamen "kosmischen Christentum", eine "dem Südosten Europas eigene Neuschöpfung". (Von Zalmoxis zu Dschingis Khan. Religion und Volkskultur in Südosteuropa, S. 262)

Das magische Kreuz des Tattoos steht natürlich wohl kaum bewusst in dieser heidnisch-antiken, kosmischen Tradition. Dennoch führt es sie im auffälligen Chi seines Andreaskreuzes, das hier die Form üblicher Kreuzesdarstellungen so auffällig sprengt, unbewusst fort. Seine magische Qualität wird dann deutlicher, wenn wir uns dem Phallus zuwenden, den der am kosmischen Chi Gekreuzigte im Unterschied zu Holbeins Christus so offen präsentiert.
 

Zerrissener Gott Index Bannender Phallus