Zerrissener Gott

Der phalluslose, wie Genets Hitler kastrierte Christus, ist im Deutungshorizont Genets eben nicht mehr einfach und unbesehen "gut", im Gegensatz zum phallozentrischen und deshalb "bösen" Henker. Auf den Punkt gebracht: Weil Christus kastriert ist, ist die von ihm ausgehende Macht wie die Hitlers tödlich. Das vermeintliche Opfer entpuppt sich so als der wirkliche Täter. Er nimmt als alter ego Christi im Henker und dessen sadistisch gewordenem Phallozentrismus Gestalt an. Nur "Orgien" des Ressentiments und des Hasses kann das christlich kastrierte Heilige feiern.

"Hitler glitzert durch seine Einsamkeit", sagt Genet über die Führer-Madame. Dann lässt er sie selbst sagen: "Meine Kastration zwingt mich zu eisiger und weißer Einsamkeit. Die Kugel, die mir 1917 beide Hoden zerriss, unterwirft mich der harten Geißel trockener Masturbation und zugleich den Wonnen des Stolzes." (Das Totenfest, S. 174)

Durch den Christengott geht ein fataler Riss. Dieses Gottesbild ist im wahrsten Sinne des Wortes un-heil und deshalb eine Quelle permanenten Unheils, das ständig neue Henker produziert. Einiges dazu auf meiner Webpage "Liebe und Hass – das gespaltene Kreuz" . Sie verweist auf die Hakenkreuz-Seite des Christenkreuzes, die Hitler-Seite Christi. Im Licht dieser Webpage sehe ich auch Holbeins "Geißelung" in der Absicht zu fragen, ob das nun alles ist: die Kriminalakte "Christentum" auf dem historischen Aktenberg ideologischer Fehlleistungen als "erledigt" ablegen? Oder sollte versucht werden, die Frage nach einer möglichen innovativen Qualität des tödlichen Gottesrisses zu beantworten?

Letzteres führt in jene "heidnischen" Abgründe des Christentums, die Hyam Maccoby so vehement verteufelt, wenn er von einem "psychotischen Schub" spricht, einem Abgrund, der sich in Gestalt des Christentums auf dem Boden der hellenistischen Religionen aufgetan habe. Er meint damit die Rückkehr des Menschenopfers, das im Kreuzestod Jesu erlösende Qualität zurückbekäme. Und tatsächlich ist im Verständnis der nichtreformatorischen Kirchen (Orthodoxe, Katholiken) jede Eucharistiefeier eine rituelle Reaktualisierung dieses Menschenopfers, nicht etwa nur eine historische Erinnerung an das Abendmahl Jesu.

Damit verweisen diese Kirchen auch heute noch auf eine gewalttätige Qualität des Heiligen, die so gar nicht in die blauäugig friedens- und ökobewegte Christenszene bundesdeutscher Kirchentage passt. Allerdings, selbst hier hat es sich herumgesprochen: "Gewaltiger Irrtum!", so titelte die taz vom 23. Juni 2001 einen Beitrag zum Frankfurter Kirchentag, in dem gerade diese gewaltvergessene Scheinheiligkeit von einem der Organisatoren des Kirchentags selbst kritisch befragt wurde. An der Universität Innsbruck gibt es seit mehr als zehn Jahren in Kooperation mit der Universität Stanford das Forschungs- und Publikationsprogramm "Religion – Gewalt – Kommunikation – Weltordnung" , das auf der Grundlage des Ansatzes von Rene Girard das gewaltfrei Heilige als trügerischen Schein entlarvt und nach den sich daraus ergebenden Konsequenzen fragt.
 

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