Hitlers Schwanz

Der Roman spielt im Paris des Jahres 1944 während des Einmarschs der Alliierten. Hitler – der "Führer", wie es im französischen Original heißt – schließt sich mit Paulo, einem jungen französischen Gelegenheitsdieb, in einem Palais ein und lässt sich genussvoll von hinten nehmen. Beim Lesen des Genet-Textes sollte sich der Leser auch gefühlsmäßig auf die je nach Gusto "pornographisch" zu empfindende Sprach- und Bildwelt dieses Traums einlassen. Erst dann kommt er dort an, wo Pan die Tabus sakrilegisch bricht und gerade dadurch Sakralität sexuell triebhaft zugänglich macht.
"Arschfick" heißt es auf einem Graffito in "Graffiti für Vespasian. Die Kunst im Pissoir". Entgegen landläufiger Meinung ist auch dort ein Ort, dem Heiligen auf die Spur zu kommen. "Der Erfahrungshorizont eines uralten Kultes schimmert unvermutet auf: Orgie." (Graffiti für Vespasian, S.83) Ein hingekritzelter Phallus an der Pissoirwand deutet die Traumspur des Heiligen an: er erweckt den Anschein, geflügelt zu sein, eine Darstellung der Sakralität des Phallus, die der heidnischen Antike geläufig war. Dass sie eine christlich geprägte Kultur des Heiligen ins Pissoir verbannt hat, ist für die Auffassung dieser Kultur vom Heiligen sehr bezeichnend.  
In der ausführlichen Beschreibung besagter Szene enthüllt Genet Hitlers Geheimnis: Seine "Teile" sind "kriegsversehrt". Dennoch kommt Nicolaus Sombart in seiner Einschätzung von Genets Sicht Hitlers zu dem Schluss:

"Der Schwanz. Hitlers Schwanz, der große Phallus des `germanischen Pascha´, das war, wenn man Genet folgt, die beherrschende Größe, der Signifikant, auf den sich alle emotionalen, politischen Reaktionen hinordneten." (zit. n. Ina Hartwig, Genets Hitler, in: Sexuelle Poetik, S. 180)

Ina Hartwig sieht darin eine völlige Fehleinschätzung:

"Den Mainstream der political correctness hat Sombart vernommen: Phallozentrismus ist böse, und da Hitler böse war, steht er für den Phallozentrismus. Die einfältige Analogie trifft jedoch Genets Verfahren überhaupt nicht. Das Genitale von Genets Hitler ist nämlich kein großer Phallus, sondern, woraus gerade die schlimmsten Folgen resultieren, es ist beschädigt." (ebd.) Und nun kommt das für unsere Reise des Henkers Entscheidende: "Weil Hitlers Genitale versehrt, damit gerade nicht phallisch ist, ist Hitlers Macht tödlich."(ebd.)
Und so heißt es bei Genet auch klipp und klar: "Paulo stand dem Tod gegenüber." (Das Totenfest, S. 176) Andererseits: "Madame", dem "Führer", gefällt´s. Und Paulo?

"Paulo empfand eine große Freude, als er das bebende Glück und die wohlige Klage von Madame zu hören bekam. Die Dankbarkeit, die der Schönheit seiner Arbeit gezollt wurde, machte ihn stolz und noch leidenschaftlicher. Seine Arme klammerten sich nahe den Schultern von unten her an den Arm des Arschgefickten, und er stieß noch härter zu, mit noch mehr Schwung. Der Führer röchelte sanft. Paulo war glücklich, einem solchen Mann so viel Lust zu verschaffen." (Das Totenfest, S. 195f)

Sehen wir Holbeins "Geißelung" unter diesem Blickwinkel Genets, kommen wir zu einer ganz neuen Einschätzung der beiden Antagonisten Christus und Henker.
 

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