Heiliger Henker

Aus jüdischer Perspektive versucht Hyam Maccoby ("Der Heilige Henker") das Problem des heiligen, und deshalb verfluchten Henkers durch eine Radikalkur aus der Welt zu schaffen. Wäre das Opfer nicht heilig, wäre auch der Henker nicht verflucht. Im Klartext: Würden die Christen endlich auf ihren christologischen Erlösungsmythos eines vergöttlichten Menschenopfers verzichten, wäre der Henker als Teil dieses Mythos überflüssig. Damit hätte sich das Christentum als Religion allerdings selbst abgeschafft und wäre zum betulichen Ethik-Club verkommen. Maccoby scheint jedoch nicht zu begreifen, dass gerade dieses Opfer jenes Zentrum des Christus-Traums ist, das wegen seiner Alptraumhaftigkeit heilend und deshalb unverzichtbar ist.

Für Maccoby sah und sieht die christliche Theologie seit den paulinischen Tagen des Neuen Testaments das jüdische Volk als den verfluchten Henker Christi. Daraus resultiere der christliche Antijudaismus, den der Nationalsozialismus dann nur noch konsequent vollenden musste. Hitler, darin gipfelt Maccobys Argumentation, konnte mit dem Anbruch des "Tausendjährigen Reiches" die Juden deshalb vollständig auszurotten versuchen, weil sie nach dieser apokalyptischen Endphase der Geschichte keinerlei Funktion mehr hatten.

   Papstbildnis von Francis Bacon    
Die Präsenz eines Henkers, der immer wieder als verfluchter Sündenbock herangezogen werden konnte, wäre dann sinnlos geworden, denn nach dem apokalyptischen "Tausendjährigen Reich" war das Reich Christi endgültig etabliert. Dabei wird unterstellt, dass Hitler sein "Drittes Reich" als dieses endgültige Reich sah. Ich habe mich damit auf meiner Website "Christenkreuz und Schwarze Sonne" ausführlich auseinandergesetzt, besonders im Abschnitt "Parsifal".

Im Gegensatz zu dieser katastrophisch-apokalyptischen "Endlösung" bietet sich ein auch theologisch völlig anders strukturiertes Lösungsmodell des Henkerproblems dann an, wenn das Verhältnis von Opfer und Henker aus einer ganz anderen Perspektive gesehen wird. Um diesen Perspektivenwechsel geht es mir bei der Reise von Holbeins Henker. Dabei gilt es die phallische Beschädigung zu durchschauen, an der beide leiden: der Henker und sein Opfer. Sie ist das Movens des Traums.
 

Sakrale Aporie Index Kastrierter Christus