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Sakrale Aporie
An dieser Stelle möchte ich einen Hinweis einschieben, den Rene
Girard in "Das Heilige und die Gewalt"
gibt. Danach hat sich das Wissen um die Ambivalenz des Heiligen in den
alten Sprachen, etwa dem Lateinischen, semantisch erhalten. Das Wort "sacer"
z.B. ist doppeldeutig und bedeutet beides: heilig und verflucht. Das bayrische
"Sakra!" als Fluchwort erinnert noch daran. Dem lateinischen
"sanctus" ist diese Doppeldeutigkeit allerdings bereits abhanden
gekommen. Es scheint mir bezeichnend zu sein, dass in den lateinischen
Texten der römischen Liturgie das mit "heilig" Gemeinte
ausschließlich durch das eindeutige "sanctus" wiedergegeben
wird:
Sanctus, sanctus, sanctus dominus deus Sabaoth!
Pleni sunt coeli et terra gloria tua. Hosanna in excelsis!
Benedictus, qui venit in nomine domini. Hosanna in excelsis!
So heißt es zu Beginn des zentralen Hochgebets der Messe. Dem als
"sanctus" gepriesenen Gott ist alles Verfluchte fremd. Für
den Gepriesenen, der im Namen dieses Herrn als Jesus, der "Christus"
und "Messias", kommt, gilt das in gleicher Weise. Der Christus-Traum
ist "gereinigt" und wird gerade dadurch zunehmend zum Alptraum
christlich geprägter Kultur.
Im Bild Holbeins werden das Heilige und das Verfluchte nun zwar wieder
zusammengeführt; so gesehen träumt es das göttliche Erlösungswerk
insgesamt als "sacer". Aber und das ist mir der springende
Punkt die beiden Seiten werden fein säuberlich aufgeteilt:
das Heilige im Sinne von "sanctus" auf Christus, das "Verfluchte"
im Sinne eines semantisch halbierten "sacer" auf den Henker.
Der verfluchte Henker vergewaltigt den heiligen Christus. Dass ohne den
Verfluchten sein Prototyp in den Passionsgeschichten ist Judas
das ganze sakrale Erlösungswerk der Passion gar nicht in Gang
gekommen wäre, verweist auf jene dunkle Aporie, die im "Exultet",
dem großen Preisgesang der Osternachtliturgie, im Diktum von der
"felix culpa", der "glücklichen Schuld", anklingt.
Hier wird sie auf die Schuld Adams bezogen. Wir werden sehen, dass sie
darüber hinaus auf eine Aporie im Heiligen selbst verweist. Gott
ist nicht nur "sanctus". Sein geträumter Henker sucht nun
als alter ego Gottes im Traum der Reise träumend das Vergessene dieses
halbierten, zerrissenen Gottes, dem eine nicht minder zerrissene Kultur
und Zivilisation selbstvergessen korrespondiert.
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