Androgyner Phallus

Zunächst das in christlichen Ohren so Ungeheuerliche, da Heidnisch-Magische des kabbalistischen Gottestraums: Nicht Gott erlöst den sündigen Menschen, sondern der Mensch heilt den pathologischen Gott. Neben dem religiösen Ritual geschieht das auch durch "tikkun olam", die "Heilung der Welt". Wie oben, so unten, ist die metaphysische Prämisse. Das praktische Resultat ist seit Jahrhunderten eine enorme politisch-soziale Dynamik. Als Beispiel aus der Gegenwart weise ich auf die Website des "Shalom-Centers" in Philadelphia hin, besonders: "Ten questions on tikkun olam of the future".

Das metaphysische Resultat der erlösenden Erinnerung ist die Heilung des göttlichen Phallus nicht als eine mystische Hochzeit. Was restituiert wird, ist eine phallische Androgynie, nach Nathan von Gaza der Inhalt des messianischen Ereignisses:

"The revelation of the Messiah represents the restoration of the feminine to the masculine…The messianic moment is marked not by the sacred union of a man and a women, but rather by the reintegration of the feminine to the masculine.” (E.R.Wolfson, Circle in the square, S. 232)

Die kabbalistische Phallozentrik läuft auf eine androgyne Phallozentrik hinaus: "Locus of the feminine is the phallus." (ebd., S. 85) So heißt es unter der Überschrift "Androgynous phallus and the eclipse of the feminine". Bereits im provencalischen Buch "Bahir", der frühesten als dezidiert kabbalistisch anzusprechenden Schrift aus dem 12. Jahrhundert, ist ein derart androgyner Phallus, in dem das Weibliche integriert verschwindet, als Ziel des kabbalistischen Opus präsent. C.G.Jungs alchemistisch inspirierten Bezüge auf die Kabbala besonders in seinem Spätwerk "Mysterium Coniunctionis" sind angesichts solcher neueren Forschungsergebnisse nur mit Vorsicht zu genießen.

Dem androgynen Phallus korrespondiert eine in der Alchemie wie auch in der europäisch-kleinasiatischen Welt insgesamt völlig singuläre Präferenz für die Farbe weiß, das Silber und den Mond. Die Phallus-Sefira Yesod wird traditionell mit dem Mond in Verbindung gebracht. Das männliche Ideal drückt sich symbolisch im Weiß des Silbers aus, nicht in der Königsfarbe Rot und dem entsprechenden Gold. Diese sind erstaunlicherweise dem Weiblichen vorbehalten, der Sefirah "Geburah", der "strengen, richtenden Gewalt". Weiß und Silber des Männlichen gehören dagegen zur Sefira "Chessed", der "Gnade". In "Kabbala und Alchemie" hat Gershom Scholem diese kultur- und symbolgeschichtlich verblüffende Singularität herausgearbeitet:

"In der Kabbala ist das Gold gar nicht Symbol des höchsten Standes. Die gesamte kabbalistische Literatur in Hunderten und Aberhunderten von Texten und Symbolverzeichnissen ... ist ... darin einstimmig, im Silber das Symbol der rechten Seite, des Männlich-Spendenden, der Gnade und Liebe zu sehen (weiß, Milch), im Gold dagegen das Symbol der Linken, des Weiblichen, der Strenge und des richtenden Urteils (rot, Blut und Wein)...Überall sonst im Symbolkreis der hellenistisch-abendländischen Welt und vor allem in der Alchemie selbst ist das Männliche rot und das Weibliche weiß." (G. Scholem, Alchemie und Kabbala, S. 19ff)

Im Traum dieser so fremdartigen lunaren Phallozentrik der Gnade hat des Henkers sadistische Phallozentrik der Gewalt ihr Gott und Mensch heilendes Ziel erreicht. Präziser muß es allerdings wohl heißen: ihr Gott und Mann heilendes Ziel. Der Phallus hat nun einmal per se zunächst und primär mit dem Mann zu tun. Für die Kabbalisten spricht D. Biale dabei allerdings von einer "mixed attitude toward women." Er fährt fort: "Obwohl die Theologie der Kabbala weit von einem rein männlichen, patriarchalen Gott entfernt ist, sind dennoch Ängste vor Frauen und vor der Sexualität in die brillanten Farben dieses mystischen Teppichs eingewoben." (D. Biale, Eros and the Jews, S.114)

Andererseits: Ohne pathologische Voraussetzung keine Notwendigkeit einer Heilung. Der kabbalistische Traum träumt in seiner Suche nach Heilung die Pathologie Gottes in den Bildern einer Pathologie des Phallus. In meiner Einschätzung ist sein Hinabsteigen in sexuell-triebhafte, naturnahe Abgründe weit besser geeignet, ein vollständiges Gottesbild zu entwickeln, als es das alchemistische Opus vermag. Dessen Defizite gerade in der Auseinandersetzung mit der Hakenkreuz-Seite des Christenkreuzes habe ich bereits auf der Webpage angedeutet "Schatten des Kreuzes – Die Geburt der `Schwarzen Sonne´"

Dabei möchte ich schon jetzt darauf hinweisen, dass ich in einer der nächsten Ausgaben von "Atalante" in einem Aufsatz über die mittelalterliche Klingsor-Gestalt, den transsilvanischen Merlin, subversive, christliche Traditionen darstellen möchte, die dem Traumpotential der Kabbala vergleichbar sind.

Ich fühlte mich missverstanden, sollte mein Beitrag zur "Reise des Henkers" den Eindruck erwecken, auf der einen Seite stehe ein "gutes" Judentum, auf der andern ein "böses" Christentum. Im Gegenteil: die subversive Klingsor-Tradition und die Kabbala entstanden exakt zeitgleich und die Frage legt sich nahe: Nährt sich vielleicht beides aus einem unterirdischen Bildstrom, der von psychischen Erfordernissen der Zeit an die historische Oberfläche gedrängt wird?

Daß gerade auch die vergleichsweise junge Dogmatik im Umfeld des Dogmas von der "Assumptio Mariae" (1950) diesem Strom der Bilder verpflichtet sein könnte, wird in der Auseinandersetzung mit dem Klingsor-Phänomen unter Rückgriff auf C.G.Jungs "Antwort auf Hiob" und deren Interpretation des Mariendogmas von 1950 zu diskutieren sein. Es ist meine These, dass hier von christlicher Seite ein Problem des Gottesbildes angegangen wird, das auf jüdischer im Problem des Exils der Shekinah aufscheint.

Im Abstieg hinab zum Herzen sexuell-triebhafter Finsternis liegt das heilende Traumpotential auch für eine beschädigte, gewaltfixierte Männlichkeit insgesamt. In der Logik meines eigenen Schreibprozesses schließt sich deshalb "Die Reise des Henkers" meiner im Mai 2001 zu Roman und Film "Fight Club" entstandenen Website an: "Chaoten. Gewalt, Faschismus, Männerwünsche". Bewusst beginnt sie mit der Anrede "Hallo, Männer!" Dort ist im politisch-sozialen Kontext zu finden, was Gottes Alptraum durch die Restitution des lunaren, androgynen Phallus heilen möchte: im "Einbruch unverstellt mythischen Redens von Gott" (G. Scholem, Zur Kabala und ihrer Symbolik, S. 122) die pathologische Illusion des Henkers, es rette aus der Masse und aus der anbrandenden Flut des verschlingend Weiblichen "die ewige Ganzheit im Phallus der Höhen"

Hier wird evident: Der androgyne, lunare Phallus der Gnade ist die geheilte Alternative zu dem, was der "faschistische Mann" (K. Theweleit,) als pathologischen Vater und Gott im "Phallus der Höhen" ersehnt.


Dietmar Hecht (geb. 1944) studierte Theologie, Geschichte, Philosophie und arbeitet als Lehrer am Gymnasium St. Michael (Ahlen/Westf). Dort hat er zahlreiche Schülerprojekte zum Thema Mythologie, Nationalsozialismus, neue Medien, Kosovo-Konflikt etc. ins Leben gerufen,  die auch im Internet dokumentiert sind. Er ist ausserdem tätig im Bereich jüdisch-christlicher Zusammenarbeit. Kontakt: gsanktmich@freenet.de

Dietmar Hecht veröffentlichte bereits in "Atalante" Nr.2 einen Essay über den Film/ Roman "FIGHT CLUB".

   

Das Geheimnis der Erlösung Index Atalante 3