Das Geheimnis der Erlösung

Das Unheil, das geheilt werden muss, besteht in einem Bruch zwischen der neunten und der zehnten Sefira Yesod und Malkuth. Gott hat sich ehebrecherisch von seiner Shekinah getrennt und Lilith, dem Weiblichen in dessen dunklem Aspekt, zugewandt. Er ist Liliths Gewalt verfallen. Es kann nicht deutlich genug gesagt werden: Was sich hier in einer solchen Geschichte Gottes ausdrückt, ist, wie G. Scholem immer wieder betont, eine "Rache des Mythos" als "Aufstand der Bilder". Es ist der Aufstand innerer Erfahrungen gegen eine bildferne, in einer lebensfernen Buchhaftigkeit erstarrten Thora.

Letztere prägt vornehmlich die Vorstellungen, die sich hierzulande vom Judentum breitgemacht haben. Was Jesus an den Pharisäern vor fast zweitausend Jahren kritisierte, wird noch immer als in gleicher Weise für kritikwürdig gehalten. Dahinter steht die unterschwellige Vorstellung, seit damals habe sich nichts geändert. Das Judentum sei gewissermassen seit der Zeit Jesu "eingefroren".  Dass mit der Kabbala gerade ein Einbruch von etwas ganz  Anderem in dieses monolithisch und eisblockhaft phantasierte System erfolgte, ist aber auch deutschen Juden eher peinlich. Es wäre interessant zu wissen, wie Paul Spiegel und Michel Friedman dazu stehen. Was wissen sie von der Kabbala, die immerhin als "zweite Thora" gilt? Das Verschweigen dieser Tradition scheint ein Problem speziell der deutschen, assimilationsfixierten Judenschaft seit dem späten 19. Jahrhundert zu sein. In seiner Autobiographie "Von Berlin nach Jerusalem" weiß G. Scholem in Auseinandersetzung mit seiner eigenen Familie davon ein Lied zu singen. Man meinte, sich selbst zu diskreditieren, wenn diese mythischen, "unaufgeklärten" Bildwelten der Kabbala ins Gespräch gebracht würden. Sie widersprachen zu sehr einer wissenschaftlich "aufgeklärten", bürgerlichen Welt, als deren Teil man sich fühlte. Man wollte nicht mehr heimatlos sein, sondern dazugehören.

Die Shekinah dagegen irrt wie das Volk Israel - dessen waren sich die Chassidim des europäischen Ostens in ihrem gänzlich anders geartetem sozialen Kontext sehr wohl noch bewusst - heimatlos im Exil der Welt umher. "Bete stets für Gottes einwohnende Herrlichkeit, dass sie aus der Verbannung erlöst werde!" Martin Buber überliefert dieses Wort des Baal Schem Tov an seine Chassidim, und in dieser Aufforderung des "Meisters des guten Namens" liegt auch der Sinn des überstrapazierten, chassidischen Diktums: "Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." Bei Gedenkritualen verkommt es schon deshalb zur inhaltsleeren, völlig unverständlichen Floskel, weil der erste Teil des Satzes üblicherweise unterschlagen wird: "Vergessen verlängert das Exil." Gemeint ist das Exil der Shekinah, das sich dann verlängert, wenn der Bruch Gottes mit ihr, das Unheil in Gott, vergessen wird. Leonard Bernstein verleiht in seiner "Kaddish-Symphony" der Shekinah eine Stimme, die den innergöttlichen Traum einer heilenden Vereinigung besingt:

"Blicke zärtlich auf mich, auf uns, auf alle deine Kinder hier in diesem heiligen Haus, und wir werden zärtlich auf Dich zurückblicken. Mein Vater, Herr und Geliebter, mein Bild und mein Selbst! Wir sind ein Eines, Du und ich. Zusammen leiden wir, zusammen sind wir, und zusammen erschaffen wir uns neu, ein jeder den anderen." (zit. n. J. Singer, Androgyny. The opposites within, S. 120)

Erinnerung wird dadurch zum "Geheimnis der Erlösung”, dass der Mensch durch sein Erinnern in Ritual und alltäglicher Praxis (tikkun olam – Erinnern wird praktisch) den innergöttlichen Prozess der Heilung initiiert. Ich habe versucht, diese verschiedenen Dimensionen des chassidischen Diktums vom Geheimnis der Erlösung in einem Hypertext darzustellen "Erinnern verkürzt das Exil".

In seiner "Legende des Baalschem" schreibt Martin Buber über den "Zaddik", den chassidischen "Gerechten":

"So wandern diese Ekstatiker über die Erde, in den stummen Fernen des Gottes-Exils weilend, Genossen des heiligen Allgeschehens. Der dergestalt Abgelöste ist Gottes Freund, `wie ein Fremdling eines anderen Fremdlings Freund ist, ihrer Fremdheit auf Erden wegen´. Ihm widerfahren Augenblicke, in denen er die Schechina im Menschenbild schaut, von Angesicht zu Angesicht, wie jener Zaddik sie im Heiligen Lande sah, `in der Gestalt einer Frau, die über den Gemahl ihrer Jugend weint und klagt.´" (Martin Buber, Die Legende des Baalschem, S. 27)

"Zaddik – der Gerechte", so titelt auch Gershom Scholem, Altvater der wissenschaftlichen Kabbala-Forschung aus Berlin, einen seiner Aufsätze, der ähnlich Wolfsons Studie dem Phallischen des kabbalistischen Traums besonders Rechnung trägt. Worin besteht die Heilung des Phallus? Sie nur in einer Art mystischer Hochzeit zu sehen, würde den springenden Punkt total verfehlen. Das sei bereits jetzt taofixierten New-Age-Aposteln gesagt, die in der Vereinigung Gottes mit seiner Shekinah so etwas wie eine Restitution der Einheit von Yin und Yang sehen möchten. Die kabbalistische Heilung des pathologischen Zustands in Gott sieht auch zum Schrecken des feministischen Lagers ganz anders aus.

 

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