Der Himmelsbaum

Der Henker hat Lemberg hinter sich gelassen. Vor ihm im Süden zeichnet sich allmählich das dunkle Band der Waldkarpaten ab. Dort in dem Grenzland, das ein Diesseits und ein Jenseits der Wälder scheidet, soll er wohnen: der "Baal Schem Tov", der "Meister des guten Namens".

In jener Zeit hatte dieser einen Traum: Vom Himmel herab wuchs ein Baum. Er trug zehn Lichter, die trübe flackerten. Der Baum senkte sich auf die Erde, als wollten seine Zweige in ihr Wurzeln schlagen und neue Triebe hervorbringen. Doch die Erde war verdorrt und konnte sich den Zweigen nicht öffnen. Da kam ein Mann aus dem Norden. Er wässerte die Erde, dass sie sich mit dem Baum verbinden konnte. Da wurden die trübe flackernden Lichter zu strahlenden Blüten. Sie trugen Frucht und deren Samen fielen auf die Erde, dass sie ergrünte.

Als ich 1997 einen rumänischen Freund aus Transsilvanien, dem Land jenseits der Wälder im Südosten Europas, an der jüdischen Brandeis University bei Boston besuchte, sah ich den blühenden Baum und die grünende Erde. Es waren zwei Bilder, die zwei Studenten im Rahmen eines Workshops zum Thema "Mein Bild von Gott" gemalt hatten. Die Bilder sind Ausdruck eines kabbalistischen Revivals unter jungen Juden in den Staaten. Dazu Herbert Weiner, "9 1/2 Mystics. The Kabbala today". Das Vorwort ist von Elie Wiesel, der aus Sighet in den rumänischen Waldkarpaten (Mara Mures) stammt.

Das Bild des Baumes war reduziert auf die zehn Lichter, "Abglänze" (Sefiroth) Gottes, vor einem kosmisch schwarzen, sternenübersäten Hintergrund.

  Eines der Lichter war besonders hervorgehoben. Vor ihm brannte ein Feuer. Das sei die neunte Sefira, ließ ich mir erklären. Sie heiße "Yesod" ("foundation") und werde immer mit dem Phallus in Verbindung gebracht. Das mache insofern einen auch sexuellen Sinn, als die Sefira direkt darunter "Malkuth" ("kingdom") sei. Diese stehe für die "einwohnende Herrlichkeit Gottes" in der Welt (Shekinah) und werde stets als Frau vorgestellt. Auf dem zweiten Bild war sie zu sehen: eine weibliche Gestalt ganz aus grünenden, blühenden Pflanzen.  

Da ich bislang von der Kabbala recht verworrene Vorstellungen hatte, wühlte ich mich in der Bibliothek von Brandeis durch eine reichlich vorhandene Spezialliteratur. Von besonderem Interesse wurde für mich eine Studie von E.R.Wolfson, Direktor am Department für hebräische und jüdische Studien der New York University, "Circle in the square. Studies in the use of gender in kabbalistic symbolism”. Die Bilder der beiden Brandeis-Studenten begann ich durch das umfangreiche Quellenmaterial dieser Studie in der sexuell-mystischen Tiefe der Kabbala zu verstehen (Lesehilfe "Kabbala").

Zunächst zeigt Wolfson, dass der kabbalistische Lichterbaum der zehn Sefiroth Gottes, der das kabbalistische Bild von Gott repräsentiert, seit den frühesten Tagen der Kabbala im 12 Jahrhundert (Narbonne, Gerona) als Phallus geträumt wird. Im Zentrum des kabbalistischen Traums steht Gott als Phallus, und ein Phallus ist deshalb der Baum, der dem Baal Schem Tov vom Himmel herabwächst. Oft wird dieser Baum der zehn göttlichen Sefiroth auch als "Adam Kadmon", vergleichbar dem indischen purusha, dem "Urmenchen", dargestellt. Eine spanische Illustration zu Salomon Ibn Gabirol, "La Kabbala del Keter – Malkut" veranschaulicht an der menschlichen Gestalt des Adam Kadmon: Das kabbalistische Gottesbild ist extrem phallozentrisch, Traum einer "phallocentric mentality". (Wolfson, Circle in the square, S. 85)

Nur, und da liegt der Kern des kabbalistischen Mythos, diese Phallozentrik ist beschädigt. In Gott ist Unheil, und dieses Unheil ist phallisches Unheil. Was die Kabbala hier zuwege bringt, ist eine Hineinnahme des Pathologischen in Gott. Gerade darin liegt die seelisch wirkende Kraft ihrer mythischen Bilder.

"Die Mythologie ist notwendigerweise pathologisch (eine Beschreibung der Psychopathologie), sonst könnte sie nicht über die eigentliche, wirkliche Seele sprechen...Ohne ihre moralische Verderbtheit (in der Kabbala ist es die moralische Verderbtheit Jahwes, D.H.) würde die Mythologie eine Buchreligion werden, eine künstliche Konstruktion oder inspirierte Offenbarung ethischer Dogmen und nicht die fortlaufende Verkörperung menschlicher Erfahrung, die nicht umhin kann, pathologische Verhaltensmuster in sich aufzunehmen." (J. Hillman, Pan und die natürliche Angst, S. 66)
 

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