Gottes sexueller Körper

In solcher vorzeitlich-heidnischen Tradition sehe ich auch den phallischen Gott am Kreuz des kosmischen Chi, den das Tattoo zeigt. Dieses Tattoo bannt die Angst. Als ein apotropäisches Symbol ist es in einem außerkirchlichen und wohl auch außerchristlichen Kontext eine Reformulierung des Heiligen, das nicht länger kastriert und schutzlos seiner eigenen Gewaltseite ausgeliefert ist. Deshalb kann es auch Schutz gewähren, denn Gott hat seinen Phallus zurückerhalten.
Er hat wieder, was er in seiner eigenen hebräischen Frühzeit noch hatte, heißt es doch im Psalm 77: "Er stieß seine Feinde in den Hintern und gab sie der Schande preis." Der gotische Stuttgarter Psalter stellt diese Szene dar: "Percussit inimicos in posteriora." Dabei stellt man sich in christlich verschreckter Interpretation des "percussit" allerdings schamhaft irritiert vor, der Herr Gott Sabaoth, dem man eine anale Vergewaltigung auf keinen Fall unterstellen kann, habe wie ein Bogenschütze mit seinem Pfeil das nackte Hinterteil seiner Feinde durchbohrt (percuttere), das sie ihm in "Leck-mich-am-Arsch" – Haltung darboten (Duerr, Obszönität und Gewalt, S. 246).  
Howard Eilberg-Schwartz, Professor für jüdische Studien an der San Francisco State University und ordinierter Rabbi, traut Jahwe da durchaus mehr zu und spricht von "God´s sexual body". Er muss nicht auf Pfeil und Bogen zurückgreifen. 

"God´s promise that he `will enter´ into a covenant with Israel carries similar sexual overtones. In Hebrew, `coming in´ is sometimes used to describe intercourse. And the expression `coming into a covenant´, though occasionally used in other contexts, is not a typical way of expressing the idea of making a covenant.” (God´s phallus and other problems for men and monotheism, S. 111f)

Wir nähern uns dem Ziel der heilenden Traumreise Gottes, das sein sexueller Körper auf den naheliegenden Punkt bringt: Wo bleibt die Frau? Der jüdische Anthropologe und Theologe Raphael Patai ist dem in seiner Untersuchung "The Hebrew Goddess" nachgegangen. Die vergleichende Religionswissenschaft lehre, dass in allen Religionen das Bedürfnis nach einem weiblichen Aspekt in der Gottheit bestehe:

"Did Judaism, the mother-religion of Christianity, fail to fulfill this need? Is it conceivable that the human craving for a divine mother did not manifest itself at all in Judaism?” (R. Patai, The Hebrew Goddess, S. 29)

Eine Antwort gibt ihm der Freitagabend, der Abend des beginnenden Sabbath. Dort nimmt die Sehnsucht nach der Frau im Ritual sprachliche Gestalt an, so etwa im Hymnus "Lecha Dodi" ("Auf mein Freund, der Braut entgegen!") aus dem galiläischen Safed um 1560.

"To this day, in every Jewish temple or synagogue, she is welcomed in the Friday evening prayers with the word `Come, o bride!´ although the old greeting has long been emptied of all mystical meaning and is regarded as a mere poetic expression of uncertain significance.” (ebd., S. 33)

Als sexuell-mystisches Ziel, heilende Antwort auf den sadistischen Phallozentrismus des Henkers und die Kastration Gottes, erfüllt sich der Alptraum in einer Rückkehr der verlorenen Bedeutung des Gebets "Komm, o Braut!" durch ein Träumen in heidnischen Bildern. Das Ziel der Reise ist erreicht.
 

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