| Bannender
Phallus Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Christa Sütterlin haben eine bemerkenswerte Studie "zur Natur- und Kunstgeschichte menschlicher Abwehrsymbolik" vorgelegt Sie trägt den Titel "Im Banne der Angst". Die Autoren untersuchen das Problem des zunehmenden Fehlens solcher Abwehrsymbolik, deren Ursprung in biologischen Strukturen des Menschen wurzelt, als ein anthropologisch determiniert folgenreiches Kulturproblem unserer Gegenwart. Wir handeln aus einem Bann der Angst heraus, weil die Symbole, die die Angst bannen könnten, unserem Kultur- und Zivilisationsprozess nach und nach abhanden gekommen sind. So wird Angst zum Motor angstgetriebener Gewalt. Davon bleibt auch das Heilige nicht verschont. Gerade das ihm genuine Gewaltpotential wird schutzlos freigesetzt, weil auch dem Heiligen die bannend-schützenden Symbole fehlen. Friedensethische Sprüche sind da genauso wenig hilfreich wie fromm erbauliche Friedensappelle. Zu den angesprochenen Symbolen des Heiligen gehört auch der Phallus, der, wie Holbeins "Geißelung" paradigmatisch zeigt, im christlichen Kulturkontext hinsichtlich seiner sexuellen Seite nur destruktiv gewalttätig vorkommt: als Macht des Henkers, des "bösen" alter ego Christi. Nicht zufällig wird dem Teufel der sexuelle Phallus zugeordnet. Der christliche Satan ist phallisch im sexuell genitalen Sinn. |
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Ein treffendes Beispiel für diesen phallischen Antagonismus zwischen Christus und Satan ist an der Kathedrale von Coventry dargestellt: Der Erzengel Michael, der Patron der Kathedrale, hat Satan mit einem riesigen Speer vom Himmel gestürzt. Nun liegt er gefesselt zu seinen Füßen. Als Lehrer an einem Gymnasium "St. Michael" habe ich mit meinem Literaturkurs zu diesem apokalyptischen Mythos unseres Schulpatrons eine umfangreiche Website entwickelt: "Schwarze Sonne weißer Terror. Michael und seine apokalyptischen Superhelden." Eugene Monick (Die Wurzeln der Männlichkeit. Der Phallus in Psychologie und Mythologie), ordinierter Theologe der anglikanischen Kirche, zeigt in einer Detailaufnahme der Plastik von Coventry, was Michael da eigentlich aus dem Himmel gestürzt und mit eisernen Ketten gefesselt hat: "die Genitalien des Teufels" (S. 49). Die Aktion war ein Pyrrhussieg, denn jetzt ist auf der Erde der Teufel los. Das Heilige hat sich seines Angst und Gewalt bannenden Potentials selbst beraubt. Eibl-Eibesfeldt/Sütterlin haben im Gespräch zwischen Biologie und Kunstgeschichte gerade diesem Potential des Phallus einen umfangreichen, mit einer Fülle von Bildmaterial dokumentierten Teil gewidmet. |
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wird deutlich, wie sich im Widerspruch zur offiziellen Kirchendoktrin bannende
Abbilder des Phallus an verborgener Stelle in den Kirchenraum hineingeträumt
haben und dort eine Tradition fortsetzen, die dem vorchristlichen Heidentum
etwa in Gestalt des "gehörnten Gottes" geläufig war
(Im Banne der Angst, S. 105 126: Der phallische
Gott der Vorzeit). Mehr zu dem, was geschieht, wenn so ein Gott ungehemmt die dünne Decke der Kultur zerreißt, beschreibt in alptraumhafter Verdichtung der Roman von Bruno Goetz "Reich ohne Raum" auf meiner Website "Chaoten. Gewalt, Faschismus, Männerwünsche": Panik der Väter Die Rückkehr Pans. |
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