Ein in der Meditation erfahrener Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so gesammelt sei. Er sagte: "Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich spreche, dann spreche ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich. Wenn ich esse, dann esse ich..." Da fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: "Das tun wir doch auch, aber was machst Du noch?" Er sagte zu ihnen: "Nein! Das tut ihr nicht! Denn wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon wieder, wenn ihr noch unterwegs seid, glaubt ihr schon, am Ziel zu sein..."

An der Geschichte ist einiges dran, aber sie gefällt mir nicht sehr: sie ist so schrecklich feierlich. Ich habe irgendwo eine ähnliche Geschichte gelesen, die mir besser gefallen hat:

Zwei Mönche treffen sich und streiten, welcher Meister weiter in seiner Entwicklung sei. Der eine sagt: "Stell Dir vor, wenn mein Meister auf der einen Seite des Flusses steht und das Papier auf der anderen Seite des Flusses liegt und mein Meister mit dem Pinsel Zeichen in der Luft schreibt, dann erscheinen sie auf dem Papier auf der anderen Seite!" - "Nicht schlecht", sagt der andere Mönch, "aber mein Meister kann etwas, das noch viel schwerer ist: wenn er Hunger hat, isst er, und wenn er Schlaf hat, schläft er!"

Das ist nicht so salbungsvoll wie die erste Geschichte (Zen ist - bei allen Zeremonien - vollkommen unfeierlich), es bringt für mich aber die Schwierigkeit dieses Projektes, jeden Augenblick ganz in der Welt zu leben und nicht vorher noch nachher, noch eher zum Ausdruck. Es ist dieses ja nicht so einfach, und es ist vor allem durch das Lesen noch so schöner Geschichten nicht zu erreichen.

Eine andere Geschichte: ein Hofbeamter aus Japan möchte lernen, mit dem Schwert umzugehen, und geht zu einem Schwertmeister, der dem Zen anhängt. Der Schwertmeister sagt: "Schauen wir mal, was Du schon kannst", und drückt dem Höfling ein Schwert in die Hand. Sie fechten miteinander, und der Schwertmeister sagt: "Du mußt schon einmal mit dem Schwert gearbeitet haben!". Der Hofbeamte verneint erstaunt, worauf der Schwertmeister sagt, mit irgendetwas müsse er sich aber ganz intensiv beschäftigt haben. Der Hofbeamte erwidert, ja, er habe sich mal Gedanken über das Sterben gemacht, und er sei zum Schluß gekommen, daß man dem nicht ausweichen könne. "Ja nun," sagt der Schwertmeister, "mehr kann ich Dir auch nicht beibringen!"

Für mich haben wir in diesen Geschichten die zwei für mich zentralen Punkte zusammen: wir leben jetzt, aber wir leben nur dann wirklich jetzt, wenn wir wirklich im Augenblick leben ("Essen, wenn wir Hunger haben"). Und: wir müssen sterben, das ist unausweichlich, und deswegen gibt es keinen Grund, vor irgendetwas Angst zu haben - wenn wir nämlich die Angst vor dem Sterben selbst verloren haben. Und dann kommt der andere zentrale Punkt: das sind keine Einsichten, die mit dem Gehirn zu realisieren sind. Der Körper muß das verstehen - und deswegen, wie gesagt, nützt das Lesen schöner Geschichten nicht sonderlich viel. Geschichten und Bücher können einen Geschmack vom Ziel geben, aber nicht mehr. Wenn ich Hunger habe, nützt es nicht viel, Rezepte zu lesen, dann muß ich mir was zu Essen kochen. Mein Körper, jede Zelle meines Körpers, muß verstehen, daß ich sterben muß und daß ich JETZT da bin. Das funktioniert nicht durch Lesen, sondern durch Meditieren, durch konsequentes Sitzen auf dem Kissen. Das ist nicht immer leicht, und alles, was mir dabei hilft, nehme ich gern in Anspruch, ob das Zeremonien sind, Räucherstäbchen, oder was auch immer. Das alles lenkt nicht vom Zentrum ab, erleichtert nur das Hinkommen zum Zentrum.