Vor einigen Wochen hatte ich mich durch "Der Schatten des Dalai Lama" durchgefressen. Insgesamt fand ich das Buch wenig interessant; der tibetische Buddhismus hatte mich noch nie besonders interessiert, und ich hatte nicht das Gefühl, daß ich mich damit auseinandersetzen müsse. Das habe ich auch jetzt nach dem Lesen des Buches noch nicht.
Der tibetische Buddhismus ist zweifellos exotischer, fremder und insofern interessanter als Zen. Zen ist völlig unesoterisch, es gibt keine Einweihungen, keine Initiationen, es gibt nur Shikantaza (5), Zeremonien, Rezitationen von Sutren, gelegentlich mal Vorlesen von Kommentaren. Die Erfahrungen, die man macht, sind eigene Erfahrungen, eigene Körpererfahrungen, nichts, was einem von außen nahegebracht wird, nichts, was man in Einweihungen oder dergleichen anvertraut bekommt.

Welche Rolle spielen Zeremonien? Zweifellos "bedeuten" sie etwas. Sampai - das Niederwerfen: ich werfe mich auf den Boden, drücke meine Stirn an den Boden, während die Hände neben dem Kopf nach oben geöffnet sind. Der Kopf wird "geerdet", die Hände sind offen: Eine Geste der Demut und der Empfänglichkeit. Gassho - die Verbeugung: ich verbeuge mich vor meinem Kissen, bevor ich mich daraufsetze. Ich werde auf diesem Kissen erleuchtet werden, deshalb ist es ein wichtiger Gegenstand, vor dem ich Respekt haben muß. Das Rezitieren von Sutren: einerseits ist das alles sehr stimmungsvoll, andererseits eine gute Atemübung - und darüber hinaus haben die Sutren Inhalte, mit denen man sich beschäftigen kann (zumal wenn sie auf deutsch rezitiert werden). Räucherstäbchen reinigen die Luft und helfen (ein bißchen) gegen Insekten - und gut riechen tun sie auch noch. Trommeln beim Rezitieren des Hannya Shingyo? Der Ton einer Klangschale vor dem Meditieren? Lotossitz? Alles nichts, was sein müßte - es geht auch ohne, aber mit geht's besser.

Das absolute Zentrum, der Punkt, ohne den es nicht geht: SHIKANTAZA, bewegungsloses Sitzen, sorgsames Atmen. Dabei ist das Ziel nicht ein Leben, das darin besteht, auf dem Meditationskissen zu sitzen und dort die Tage und Nächte zu verbringen, sondern das Sitzen auf dem Kissen ist ein Hilfsmittel zu etwas anderem. Mir fällt dazu ein Ausdruck ein, der im Christentum gebräuchlich ist: "Leben in Fülle", und zwar im Alltag, im ganz gewöhnlichen Leben. Das ist wichtig: es geht um den Alltag.

Jetzt werden sich natürlich Leute melden und sagen, es ginge aber doch um Erleuchtung, um Nirvana und überhaupt nicht um diese Welt. Die Welt sei doch böse, materiell etc., und es müsse darum gehen, sich von der Welt abzusondern und einen Strich zu ziehen, eine klare Trennungslinie zwischen Welt und Nichtwelt, zwischen Materie und Geist: Ziel des Buddhismus sei ja Auflösung von Verhaftetsein, und das könne in dieser Welt nicht funktionieren. Ich bin mir da nicht so sicher. "In der Fülle leben", mich an dieser Welt freuen, mich an den Menschen freuen, den einen oder anderen vielleicht auch lieben, die Natur wahrnehmen, mit Kindern spielen, etwas Gutes essen oder trinken, keine Angst haben - und das alles bewußt wahrzunehmen: für mich ist das schon ziemlich erleuchtet. Aber was hindert uns daran, so zu leben, die "Fülle des Lebens" wahrzunehmen?

Eine verbreitete Geschichte, die in vielen Wohngemeinschaftsküchen und anderen Orten hängt, an denen sich Leute mit esoterischen Neigungen aufhalten: