Mein Zen: Erst pissen, danach Zähneputzen

von Reinhard Haeufle




Die Bodhisattva-Gelübde (1)


So zahlreich die Lebewesen auch sind, ich gelobe sie alle zu retten.
So unerschöpflich meine Illusionen auch sind, ich gelobe, sie alle auszulöschen.
So unermeßlich die Dharmalehren auch sind, ich gelobe, sie alle zu meistern.
So unendlich der Buddhaweg auch ist, ich gelobe, ihm zu folgen.
 

Ich lege im Vorraum meine Alltagskleider ab und ziehe meinen schwarzen Kimono an. Dann gehe ich in's Zendo (2), achte darauf, daß ich mit dem linken Fuß über die Schwelle trete, verbeuge mich vor der Buddhastatue, die in der Mitte des Zendos steht, laufe linksherum an den Wänden entlang zu einem freien Platz, lege mein Kissen auf den Boden, verbeuge mich vor dem Kissen und setze mich, gegen die Wand schauend, darauf. Ich versuche meine Beine in eine "so-Lotossitz-wie möglich"-Haltung zu bringen, beuge mich nach rechts und links, pendle mich in die Mitte ein, strecke meinen Rücken, versuche möglichst senkrecht zu sitzen und bringe meine Hände auf meinem Schoß in die richtige Schalenhaltung. Wenn alle soweit sind, läutet der "Vorsitzende" mit seiner Klangschale, und die Meditation beginnt. Ich sitze auf meinem Kissen, bemühe ich, mein Rückgrat gestreckt zu halten, bemühe mich, möglichst tief in den Bauch zu atmen, zähle die Atemzüge, fange bei zehn wieder von vorne an, versuche die Gedanken ziehen zu lassen und keinen davon weiter zu verfolgen, bemühe mich, nicht zu dösen ...

Nach ca. einer halben Stunde (was eine sehr lange Zeit sein kann) läutet der "Vorsitzende" wieder. Alle verbeugen sich. Ich massiere meine eingeschlafenen Füße ein bißchen und versuche aufzustehen. Danach kommt Kinhin, eine Gehmeditation, bei der man langsam und vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzt, pro Atemzug einen Schritt machend. Das geht zehn bis fünfzehn Minuten, danach gehen wir zu unseren Kissen zurück, setzen uns wieder zurecht, und die zweite Sitzperiode beginnt. Sie ist manchmal etwas kurzweiliger, weil der "Vorsitzende" manchmal Kommentare zu Texten vorliest. Trotzdem: wenn nach einem Zeichen des "Vorsitzenden" einer von den Mitmeditierenden aufsteht und in den Vorraum geht, schmerzen meine Füße schon ziemlich. Der Rausgegangene schlägt draußen auf eine große Trommel, deren Töne durch den ganzen Körper vibrieren. Er läßt sich Zeit mit seinen Schlägen, ich verfluche ihn im Stillen, weil er so langsam macht, aber das stört ihn nicht weiter - er macht genauso langsam weiter. Irgendwann kommt dann die Erlösung: der "Vorsitzende" schlägt auf seine Klangschale. Alle drehen sich auf ihren Kissen um, schauen also nicht mehr gegen die Wand, sondern in den Raum zu den anderen. Das Hannya Shingyo (3) wird rezitiert, danach (auf Deutsch) das Fukanzazengi (4), ein Text von Dogen, dem Begründer der Soto-Sekte (5), Gelübde werden rezitiert, danach ist alles vorbei, und wir begeben uns wieder in die Welt (aus der wir nie fort waren).
 

Atalante 7