Viele von Trevrizents
Gedanken sind eigentlich ketzerische Elemente,
da ja damals z.B. Astrologie und Kräuterkunde von der Kirche als "heidnisches
Teufelswerk" verbannt worden waren. Der Einsiedler scheint häretische
Bewegungen des 13.Jahrhunderts zu verkörpern, die
wie etwa Katharer, Rosenkreuzer, Templer, Kräuterfrauen
und Alchemisten altes Mysterienwissen gegenüber römischem
Machtanspruch behaupteten und dafür oft mit ihrem Leben bezahlen mussten.
Insofern ist Wolframs Werk auch ein Stück subversiver Untergrundliteratur,
das in verschlüsselter Form "heidnisches Wissen" weitertransportiert.
In Trevrizent verkörpert sich auch die für das Mittelalter noch
eher ungewohnte Idee des Individuums, das - unabhängig von vorgegebenen
religiösen Lehren - seinen spirituellen Weg auf eigene Faust sucht
und dafür bereit ist, abseits der Gesellschaft zu leben.
Die damit verbundene Askese jedoch nimmt Wolfram nicht allzu ernst. Als
Trevrizent mehrfach daraufhin weist, dass der Gralsdienst absolute Keuschheit
verlange, reagiert Parzival eher skeptisch: Er müsse beim Gral immer
zugleich an seine Frau denken, worauf der Einsiedler einlenkend bemerkt,
auch eine gute Ehe könne ja vor Höllenqualen schützen. Bei
einem späteren Kampf, in dem Parzival in Bedrängnis gerät,
fasst Wolfram seine Haltung dazu folgendermassen zusammen: "Ich
müsste eigentlich um Parzival in Sorge sein, doch vertraue ich darauf,
dass ihn die Macht des Grals und die Liebe bewahren werden; denn beiden
hat er unermüdlich mit aller Kraft gedient."
Solche Bemerkungen verraten nicht nur einen für die damalige Zeit erstaunlichen
Horizont, sondern lassen den Text auch nie muffig oder frömmelnd wirken,
wie es Wagner's "Parsifal" leicht werden kann. Durch das ständige
Zusammenklingen von Spiritualität und Sexualität enthält
Wolfram's Text eine Frische und Lebendigkeit, die man weder bei den Kirchentheoretikern
noch bei vielen asketischen Laiengruppen des Mittelalters findet. |