Ketzerwissen

   
  Überraschend sind neben solchen Bildern auch Wolframs weitere Deutungsangebote zum Mysterium des "Grals", dessen Konturen – verbunden mit dem langsamen Reifeprozess unseres Helden – erst allmählich deutlicher werden. Im Gegensatz zu späteren völkischen Autoren des Dritten Reiches, die im "Gral" ein nordisch-germanisches Symbol sahen, vermutet Wolfram dessen Ursprung im orientalisch-arabischen Raum, wobei auch jüdische Einflüsse nicht ausgeschlossen werden.

In der Höhle des meditierenden Einsiedlers Trevrizent erfährt Parzival mehr darüber: z.B. die Legende, dass dieser "reine Stein" einst von Engeln aus dem Himmel zur Erde gebracht worden sei und auch mit astrologischen Erkenntnissen über die Wirkung der Gestirne auf die Menschen zusammenhinge. Trevrizent erzählt auch die Geschichte vom Ritter Amfortas, der durch eine heidnische Lanze an den Hoden verletzt wurde und nun mit einer unheilbaren Wunde dahinsieche. Alles Kräuterwissen des Einsiedlers sei jedoch machtlos dagegen, nur eine – aus echtem Mitleid und zur rechten Stunde gestellte - Frage könne helfen.

Viele von Trevrizents Gedanken sind eigentlich ketzerische Elemente, da ja damals z.B. Astrologie und Kräuterkunde von der Kirche als "heidnisches Teufelswerk" verbannt worden waren. Der Einsiedler scheint häretische Bewegungen des 13.Jahrhunderts zu verkörpern, die – wie etwa Katharer, Rosenkreuzer, Templer, Kräuterfrauen und Alchemisten – altes Mysterienwissen gegenüber römischem Machtanspruch behaupteten und dafür oft mit ihrem Leben bezahlen mussten. Insofern ist Wolframs Werk auch ein Stück subversiver Untergrundliteratur, das in verschlüsselter Form "heidnisches Wissen" weitertransportiert. In Trevrizent verkörpert sich auch die für das Mittelalter noch eher ungewohnte Idee des Individuums, das - unabhängig von vorgegebenen religiösen Lehren - seinen spirituellen Weg auf eigene Faust sucht und dafür bereit ist, abseits der Gesellschaft zu leben.

Die damit verbundene Askese jedoch nimmt Wolfram nicht allzu ernst. Als Trevrizent mehrfach daraufhin weist, dass der Gralsdienst absolute Keuschheit verlange, reagiert Parzival eher skeptisch: Er müsse beim Gral immer zugleich an seine Frau denken, worauf der Einsiedler einlenkend bemerkt, auch eine gute Ehe könne ja vor Höllenqualen schützen. Bei einem späteren Kampf, in dem Parzival in Bedrängnis gerät, fasst Wolfram seine Haltung dazu folgendermassen zusammen: "Ich müsste eigentlich um Parzival in Sorge sein, doch vertraue ich darauf, dass ihn die Macht des Grals und die Liebe bewahren werden; denn beiden hat er unermüdlich mit aller Kraft gedient."

Solche Bemerkungen verraten nicht nur einen für die damalige Zeit erstaunlichen Horizont, sondern lassen den Text auch nie muffig oder frömmelnd wirken, wie es Wagner's "Parsifal" leicht werden kann. Durch das ständige Zusammenklingen von Spiritualität und Sexualität enthält Wolfram's Text eine Frische und Lebendigkeit, die man weder bei den Kirchentheoretikern noch bei vielen asketischen Laiengruppen des Mittelalters findet.
 

Der Gral   Der Mischling