Der Gral

   
  Bevor in Wolframs Erzählung der "Gral" überhaupt in Sichtweite rückt, vergeht viel Zeit, in der unser Held alle möglichen Lebenserfahrungen durchmachen muss. Steht er dann das erstemal dem Mysterium gegenüber, schildert Wolfram dieses als einen seltsamen Stein inmitten einer Tafelrunde von auserwählten "Templeisen". Dieser wird jedoch nicht von einem Priester, sondern von einer schönen Frau auf einem grünen Seidentuch hereingetragen. Der "Gral" wirkt wie ein Füllhorn für ewige Jugend und unerschöpfliche Nahrungsmittel, während christliche Assoziationen (das in einer Schale aufgefangene Blut Christi) fehlen. Eher spielen ältere keltische Vorstellungen von Wunderkesseln hinein, die ebenfalls Regeneration und ewige Lebenskraft erzeugt haben sollen. Ebenso die ägyptische Sagenfigur des Vogels Phönix, der sich selbst verbrennt und aus der Asche verjüngt hervorgeht.

Parzival jedoch versteht dieses Symbol nicht und wird in der Nacht danach von unruhigen Träumen heimgesucht: Zeichen für das Einwirken einer bildlichen, aber noch verhüllten Wahrheit auf sein Unterbewusstsein, das mit der Frage ringt, wie sein Leben weitergehen soll. Bei seinem nächsten Kampf, der ihn wiederum als Sieger hervorgehen lässt, befolgt Parzival eine der Ritterregeln und schenkt dem Unterlegenen sein Leben. Als Entgelt verlangt er von ihm, die von ihm belästigte und von ihrem Gatten verstossene Dame aufzusuchen und ihr mitzuteilen, dass er – Parzival – von nun zu ihren Diensten stehe.


Dieses und andere Beispiele deuten an, dass das Kriegerwesen im "Parzival" gegenüber den germanischen Heldensagen eine Sublimierung erfuhr, die auch durch das Christentum mitbewirkt wurde: Das harte Gesetz der Blutrache weicht anderen, versöhnlicheren Lösungen. Der "Gral" scheint – wenn auch vom Helden noch kaum verstanden – eine transzendente Geistesdimension zu umschreiben, die höher steht als die alten Gesetze von Sippe, Blut und mythischem Wiederholungszwang.

Dass Blut im "Parzival" auch ganz andere Assoziationen als Streit und Rache auslösen kann, zeigt Wolframs Beschreibung einer Kampfszene, in der unser Held vom Muster dreier Blutstropfen im Schnee abgelenkt wird. Sie enstanden beim Reissen einer Wildgans durch einen Falken und erinnern Parzival jetzt an die geröteten Wangen im blassen Antlitz seiner fernen Gemahlin.

Blut wird zur Metapher von Lebenskraft, Leidenschaft und Liebesverlangen und Parzival muss all seine Disziplin zusammennehmen, um durch dieses Bild nicht in Phantasien abzudriften, die ihn im Zweikampf das Leben kosten könnten: eine anrührende Szene, die vom Weichwerden des gerüsteten Kriegers erzählt, von seinem Hinwegdämmern in Zonen von Sehnsucht, Imagination und Traum.

 

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