Narr und Sucher

   
 

Parzivals erstes Abenteuer zeigt nicht nur seine anfängliche Tolpatschigkeit, sondern auch Wolfram als mit Humor und erotischer Raffinesse begabten Dichter. In einem Zelt findet der Knabe eine schöne schlafende Frau: "Ihr Mund war brennendrot, Waffe der Liebe und Herzensqual des liebesdurstigen Ritters. Im Schlaf hatten sich ihre von heisser Liebesglut gezeichneten Lippen leicht geöffnet ... Ihre kleinen glänzenden Zähne, schneeweiss wie Elfenbein, reihten sich lückenlos aneinander ... Die Zobeldecke bedeckte sie nur bis zu den zarten Hüften; der Hitze wegen hatte sie die Decke fortgeschoben, als ihr Geliebter sie alleine liess."

Der in Liebesdingen unerfahrene Parzival springt auf das Bett und presst seine Lippen auf die der schönen Frau, die natürlich erschrocken auffährt. Nach einigem Ringen lässt der Knabe von ihr ab, worauf sie ihm mit der Bemerkung "So esst mich nur nicht selbst!" einige auf dem Tisch stehende Speisen anbietet. Er schlägt sich den Magen voll und bekommt den Ratschlag, schnell zu verschwinden, wenn ihn der heimkehrende Gemahl nicht antreffen soll. Parzival behauptet zwar, keine Angst davor zu haben, aber er reitet nach dem Mahl doch davon, nicht ohne sich noch einen weiteren Kuss erpresst zu haben.

Die junge Frau jedoch wird von ihrem zurückkehrenden Gatten der Ehrlosigkeit gescholten und nach einem heftigem Streit verstossen: ein erstes Desaster, dass unser "Held" in seiner Unüberlegtheit und Triebhaftigkeit angerichtet hat.


Auf seinem weiteren Weg tötet Parzival einen geharnischten Krieger im Kampf, nimmt ihm seine Rüstung ab und denkt, er sei nun selbst ein Ritter. Doch bei seinem ersten Besuch auf der Gralsburg passieren ihm peinliche Begebenheiten: Man entdeckt unter seiner Rüstung die alten Lumpen und Bauernstiefel und schmunzelt über seine derben Tischmanieren, während er Speis und Trank hinunterschlingt. Doch da er äusserst wohlgestaltet ist, helfen ihm einige junge Damen gerne beim Bad, was Wolfram wieder zu einigen atmosphärischen Schilderungen animiert. "Tageslicht und Mädchenschönheit lagen miteinander im Widerstreit, doch Parzivals Schönheit übertraf sie beide".

Vom Burgherr erhält er einige Ratschläge, wie sich ein wahrer Ritter zu benehmen habe, die uns mit dem mittelalterlichen Ehrencodex dieses Standes bekannt machen: besonnen handeln, Erbarmen mit den Armen zeigen, leutselig statt hochmütig sein, keine unnötigen Schätze anhäufen, den besiegten Feind verschonen, die Frauen ins Herz schliessen und keine unnötigen Fragen stellen. In der darauffolgenden Zeit der Prüfungen am Hofe erfolgt Parzivals erste Wandlung: Als sich ihm ein hübsches Mädchen anbietet, zögert er nun seinerseits und nimmt sich vor, erst noch weitere Lebenserfahrungen zu sammeln, bevor er "in einem Frauenarm erglühen mochte".
 

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