Waldeskindheit

   
  Parzival ist ein schönes, kräftiges Kind. Gerne beschaut die Mutter Herzeloyde "sein Gliedlein zwischen den Beinen" und steckt ihm "voll Eifer" ihre Brustspitzen "ins Mäulchen". Doch weil sein Vater im Kampf fiel, will sie ihren Sohn von allem ritterlichen Treiben fernhalten und zieht ihn in einem einsamen Wald auf.

Parallelen zum germanischen "Siegfried" fallen auf: Auch er wächst in einem Wald ohne Vater auf und seine Freunde sind eher Naturwesen als andere Kinder. Parzival hegt eine besondere Affinität zum Gesang der Vögel, was ein starkes Naturgefühl und eine Anlage zur Spiritualität verrät: "Kummer kannte er nicht, wäre nicht der Gesang der Vögel gewesen, dessen Süsse ihm seltsam tief ins Herz drang, so dass sich seine kindliche Brust voll Sehnsucht weitete."

Beim Hinaufschauen in die Baumwipfel tut sich ihm ein eigener Kosmos auf: Spuren altheidnischer Naturreligion, wie sie sich häufig im "Parzival" finden, wodurch er sich von vielen christlichen Texten der damaligen Zeit unterscheidet, die im Wald nur eine von Dämonen bewohnte Wildnis sehen.

Die ersten Ritter, denen das Kind begegnet, erscheinen ihm als himmlische Gestalten. Er sieht in ihnen keine bedrohlichen Unholde, sondern ist verzaubert vom Klingen kleiner "Goldglöckchen" an ihren Armen und Steigbügeln. Parzival stellt sich ihren hellen Klang als Begleitung der Schwertschläge vor: ein ungewöhnliches Bild, das die Figur des Ritters vom Martialisch-Düsteren in einen helleren poetischen Bereich erhebt. Was sind dies für seltsame Wesen und wo kommen sie her?

Entzückt von diesem Erlebnis, missachtet Parzival alle weiteren Warnungen seiner Mutter und verlässt sie, um von nun an alleine sein Glück in der weiten Welt zu suchen.
 

Die Elster   Narr und Sucher