Der Mann, der vom Himmel fiel

   
  Das, was der Name "Parzival" nach wie vor in mir auslöste, fand ich auch in ganz anderen Zusammenhängen wieder: etwa bei einem Plakat von David Bowie anlässlich seines Filmes "Der Mann, der vom Himmel fiel" oder in der Figur der "Jeanne d'Arc", wie sie die französische Filmschauspielerin Sandrine Bonnaire in Jacques Rivette's Meisterwerk verkörpert. Das Fotomodell Milla Jovovitch, das die Freiheitskämpferin in der jüngsten Jeanne d'Arc-Verfilmung von Luc Besson darstellt, hat diese Ausstrahlung z.B. nicht.

Doch Bowie und Sandrine Bonnaire – so verschieden sie sind - wirkten in ihrer Rolle durchaus "parzivalesk": auch hier Ritterhaftes, Kampfbereites, Idealistisches, eine Mischung aus Schönheit, Heldenhaftigkeit, aber auch Spiritualität, Weichheit und Androgynität. Dazu eine Aura von Reinheit, die aber nichts mit sexueller Askese zu tun hat, sondern auf jeden Fall eine bestimmte Art von Erotik beinhaltet.

Erst durch einen Umweg gelangte ich schliesslich zum wirklichen Parzival-Epos des mittelalterlichen Dichters Wolfram von Eschenbach (ca. 1170-1220) und wunderte mich, dass dort vieles meinen Intuitionen entsprach. Bei Recherchen zu einem Film über den Mythen-Missbrauch der Nazis stiess ich auf den SS-Führer Otto Rahn, der Wolfram's Werk ausgiebig studiert und dessen vermeintliche Spuren bis in die Pyrenäen hinein verfolgt hatte.

Um seine Vermutungen zu überprüfen, griff ich natürlich auch zum Originaltext und entdeckte eine Geschichte von erstaunlichem Reichtum und unverhoffter Modernität. Alles, was mich an der Wagneroper immer gestört hatte, fehlte hier: die Denunziation der Sinnlichkeit, übertrieben Weihevolles und hysterisch Zugespitztes, Opernkulissen, Pappschwäne und leicht beleibte Helden, die ständig von "Erlösung" singen. Bei Wolfram wurde das "Heilige" nicht überstrapaziert. Es wirkte verborgener und war stärker mit alltäglichen Dingen (auch Erotik und Sexualität) verbunden als bei Wagner, der sein Werk pathetisch ein "Bühnenweihfestspiel" nannte und es exklusiv nur in seinem Bayreuther Opernhaus aufgeführt haben wollte.
 

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