| Nachspiel |
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Obwohl Wagner Wolfram auch als Inspirationsquelle benutzte, äusserte er sich eher negativ über ihn: Der Autor sei eine "durchaus unreife Erscheinung", die es sich "zu leicht" gemacht und nichts vom eigentlichen Inhalt der Gralssage verstanden habe. Er hänge lediglich "Begebnis an Begebnis" und schwatze die "schlechten französischen Ritterromane seiner Zeit" nach, schrieb Wagner am 29.5.1859 an Mathilde Wesendonck. Wagner war in Wolframs Gralsversion vermutlich alles zu luftig, zu wenig "heilig" und bedeutungsschwer, vielleicht spielten auch Aversionen gegen die Vielfalt der Kulturen mit hinein. Seine pompösere und eindimensionalere Fassung wollte den Stoff wohl auch "germanisieren", was ein von Cosima überlieferter Ausspruch andeutet: "Gobineau sagt, die Germanen waren die letzte Karte, welche die Natur auszuspielen hatte. 'Parsifal' ist meine letzte Karte." Wagner verehrte den französischen Rassentheoretiker Graf Gobineau, der die Dominanz der vermeintlich überlegenen "weissen Rasse" durch zunehmende Völkervermischung bedroht sah. Insofern kann mit "letzter Karte" gemeint sein, dass Wagner seinen "Parsifal" auch als Bollwerk gegen die "Verunreinigung" des "germanischen Blutes" verstand und im "Gral" - neben anderen Bedeutungen - einen Hort des rassisch "Reinen" sah. Es scheint daher nicht verwunderlich, dass auch Hitler eher Wagner als Wolfram für seine Gralsphantasien favorisierte. Bereits seit seiner Jugend hatte er unzählige Male den "Lohengrin" gesehen, den er auswendig gekannt haben muss. Winifried Wagner, die in Bayreuth öfter neben ihm sass, erinnerte sich, dass Hitler auch noch entlegenste Details gegenwärtig waren. Als man einmal etwas in der Gralserzählung des Lohengrin gestrichen hatte, zuckte er förmlich zusammen, weil er aus seiner Wiener Zeit noch die ungekürzte Fassung kannte. (Brigitte Hamann: Hitlers Wien, Lehrjahre eines Diktators, München/Zürich 1996, 95). Noch grössere
Bewunderung jedoch zollte Hitler der Darstellung des Gralsmythos im "Parsifal".
Wolfgang Wagner teilte seiner Mutter 1940 mit, dass der "Führer"
die Aufführung dieser Oper ab 1939 untersagt hatte, weil er sie für
eine monumentale Weihefeier nach dem gewonnenen Krieg reservieren wollte.
(Renate Schostack: Hinter Wahnfrieds Mauern, Hamburg 1998, 174f).
Was Hitler für den "Parsifal" empfand, beschrieb der damalige
Reichsjustizminister Hans Frank, der
mit ihm einmal während einer nächtlichen Bahnfahrt
das Vorspiel anhörte: Für Hitler bedeutete der "Gral" also ein blutbedingtes Mysterium nordisch-germanischen Heldentums in Abgrenzung zum "unheldischen" Judentum und er las solches aus der Wagnerschen Oper heraus. Dies geht natürlich nicht ausschliesslich zu Lasten des Komponisten, der im "Parsifal" rassistisch-antisemitische Anspielungen vermied und streckenweise auch grandiose Musik schrieb. Aber Hitler kannte sehr genau Wagners Schriften, wo gelegentlich das "Germanische" gegen das "Semitische" ausgespielt wird und trug derlei Polarisierungen mit in die Musik herein. Wolframs
"Parzival" hätte sich für solche Projektionen aus
inhaltlichen und strukturellen Gründen kaum geeignet. Zu verschlungen
ist die Erzählweise, zu wenig werden Dualismen wie "rein"
und "unrein" bemüht oder edle Ritter einfach nur dämonischen
Unholden gegenübergestellt. Seine Behandlung von Erotik und Sexualität
mag den Nazis genauso befremdlich erschienen sein wie das Oszillieren
zwischen verschiedenen Kulturen oder gar die Vermutung, der Gralsmythos
sei von einem jüdischen Gelehrten überliefert worden. Solches
aber macht Wolframs Verse - neben vielem anderen - nach wie vor zu einem
Zeugnis für einen nicht nur literarisch bemerkenswerten Geist. Dieser
besticht neben Offenheit, Humor und plastischen Sprachbildern vor allem
auch durch die Kraft, entlegenste und widersprüchlichste Seelenregungen
des Menschen miteinander zu verbinden - und manchmal sogar zu versöhnen.
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