|
Amfortas' durch eine Lanze bewirkter Blut- und Eiterfluss kann nicht mehr
durch "heidnische Medizin" (Kräuter, Edelsteine, Schlangenserum)
geheilt werden, sondern hört erst bei Parzivals Frage auf. Dieses
Bild kündigt auch neue Denk- und Empfindungsqualitäten an, die
die vorchristliche Welt so nicht kannte: Mitgefühl statt Vergeltung,
individuell erworbene Erfahrung statt blossem Gehorsam gegenüber
alten Gesetzen. Elemente von Entwicklung, Individualität und seelischer
Vertiefung lösen das eher statische Weltbild der "Heiden"
ab, das nur die zyklische Wiederkehr des Immergleichen kannte.
Parzival
wird zum neuen Gralskönig, ohne es eigentlich zu wollen. Er hat sich
durch seine - während einer langen Odyssee erworbenen - Einsichten
von selbst dazu qualifiziert und nimmt
das Amt nun gerne an, um diese weiterzugeben.
Beglückt kehrt er zu seiner Gemahlin Condwiramur zurück und
erklärt ihr nicht nur ihre neue Rolle als Gralskönigin, sondern
beide feiern das Ereignis auch mit einer langen Liebesnacht: "Meines
Wissens", so der Kommentar Wolframs, "genoss er die Freuden,
die seine Frau ihm schenkte, bis in den späten Vormittag."
Wolframs Epos, von dem wir hier nur die wichtigsten Teile referiert haben,
endet anders als die Wagnersche Oper. Während in dieser eine reine
Männerrunde den Triumph über den Dämon der Sinnlichkeit
zelebriert, kommt es im "Parzival" zu einer rauschenden Doppelhochzeit.
Denn auch Feirefiz hat sich verliebt, ausgerechnet in die Trägerin
des Grals mit dem schönen Namen Repanse
de Schoye, von der es heisst, dass der Gral sich nur von ihr
tragen lasse. Ein weiteres Beispiel dafür, dass physische und geistige
Schönheit, Sinnlichkeit und Spiritualität bei Wolfram keine
Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen.
Die am Ende noch eingeschobene Taufe von Feirefiz mag vom Autor als Zugeständnis
an eine christliche Leserschaft gedacht worden sein. Beim Lesen der Stelle
fällt der humorige und eher leichte Tonfall auf, der selbst bei Feirefiz'
"Abschwören" seiner Heidengötter nichts Rigides bekommt.
So spielt Wolframs Charakterisierung des Taufwassers sogar auf eine Versöhnung
von Heidnischem und Christlichem an, indem er naturreligiöse Elemente
miteinbezieht: das bei der Taufe verwendete Wasser
verleihe der Seele zwar einen christlichen "Glanz", aber aus
ihm zögen schliesslich auch die Bäume "ihre Säfte".
Die neue Qualität seelischer Vertiefung, die das Grals-Christentum
bringt, steht nicht im Widerspruch zum Respekt vor den lebensspendenden
Kräften der Natur.
Nach Hochzeit, Taufe und Festlichkeiten treten Parzival und Condwiramur
ihr Amt an, während Feirefiz mit seiner Frau zurück in die orientalische
Heimat zieht. Dort schenkt sie ihm einen Sohn, der Prediger wird und das
Christentum auch in Indien bekannt macht. Parzival seinerseits kümmert
sich verstärkt um die Erziehung seines Sohnes Lohengrin,
der ebenfalls im Dienste des Grals stehen wird. Wolfram skizziert dessen
Geschichte nur kurz am Schluss seiner Erzählung, ohne sie
bedauerlicherweise später weitergeführt zu haben.
|