Herzenskönigtum

   
  Erst nach all diesen Prüfungen scheint Parzival reif für die Botschaft des "Grals" zu sein. Eine aufblitzende Inschrift auf dem Stein – so erfährt er – habe ihn zum neuen Gralskönig bestimmt. Bei einem weiteren Besuch auf der Gralsburg ist er nun in der Lage, dem kranken König die richtige Frage im richtigen Moment und im richtigen Tonfall zu stellen: "Oheim, waz wirret dir?"

Wir spüren dabei, dass er nichts Aufgetragenes vollbringt, sondern durch eigene Erlebnisse zu einem echten Ausdruck von Mitgefühl fähig wurde, das nun den Bann von der Wunde nimmt. Parzival wurde sozusagen von innen her "christianisiert", aus freier Entscheidung und im Durchgang durch spirituelle Erfahrungen, die er ohne Priester und Bibel machte und die seine Seele umso nachhaltiger prägten.


Amfortas' durch eine Lanze bewirkter Blut- und Eiterfluss kann nicht mehr durch "heidnische Medizin" (Kräuter, Edelsteine, Schlangenserum) geheilt werden, sondern hört erst bei Parzivals Frage auf. Dieses Bild kündigt auch neue Denk- und Empfindungsqualitäten an, die die vorchristliche Welt so nicht kannte: Mitgefühl statt Vergeltung, individuell erworbene Erfahrung statt blossem Gehorsam gegenüber alten Gesetzen. Elemente von Entwicklung, Individualität und seelischer Vertiefung lösen das eher statische Weltbild der "Heiden" ab, das nur die zyklische Wiederkehr des Immergleichen kannte.

Parzival wird zum neuen Gralskönig, ohne es eigentlich zu wollen. Er hat sich durch seine - während einer langen Odyssee erworbenen - Einsichten von selbst dazu qualifiziert und nimmt das Amt nun gerne an, um diese weiterzugeben. Beglückt kehrt er zu seiner Gemahlin Condwiramur zurück und erklärt ihr nicht nur ihre neue Rolle als Gralskönigin, sondern beide feiern das Ereignis auch mit einer langen Liebesnacht: "Meines Wissens", so der Kommentar Wolframs, "genoss er die Freuden, die seine Frau ihm schenkte, bis in den späten Vormittag."

Wolframs Epos, von dem wir hier nur die wichtigsten Teile referiert haben, endet anders als die Wagnersche Oper. Während in dieser eine reine Männerrunde den Triumph über den Dämon der Sinnlichkeit zelebriert, kommt es im "Parzival" zu einer rauschenden Doppelhochzeit. Denn auch Feirefiz hat sich verliebt, ausgerechnet in die Trägerin des Grals mit dem schönen Namen Repanse de Schoye, von der es heisst, dass der Gral sich nur von ihr tragen lasse. Ein weiteres Beispiel dafür, dass physische und geistige Schönheit, Sinnlichkeit und Spiritualität bei Wolfram keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen.

Die am Ende noch eingeschobene Taufe von Feirefiz mag vom Autor als Zugeständnis an eine christliche Leserschaft gedacht worden sein. Beim Lesen der Stelle fällt der humorige und eher leichte Tonfall auf, der selbst bei Feirefiz' "Abschwören" seiner Heidengötter nichts Rigides bekommt. So spielt Wolframs Charakterisierung des Taufwassers sogar auf eine Versöhnung von Heidnischem und Christlichem an, indem er naturreligiöse Elemente miteinbezieht: das bei der Taufe verwendete
Wasser verleihe der Seele zwar einen christlichen "Glanz", aber aus ihm zögen schliesslich auch die Bäume "ihre Säfte". Die neue Qualität seelischer Vertiefung, die das Grals-Christentum bringt, steht nicht im Widerspruch zum Respekt vor den lebensspendenden Kräften der Natur.

Nach Hochzeit, Taufe und Festlichkeiten treten Parzival und Condwiramur ihr Amt an, während Feirefiz mit seiner Frau zurück in die orientalische Heimat zieht. Dort schenkt sie ihm einen Sohn, der Prediger wird und das Christentum auch in Indien bekannt macht. Parzival seinerseits kümmert sich verstärkt um die Erziehung seines Sohnes Lohengrin, der ebenfalls im Dienste des Grals stehen wird. Wolfram skizziert dessen Geschichte nur kurz am Schluss seiner Erzählung, ohne sie – bedauerlicherweise – später weitergeführt zu haben.

 

Der Mischling   Nachspiel