"Rote Lippen, heiliger Gral"

Annäherungen an Wolfram von Eschenbach's "Parzival"

von Rüdiger Sünner

 

Vorspiel

Der schönsten Gralsgeschichte der europäischen Literatur begegnete ich erstmals durch die Aura eines Wortes. Als ich 17 Jahre alt war, entdeckte ich in einem Kölner Plattenladen das Cover einer Folkrock-Gruppe namens "Parzival". Der Name gefiel mir: Er stach heraus aus der Fülle anderer Bandbezeichnungen und schien auf einen unbekannten Bereich der Geschichte zu verweisen, den ich zunächst nur ahnungsweise fassen konnte. Dieser schien etwas mit Rittern zu tun zu haben, mit Burgen, Wäldern, Abenteuern und schönen Frauen, aber auch mit der Aura bestimmter Tugenden, deren Vorstellung mich angenehm berührte.
"Parzival" klang schlank, fremd, geheimnisvoll und stark. Etwas Edles, Aufrichtiges und auch Reines schwang darin mit, eine Haltung von Idealismus, Selbstlosigkeit und Kampfbereitschaft, die jedoch eher kommt, um zu helfen als zu töten. Eine Assoziation zur Figur des "Prinz Eisenherz" entstand, die ich Jahre zuvor durch Comicbücher und Filme kennengelernt hatte, auch zu den "Deutschen Heldensagen" mit ihren eigenwilligen – teils blutigen und teils poetischen - Geschichten.
Wer "Parzival" wirklich war, wusste ich nicht und ich ging ihm auch nicht weiter nach. Auch nicht während meines späteren Studiums der Musikwissenschaften, wo ich natürlich die Wagneroper "Parsifal" kennenlernte, die mich aber nicht so stark berührte. War es die kleine Differenz in der Schreibweise, das "s" statt dem "z", dass dem Wort eine andere Ausstrahlung verschaffte?
"Parzival" klingt aufregender und unergründlicher als "Parsifal". Das schärfere "z" scheint dem Wort ein Funkeln zu geben, das "Parsifal" so nicht hat und verleiht ihm die Aura eines seltenen Edelsteines, in dem sich das Licht in unergründliche Tiefen hinein brechen kann.
Was genau der "Gral" war und wie er mit "Parzival" zusammenhing, wusste ich damals noch nicht. Mal hörte ich, dass es ein Gefäss sei, mal ein Stein oder ein nicht weiter bezeichnetes Geheimwissen. Irgendwie schien "Parzival" vom "Gral" geführt zu werden: von einer Art Gewissen, einer besseren Stimme seines Inneren oder kräftigte er sich mit einem Wunderelixier, das immer wieder neue Kraft spendete?

Der Mann, der vom Himmel fiel

Das, was der Name "Parzival" nach wie vor in mir auslöste, fand ich auch in ganz anderen Zusammenhängen wieder: etwa bei einem Plakat von David Bowie anlässlich seines Filmes "Der Mann, der vom Himmel fiel" oder in der Figur der "Jeanne d'Arc", wie sie die französische Filmschauspielerin Sandrine Bonnaire in Jacques Rivette's Meisterwerk verkörpert. Das Fotomodell Milla Jovovitch, das die Freiheitskämpferin in der jüngsten Jeanne d'Arc-Verfilmung von Luc Besson darstellt, hat diese Ausstrahlung z.B. nicht.
Doch Bowie und Sandrine Bonnaire – so verschieden sie sind - wirkten in ihrer Rolle durchaus "parzivalesk": auch hier Ritterhaftes, Kampfbereites, Idealistisches, eine Mischung aus Schönheit, Heldenhaftigkeit, aber auch Spiritualität, Weichheit und Androgynität. Dazu eine Aura von Reinheit, die aber nichts mit sexueller Askese zu tun hat, sondern auf jeden Fall eine bestimmte Art von Erotik beinhaltet.
Erst durch einen Umweg gelangte ich schliesslich zum wirklichen Parzival-Epos des mittelalterlichen Dichters Wolfram von Eschenbach (ca. 1170-1220) und wunderte mich, dass dort vieles meinen Intuitionen entsprach. Bei Recherchen zu einem Film über den Mythen-Missbrauch der Nazis stiess ich auf den SS-Führer Otto Rahn, der Wolfram's Werk ausgiebig studiert und dessen vermeintliche Spuren bis in die Pyrenäen hinein verfolgt hatte.
Um seine Vermutungen zu überprüfen, griff ich natürlich auch zum Originaltext und entdeckte eine Geschichte von erstaunlichem Reichtum und unverhoffter Modernität. Alles, was mich an der Wagneroper immer gestört hatte, fehlte hier: die Denunziation der Sinnlichkeit, übertrieben Weihevolles und hysterisch Zugespitztes, Opernkulissen, Pappschwäne und leicht beleibte Helden, die ständig von "Erlösung" singen. Bei Wolfram wurde das "Heilige" nicht überstrapaziert. Es wirkte verborgener und war stärker mit alltäglichen Dingen (auch Erotik und Sexualität) verbunden als bei Wagner, der sein Werk pathetisch ein "Bühnenweihfestspiel" nannte und es exklusiv nur in seinem Bayreuther Opernhaus aufgeführt haben wollte.

Die Elster

Wolfram's "Parzival" ist die Geschichte vom Erwachsenwerden eines jungen Mannes, der nicht nur kämpfen und lieben lernen muss, sondern dessen Persönlichkeit sich erst langsam durch viele Prüfungen hindurch entwickelt. Thomas Mann sagte einmal, dass ohne dieses Werk der moderne Entwicklungsroman (etwa Goethes "Wilhelm Meister") nicht entstanden wäre und man möchte hinzufügen, dass auch das Kino diesem Archetyp vieles verdankt.
Das erstaunliche, etwa um 1200 geschriebene Versepos beginnt bereits mit einem Satz, der nicht nur für das damalige christliche Europa bemerkenwert war: "Wer schwankt, kann immer noch froh sein; denn Himmel und Hölle haben an ihm teil." Der Mensch, so Wolfram, gleiche einer Elster, die gleichermassen schwarz- und weissgefleckt sei.
Während strenge Päpste in dieser Zeit Kreuzzügler und Inquisitionstruppen ausschickten, um "Ungläubige", "Hexen" und "Teufelsanbeter" umzubringen, schrieb ein Dichter von dem unauflöslichen Doppelgesicht des Menschen und gab ihm gleich einen Mischling als Zwillingsbruder mit.
Denn Parzivals Vater Gachmuret hat auf seinen Heldenfahrten nicht nur ihn gezeugt, sondern mit einer afrikanischen Schönheit auch den "gescheckten" Feirefiz, der später im Roman noch eine wichtige Rolle spielen wird.

Waldeskindheit

Parzival ist ein schönes, kräftiges Kind. Gerne beschaut die Mutter Herzeloyde "sein Gliedlein zwischen den Beinen" und steckt ihm "voll Eifer" ihre Brustspitzen "ins Mäulchen". Doch weil sein Vater im Kampf fiel, will sie ihren Sohn von allem ritterlichen Treiben fernhalten und zieht ihn in einem einsamen Wald auf.
Parallelen zum germanischen "Siegfried" fallen auf: Auch er wächst in einem Wald ohne Vater auf und seine Freunde sind eher Naturwesen als andere Kinder. Parzival hegt eine besondere Affinität zum Gesang der Vögel, was ein starkes Naturgefühl und eine Anlage zu Spiritualität verrät: "Kummer kannte er nicht, wäre nicht der Gesang der Vögel gewesen, dessen Süsse ihm seltsam tief ins Herz drang, so dass sich seine kindliche Brust voll Sehnsucht weitete."
Beim Hinaufschauen in die Baumwipfel tut sich ihm ein eigener Kosmos auf: Spuren altheidnischer Naturreligion, wie sie sich häufig im "Parzival" finden, wodurch er sich von vielen christlichen Texten der damaligen Zeit unterscheidet, die im Wald nur eine von Dämonen bewohnte Wildnis sehen.
Die ersten Ritter, denen das Kind begegnet, erscheinen ihm als himmlische Gestalten. Er sieht in ihnen keine bedrohlichen Unholde, sondern ist verzaubert vom Klingen kleiner "Goldglöckchen" an ihren Armen und Steigbügeln. Parzival stellt sich ihren hellen Klang als Begleitung der Schwertschläge vor: ein ungewöhnliches Bild, das die Figur des Ritters vom Martialisch-Düsteren in einen helleren poetischen Bereich erhebt. Was sind dies für seltsame Wesen und wo kommen sie her?
Entzückt von diesem Erlebnis, missachtet Parzival alle weiteren Warnungen seiner Mutter und verlässt sie, um von nun an alleine sein Glück in der weiten Welt zu suchen.

Narr und Sucher

Parzivals erstes Abenteuer zeigt nicht nur seine anfängliche Tolpatschigkeit, sondern auch Wolfram als mit Humor und erotischer Raffinesse begabten Dichter. In einem Zelt findet der Knabe eine schöne schlafende Frau: "Ihr Mund war brennendrot, Waffe der Liebe und Herzensqual des liebesdurstigen Ritters. Im Schlaf hatten sich ihre von heisser Liebesglut gezeichneten Lippen leicht geöffnet ... Ihre kleinen glänzenden Zähne, schneeweiss wie Elfenbein, reihten sich lückenlos aneinander ... Die Zobeldecke bedeckte sie nur bis zu den zarten Hüften; der Hitze wegen hatte sie die Decke fortgeschoben, als ihr Geliebter sie alleine liess."
Der in Liebesdingen unerfahrene Parzival springt auf das Bett und presst seine Lippen auf die der schönen Frau, die natürlich erschrocken auffährt. Nach einigem Ringen lässt der Knabe von ihr ab, worauf sie ihm mit der Bemerkung "So esst mich nur nicht selbst!" einige auf dem Tisch stehende Speisen anbietet. Er schlägt sich den Magen voll und bekommt den Ratschlag, schnell zu verschwinden, wenn ihn der heimkehrende Gemahl nicht antreffen soll. Parzival behauptet zwar, keine Angst davor zu haben, aber er reitet nach dem Mahl doch davon, nicht ohne sich noch einen weiteren Kuss erpresst zu haben.
Die junge Frau jedoch wird von ihrem zurückkehrenden Gatten der Ehrlosigkeit gescholten und nach einem heftigem Streit verstossen: ein erstes Desaster, dass unser "Held" in seiner Unüberlegtheit und Triebhaftigkeit angerichtet hat.
Auf seinem weiteren Weg tötet Parzival einen geharnischten Krieger im Kampf, nimmt ihm seine Rüstung ab und denkt, er sei nun selbst ein Ritter. Doch bei seinem ersten Besuch auf der Gralsburg passieren ihm peinliche Begebenheiten: Man entdeckt unter seiner Rüstung die alten Lumpen und Bauernstiefel und schmunzelt über seine derben Tischmanieren, während er Speis und Trank hinunterschlingt. Doch da er äusserst wohlgestaltet ist, helfen ihm einige junge Damen gerne beim Bad, was Wolfram wieder zu einigen atmosphärischen Schilderungen animiert. "Tageslicht und Mädchenschönheit lagen miteinander im Widerstreit, doch Parzivals Schönheit übertraf sie beide".
Vom Burgherr erhält er einige Ratschläge, wie sich ein wahrer Ritter zu benehmen habe, die uns mit dem mittelalterlichen Ehrencodex dieses Standes bekannt machen: besonnen handeln, Erbarmen mit den Armen zeigen, leutselig statt hochmütig sein, keine unnötigen Schätze anhäufen, den besiegten Feind verschonen, die Frauen ins Herz schliessen und keine unnötigen Fragen stellen. In der darauffolgenden Zeit der Prüfungen am Hofe erfolgt Parzivals erste Wandlung: Als sich ihm ein hübsches Mädchen anbietet, zögert er nun seinerseits und nimmt sich vor, erst noch weitere Lebenserfahrungen zu sammeln, bevor er "in einem Frauenarm erglühen mochte".

Irrfahrten und Liebeswirren

Als Parzival die Burg zu weiteren Taten verlässt, steigt eine "gärende Unruhe" in ihm auf: "Die Weite schien ihm zu eng, die Breite zu schmal, das Grün der Wiesen und Bäume zu blass, das Rot seiner Rüstung zu farblos." Ohne rechtes Ziel lockert er die Zügel und lässt sich von seinem Pferd irgendwohin tragen: ein schönes Bild für das Vertrauen in innere Naturkräfte, das ebenfalls nicht in einen genuin christlichen Text passt, der eher von geistiger Zucht und Kontrolle handeln würde.
Nach weiteren Taten ist Parzival dann bereit, weitere Lektionen als Liebhaber zu lernen. Rührend Wolframs Schilderungen, wie er mit der schönen, aber noch schamhaften Jungfrau Condwiramur seine erste Liebesversuche bestreitet. Diese gleitet – nur mit einem Samtumhang bekleidet – zu ihm, aber beide wissen nicht recht, wie sie sich verhalten sollen:
"Als er sie dann zu sich nahm, geschah es in grösster Herzenseinfalt, in einer Art Waffenstillstand, ohne dass die versöhnungsstiftenden Glieder zueinander fanden. Beide dachten nicht einmal daran." Erst nach einigen Tagen will es schliesslich gelingen: "Sie schlangen also Arme und Beine ineinander, und wenn ich es schon sagen soll: er fand das nahe Süsse, und beide übten den alten, stets neuen Brauch. Dabei war ihnen wohl und nicht wehe zumute."

Der Gral

Bevor in Wolframs Erzählung der "Gral" überhaupt in Sichtweite rückt, vergeht viel Zeit, in der unser Held alle möglichen Lebenserfahrungen durchmachen muss. Steht er dann das erstemal dem Mysterium gegenüber, schildert Wolfram dieses als einen seltsamen Stein inmitten einer Tafelrunde von auserwählten "Templeisen". Dieser wird jedoch nicht von einem Priester, sondern von einer schönen Frau auf einem grünen Seidentuch hereingetragen. Der "Gral" wirkt wie ein Füllhorn für ewige Jugend und unerschöpfliche Nahrungsmittel, während christliche Assoziationen (das in einer Schale aufgefangene Blut Christi) fehlen. Eher spielen ältere keltische Vorstellungen von Wunderkesseln hinein, die ebenfalls Regeneration und ewige Lebenskraft erzeugt haben sollen. Ebenso die ägyptische Sagenfigur des Vogels Phönix, der sich selbst verbrennt und aus der Asche verjüngt hervorgeht.
Parzival jedoch versteht dieses Symbol nicht und wird in der Nacht danach von unruhigen Träumen heimgesucht: Zeichen für das Einwirken einer bildlichen, aber noch verhüllten Wahrheit auf sein Unterbewusstsein, das mit der Frage ringt, wie sein Leben weitergehen soll. Bei seinem nächsten Kampf, der ihn wiederum als Sieger hervorgehen lässt, befolgt Parzival eine der Ritterregeln und schenkt dem Unterlegenen sein Leben. Als Entgelt verlangt er von ihm, die von ihm belästigte und von ihrem Gatten verstossene Dame aufzusuchen und ihr mitzuteilen, dass er – Parzival – von nun zu ihren Diensten stehe.
Dieses und andere Beispiele deuten an, dass das Kriegerwesen im "Parzival" gegenüber den germanischen Heldensagen eine Sublimierung erfuhr, die auch durch das Christentum mitbewirkt wurde: Das harte Gesetz der Blutrache weicht anderen, versöhnlicheren Lösungen. Der "Gral" scheint – wenn auch vom Helden noch kaum verstanden – eine transzendente Geistesdimension zu umschreiben, die höher steht als die alten Gesetze von Sippe, Blut und mythischem Wiederholungszwang.
Dass Blut im "Parzival" auch ganz andere Assoziationen als Streit und Rache auslösen kann, zeigt Wolframs Beschreibung einer Kampfszene, in der unser Held vom Muster dreier Blutstropfen im Schnee abgelenkt wird. Sie enstanden beim Reissen einer Wildgans durch einen Falken und erinnern Parzival jetzt an die geröteten Wangen im blassen Antlitz seiner fernen Gemahlin.
Blut wird zur Metapher von Lebenskraft, Leidenschaft und Liebesverlangen und Parzival muss all seine Disziplin zusammennehmen, um durch dieses Bild nicht in Phantasien abzudriften, die ihn im Zweikampf das Leben kosten könnten: eine anrührende Szene, die vom Weichwerden des gerüsteten Kriegers erzählt, von seinem Hinwegdämmern in Zonen von Sehnsucht, Imagination und Traum.

Ketzerwissen

Überraschend sind neben solchen Bildern auch Wolframs weitere Deutungsangebote zum Mysterium des "Grals", dessen Konturen – verbunden mit dem langsamen Reifeprozess unseres Helden – erst allmählich deutlicher werden. Im Gegensatz zu späteren völkischen Autoren des Dritten Reiches, die im "Gral" ein nordisch-germanisches Symbol sahen, vermutet Wolfram dessen Ursprung im orientalisch-arabischen Raum, wobei auch jüdische Einflüsse nicht ausgeschlossen werden.
In der Höhle des meditierenden Einsiedlers Trevrizent erfährt Parzival mehr darüber: z.B. die Legende, dass dieser "reine Stein" einst von Engeln aus dem Himmel zur Erde gebracht worden sei und auch mit astrologischen Erkenntnissen über die Wirkung der Gestirne auf die Menschen zusammenhinge. Trevrizent erzählt auch die Geschichte vom Ritter Amfortas, der durch eine heidnische Lanze an den Hoden verletzt wurde und nun mit einer unheilbaren Wunde dahinsieche. Alles Kräuterwissen des Einsiedlers sei jedoch machtlos dagegen, nur eine – aus echtem Mitleid und zur rechten Stunde gestellte - Frage könne helfen.
Viele von Trevrizents Gedanken sind eigentlich ketzerische Elemente, da ja damals z.B. Astrologie und Kräuterkunde von der Kirche als "heidnisches Teufelswerk" verbannt worden waren. Der Einsiedler scheint häretische Bewegungen des 13.Jahrhunderts zu verkörpern, die – wie etwa Katharer, Rosenkreuzer, Templer, Kräuterfrauen und Alchemisten – altes Mysterienwissen gegenüber römischem Machtanspruch behaupteten und dafür oft mit ihrem Leben bezahlen mussten. Insofern ist Wolframs Werk auch ein Stück subversiver Untergrundliteratur, das in verschlüsselter Form "heidnisches Wissen" weitertransportiert. In Trevrizent verkörpert sich auch die für das Mittelalter noch eher ungewohnte Idee des Individuums, das - unabhängig von vorgegebenen religiösen Lehren - seinen spirituellen Weg auf eigene Faust sucht und dafür bereit ist, abseits der Gesellschaft zu leben.
Die damit verbundene Askese jedoch nimmt Wolfram nicht allzu ernst. Als Trevrizent mehrfach daraufhin weist, dass der Gralsdienst absolute Keuschheit verlange, reagiert Parzival eher skeptisch: Er müsse beim Gral immer zugleich an seine Frau denken, worauf der Einsiedler einlenkend bemerkt, auch eine gute Ehe könne ja vor Höllenqualen schützen. Bei einem späteren Kampf, in dem Parzival in Bedrängnis gerät, fasst Wolfram seine Haltung dazu folgendermassen zusammen: "Ich müsste eigentlich um Parzival in Sorge sein, doch vertraue ich darauf, dass ihn die Macht des Grals und die Liebe bewahren werden; denn beiden hat er unermüdlich mit aller Kraft gedient."
Solche Bemerkungen verraten nicht nur einen für die damalige Zeit erstaunlichen Horizont, sondern lassen den Text auch nie muffig oder frömmelnd wirken, wie es Wagner's "Parsifal" leicht werden kann. Durch das ständige Zusammenklingen von Spiritualität und Sexualität enthält Wolfram's Text eine Frische und Lebendigkeit, die man weder bei den Kirchentheoretikern noch bei vielen asketischen Laiengruppen des Mittelalters findet.

Der Mischling

Ein weiterer Höhepunkt und Prüfstein ist Parzival's Begegnung mit seinem schon erwähnten "gescheckten" Zwillingsbruder Feirefiz, der bei einem afrikanischen Liebesabenteuer seines Vaters Gachmuret gezeugt wurde.
Wäre das Wort nicht so verbraucht, könnte man bei dieser Szene von einem Stück mittelalterlichen "Multikulti" sprechen, das übrigens im 13. Jahrhundert weiter verbreitet war, als viele heute wissen: Auch der Kreuzfahrer Richard Löwenherz war eng mit einem arabischen Sultan befreundet und der normannische Kaiser Friedrich II. pflegte in Süditalien das Zusammenleben von christlicher, jüdischer und islamischer Kultur.
Feirefiz, der von Parzival zunächst nicht als Bruder erkannt wird, tritt mit diesem in einen langen Zweikampf ein, der mal diesen, mal jenen begünstigt. Wolfram beschreibt ihn als einen aus dem Orient kommenden "Heiden", aber es fehlen negative Bewertungen, wie sie damals gegenüber Nichtchristen üblich waren. Im Gegenteil wird Feirefiz als "vollendeter Ritter" geschildert, der im Dienste einer Dame kämpft und sich – als Parzival sein Schwert verliert – als nobler Gegner erweist.
Er stoppt den Kampf und will wissen, wer sein tapferes Gegenüber ist. "Sie setzten sich auf den Rasen. Beide waren tapfere, wohlerzogene Männer in der Blüte ihrer Jahre, weder zu alt noch zu jung zu ritterlichem Kampfe." Feirefiz' Gesinnung kommt vor allem dadurch zum Vorschein, dass er die Bekanntschaft mit Parzival höher stellt als den eigenen Sieg. Doch Parzival, immer noch trotziger Heißsporn, deutet dies als Erpressungsversuch, worauf Feirefiz sich mit der Nennung seines Namens zu erkennen gibt. Parzival erzählt von seinem Bruder und will nun Feirefiz' Gesicht sehen, wozu dieser den Helm abnehmen und sich so verwundbar machen müsste. Als Parzival ihm generös zusichert, ihn während dieser Zeit nicht zu bedrängen, bricht wiederum in Feirefiz der Stolz durch und er weist ihn daraufhin, dass er ja ihn - in Ermangelung seines Schwertes - jederzeit töten könne.
Wolfram schildert hier - fast witzig - das Hin und Her zweier Haudegen zwischen Kämpferstolz und Tugenden wie Nachgiebigkeit, Versöhnung und Brüderlichkeit. Irgendwann wirft Feirefiz, dem das Hickhack als erstem zu dumm wird, sein Schwert weg und handelt damit eigentlich "christlicher" als sein Gegenüber: ein eindrucksvolles Bild dafür, dass für Wolfram christliche Tugenden auch von "Ungetauften" geübt werden können und damit höher stehen als alle nationalen, kulturellen und religiösen Unterschiede.
Beeindruckt davon beschreibt nun Parzival das "gefleckte" Aussehen seines Bruders, worauf Feirefiz sich zu erkennen gibt: "Beide rissen sich gleichzeitig Helme und Kettenhauben herunter, und nun machte Parzival die wertvollste, schönste Entdeckung seines Lebens. Er erkannte den Heiden sofort an dem elsterfarbenen, schwarz-weiss gefleckten Antlitz, und die Brüder setzten ihrer Feindschaft mit einem Kuss ein Ende."
Wolfram stellt in dieser Szene nicht nur eine Versöhnung von Okzident und Orient, Christentum und Heidentum, "Weiss" und "Schwarz" dar, sondern lässt sich Feirefiz sogar noch ausführlich bei seinen Heidengöttern bedanken. Man stelle sich dies in einem Traktat damaliger Kirchenväter oder in einer Predigt vor. Parzival dagegen schaut dem Spektakel eher vergnügt zu, ohne auf den Gedanken zu kommen, daran irgendetwas anstössig zu finden. Die Freude darüber, den Bruder - und darüberhinaus einen wertvollen Menschen - getroffen zu haben, erhebt beide über jedwede religiöse oder "völkische" Zuordnung hinweg: ein nicht nur für damalige Verhältnisse erstaunlicher Augenblick.

Herzenskönigtum

Erst nach all diesen Prüfungen scheint Parzival reif für die Botschaft des "Grals" zu sein. Eine aufblitzende Inschrift auf dem Stein – so erfährt er – habe ihn zum neuen Gralskönig bestimmt. Bei einem weiteren Besuch auf der Gralsburg ist er nun in der Lage, dem kranken König die richtige Frage im richtigen Moment und im richtigen Tonfall zu stellen: "Oheim, waz wirret dir?"
Wir spüren dabei, dass er nichts Aufgetragenes vollbringt, sondern durch eigene Erlebnisse zu einem echten Ausdruck von Mitgefühl fähig wurde, das nun den Bann von der Wunde nimmt. Parzival wurde sozusagen von innen her "christianisiert", aus freier Entscheidung und im Durchgang durch spirituelle Erfahrungen, die er ohne Priester und Bibel machte und die seine Seele umso nachhaltiger prägten.
Amfortas' durch eine Lanze bewirkter Blut- und Eiterfluss kann nicht mehr durch "heidnische Medizin" (Kräuter, Edelsteine, Schlangenserum) geheilt werden, sondern hört erst bei Parzivals Frage auf. Dieses Bild kündigt auch neue Denk- und Empfindungsqualitäten an, die die vorchristliche Welt so nicht kannte: Mitgefühl statt Vergeltung, individuell erworbene Erfahrung statt blossem Gehorsam gegenüber alten Gesetzen. Elemente von Entwicklung, Individualität und seelischer Vertiefung lösen das eher statische Weltbild der "Heiden" ab, das nur die zyklische Wiederkehr des Immergleichen kannte.
Parzival wird zum neuen Gralskönig, ohne es eigentlich zu wollen. Er hat sich durch seine - während einer langen Odyssee erworbenen - Einsichten von selbst dazu qualifiziert und nimmt das Amt nun gerne an, um diese weiterzugeben. Beglückt kehrt er zu seiner Gemahlin Condwiramur zurück und erklärt ihr nicht nur ihre neue Rolle als Gralskönigin, sondern beide feiern das Ereignis auch mit einer langen Liebesnacht: "Meines Wissens", so der Kommentar Wolframs, "genoss er die Freuden, die seine Frau ihm schenkte, bis in den späten Vormittag."
Wolframs Epos, von dem wir hier nur die wichtigsten Teile referiert haben, endet anders als die Wagnersche Oper. Während in dieser eine reine Männerrunde den Triumph über den Dämon der Sinnlichkeit zelebriert, kommt es im "Parzival" zu einer rauschenden Doppelhochzeit. Denn auch Feirefiz hat sich verliebt, ausgerechnet in die Trägerin des Grals mit dem schönen Namen Repanse de Schoye, von der es heisst, dass der Gral sich nur von ihr tragen lasse. Ein weiteres Beispiel dafür, dass physische und geistige Schönheit, Sinnlichkeit und Spiritualität bei Wolfram keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen.
Die am Ende noch eingeschobene Taufe von Feirefiz mag vom Autor als Zugeständnis an eine christliche Leserschaft gedacht worden sein. Beim Lesen der Stelle fällt der humorige und eher leichte Tonfall auf, der selbst bei Feirefiz' "Abschwören" seiner Heidengötter nichts Rigides bekommt. So spielt Wolframs Charakterisierung des Taufwassers sogar auf eine Versöhnung von Heidnischem und Christlichem an, indem er naturreligiöse Elemente miteinbezieht: das bei der Taufe verwendete
Wasser verleihe der Seele zwar einen christlichen "Glanz", aber aus ihm zögen schliesslich auch die Bäume "ihre Säfte". Die neue Qualität seelischer Vertiefung, die das Grals-Christentum bringt, steht nicht im Widerspruch zum Respekt vor den lebensspendenden Kräften der Natur.

 
Nachspiel    

Auch führende Repräsentanten des Dritten Reiches schwärmten übrigens vom Mythos des "Heiligen Grals" und sahen in ihm ein "urarisches" Erbe, das dem Volk wieder näher gebracht werden müsse. Bezeichnenderweise spielt dabei jedoch Wagner eine grössere Rolle als Wolfram von Eschenbach. Zwar kannte Himmler Wolframs "Parzival" durch die Schriften des Katharer-Forschers Otto Rahn, aber der von ihm geschaffene "Gralsraum" der SS-Schulungsstätte Wewelsburg (oben rechts) erinnert eher an die erste Bayreuther "Parsifal"-Aufführung als an Beschreibungen des mittelalterlichen Epos.
Ähnlich war es bei Hitler, der den "Endsieg" mit einer gigantischen Aufführung des Wagnerschen "Parsifal" feiern wollte. Der damalige Reichsjustizminister Hans Frank berichtet in seinen Memoiren, wie er einmal mit Hitler während einer nächtlichen Bahnfahrt das Vorspiel aus dieser Oper hörte:
"Da sassen wir nun in seinem Salonwagen in dem ganz langsam rollenden Zug und in unser einsames Schweigen tönten die Weiheklänge des letzten Werkes Richard Wagners, seines Meisters. Als sie verklungen waren, sagte er nachdenklich: 'Aus Parsifal baue ich mir meine Religion, Gottesdienst in feierlicher Form ohne theologisches Parteiengezänk. Mit einem brüderlichen Grundton der echten Liebe ohne Demutstheater und leeres Formelgeplapper. Ohne diese ekelhaften Kutten und Weiberröcke. Im Heldengewand allein kann man Gott dienen.'" (Frank: Im Angesicht des Galgens, München 1953, 213)
Hitler fügt noch Erinnerungen aus seiner Wiener Zeit hinzu und berichtet, wie er sich nach Wagneraufführungen auf dem Nachhauseweg über "mauschelnde Kaftanjuden" erregt habe. Einen unvereinbareren Gegensatz könne man sich überhaupt nicht denken: das "herrliche Mysterium" Wagnerscher Musik "und dieser Judendreck". Auf die Frage Franks, warum aber auch jüdische Dirigenten so viel Interesse für Wagner bekundeten, antwortet Hitler: "Das tun sie aus der Anziehung der Gegensätze heraus. Der Jude ist feige, knechtisch, materiell, berechnend, völlig ohne Heldenideal, und auf der Bühne kitzelt ihn gerade das, was er selbst niemals erreichen kann. " (ebd.)
Wagner gehört zweifelsohne zu den grössten Komponisten des 19.Jahrhunderts und man sucht in seinem "Parsifal" vergeblich nach direkten rassistischen oder antisemitischen Stellen. Aber diesbezügliche Bemerkungen in seinen Schriften sowie die dualistische Struktur des "Bühnenweihfestspiels" laden doch viel eher zu Missbrauch ein als der mehrdimensionale Text Wolfram von Eschenbachs. Dies soll hier gar nicht unbedingt Wagner diskreditieren, eher ein weitetes Mal auf die Erstaunlichkeit des mittelalterlichen Werkes hinweisen.
Dieses atmet eine Luft, die kaum für polarisierende Ideologien und fanatische Standpunkte zu instrumentalisieren ist. Seine Behandlung von Erotik und Sexualität mag den Nazis genauso befremdlich erschienen sein wie das Oszillieren zwischen verschiedenen Kulturen oder gar die Vermutung, der Gralsmythos sei von einem jüdischen Gelehrten überliefert worden. All dies macht Wolframs Verse nach wie vor zu einem Zeugnis für einen nicht nur literarisch bemerkenswerten Geist. Dieser besticht neben Offenheit, Humor und meisterhaftem Sprachvermögen vor allem auch durch die Kraft, die entlegensten und widersprüchlichsten Seelenregungen des Menschen miteinander zu verbinden - und manchmal sogar zu versöhnen.

 

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