Goethe erforschte die Hexenmythologie des Harzes nicht wissenschaftlich, sondern war als Schriftsteller an der dämonischen, visionären und obszönen Kraft der Bilder interessiert. Sie bilden einen Kraftstrom des Unterbewusstseins jenseits des Rationalen und Christlich-Moralischen, dem Faust auf seinem Erkenntnisweg ausgesetzt wird, um Erfahrungen zu machen, die ihm sonst nicht möglich wären.

Um diesbezüglich Anregungen und anschauliche Details zu finden, liess Goethe sich nicht nur durch seine Harzwanderungen, sondern auch durch alte Traktate, Kupferstiche und Zeichnungen inspirieren.

Einige der für den "Faust" geplanten Stellen waren dem Dichter dann letztlich doch zu gewagt und er nahm sie wieder heraus, etwa die "Satansmesse", in der dem Helden andere Werte als Wahrheit und Erkenntnisstreben angeboten werden:
 


"Die Böcke zur Rechten,
 Die Ziegen zur Linken!
 Die Ziegen, sie riechen,
 Die Böcke, die stinken.
 Und wenn auch die Böcke noch stinkiger wären,
 So kann doch die Ziege
 Des Bocks nicht entbehren ...

 Euch gibt es zwei Dinge
 So herrlich und gross:
 Das glänzende Gold
 Und der weibliche Schoss.
 Das eine verschaffet,
 Das andre verschlingt -
 Drum glücklich, wer beide
 Zusammen erringt!"

 


In einem Brief an Lavater schreibt Goethe einmal, er sei "zwar kein Widerchrist, kein Unchrist, aber doch ein dezidierter Nichtchrist". Und später an Jacobi: "Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Wesens, nicht an einer Denkweise genug haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist dagegen als Naturforscher, und eins so entschieden als das andere."

Das mythologische Arsenal aus heidnischer Zeit reizte den Schriftsteller in seiner Vielfalt von Göttern, Ideen, Gefühlslagen, Abgründen und Widersprüchen, die seinem Denken näher waren als eine dogmatische Glaubenslehre. Denn schon als Kind litt Goethe - wie er in "Dichtung und Wahrheit" schreibt - unter einem Religionsunterricht, der ihm das Christentum nur als "eine Art von trockener Moral" darbot. Auf der Suche nach sinnlicher und emotionaler Greifbarkeit beschloss der Knabe, sich seinem Gott "unmittelbar zu nähern" und baute sich aus Naturgegenständen seinen ersten Altar:

"Naturprodukte sollten die Welt im Gleichnis vorstellen, über diesen sollte eine Flammen brennen und das sich zu seinem Schöpfer aufsehnende Gemüt des Menschen benennen ...

Nun sollte bei einem frühen Sonnenaufgang die erste Gottesverehrung angestellt werden; nur war der junge Priester nicht mit sich einig, auf welche Weise er eine Flamme hervorbringen sollte, die doch auch ... einen guten Geruch von sich geben müsse. Endlich gelang ihm der Einfall, indem er Räucherkerzen besass, welche, wo nicht flammend, doch glimmend den angenehmsten Geruch verbreiteten."

 
Noch der reife Goethe bekannte im Gespräch mit Eckermann eine starke Affinität zur sinnlichen Kraft, mit der die Naturreligionen das Geistig-Göttliche vermitteln: "Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: durchaus! Denn sie ist gleichfalls eine Offenbarung des Höchsten, und zwar die mächtigste, die uns Erdenkindern wahrzunehmen vergönnt ist. Ich anbete in ihr das Licht und die zeugende Kraft Gottes, wodurch allein wir leben, weben und sind und alle Pflanzen und Tiere mit uns."
Walpurgisnacht 2   Edda