Auch Spinne und Eule finden sich im mythologischen Arsenal heidnischer Religionen. Beide Tiere gehörten z.B. als durchaus positive Begleiterinnen zur griechischen Göttin Athene und wurden erst nach der Christianisierung dämonisiert. Friedrich erinnert daran in zwei Bildern, die ein wenig von der alten Aura dieser Geschöpfe greifbar machen: "Die Frau mit dem Spinnennetz" und "Landschaft mit Grab, Sarg und Eule".
 


Ein Mädchen, eingesponnen in Kräuter und Blumen, sinnt in die Ferne, während über ihr eine Spinne ihr Netz baut: eine träumerisch-somnambule Stimmung, die daran erinnert, dass der Mensch nur ein Teil innerhalb eines Gewebes von Natur- und Schicksalskräften ist. Die früheren Völker wussten, dass unser Lebensfaden nicht restlos von uns selbst gesponnen wird, sondern auch von höheren Mächten, die z.B. über sein Ende entscheiden. In der Antike hiessen diese als weiblich gedachten Wesen "Moiren", bei den Germanen "Nornen", was die um einen Vatergott zentrierte Kirche nicht tolerieren konnte: Daher wurde die Spinne und das Spinnen im Mittelalter mit der Hexe zusammengebracht und dadurch negativ belegt.

Ähnliches geschah mit der Eule, die noch im alten Rom als weisheitsvolle Begleiterin der Minerva galt. Man sah sie als ein Tier an, das mit dem Mond in Verbindung steht, in der Dunkelheit sehen kann und über ungewöhnliche intuitive und sensorische Kräfte verfügt. Die christlichen Missionare dämonisierten diese Deutung durch die Legende, dass Eulen verzauberte junge Mädchen seien, die sich dem Gottesglauben widersetzt hätten.

Bei Friedrich, der die Eule mehrfach malte, sitzt sie im hellen Licht des Vollmondes wartend auf einem Sarg: Birgt sie die Seele des Verstorbenen, der sich bald auf die Reise in ein nicht unbedingt christliches Jenseits machen wird?

Christliche Interpreten des Malers mögen einwenden, dass dies nur sporadische Beispiele mit höchst spekulativer Deutung seien: Zumindest aber findet man in seinen Gemälden und Zeichnungen ein widersprüchliches Nebeneinander von christlichen und heidnisch-mythologischen Motiven, die eher etwas von einer produktiven Unruhe erzählen, als dass sie auf einen Nenner zu reduzieren sind.

Friedrichs exzentrische und individualistische Persönlichkeit passt in keinen Konsens völlig hinein, schon gar nicht in ein religiöses Dogmengebäude oder das beruhigende Universum einer konfessionellen Heilslehre. Das Changieren zwischen Kreuz und Hünengrab, Kirche und Waldestempel mag geradezu eine Notwendigkeit für ihn gewesen sein, um die starken Spannungen seines Wesens wenigstens künstlerisch einigermassen in den Griff zu bekommen.

 


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Atalante 3