"Fight – Club": Schwarze Sonne über Babel



"Kennen Sie `Fight Club´?"
Dunkle Väter – Chaossöhne


Als ich Ostern 2001 wieder einmal im transsilvanischen Sibiu (deutsch: Hermannstadt) war, fragte mich ein befreundeter rumänischer Student: "Kennen Sie `Fight Club´?" Silviu und ich hatten vor zwei Jahren ein eMail-Projekt gestartet. Es war ein Gespräch über Cioran und Eliade, Rumäniens "junge Wilde" in den 30er Jahren. Was sagen sie der rumänischen Jugend in einer Zeit, in der die Wogen des westlichen Konsumrausches auch die Karpaten erreicht haben? Mehr dazu auf der Website: Durchs transsilvanisch-westfälische Labyrinth des Dionysos www.dialogin.de/projekte/sibiuahlen/labyrinth/index.html

Silvius Frage setzte nun fast zwei Jahre später dieses Gespräch ganz unerwartet fort. Ging es im "Labyrinth des Dionysos" um eine "Rückkehr zum Chaos" angesichts abgründiger "rumänischer Langeweile" (Cioran), mutiert in Chuck Palahniuks Roman "Fight Club" von 1996 das Chaos zu einer Orgie der Gewalt, von der es jedoch in einer Rezension heißt: "Brutality in `Fight Club´ misses the point!” www.channel6000.com/sh/entertainment/news/articles/natlphae-entnews-991015-163337.html

Es ist das Ziel meines Beitrags, dieser im wahrsten Sinne des Wortes frag-würdigen Rolle der Gewalt in Buch und Film "Fight Club" nachzugehen. Sie ist auch deshalb differenzierenden Fragens wert, weil die zu erwartenden Antworten weit über die Story von "Fight Club" hinausführen. Die beiden Leitsymbole der Überschrift deuten es an - "Schwarze Sonne" und "Babel": "Fight Club" spielt in der Landschaft postmoderner Großstädte, Labyrinthen in Schwarz, in Fritz Langs epochalem Film "Metropolis" (1927) gespiegelt im Mythos des Turmbaus von Babel, beherrscht von "dunklen Vätern" (Robert Bly) - "Darth Vader" (= "Dark Father" der Star-Wars-Trilogie). "Metropolis" and "Star Wars" www.dvdtalk.com/dvdsavant/s78metro.html

Das väterliche Prinzip ist zu einer erkalteten Sonne verdunkelt. Im "Fight Club" rebellieren dagegen die Söhne, entwickeln das "Projekt Chaos", wollen die Zivilisation des dunklen Vaters ins befreiende Chaos stürzen und vernichten. Das alte, herrische System tötet den Geist und raubt die Seele. Doch die rebellierenden Söhne sind "dreißigjährige kleine Jungen", wie es der Erzähler des Romans von sich selbst sagt, "eine Generation von Männern, die von Frauen aufgezogen wurde". Der Weg zu ihrer inneren Männlichkeit blieb ihnen verschlossen. Die Möglichkeit der positiven Identifikation mit einem Vater fehlte. Was bleibt, ist die Rebellion wildgewordener Knaben, angeführt von dem erträumten Gegenspieler Tyler Durden in einem "Projekt Chaos".
Das Ganze hat strukturell verblüffende Ähnlichkeit mit dem Roman von Bruno Goetz "Reich ohne Raum" (1919), in dem C.G.Jung eine archetypische Vision dessen sah, was sich vor seinen Augen nach 1933 in Deutschland abspielte.

Die Jungschülerin M.L.v.Franz führte diese Sicht unter dem Aspekt des puer-senex-Archetyps weiter. Diesen Zusammenhängen wird nun nachzugehen sein. Dabei erscheint "Fight Club" zunächst wie ein postmodernes Remake von "Reich ohne Raum". Ist aber das "Projekt Chaos" tatsächlich die fiktive Vision eines postmodernen Faschismus? Keineswegs nur. "Fight Club" bietet dazu eine Alternative an. Doch wie erschließt sie sich? Kommt es im Verlauf des Romans wirklich zu einem faschistoiden Bruch? Reicht zur Deutung das gewohnte Instrumentarium historischer und psychologischer Begriffe aus? Das sind Fragen, die im Leitsymbol der "Schwarzen Sonne" nicht nur die Psyche sondern auch den Körper des Mannes in den Blick nehmen. Angesichts der Tatsache, dass sich neonazistische, gewaltbereite Gruppen vornehmlich aus Männern rekrutieren, erscheint mir ein solcher geschlechtsspezifischer Fragehorizont naheliegend zu sein. Ist die "Schwarze Sonne" seit den 90er Jahren bloß zufällig ein Leitsymbol dieser Gruppen geworden?
"Schwarze Sonne" www.ahlen.de/stmichael/faecher/geschichte/schwarzesonne.htm

Das Symbol der "Schwarzen Sonne" reflektiert am Ende darüber hinaus macht- und bewusstseinskritische Möglichkeiten der Neuen Medien. Die Rede ist vom Metaversum des "Black Sun" in Neal Stephenson´s Roman "Snow Crash". Das "Black Sun", eine Art Internet-Cafe, generiert eine digitale, holographische Utopie: das Metaversum, eine virtuelle Gegenwelt junger Hacker.
Infokalypse von Babel www.ahlen.de/medien/bibliothek/doc_01g.html

Der Mythos des "Black Sun", die "Infokalypse von Babel", ist eine Fortschreibung des Mythos vom Turmbau zu Babel. Er sieht die einheitliche Sprache, die es zu Baubeginn des Turms noch gab, als gleichschaltendes Informationsgefängnis, die Sprachverwirrung als Befreiung aus diesem Gefängnis. Im Sprachchaos ist die einheitliche und vereinheitlichende Informationsstruktur zusammengebrochen – Infokalypse. Nun ist Raum für die eigene Sprache. Und das ist auch das Ziel des "Black Sun": Die virtuelle Konstruktion des Eigenen gegen nivellierende Fremdbestimmung. Bevölkert von holographischen Avataren, "leben" dort alternative Identitäten zum alten, herrschenden Bewusstsein, der alten, erkalteten Sonne.

Im Metaversum des "Black Sun" zeigt sich am Ende der bipolare Kern des Romans "Fight Club": sein Oszillieren zwischen einem paranoid-faschistischen und einem schizo-revolutionären Pol. Zugänglich wurde mir das erst nach einer Verabschiedung ödipaler Deutungsmuster im Licht des "Anti-Ödipus" von Deleuze/Guattari im Verlauf meines eigenen Schreibprozesses. Schizoanalytische treten an die Stelle psychoanalytischer bzw. tiefenpsychologischer Kategorien, vorbereitet durch Klaus Theweleits "Männerphantasien". In diesem Faschismus-Klassiker zum Ich des "soldatischen Mannes" untersucht Theweleit historische Fallbeispiele faschistischer Freikorpsmänner. Ich meine, diese noch nicht zu Ende geborenen Männer im "Fight Club" wiederzuerkennen – Chaossöhne dunkler Väter.

Zugleich zeigt der Roman dieser postmodernen Variante jedoch auch den Gegenpol des Delirierens gesellschaftlicher Verhältnisse: In den "Chaossöhnen" steckt ein anarchisches Potential, dessen soziale Realisierung gerade die rhizomatisch hypertextuellen Strukturen der Neuen Medien fördern können. In der virtuellen Bildwelt des "Black Sun" entsteht eine ganz neue Möglichkeit, den Faschismus jenseits historischer Erinnerungen zu "erinnern". Die Faszination der Gewalt, die Bilder des Faschismus ausstrahlen, aktiviert die "Wunschmaschine" des eigenen Unbewussten (Deleuze/Guattari). Im Rhizom des virtuellen Raums produziert sie dessen Wünsche als Ausdruck des eigenen, in diesem Sinne "erinnerten" Faschismus: des "Hitlers in uns".


Chaossohn am Meer:
Epiphanie des "puer aeternus"


Alles beginnt am Meer, dem Urbild schlechthin für das Chaotische, Unbewusste, Verschlingende, aus dem aber auch alles Leben kommt. Der "Fight Club" -Erzähler liegt dort an einem Strand und schläft. Sein Alltag ist der eines Koordinators für Rückruffragen in einer Autofirma, eines Rädchens im Getriebe, ständig mit dem Flugzeug unterwegs. "Du erwachst auf O´Hare, du erwachst auf LaGuardia, du erwachst auf Logan." Nun schläft er an einem Nacktbadestrand und erwacht in einen Traum. Er begegnet Tyler, träumt sich sein alter ego.

"Es war schon sehr spät im Sommer, und ich schlief. Tyler war nackt und verschwitzt, voller Sand und das Haar hing ihm nass und strähnig ins Gesicht. Tyler war schon sehr lange da gewesen, bevor wir uns trafen. Tyler zog Treibholzstämme aus der Brandung und schleifte sie den Strand hinauf. Er hatte bereits einen Halbkreis aus Baumstämmen so in den nassen Sand gepflanzt, dass sie ein paar Zentimeter auseinanderstanden und ihm bis Augenhöhe reichten. Es waren vier Stämme, und als ich aufwachte, beobachtete ich, wie Tyler einen fünften auf den Strand zog. Tyler grub ein Loch unter ein Ende des Baumstamms, dann hob er das andere Ende an, bis der Stamm in das Loch glitt und leicht geneigt dastand. Du erwachst am Strand..." (Fight Club, S.32)

Die Alltagswelt des Erzählers, das sind die Büros amerikanischer Großstädte. Dazu ein Chef, dessen Krawatte den jeweiligen Wochentag anzeigt- blau für Dienstag, grün für Mittwoch usw. Da ist kein Platz für das Nirgendwo einer Traumwelt. Und doch, bereits die geläufige Metapher vom "Dschungel der Großstadt" deutet es an. Die moderne Großstadt ist nicht mehr, was die Stadt einmal war: umhegter Bezirk von Kultur und Ordnung, Schutz des Menschen vor Natur und Chaos. Mircea Eliade, einer der rumänischen "jungen Wilden" der 30er Jahre, hat mit dem Wort vom "Stadt-Kosmos" diese ursprüngliche Funktion der Stadt auf den Punkt gebracht (Das Heilige und das Profane). Dieser Kosmos hat sich jetzt zur "Hure Babylon" gewandelt. Das Wilde und Chaotische ist nicht länger nur draußen vor den Mauern der Stadt. Eva Warth in Anknüpfung an Sigrid Weigel:

"Beim `Übergang von der Stadt zur Großstadt kehrt dieser wilde Anteil wieder ins Innere der Stadt zurück´. In Anlehnung an Walter Benjamin nennt Weigel das Wuchern der Großstadt und ihre labyrinthische Struktur als städtische Phänomene, die die Assoziation mit einer undomestizierten Weiblichkeit nahelegen: `Gerade jene Momente der Stadt, die als uneindeutig und unbewältigt betrachtet werden, erhalten eine weibliche Zuschreibung...´, die sich im bekannten Bild der Stadt als Hure Babylon festschreibt." (Hure Babylon vs. Heimat. Die Großstadtrepräsentation im nationalsozialistischen Film, S. 98f)

Es fällt nun auf, dass der träumende Erzähler in "Fight Club" das undomestiziert Chaotische nicht als femme fatale, sondern als nackten Mann am Strand lebendig werden lässt. Zum Vergleich dazu sei auf Fritz Langs "Metropolis" hingewiesen. Dort erscheint die "andere Seite", aufgespalten in Madonna und Hexe, "traditionell" in Gestalt einer Frau. Metropolis am Ende des Jahrtausends erträumt sich seinen erlösenden Gegenspieler dagegen als Sohn des Chaos. Der Erzähler reflektiert das so:

"Ich bin ein dreißigjähriger kleiner Junge, und ich frage mich, ob schon wieder eine Frau wirklich die Antwort ist, die ich brauche." (FC, S.56)

Treffend spricht eine Rezension der "Fight Club"-Verfilmung vom psychologischen Kern als "The late-`90s crisis of masculinity": the boy in the Ikea bubble” www.salon.com/ent/movies/review/1999/10/15/fight_club/index.html
In dieser Krise bedarf der Knabe gebliebene Mann zunächst einmal eines anderen Mannes, der ihm seine verborgene, nicht bewusste Männlichkeit spiegelt und so bewusst macht. Die längst zum Kultbuch der amerikanischen Männerbewegung avancierte Interpretation des Grimm´schen Märchens "Eisenhans" von Robert Bly ist ein Paradebeispiel solcher Sehnsucht nach einem hellen und zugleich "wilden", männlichen Spiegel in Metropolen dunkler Väter:

"Während der Vater einerseits immer geschwächter, mutloser und wertloser wirkt, erscheint er andererseits auch wie das Werkzeug dunkler Mächte. Erinnern wir uns, dass in dem Film `Starwars´ das Bild vom `Darth Vader´ vorgestellt wird, ein Wortspiel mit dem englischen `Dark Father´, der dunkle Vater. Er steht rückhaltlos auf der Seite der dunklen Mächte. Wenn die gesellschaftlichen und mythologischen Könige sterben, verliert der Vater den Glanz, den er einst von der Sonne erhielt oder von der Hierarchie der Sonnenwesen; er erscheint der Gesellschaft wie verdunkelt." (Robert Bly, Eisenhans. Ein Buch über Männer, S 143) "The Shadow of Iron John" www.achillesheel.freeuk.com/article17_07.html

Tyler Durden ist der erträumte Erlöser von diesem "Dark Father", dem Bettgenossen und Beischläfer der "Hure Babylon", der wie Saturn seine Kinder frisst. Tylers Epiphanie am Strand, sein Emporsteigen aus dem Meer des Unbewussten erfasst den Erzähler und schlägt ihn in den Bann eines Traums, der ihn auf der anderen Seite bewußtlos der Macht dieser archetypischen Erlösergestalt ausliefert. So ergeht es auch so manchem Leser. Auch er erliegt Tylers Faszination. Die vielen Websites, die hymnisch Tylers "Weisheit" preisen, legen davon beredt Zeugnis ab. Die Autoren sind wie der Erzähler und die späteren Gefolgsleute des "Projekts Chaos" mit ihren "Ortsgruppenleitern" (sic!) dem be- und verzaubernden Faszinosum dieses Archetyps erlegen: dem "puer aeternus", dem jungen, erhofften und erwarteten Erlösergott. Zu ihm betet der Erzähler in einer fast schon liturgischen Form:

"Tyler, bitte erlöse mich..
Tyler, bitte rette mich...
Erlöse mich von meinen schwedischen Möbeln.
Erlöse mich von meinen Kunstwerken...
Möge ich nie vollendet sein.
Möge ich nie zufrieden sein.
Möge ich nie vollkommen sein.
Erlöse mich Tyler aus Vollkommenheit und Vollendung." (FC, S.49)

Und so endet die Begegnung mit Tyler am Strand auch damit, dass alles, was sich wie die herrische Vaterwelt als vollkommen präsentiert, wahrgenommen wird als Flüchtigkeit des Augenblicks. Tylers Vision der Zeit unterläuft jede Dauer. Das sichtbar zu machen, ist der Sinn seines seltsamen Rituals mit den Baumstämmen:
"Was Tyler geschaffen hatte, war der Schatten einer riesigen Hand. Nur waren die Finger jetzt lang wie bei Nosferatu, und der Daumen war zu kurz, aber um genau halb fünf, sagte er, war die Hand vollkommen. Die riesige Schattenhand war eine Minute lang vollkommen, und eine vollkommene Minute lang war Tyler in der Handfläche einer Vollkommenheit gesessen, die er selbst geschaffen hatte.." (FC, S. 33)


Panik der Väter:
Die Rückkehr Pans


Eine Karikatur im "Christian Science Monitor" zum Film "Fight Club" zeigt Tyler als Flöte spielenden Rattenfänger, hinter ihm die Verführten seines "Projekts Chaos" mit einer als Rammbock genutzten riesigen Faust: "Our newest `victim´: men”
www.csmonitor.com/durable/1999/10/25/fp9s1-csm.shtml
Als Flöte spielenden, nackten Jüngling lässt Bruno Goetz ähnlich, aber anders wertend, im Roman "Reich ohne Raum" (1919) seinen "Tyler" am Altar einer Kirche erscheinen, vor ihm die ausgeflippten Repräsentanten der Spießbürgergesellschaft in der fiktiven deutschen Kleinstadt Stuhlbrestenburg: den Studienrat, den Amtgerichtsrat, den Konsistorialrat – Schule, Gericht, Kirche im Zustand peinlicher Ekstase. Ehe wir uns dieses Szenario wild gewordener Spießer genauer ansehen, hören wir dazu die Jungschülerin M.L.v.Franz:

"Gerade diese Kapitel haben sich in den grotesken Auswüchsen des Nationalsozialismus zum Teil fast wörtlich verwirklicht, so dass wir heute aus einer Demonstration ad oculos ableiten können, was geschieht, wenn das kollektive Unbewusste und seine Götter (die Archetypen) ein Volk unvorbereitet packen. Das abgebrannte Stuhlbrestenburg mit seiner allzu oberflächlichen Pseudokultur erinnern fatal an die Nachkriegskonjunktur der beginnenden Weimarrepublik, welcher bald die große Krise folgte, erinnern aber auch fast noch fataler an das heutige Geschehen in Deutschland. Man verarbeitet die vergangene Katastrophe nicht, sondern setzt sich in extravertierter Betriebsamkeit darüber hinweg, bis dann der nächste große Aufruhr wieder alles zerstört. Darum schreibe ich auch diesen Kommentar – aus Besorgnis, dass die Prophezeiung von Bruno Goetz noch einmal und wieder wahr werden könnte." /Reich ohne Raum. Eine Vision der Archetypen, S.177)

Dem kann ich mich nur anschließen. Die Befürchtungen M.L.v.Franz´ haben zu Beginn des neuen Jahrtausends an Aktualität nichts eingebüßt. Dafür sind mir "Fight Club" und vor allem die Rezeption von Buch und Film ein warnendes Indiz.
Das Chaos begann in Stuhlbrestenburgs Nachbarstadt Rattenhusen:

"Der Religionslehrer Flamm des Rattenhuser Gymnasiums, ein kleiner gebückter Mann mit verbissenen Zügen, der bei den Schülern wegen seines Fanatismus und seiner Strenge wegen verhasst war, unterbrach mitten in der Stunde plötzlich seinen Vortrag, starrte entsetzt einen Schüler an, sprang jäh auf, redete den Schüler mit einem fremden Namen an, sank vor ihm in die Knie, küsste seine Hände und bat ihn jammernd um Verzeihung. Die überraschten Schüler holten den Direktor herbei und Flamm wurde ins Lehrerzimmer gebracht, wo er erst einige Stunden später wieder zu Verstand kam." (RR, S. 136)

Der "Rattenhuser Bote" berichtete ausführlich über Ereignisse ähnlicher Art. Als Knud Ahlbeck, der Amtsrichter von Stuhlbrestenburg, gerade darin las, bekam er Besuch von Studienrat Flamm, mit dem er befreundet war. Gemeinsam brachen sie zu einer Weinstube auf. Auf dem Weg dorthin kamen sie am Dom vorbei. Obwohl kein Gottesdienst war, erscholl aus dem Innern Musik. Neugierig traten sie wie viele andere Bürger ein und trafen den ersten Staatsanwalt Johannsen:

"`Hören Sie nur´, sagte Johannsen, `was das für eine Musik ist! Das sind doch keine Kirchenlieder! Ein wenig weltlich, wie? Es scheint trotzdem, dass ein Gottesdienst abgehalten werden soll: Die Altarkerzen brennen.´
Das Lied, das vom Orgelchor durch die Kirche scholl, ging in ein immer feurigeres Zeitmaß über, erhob sich aufrührerisch und erregend zu wütender Lust und mündete in eine leidenschaftliche Tanzweise. Auf den Zuhörern lag es wie ein Bann. Sie schienen vergessen zu haben, wo sie sich befanden. Ihre Gesichter glühten wie im Fieber. Sie atmeten schwer. Einige stießen von Zeit zu Zeit stöhnende Laute aus, die wie ein unterdrücktes lüsternes Lachen tönten. Zuweilen ging es wie ein Ruck durch ihre Körper. Ihre Glieder begannen rhythmisch zu zucken. Der Gesang wurde immer ungeheuerlicher. Schon mischten sich Paukenschläge in die Töne. Rasende Geigenpassagen zischten auf. Trompetenstöße trieben zu immer atemloseren Taumel an. Und als auch die Orgel mit unterirdischem Donnern einsetzte, hielten die Menschen nicht länger an sich. Besinnungslos sanken sie einander in die Arme und begannen stampfend und schreiend zu tanzen." (RR, S. 146f)

Da bestieg der greise Konsistorialrat in vollem Ornat die Kanzel:

"Einen Augenblick sah er wie ein halbwüchsiger Knabe aus. Aber auch dieser Anblick wandelte sich und auf der Kanzel stand, mit den zottigen Vorderbeinen auf das Betpult gestützt, ein schneeweißer Bock und meckerte hell und durchdringend...Da ertönte vom Altar her eine sanfte Hirtenmelodie. Auf den Stufen saß ein nackter Jüngling und blies die Flöte." (RR, 147-149)

Bock und Flöte spielender Jüngling: An den christlichen Altar hat der puer aeternus die verdrängte und kirchlich verteufelte Welt des Hirtengottes Pan zurückkehren lassen. Nun stürzt Pan die aus den Fugen geratene Väterwelt in panische Ängste:

"Schon sprangen die Knaben vom Orgelchor in großen Sätzen als zottige Hunde unter die Menge und jagten sie bellend in der Kirche umher. Die Geängsteten wollten fliehen. Aber die Türen waren fest verschlossen. Mehr und mehr Hunde drangen zähnefletschend auf sie ein. Man wälzte sich am Boden, versuchte sich auf die Bänke zu retten, zu den Fenstern emporzuklettern, stolperte übereinander, stürzte, raffte sich auf, rang die Hände, schnappte nach Luft und röchelte." (RR, S.149)

Der puer aeternus hat die wohlanständigen, kultivierten Vätern ihre andere, naturhaft tierische Seite erleben lassen, vor der sie nur mit Grauen in Panik fliehen können, die sie jedoch zerfleischend immer wieder einholt. "Pan lebt also noch...und nicht nur in der literarischen Phantasie. Er lebt im Unterdrückten, Verdrängten, das wieder auftaucht, in der Psychopathologie der Triebe, die sich durchsetzen und zwar hauptsächlich im Alptraum und den damit verbundenen erotischen, dämonischen, panischen Aspekten." (James Hillman, Pan und die natürliche Angst, S. 43f). Ein aufschlussreiches Beispiel:
Aschenbachs Traum – die Rache des Verdrängten www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne/mann/aschenbachs_traum.htm

Nur wenige Jahre vor Bruno Goetz schrieb Thomas Mann seine Novelle "Der Tod on Venedig", die als Geschichte einer verbotenen, homoerotischen Liebe gelesen werden kann. Der preußisch korrekte Aschenbach verliebt sich am Strand von Venedig in den jungen Polen Tadzio. Der Junge aus dem Osten konstelliert ihm den puer aeternus, der ihn in die gleichgeschlechtlich liebende Seite seiner Natur einführen könnte, jedoch außer melancholischer Sehnsucht "nur" einen dämonisch-erotischen Alptraum auslöst – Rückkehr des "fremden Gottes" in Gestalt des enthüllten Phallus. Aschenbach erwacht in Panik und stirbt kurz darauf.

Gegen eine kalte Sonne:
Kampfekstase im "Fight Club"


Tyler und Tadzio am Strand, der nackte, Flöte spielende Jüngling am Altar der christlichen Kirche und schließlich die christliche Teufelsgestalt als bocksgestaltiger Pan auf der Kanzel – sie alle sind archetypische Traumbilder einer Anderswelt, die das herrschende Bewusstsein zu seinem eigenen Schaden ausgeblendet und so zu einer zerstörerisch erlebten Gegenwelt gemacht hat. In der ekstatischen Erfahrung von Gewalt verhilft ihr Tylers "Fight Club" wieder zu ihrem Recht. Ich halte es für völlig verfehlt, die sich dort abspielenden Gewaltekzesse vorschnell als faschistische Gewaltverherrlichung zu verdammen. Wie wir sehen werden, ist "Faschismus" bei den Kämpfern im "Fight Club" auf einer ganz anderen Ebene zu suchen.
In einem Interview mit dem "Orlando Weekly" erläutert Palahniuk seine Sicht. Ich schließe mich weitgehend dieser Position an, die den ritualisierten Charakter der Gewalt im "Fight Club" betont. Sie rückt so in die Nähe archaischer Mannbarkeitsriten und Initiationsrituale: "Going for broke: He finds his true self in the fight” www.orlandoweekly.com/movies/reviews/review.asp?movie=492.

"It´s an honest, consensual violence, it´s not victimizing violence. It´s not a chickenshit walking into a crowded place full of helpless people with a gun.”

Kurz nach der Begegnung mit Tyler am Strand stürzt eine Explosion die Wohnung des Erzählers ins Chaos. Er beschließt, Tyler zu suchen, um bei ihm einzuziehen. Er findet ihn in einer Bar. Unter einer Bedingung ist Tyler mit seinem künftigen Mieter einverstanden:

"Dort, betrunken in einer Bar, wo keiner zuschaute und sich niemand darum scherte, fragte ich Tyler, was er von mir wolle. Tyler sagte: `Ich will, dass du mich so fest schlägst, wie du nur kannst.´" (FC, S.50)

So entstand der erste "Fight Club". Ich wollte nicht, aber Tyler erklärte mir, dass er nicht ohne Narben sterben wollte, dass er es satt hatte, nur Profis kämpfen zu sehen, und dass er mehr über sich selbst erfahren wollte. Über Selbstzerstörung. Zu dieser Zeit schien mein Leben gerade zu sehr vollendet, und vielleicht müssen wir alles zertrümmern, um etwas Besseres aus uns zu machen." (FC, S.57) Nach ihrem ersten Kampf lagen der Erzähler und Tyler auf dem Parkplatz vor der Bar.

"Wir schauten hinauf zu dem einzigen Stern, der die Straßenbeleuchtung überstrahlte, und ich fragte Tyler, wogegen er gekämpft hatte. Gegen seinen Vater, sagte Tyler. Vielleicht brauchen wir keinen Vater, um uns zu vollenden." (FC, S.59)

Zu den Vätern ist zu sagen: "Tyler hat seinen Vater nie gekannt. Vielleicht ist Selbstzerstörung die Antwort....Ich selbst habe meinen Vater sechs Jahre lang gekannt, aber ich kann mich an nichts erinnern. Mein Dad fängt ungefähr alle sechs Jahre in einer neuen Stadt eine neue Familie an. Das hat nicht viel mit Familie zu tun, es ist eher so, als wenn er eine Franchise-Firma aufbaute. Was du im Fight Club triffst, ist eine Generation von Männern, die von Frauen aufgezogen wurde." (FC, S.54f)
Was im "Fight Club” gesucht und gefunden wird, ist eine bislang fehlende Erfahrung, deren Abwesenheit offenbar etwas mit einer solcher Verdunklung des Vaters zu tun hat. Das Erlebnis des Kampfes füllt diese Leerstelle. Es wird zum Medium der inneren Wahrnehmung eines bislang innerlich nicht Wahrgenommenen. Immer mehr Söhne dunkler Väter werden davon magisch angezogen und treffen sich im "Fight Club". So etwa der Junge, der wenig erfolgreich im Kopierladen nebenan jobbt.

"Für zehn Minuten war dieser Junge ein Gott, als er einem Kontakter, der zweimal so groß war, wie er selbst, einen Tritt verpasste, dass ihm die Luft wegblieb." (FC, S. 53)

Der Kampf im "Fight Club" führt in eine bislang unbekannte Ekstase: Der Junge war ein Gott. Entsprechend ist das Ambiente, das sich in seinem Sinn essentiell von dem eines banalen Fitnesscenters unterscheidet:

"Im Fight Club wird gestöhnt und gelärmt wie im Fitnesscenter, aber es geht beim Fight Club nicht darum, gut auszusehen. Es gibt hysterisches Geschrei und Ekstase wie in der Kirche, und wenn du am Sonntag Nachmittag aufwachst, fühlst du dich erlöst." (FC, S.57)

Die Ekstase des Kampfes lässt hier eine Dimension des Heiligen erfahrbar werden, die der junge rumänische Religionswissenschaftler Mircea Eliade 1928 während seines Aufenthalts in Indien gegen eine betuliche, theosophische Religionsethik ins Feld führte:

"Nur artige Gedanken und hübsche Ideen. Aber Religion ist etwas anderes, ist etwas Bösartiges, Amorphes, Stupides, Absurdes, Groteskes, Barbarisches, Unerträgliches, Erniedrigendes. Das ist Religion – und wenn diese meine Zeitgenossen sie anders verstehen, dann schlicht und einfach deswegen, weil sie Religion nicht unmittelbar, sondern nur `dialektisch´ erfahren haben. Die Theosophen hatten die seltsame Idee, das religiöse Gefühl reformieren und zivilisieren zu müssen...`Oh, oh, oh´, war da nur die Antwort meiner Begleiter." (Mircea Eliade, Indisches Tagebuch. Reisenotizen 1928-1931, S. 95) Mehr dazu: "Junge Wilde" in Hermannstadt www.dialogin.de/projekte/sibiuahlen/labyrinth/doc_01.html

In dieser Perspektive Eliades fügt sich die Ekstase des Kampfes, wie sie im "Fight Club" erlebt wird, in Erfahrungen des Heiligen ein, die dem, was das herrschende Bewusstsein über Religion zu verstehen vorgibt, gänzlich fremd ist. Sie entspringen dem Unbewussten, nicht der längst erloschenen, dunklen Gottessonne der institutionellen Religion dunkler Väter, einem "überalteten christlichen Kollektivbekenntnis, das nach M.L.v.Franz "Machtprinzip gegen Eros, geistige Ordnung gegen Dynamik, Gefühlsekstase und Chaos" setzt. Es ist eine "`erkaltete Sonne´, die zwar noch Klarheit, aber kein Leben mehr zu fördern vermag." (Reich ohne Raum, S.72f)

Was im "Fight Club" gesucht wird, ist neues Leben angesichts lebend toter Väter und ihrem toten Gott.

"Was Sie verstehen müssen, ist, dass Ihr Vater Ihr Modell für Gott war...Wenn du deinen Vater nie gekannt hast, wenn sich dein Vater aus dem Staub macht oder stirbt oder nie zu Hause ist, was glaubst du dann über Gott?...Schließlich führt alles dazu, dass du dein ganzes Leben lang einen Vater und Gott suchst." (FC, S.159f)

Was die Vaterlosen im Augenblick der Ekstase des Kampfes momenthaft erfahren ist das innere Aufleuchten einer sich erneuernden Sonne – "für zehn Minuten ein Gott!"

Vaterlose Berserker:
Geburt nicht zu Ende Geborener


C.G.Jung, gefolgt von J.Hillman und M.L.v.Franz, weist mehrfach auf die archetypische Gestalt hin, deren Bann die Psyche so vieler Menschen, nicht etwa nur Deutscher, zwischen 1933 und 1945 erlegen sei. Ausgangspunkt ist dabei zunächst das Werk Nietzsches. Hillman spricht in seinem Pan-Aufsatz von "Nietzsches Dionysos..., hinter dem der germanische Gott Wotan dräute":

"`Die Vereinigung von Bock und Gott´ - das Wort stammt aus Nietzsches `Geburt der Tragödie´ - kennzeichnet für die Nach-Nietzsche´sche Welt die dionysische Bewusstseinsform und die schließliche Geisteskrankheit ihres Verkünders. Doch obwohl Nietzsche unverhohlen von dem Bocksgott spricht, schreibt Jung: `In Nietzsches Biographie wird man den unwiderleglichen Beweis dafür finden, dass der Gott, den er ursprünglich meinte, in Wirklichkeit Wotan war.´"(J.Hillman, Pan, S.39f)
In der Sitzung vom 5. Februar 1936 seiner Züricher Seminare zu Nietzsches "Zarathustra" bringt Jung es selbst auf den Punkt. (Mir lag nur die englische Übersetzung der Seminar-Protokolle vor):

"It is Wotan that is the interesting thing...He is the personification of the moving spirit behind Hitler…One can say he is very similar to the Tracian Dionysos, the god of orgiastic enthusiasm. Now old Wotan is in the center of Europe.” (C.G.Jung, Seminar on Nietzsche´s Zarathustra, S.196)

Darauf bezieht sich M.L.v.Franz in "Reich ohne Raum”:

"Jung hat bereits darauf aufmerksam gemacht, dass hinter dem Nationalsozialismus eine religiöse Krise steht und dass dabei ein älteres archetypisches Gottesbild: `Wotan´ im Unbewussten der Deutschen wiederbelebt wurde." (M.L.v.Franz, Das Reich ohne Raum, S.34)

Auf diesem Hintergrund erscheint die "Rückkehr Pans" als eine "Rückkehr Wotans". Wobei es dabei psychodynamisch geht – ganz sicher nicht um eine Restauration germanischer Religion -, wird noch zu erörtern sein. Zunächst mag genügen: Die Vaterlosen des "Fight Clubs", in der Ekstase des Kampfes momenthaft zum Gott verwandelt, können als vom "Wilden Jäger" Wotan Ergriffene gesehen werden. Nach dem Volksglauben machte dessen "Wildes Heer" während der Raunächte zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag, der Zeit zwischen den Jahren, die Nächte unsicher. Während dieser Tage bekam das Kontinuum des Zeitlaufs einen Riss, durch den das Chaos einströmen konnte in Gestalt des "Wilden Jägers" und seines wilden Gefolges. Die Kämpfer im "Fight Club" gleichen Wotans wilden Berserkern mit ihrer sprichwörtlichen Wut, die in der orgiastischen Raserei des Kampfes übermenschliche Kräfte entfalten und in diesem Sinn Übermenschen, "Titanen" wurden – "Gott".

In seiner Interpretation des Jugendromans von Joseph Goebbels "Michael, ein deutsches Schicksal" (1929) hat Klaus Theweleit in Goebbels´ Begriff der Arbeit genau diese Bedeutung gefunden. Arbeit ist Kampf und dieser Kampf wird erlebt als eine Geburt noch nicht zu Ende Geborener zum "Titanen", zum "Gott":

"In Goebbels `Michael´ erscheint `Arbeit´ als Zentralbegriff überhaupt, bis sie sich gegen Ende als eine Unterform des Kampfes herausstellt, und `Kampf´ und `Krieg´ das Eigentliche sind. `Arbeit erlöst´, sagt Michael. `Erlösung´ ist der ersehnte Zustand auf den alle `Arbeit´ Michaels zusteuert. Er meint die Erlösung vom alten Menschen...Das Bergwerk, in das Michael am Ende geht, um `Arbeiter´ zu werden, liefert vor allem die Möglichkeit, Arbeitsintensitäten von der Art des Rausches zu beschwören, die...Erlösung garantieren. `Ich will kein Erbe sein.´ Neuer, selbstgeborener Mensch werden in einem Apparat, der Ichgrenzen abwirft – dazu dient Arbeit. `Ich bin kein Mensch mehr. Ich bin ein Titane. Ein Gott!´" (Klaus Theweleit, Männerphantasien 2. Männerkörper - Zur Psychoanalyse des weißen Terrors, S. 232ff)

Siehe auch: Schwarze Sonne – weißer Terror: Michael, Goebbels und die SS www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne/pressemitteilung.htm

In Letzterem - Titane, Gott - sieht Theweleit das Wesen der gesuchten Erneuerung:

"Einen Vater lieben wollen? Nein, Sohn der Erde und meiner selbst, gemacht, über sie zu herrschen und über alles, was noch `Mensch´ ist...In der Konstruktion der Faschisten von der Wiedergeburt ist die Konstellation zusammengeschrumpft: nicht mehr Sohn Gottes ist das neugeborene Ich, sondern Sohn seiner selbst...Es gibt keine Väter mehr." (Männerphantasien 2, S.238)

Dahinter steht der Sozialisationstyp nicht zu Ende geborener Männer:

"Als `Ende der Geburt´ würde ich den Zustand bezeichnen, den Mahler mit der `Individuation´ erreicht sieht. Dazu gehört, dass das Kind sich aus der unumgänglichen Symbiose, die sein erstes Lebensjahr bestimmt, durch eine lustvolle Besetzung seiner Peripherie bis zum sicheren Gefühl, ein von der Mutter und von anderen unterschiedenes Selbst zu sein, herausdifferenziert hat...Ich vermute, dass im wilhelminischen Deutschland nur sehr wenige Menschen das Glück hatten, einigermaßen zu Ende geboren zu werden." (Männerphantasien 2, S.211f)

"Zeitalter des Narzissmus" hat Christopher Lasch dieses Phänomen eines Sozialisationstyps nicht zu Ende Geborener genannt und als grundlegend für die amerikanische Gesellschaft der 70er Jahre diagnostiziert. Es scheint mit gute Gründe zu geben, ihn auch bei den "dreißigjährigen, kleinen Jungen" im "Fight Club" und ihrer Krise der Männlichkeit in den späten 90er Jahren zu vermuten. Der Aufstand gegen die "dunklen Väter" ist dann nicht etwa das Austragen eines ödipalen Konflikts; diese Phase haben die Knabenmänner gar nicht erreicht. Es geht vielmehr erst einmal um die Geburt eines Ichs mit lustvoll spürbaren Außengrenzen, das sich gegen die Welt ab- und durchsetzen kann. Im Körper nehmen diese Grenzen fühlbare Gestalt an:

"Du siehst einen Kerl zum ersten Mal zum `Fight Club´ kommen, mit einem Hintern wie ein Weißbrotlaib. Du siehst denselben Kerl ein halbes Jahr später, und er sieht aus wie aus Holz geschnitzt. Dieser Kerl traut sich zu, mit allem fertig zu werden." (FC, S.56f)

Dieses neue, sich über den begrenzenden Körperpanzer definierende Ich ist nicht nur vater-, sondern auch geschichtslos: "Der Eltern ledig, der eigenen Geschichte...entkommen", so Theweleit (Männerphantasien). Ähnlich der "Fight Club"-Erzähler:
"Ich wollte den Louvre niederbrennen. Ich wollte die Elgin Marbles mit einem Vorschlaghammer bearbeiten und mir mit der Mona Lisa den Arsch abwischen... Das ist meine Welt, meine Welt, und diese uralten Leute sind tot." (FC, S.139f)

Weltraumaffen:
Anarcho-Sklaven der Geschichte


Der erste "Fight Club" erwies sich als zündende Idee. In Windeseile entstanden landesweit neue Clubs, wohlorganisiert mit Satzung und "Ortsgruppenleitern". Da erfand Tyler eines Morgens das "Projekt Chaos". Vorausgegangen war ein besonders harter Kampf im Club:

"In jener Nacht im `Fight Club´ drosch ich auf unseren Neuling, auf dieses wunderschöne Engelsgesicht ein, zuerst mit den harten Knöcheln meiner Faust, wie ein mahlender Backenzahn, dann mit dem stumpfen Ende der Faust, als meine Knöchel von den Zähnen, die durch seine Lippen ragten, wundgeschlagen waren. Dann sackte der Junge durch meine Arme. Tyler sagte später, er habe mich noch nie so gründlich zerstören sehen." (FC, S.138)

Der Erzähler hatte sich völlig der ekstatischen Raserei eines Berserkers hingegeben. "Du hast wie ein Wahnsinniger ausgesehen, mein Junge, wie ein Psychopath", bemerkte Tyler. Das gab den Anstoß:

"An diesem Morgen erfand Tyler das Projekt Chaos. Tyler fragte, wogegen ich in Wirklichkeit kämpfte. Was Tyler darüber sagte, dass wir die Scheiße und die Sklaven der Geschichte seien, das ist genau das, was ich empfand. Ich wollte all das Schöne zerstören, das ich nie haben würde. Die Regenwälder am Amazonas niederbrennen. FCKW in die Atmosphäre pumpen, um das Ozon zu killen. Die Klappen von Supertankern öffnen und Ölquellen vor der Küste entstöpseln. Ich wollte all die Fische töten, die ich mir nicht leisten konnte, und die französischen Strände verunreinigen, die ich nie sehen würde. Ich wollte, dass die ganze Welt ganz unten ankommt." (FC, S.138f)

…bis alles in Scherben fällt. Hass und der glühende Wunsch nach Rache, ein abgründiges Ressentiment gegen alles, was die veröffentlichte Meinung als gut und wertvoll im Sinne von politisch korrekt verkauft, spricht aus diesen Worten.

"`Du rechtfertigst Anarchie´, sagt Tyler. `Du kapierst.´ So wie es der `Fight Club´ mit den Angestellten und Kassierern tut, wird das Projekt Chaos die Zivilisation zerschlagen, damit wir etwas Besseres aus der Welt machen können."(FC, S.140)

Zu diesem Ausgriff auf die gesamte Zivilisation der Welt – "heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!" - sagt Klaus Theweleit in seiner Interpretation des "Michael"-Romans von Goebbels:

"Die nicht zu Ende Geborenen, die ihr Ich/Wir in ständiger Arbeit (Unterwerfungsarbeit) gegen den drohenden Zerfall erzeugen müssen (Erlösung statt Auflösung), brauchen schließlich den gesamten Weltkörper als symbiotischen Leib ihrer Überlebensversuche. Erst in der totalen Ganzheit steht das Leben auf." (Männerphantasien 2, S. 244)

Theweleit fügt drei Comics aus den 60er/Anfang 70er Jahren bei. Der erste zeigt einen nackten, glücklich lächelnden Jüngling, der eine Weltkugel umarmt und seinen Phallus in sie hineinrammt. Der Kommentar auf dem Comic lautet treffend: "Make yourself happy! Fuck the world!" Der zweite von Günter Brus (!971) trägt den Titel "Kaiser” und setzt ein "Fuck history!" ins Bild: Ein Skelett trägt die Krone der mittelalterlichen, deutschen Kaiser, davor der nackte Unterleib eines wohl jüngeren Mannes. In eine der beiden leeren Augenhöhlen des kaiserlichen Skeletts rammt der Mann seinen aufgerichteten Phallus. Der dritte schließlich kann als Symbolisierung des "Projekts Chaos" gesehen werden: Die Erdkugel schwebt im Weltall. Auf ihr steht ein nackter, affenartiger Mann, eher schon ein Monster mit drohend erhobenen Krallenfingern. Aus seinem riesigen Phallus ergießt sich ein Strahl auf die Erde. "Piss on you, earth!", so die Sprechblase.

Diese Gestalt erinnert verblüffend an die Akteure des "Projekts Chaos", die Horden knabenhafter Männer, die sich aus den "Fight Clubs" immer zahlreicher Tylers Projekt anschließen. "Weltraumaffen" – space monkeys – nennt sie der Erzähler. Nicht weniger verblüffend ist für mich, mit welcher Hingabe und Begeisterung sich junge Leute der Jahrtausendwende mit diesen "space monkeys" auf diversen Internet-Seiten und in den entsprechenden Chat-Rooms zu identifizieren scheinen.

Vater- und geschichtslose Weltraumaffen! Ersetzt hier die Globalität des virtuellen Raums im World Wide Web eine gesuchte Ganzheit nicht zu Ende Geborener? Wie dem auch sei, "Fight Club" scheint tatsächlich jenen untergründigen, anarchischen Nerv getroffen zu haben, der seit einem Jahrhundert unter einer bewusstlosen und verdummenden Konsum- und Glitzerwelt zuckt. Ein "space monkey" bringt es in eine programmatische Form. Goebbels hätte es kaum besser sagen können. Es klingt wie O-Ton "Drittes Reich" Der hier spricht, hat in den Augen des Erzählers sein Körperprofil gefunden:

"`Ich sehe die stärksten und klügsten Menschen, die je gelebt haben..., und diese Menschen zapfen Benzin und servieren Essen.´ Seine steile Stirn, seine Braue, die Schräge seiner Nase, seine Wimpern und die Linie seiner Augen, das plastische Profil seines Mundes, das alles hebt sich schwarz vor dem Sternenhimmel ab. `Wenn wir diese Menschen in Ausbildungslager stecken und ihre Erziehung vollenden könnten...Wir haben eine Klasse von starken jungen Männern und Frauen, und sie wollen ihr Leben für etwas hingeben. Die Werbung lässt diese Menschen nach Autos und Kleidern jagen, die sie nicht brauchen. Ganze Generationen haben bis heute in Jobs gearbeitet, die sie hassen, nur damit sie kaufen können, was sie gar nicht wirklich brauchen. Wir haben in unserer Generation keinen Krieg oder eine große Depression. Was wir aber haben, ist ein großer Krieg des Geistes. Wir haben eine große Revolution gegen die Kultur. Die große Depression, das ist unser Leben. Wir haben eine geistige Depression. Wir müssen diesen Männern und Frauen die Freiheit zeigen, indem wir sie versklaven, und ihnen Mut vor Augen führen, indem wir ihnen Angst machen." (FC, S.170).

Warum endet das Projekt "Fight Club", angelegt auf eine ekstatische Kampferfahrung, im faschistischen "Projekt Chaos"? Diese Frage wirft zunächst methodische Probleme auf, die mit einem Ungenügen der Freudschen Theorie zusammenhängen. Ein "space monkey" ist mit Freud nicht angemessen zu deuten. Vor dem "Projekt Chaos" versagt die Freudsche Theorie vom Ich:
"Die Art von Leuten, die in dieser Theorie vom Ich nicht mehr recht vorkommen, müssen zu Lebzeiten Freuds sehr zahlreich gewesen sein. Ich meine...all die Leute, die sicher fühlten, dass irgendwer anderer zu sterben hätte, damit sie selber leben könnten. So ganz normale Ödipale können das nicht gewesen sein – so weit geht Ödipus nicht...Durch welche Art `Ich´ stabilisieren und kontrollieren diese Männer sich, wenn nicht durch das ödipale?" (Klaus Theweleit, Männerphantasien 1. Frauen, Fluten, Körper, Geschichte, S. 215)


"Orale Flipper":
Der faschistische Bruch


Der Roman "Fight Club" zerfällt deutlich in zwei Teile. Da ist zunächst der geschützte Bereich einer nächtlichen Kampfarena, in der sich zwei Männer, strengen Regeln unterworfen, gegenüberstehen. Der erste Teil des Romans kreist um diesen Bereich ritualisierter, initiatorischer Gewalt. Und da ist dann plötzlich der chaotische Bereich nächtlich im Dschungel der Großstadt umherschweifender Chaos-Horden knabenhaft gebliebener Männer. Der zweite Teil des Romans kreist um diesen Bereich aus dem Ruder laufender, faschistischer Gewalt. Warum genügte das initiatorische Gewaltritual nicht mehr? Vor allem: Wofür genügte es nicht mehr?

An jenem Morgen, als Tyler das "Projekt Chaos" erfand, fühlte sich der Erzähler schlecht. Der Kampf der letzten Nacht hatte ihm nicht mehr den erlösenden Kick gebracht:

"Ich sagte, ich fühlte mich wie Scheiße und überhaupt nicht entspannt. Es hat mich überhaupt nicht angetörnt. Vielleicht habe ich mich zu sehr daran gewöhnt. Man kann eine Toleranz für Kämpfe entwickeln, und vielleicht musste ich zu etwas Größerem übergehen." (FC, S. 138)

Tyler war das bereits in dem Moment klargeworden, als er sah, wie sich im Kampf des Erzählers dessen berserkerhafte Wut wie bei einem "Psychopathen" entladen hatte:

"In dieser Nacht wusste Tyler, dass er den `Fight-Club´ eine Stufe höherschrauben oder ihn einstellen musste." (FC, S. 138)

Der Raum der Kampfarena musste gesprengt, der Raum der Welt, der Geschichte, des Universums ("Weltraumaffen"!) besitzergreifend und zerstörend besetzt werden:

"Als Tyler das Projekt Chaos erfand, sagte er, das Ziel des Projekts habe nichts mit anderen Menschen zu tun. Es war Tyler egal, ob andere Menschen verletzt wurden oder nicht. Das Ziel bestand darin, jedem Mann in dem Projekt beizubringen, dass er die Macht hatte, den Lauf der Geschichte zu beherrschen. Wir, jeder von uns, können die Welt beherrschen." (FC, S. 137)

Nur die Ganzheit von Allem kann dem grenzenlosen Ich der nicht zu Ende Geborenen jene Grenzen verschaffen, die es zu seiner Stabilisierung braucht. Ein eng begrenzter "Fight Club" reicht da nicht mehr aus. Der bildet nur das fest konturierte Körper-Ich heran, mit dem der Welteroberer agiert. Diesem Ich ist jeder wie auch immer geartete ethische Impuls gänzlich fremd. Die Menschen waren Tyler egal. Es zielt nicht auf eine Durchsetzung irgendwelcher ethischer Prinzipien oder weltanschaulicher Ideen, sondern auf Verschlingen. Wahllos schlingt es alle und alles in sich hinein aus im wahrsten Sinne des Wortes grenzenloser Angst, selbst verschlungen zu werden – verschlingende Welteroberung als Versuch einer nachholenden Befreiung aus der Symbiose.

"Orale Flipper" wurde im Psycho-Jargon der pädagogischen Diskussion während der 70er Jahre der scheinbar neue Sozialisationstyp genannt, der im Stadium der Symbiose "steckengeblieben" sei. Er habe den "autoritären Scheißer" abgelöst. Auf das Instrumentarium der Begriffe Freuds fixiert, vornehmlich seiner auf Emanzipation von "Es" und "Über-Ich" bedachten Ich-Psychologie, standen die 68er Emanzipationsspezialisten dem "oralen Flipper" recht hilflos gegenüber. Er passte vor allem deshalb nicht in Freuds Modell, weil ihm dessen Dreh- und Angelpunkt fehlte: das ödipal entwickelte "Ich". Der "autoritäre Scheißer" passte dagegen gut mit seinem obrigkeitshörigen Unterwerfungsmechanismen unter ein allmächtiges "Über-Ich". Entsprechend freudianisch fiel deshalb die Deutung des Faschismus aus. Er wurde als Produkt eines "autoritären Charakters" (Adorno) gesehen. Befreite man den Menschen aus den Zwängen der Autoritäten (Eltern, Staat, Schule, Kirche etc.), sei das Gespenst des Faschismus gebannt und in der Mottenkiste der Geschichte verschwunden. So zumindest die Umsetzung der sicher differenzierter denkenden "Frankfurter Schule" in so manchen "Antifa-Projekten" der pädagogischen Provinz.
Nur erfasste man damit wohl nicht einmal die halbe Wahrheit, denn wie inzwischen deutlich geworden sein dürfte: der faschistische Mann ist eher ein "oraler Flipper" als ein "autoritärer Scheißer". Ich folge damit einer an Reich und Deleuze/Guattari ("Anti-Ödipus") orientierten Freudkritik, die Klaus Theweleit in den beiden Bänden seiner "Männerphantasien" an historischen Fallbeispielen faschistischer Männer (vor allem bei Angehörigen der Freikorps) konkretisiert hat. Das ihnen adäquate mythische Bild ist nicht Ödipus:

"Sie wollen etwas anderes als den Inzest, der eine Beziehung der Personen und Namen und Familien ist. Sie wollen im Blut waten, sie wollen einen Rausch, dass ihnen `Hören und Sehen´ vergeht...Mir scheint, sie sind nicht nur heißer, gefährlicher und grausamer, sondern auch von anderer Art als Freuds harmloser `motherfucker´ Ödipus." (Männerphantasien 1, S. 210f)

Auf dem Hintergrund dieser theoretischen Ortsbestimmung komme ich auf den Kommentar der Jungschülerin M.L.v.Franz zu "Das Reich ohne Raum" zurück. Er bietet die Möglichkeit, die Suche des faschistischen Mannes nach seinem Ich im Licht des Symbols der "Schwarzen Sonne" zu sehen. Die in diesem Symbol reflektierte puer-senex-Problematik bekommt den "oralen Flipper" als "puer aeternus", den im Hintergrund spukenden, dunklen Vater als "saturnischen senex" in den Blick. "Puer aeternus" und "Saturn" treten als mythische Bilder an die Stelle des Bildes von Ödipus. Ich verstehe sie als vorläufige, heuristische Denkmodelle auf dem Weg zu einer Befreiung von den fesselnden "Halseisen" (Deleuze/Guattari) einengender Psycho-Begriffe.

Die Suche nach dem Ich bekommt beim "puer" und "senex" Züge einer solchen Suche nach dem Vater, die keinen ödipalen Vater-Sohn-Konflikt voraussetzt. Ein "space-monkey" hat diese Suche hellsichtig in ihrer auch religiösen Dimension erkannt:
"Schließlich führt alles dazu, dass du dein Leben lang einen Vater und Gott suchst." (FC, S. 160)
Doch was für eine Art von "Vater und Gott" wird gesucht? Ehe wir uns der alchemistischen puer-senex-Interpretation in "Reich ohne Raum" zuwenden, bedarf es dieser Klärung. Es ist nach Theweleit nicht der "Führer". Er geht hier mit Erikson ("Die Legende von Hitlers Kindheit") konform, "dass die Bedeutung Hitlers nicht auf der Vater-Ebene gesucht werden darf." (Männerphantasien 2, S.453):

"Die letzte auf den Gipfel der Macht projizierte Figur aus der Reihe der realen Väter mag Wilhelm II. gewesen sein – seine klägliche Abdankung lässt den höchsten Platz leer, und die Faschisten füllen ihn nicht neu aus; auch nicht durch den Führer. Er bleibt, des Reiches erster SA-Mann, in der Generation der Brüder, der Söhne. Die realen Väter sind korrumpiert und lächerlich." (Männerphantasien2, S.360f)

In Anlehnung an Sohn-Rethel ("Ökonomie und Klassenstruktur") sieht Theweleit hier ein "Vakuum der Transzendenz". Dort befinde sich und werde gesucht "der fiktive Phallus der Höhen." (Männerphantasien 2, S.454)

Rettung aus der Masse:
Ewige Ganzheit im Phallus der Höhen


Ernst Jüngers Kriegsbuch "Feuer und Blut" (1929) und Ernst Salomons Freikorps-Roman "Die Geächteten" (1930) sollen exemplarisch eine Antwort auf die Frage geben, was der faschistische, nicht ödipal strukturierte Mann als "Vater und Gott" sucht. In "Feuer und Blut" kämpft sich ein fast tödlich verletzter Leutnant bei einer Schlacht während des 1. Weltkriegs
"zum Stab hinter den Linien durch und überbringt dem General persönlich die Meldung vom Erreichen einer strategisch wichtigen Straße durch seine Truppe. Der General erinnert sich aus Kampfberichten an den Namen des Leutnants und zeigt sich erfreut, ihn noch lebend zu sehen. Er hätte gehört, dieser tapfere vielversprechende junge Mann sei gefallen. Jetzt erst, trotz Kopf- und Schulterschuss fällt der Leutnant in Ohnmacht. Das Ziel seiner Anstrengung, vom General gekannt und gelobt zu sein, ist erreicht. Es rundet die Sensationen des direkten Kampfes mit dem `Feind´ ab – ein Agent des höchsten Vaters aus dessen nächster Umgebung muß erst noch `Amen´ sagen und betonen, dass dieser Sohn fehlerlos, der beste sei...Er darf in Ohnmacht fallen." (Männerphantasien 2, S.363)

In der historischen Zeit des 1. Weltkriegs mag dieser "höchste Vater" noch Wilhelm II. gewesen sein. In der fiktiven Zeitperspektive Jüngers von 1929 – in diesem Jahr erschien übrigens auch Goebbels "Michael" – ist dieser Platz, wie gesagt, leer. Wessen "Agent" ist der General dann? Im Leutnant reflektiert Jünger sich selbst. Es lohnt sich, dazu eine längere Passage aus "Die Geächteten" zu zitieren. Dieser Freikorps-Roman entstand etwa zeitgleich. Anlässlich der bevorstehenden Auflösung der Truppe hält Leutnant Kay folgende Abschiedsansprache in einem Cafe, wo ihm auch Angehörige des etablierten Bürgertums zuhören:

"`Wir stehen gelehnt am Strome der Zeit´, sagte er, `und wir sind vom Blutrausch erfasste Militärkamarilla, die da Honig saugt aus dem Mark der Knochen des Volkes und diesen Honig dann dem Volke ums Maul schmiert.´ Und löffelte emsig in seinem Grog. `Spätere Geschlechter werden uns fragen, was habt ihr gemacht? Und dann werden wir antworten, wir haben Blut gerührt...Dann werden die späteren Geschlechter sagen: das habt ihr gut gemacht, einen rauf. Jene Bürger aber, die dort so fett und behaglich sitzen - Prost! – die werden auch gefragt werden, und sie werden antworten: wir haben das Blut zu einer schönen, bekömmlichen Schwarzsauersuppe eingedickt, und das hat uns abermal geschmeckt. Und die späteren Geschlechter werden sagen: Fünf, setzen! Und abermalen, am Tag des Jüngsten Gerichts da werden wir unsere weitverstreuten Knochen sammeln und vorzeigen zum Appell, und da wird es heißen – rechts ran. Jene verstaubten Aktendeckel aber – Prost, Herr Amtsrichter, auf ihr Spezielles – werden sich pflichtgetreu verneigen und werden sagen: Verzeihung, Herr, wir können unsere Knochen nicht sammeln, dieweil wir nie welche hatten. Und es wird heißen: nach links, ihr Böcke, da wo ihr hingehört. Und ich sage euch, es wird eine reinliche Scheidung sein." (Ernst Salomon, Die Geächteten, zit.n.Männerphantasien 2, S. 364)

Hier spricht gegen rückgratlose, pflichtgetreue, als "verstaubte Aktendeckel" bezeichnete "autoritäre Scheißer" - genau das ist die Klientel, auf die dieser 68er Psycho-Jargon passt: das "Establishment" – einer der Männer, dessen Sozialisationstyp wir in dem gleichen Jargon als den des "oralen Flippers" bezeichnet hatten. Die ganze Verachtung gegenüber einer abgewirtschafteten Väterwelt kommt in dieser Rede zum Ausdruck. Die konkreten Väter sind dem Gericht verfallen:

"Nach und nach wird aus den `späteren Geschlechtern´ der `Herr, der die verkehrte Welt gerade richtet...Rechts und recht ist der Sohn mit dem Wunsch nach dem Vater, der auf den abstrakten Knochen sähe: `Gut gemacht, mein Sohn.´ Das müssen sie hören: `eine reinliche Scheidung´ muss gemacht werden: auf dieser Seite wir, die mit dem legitimen Erbanspruch auf den `Knochen´, den man braucht, um `Blut zu rühren´. Einzulösen vom `Vater´ spätestens am jüngsten Gericht, besser aber früher. Der Führer an ihrer Spitze ist nicht die Inkarnation dieser Macht, er ist die Inkarnation des Wunsches aller nach dieser Macht, die sie zum Überleben brauchen." (Männerphantasien 2, S.364)

Theweleit spricht vom "Phallus der Höhen", um diese lebenssichernde Macht zu beschreiben, Sie ist das, was die Chiffre "Herr" – im Kontext des zitierten biblischen Bildes "Christus" bzw. "Gott" – repräsentiert. Die Wahrnehmung des Phallischen ist in den desolat gewordenen, konkreten Vatergestalten nicht mehr möglich.

"So ersehnen die...Söhne die Gestalt eines `Vaters´, der ihnen ewige Ganzheit und die Verbindung mit der Macht garantiert, mit dem Prinzip des glänzenden, allmächtigen Phallus der Höhen." (Männerphantasien 2, S.363)

Mir dieser phallischen Macht befreit sich der nicht zu Ende geborene Sohn aus der verschlingenden Masse und kann sie sich unterwerfen. Er braucht sie zum Überleben, weil sie ihn davor bewahrt, in der Masse zu versinken. In "Kampf als inneres Erlebnis" (1922) fragt Ernst Jünger:

"Soll ich Ihnen sagen, worin das Elend unseres deutschen Wesens besteht? Dass die Spannung zwischen den hohen einzelnen, in denen deutsches Wesen lebt und schöpferisch wird, und der Masse größer ist als bei allen anderen Völkern, die ihren Namen in die Sterne geschrieben haben. Der einzelne Deutsche ist zuweilen himmlisch, ein wirkliches Geschöpf Gottes; doch die Masse – ist etwas Furchtbares, eben weil der einzelne höher steht als in anderen Ländern." (Ernst Jünger, Kampf als inneres Erlebnis, zit.n.Männerphantasien, S. 52)

Alles, was "Masse" ist, muss ausgegrenzt werden. Klaus Theweleit hat dem ersten Band seiner "Männerphantasien" deshalb den bezeichnenden Untertitel gegeben "Frauen, Fluten, Körper, Geschichte". Wesentlich die Frauen sind "Masse".. Als "Flintenweiber" durchzieht dieses Bild der verschlingenden Frau die Freikorps-Literatur: "Flintenweiber – die kastrierende Frau"! Als ein Freikorpsmann einem Trupp revolutionärer Arbeiter in die Hände fällt, so im Roman "Auf halbem Wege" von Edwin Erich Dwinger (1919), ist es eine Frau, die ihn erschießt. Als seine Leiche gefunden wird, mutmaßen die Kameraden:"...vielleicht fiel er sogar unter Weiberhänden – auch das will unsere Zeit, will unser Jahrhundert." (Männerphantasien 1, S. 81).

Das Bild Salomons von dem Knochen, den man braucht, um Blut zu rühren, bekommt erst auf dem Hintergrund dieser Schreckensbilder von der mordenden und verschlingenden Masse seine plastische Aussagekraft. Es war die Revolution der Masse, "die nach Salomons Empfinden `die Stadt München in einen riesigen Kessel verwandelte, in dem dickes Blut und dünnes Bier wild durcheinanderbrodelten.´" (Männerphantasien 1, S.244) Er und seine Männer besaßen im Unterschied zu den etablierten Vätern den Knochen, der das Blut in diesem kochenden Chaos der Masse rührte. Dass Hitler als Meldegänger bei diesem Niederschlagen der Münchner Räterepublik konkret mitrührte, sei als historische Randnotiz angemerkt.



Schatten des Kreuzes:
Die Geburt der "Schwarzen Sonne"


In ihrem Kommentar zu dem Roman von Bruno Goetz "Das Reich ohne Raum" vertritt M.L.v.Franz mit C.G.Jung die These, dass sich, tiefenpsychologisch gesehen, hinter dem Phänomen des Nationalsozialismus ein religiöses Problem verberge. Es gehe um die Erneuerung des Gottesbildes. Berücksichtigen wir unsere Überlegungen zur Suche der noch nicht zu Ende Geborenen nach einem Vater und Gott, dann erscheint diese, auf den ersten Blick wohl etwas befremdliche These so abwegig nicht. Das, was Theweleit den "Phallus der Höhen" nennt, kann als ein Gottesbild aufgefasst werden, das an die Stelle des traditionellen Gottesbildes der korrumpierten Väter tritt. Dieses hat für die nicht zu Ende Geborenen seine lebenserhaltende Macht verloren. Das alte Bild des Christengottes hat für sie ausgedient. Das, was sie im "Phallus der Höhen" mit dem Ziel einer Erneuerung des Gottesbildes aktualisieren, ist nun aber nur die dunkle Seite des alten Gottes, sein "Schatten", um es in einer Kategorie Jungs zu sagen. Auf den symbolischen Punkt gebracht: Das nationalsozialistische Hakenkreuz kann als der Schatten des christlichen Kreuzes verstanden werden. Ich habe das ausführlich in meinem Referat zur Wewelsburg, Kult- und Terrorstätte der SS, zu zeigen versucht: Christenkreuz und Schwarze Sonne www.ahlen.de/medien/christenkreuz

Das Symbol der "Schwarzen Sonne" ist als "sol niger" aus der Alchemie bekannt. Es bezeichnet dort das Resultat der "nigredo", des ersten Stadiums im Opus des Alchemisten. C.G.Jung hat den Prozess des Opus mit dem Prozess der Individuation, des inneren Weges zum Selbst, verglichen ("Psychologie und Alchemie"). Die Symbole der Alchemie erscheinen so als Symbole dieses inneren, psychischen Prozesses, an dessen Ende sich das Selbst, die Ganzheit des Menschen, in einem erneuerten Gottesbild ausdrückt. "Reich ohne Raum" im new-alchemy.net http://web.ukonline.co.uk/phil.williams/vonspat.htm

Die "nigredo" ist in dieser Sicht als erster Schritt das Eintauchen des Menschen in seine dunkle Seite, den "Schatten". Am Ende solcher "saturnischen Nacht" rundet sich gleichsam der Schatten und nimmt Gestalt an. Auf dem Weg zum erneuerten Gottesbild wird die "Schwarze Sonne" als dessen symbolischer Repräsentant aus dem Stadium der Auseinandersetzung mit dem Schatten geboren. Sie symbolisiert also diesen, aus der "nigredo" ans Tageslicht getretenen Schatten des individuellen Menschen oder auch des Kollektivs.

Das Gedicht "Germania incognita" (1995) aus der rechten Schriftenreihe "Sol invictus" liest sich wie ein Kommentar dazu. Der Text umrahmt zwei gepanzerte "Sonnenritter" unter dem Zeichen des zwölfspeichigen Sonnenrades der Wewelsburg, das spätestens seit dem Kultbuch von Russel McCloud "Die Schwarze Sonne von Tashi Lunpo" (1991) als "Schwarze Sonne" durch die einschlägigen, rechten Kreise geistert. Das Sonnenrad der Wewelsburg www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne/gold/4.htm

In dem Gedicht heißt es:

"Wenn meine Augen flammen, meine Stimme erbebt,
aus meinen Worten sich die Sonne erhebt.
Mein Dunkel zerreißt, mein Bewusstsein entfacht,
ist in mir der Phönix erwacht.
Da ist die Macht der Schwarzen Sonne.
Spürst du ihren Widerschein?
Unsichtbar für deine Augen,
dringt sie tief in mich hinein."

Das Gedicht beginnt mit der Parallelisierung der sich erhebenden Sonne und des erwachenden Phönix. In der alchemistischen Symbolik bezieht sich der emporfliegende Phönix auf das abschließende, dritte Stadium des Opus, das Hervorbringen der solaren Tinktur. Psychologisch gesagt: der Phönix repräsentiert den Aufgang der erneuerten Sonne des gesuchten Selbst. Wie Jung immer wieder betont, sind Selbst und Gottesbild empirisch nicht zu unterscheiden. Deshalb kann gesagt werden: Der Anfang des Gedichts deutet im Bild des erwachenden Phönix das Ziel eines erneuerten Gottesbildes an. Treibende Kraft ist die "Macht der Schwarzen Sonne", des ersten Stadiums dieses Prozesses einer Erneuerung. Der Aufgang der "Schwarzen Sonne" aus der "nigredo" ("kalter Winter", "lange Nacht"), ein als Neugeburt erlebter Vorgang, scheint mir das eigentliche Thema des Gedichts zu sein:

"Seltene Sprossen von eigenem Rang,
uns war der Winter so kalt, uns war die Nacht so lang.
Hatten der Liebe so lange entbehrt,,
mit der Morgenröte sind wir heimgekehrt.
Wenn meine Augen flammen, meine Stimme erbebt,
aus meinen Worten sich die Sonne erhebt.
Hat ihre brennende Liebe mich auserkoren,
Hat ihr geheimes Licht mich neu geboren.
Schwarze Sonne, greife in meine Herz!
Zerreiße mein Dunkel, tilge den Schmerz!
Wie habe ich mich nach dir verzehrt,
hast deine Gnade mir gewährt.
Als Sonnenritter kehren wir heim.
Wir werden der neue Adel sein.
Seltene Sprossen von eigenem Rang,
wir waren verwaist und der Weg war so lang.
Das Dunkel hat uns nicht verschlungen,
wir haben uns emporgerungen.
Die Kinder der Sonne, wenn sie uns sehn,
werden die Worte von Feuer verstehen."
(zit.n. R. Sünner, Schwarze Sonne, S. 140)

Im Sinne unserer Analyse der noch nicht zu Ende Geborenen, ihrer Angst vor der verschlingen Masse, ist die Zeile "Das Dunkel hat uns nicht verschlungen, wir haben uns emporgerungen" höchst verräterisch. Die mitgelieferte Zeichnung der beiden nur aus Panzer und Schwert bestehenden Ritter weist in die gleiche Richtung. Die Frage drängt sich auf: Wird hier nicht etwas ausgelassen, was für das alchemistische Opus wesentlich ist, den noch nicht zu Ende Geborenen mit seiner Angst vor dem Zerfließen und Verschlungenwerden jedoch tödlich bedrohen muß: der alchemistische Grundsatz "Solve et coagula!" – "Löse auf und füge zusammen!"? Ohne Auflösung ist Erlösung nicht zu haben. Gerade die Auflösung will der faschistische Mann aber um jeden Preis verhindern. Die alchemistische Perspektive ist für ihn also völlig untauglich. Er wünscht zwar die Neugeburt, lässt jedoch nicht zu, dass die Begegnung mit dem Schatten seinen Panzer knackt. So bleibt das Symbol der "Schwarzen Sonne" ein äußeres Bild ohne innere Kraft, wenn man es mit den psychologisch-alchemistischen Augen eines C.G.Jung sieht. Wenn man es aber vielleicht ganz anders sähe und die ganze Psycho-Theorie wegließe, einfach mit den Augen dessen, der es als Ausdruck seiner Wünsche sieht?

Der Schizo im Himmel:
Das Rhizom der Wunschmaschine


Freud passt nicht, Jung funktioniert nicht. Vielleicht hilft "Fight Club" weiter. Der Roman endet im Himmel, einer Irrenanstalt, "weiß in weiß" mit Gott als Chef-Psychiater. Man kann es auch anders herum sehen: Der Schluss des Romans zeigt den noch nicht zu Ende Geborenen, den "oralen Flipper", als "Schizo". Dieses Ende passt so gar nicht zu Jüngers oder Goebbels´ Suche nach "ewiger Ganzheit im Phallus der Höhen". Das Kapitel beginnt vielmehr mit einem Bibel-Zitat: "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." (FC, S. 232) Sollte es nicht um Ganzheit, sondern um Vielheit oder um beides gehen? Das wäre eine Änderung der Perspektive.

Um sie zu testen, bediene ich mich probeweise eines Modells, das Deleuze und Guattari in ihrer Kritik der Psychoanalyse und Alternative einer "Schizo-Analyse" entwickelt haben: Sie sehen in ihrem "Anti-Ödipus" das Unbewusste als große "Wunschmaschine", die unentwegt Wünsche produziert. Diese Wunschproduktion des Unbewussten sei die wirkliche Entdeckung Freuds gewesen, die er mit Begriffen wie Libido, Ödipus-Komplex etc. seiner Ich-Psychologie leider wieder zugeschüttet habe. Die Wunschmaschine bestehe aus vielen selbständigen, vernetzten Maschinenteilen mit eigener Wunschproduktion. Sie gleiche so einem Rhizom, einem unterirdischen Wurzelgeflecht mit kleinen Knoten und labyrinthischen Verästelungen. Sehr schnell wurde die digitale Maschine "Internet" mit diesem rhizomatischen Modell des Unbewussten als einer Wunschmaschine in Beziehung gesetzt:
Rhizom, Internet und Bibliothek: Das Netz als Labyrinth www.ahlen.de/medien/bibliothek/doc_01f.html
Zum "Anti-Ödipus" lohnt sich auch ein Blick in Heiko Idensens "Imaginäre Bibliothek": Hyper-Text – Anti-Ödipus – Hyper-Struktur
www.hyperdis.de/pool/405b_152.htm

Vor des Erzählers "Himmelfahrt" inszeniert Tyler den großen Showdown – Tyler, der Chaossohn aus dem Wunschmeer des Unbewussten produziert, nun zur engelgleichen, blonden Bestie mutiert, und der Erzähler, der inzwischen das Wunschprodukt Tyler gerne wieder loswürde:

"Tyler steht vor mir, einfach gutaussehend, ein Engel in seiner durch und durch blonden Art...`Was jetzt noch zu tun bleibt, ist deine Märtyrernummer. Deine große Todesnummer.´ Es sollte kein trauriger, deprimierender Tod werden, sondern ein fröhlicher, kraftspendender Tod...`Dein Tod muss Größe haben´, sagt Tyler. `Stell dir folgendes vor: Du auf dem Dach des höchsten Gebäudes der Welt, das ganze Gebäude in der Hand des Projekts Chaos. Rauch quillt aus den Fenstern. Schreibtische fallen in die Menge auf der Straße. Eine wahre Oper von Tod sollst du bekommen.´" (FC, S. 228f)

Der Erzähler will nicht. "Du hast mich genug benutzt." Tyler steckt ihm die Pistole in den Mund, die Rahmenszene des ganzen Romans:

"Für Gott sieht es aus wie ein Mann allein, der sich eine Pistole in den Mund hält, aber es ist Tyler, der die Pistole hält, und es ist mein Leben." (FC, S.229)

Der später als Psychiater der Irrenanstalt "Himmel" enttarnte und wenig kompetente Gott lässt sich also täuschen. Denn nicht der heroische Mann, das in einsamer Höhe auf dem Hochhaus über der Masse seinem Schicksal gegenüberstehende Individuum, handelt, sondern ein Produkt seiner Wunschmaschine "Unbewusstes". Und das ist "mein Leben"!
"Dann schreit jemand. `Warte´, und es ist Marla, die über das Dach auf uns zukommt. Marla kommt auf mich zu, nur auf mich, denn Tyler ist verschwunden. Puff. Tyler ist meine Halluzination, nicht ihre. Schnell wie ein Zaubertrick ist Tyler verschwunden. Und nun bin ich nur mehr ein Mann, der sich eine Pistole in den Mund hält." (FC, S.230)

Marla ist die einzige weibliche Romangestalt. Ihr Auftauchen in diesem Augenblick lässt den Erzähler Tyler als das ihm und nur ihm eigene Wunschprodukt erkennen. Da verschwindet es. War der Beginn von allem am Meer ein Augenblick der Epiphanie Tylers, ist das Ende von allem auf dem Hochhaus ein Augenblick der Epiphanie des Erzählers selbst:

"Das ist der Augenblick der Epiphanie für mich. Ich töte mich selbst, schreie ich, ich töte Tyler. Ich bin Joes wilde Entschlossenheit." (FC, S. 230)

Die Vielheit der Wunschprodukte hat sich um Joe vermehrt. Gott durchschaut das alles nicht. Borniert beharrt er in seinem Sprechzimmer auf sattsam bekannten, wohltönenden Phrasen geheiligter, ganzheitlicher Individualität:

"Ich habe Gott getroffen; er saß hinter seinem breiten Walnussschreibtisch, seine Diplome hingen an der Wand hinter ihm, und Gott fragte mich: `Warum?´ Warum habe ich soviel Leid verursacht? Begriff ich nicht, dass jeder von uns eine geheiligte, einzigartige Schneeflocke von ganz besonderer, einzigartiger Besonderheit ist? Sah ich denn nicht, dass wir alle Manifestationen der Liebe sind? Ich betrachtete Gott hinter seinem Schreibtisch, wie er sich auf seinem Block Notizen machte, aber Gott sieht das alles falsch. Wir sind nichts Besonderes. Wir sind aber auch nicht Scheiße oder Müll. Wir sind einfach. Wir sind einfach, und was passiert, das passiert. . Und Gott sagt: `Nein, das stimmt nicht.´ Doch. Na ja, egal. Gott lässt sich sowieso nichts sagen." (FC, S. 232f)

Aus der Perspektive des "Anti-Ödipus” erweist sich dieser Psycho-Gott als psychiatrisch maskierter Todfeind des Lebens. Seine gesellschaftlich definierte Aufgabe ist es, Schizos, die gerade die lebensspendende Vielheit der Wunschproduktion ihres Unbewussten entdeckten, so zu reglementieren (mit Ödipus oder Jungschen Bildern), dass sie wieder in den geordneten Bahnen der Arbeitswelt funktionieren. Dazu Deleuze/Guattari im "Anti-Ödipus":

"Scheiß´ auf euer ganzes tödliches Theater, mag es imaginär oder symbolisch sein. Was fordert die Schizo-Analyse? Nichts weiter als wirklichen Bezug zum Außen, ein wenig wirkliche Realität. Zudem nehmen wir das Recht radikaler Gelöstheit und Inkompetenz dazu in Anspruch, in das Zimmer des Analytikers zu treten und zu sagen: es riecht übel bei Ihnen. Es riecht nach großem Tod und kleinem Ich...Der einzige moderne Mythos ist der der Zombies – tödliche Schizos, die, wieder zur Vernunft gebracht, gut für die Arbeit sind." (Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, S. 432f)


"Projekt Chaos” im "Black Sun”:
Infokalypse beim Turmbau von Babel


Der göttliche Psycho-Doktor erweist noch nicht einmal als Herr im eigenen Haus. "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." Wie wahr, weil...

"...weil mir nämlich dann und wann jemand ein Tablett mit meinen Medikamenten bringt, und er hat ein blaues Auge, oder seine Stirn ist von Stichen geschwollen, und er sagt: `Wir vermissen Sie, Mr. Durden.´ Oder jemand mit einer gebrochenen Nase schiebt einen Mob an mir vorbei und flüstert: `Alles läuft nach Plan.´ Flüstert: ` Wir werden die Zivilisation zerstören, damit wir etwas Besseres aus dieser Welt machen können.. Wir freuen uns schon darauf, Sie wieder bei uns zu haben.´" (FC, S. 234)

So endet der Roman. Die Produktion der Wunschmaschine des Unbewussten lässt sich demnach trotz aller repressiven psychoanalytischen und tiefenpsychologischen Theoriehimmel nicht abstellen. Wie gefährdet dennoch die eigene Wunschproduktion gerade in einer zu erwartenden digitalen Informationswelt sein könnte, erzählt Neal Stephenson in seinem Roman "Snow Crash". Snow Crash – Book or Virus www.frogfarm.org/dj/babel.html

Auch hier geht es um eine "Schwarze Sonne", das "Black Sun", in dem professionelle Hacker die virtuelle Realität eines Metaversums programmieren und als holographische Welt realisieren. Dieser Cyberspace ist von Avataren bevölkert, Wunschgestalten ihrer Programmierer und Teilen einer Softwaremaschine, die eine solche virtuelle Realisierung von Wünschen ermöglicht:

"Die Menschen sind Softwareteile, die man Avatar nennt. Es handelt sich um die audiovisuellen Körper, die Menschen benutzen, um im Metaversum miteinander zu kommunizieren...Das eigene Avatar kann aussehen, wie man es selber haben will, bis an die Grenzen der eigenen Ausrüstung. Wenn man hässlich ist, kann man sein Avatar zu einer Schönheit machen. Wenn man gerade aus dem Bett aufgestanden ist, kann das Avatar trotzdem wunderschöne Kleidung und professionell aufgelegtes Make-up tragen. Man kann im Metaversum wie ein Gorilla oder ein Drachen oder ein gigantischer sprechender Penis aussehen...Heutzutage sind die meisten Avatare anatomisch korrekt und nackt wie ein Baby, wenn sie zum erstenmal erzeugt werden, daher muss man sich auf jeden Fall etwas Anständiges anziehen, bevor man sich auf die Straße wagen kann. Es sei denn, man wäre im tiefsten Inneren unanständig, und es wäre einem egal." (Neal Stephenson, Snow Crash, S. 47f)

Solche Möglichkeiten virtueller Wunschproduktion durch einen Virus zu zerstören, ist das Ziel der Gegenspieler des "Black Sun". Alles soll gleichgeschaltet werden. Dagegen entwickelt Stephenson den Mythos der Infokalypse von Babel. Er ist eine Umdeutung des biblischen Mythos vom Turmbau zu Babel ins Positive: "Babel war das Beste, das uns je zugestoßen ist." (Snow Crash, S. 320) Gemeint ist der "Babel-Faktor – die Mauern gegenseitigen Nichtverstehens." (S. 455) Erst so konnte der Mensch sein Eigenes gegen eine vereinheitlichende, zentralistisch steuernde Sprache entwickeln. Ein solches Eigenes sind auch seine Wünsche, die das Unbewusste produziert.

Die Infokalpyse von Babel kann schizoanalytisch als Durchbruch der Wünsche gelesen werden, der die Tyrannei vereinheitlichender Informationsstrukturen sprengt, ein infokalyptisches "Projekt Chaos", das Babels Turmprojekt hybrider Macht erfolgreich sabotiert. Mein Literaturkurs "666 – Bibliothek der Finsternis" hat das theoretisch und praktisch mit Hilfe der rhizomatischen Hyperstruktur des Internets darzustellen versucht. Besuchen Sie besonders die vierte Arbeitsgruppe:
"Dschungel der Finsternis" www.dialogin.de/schuelerprojekte//infokalypse

Und der Faschismus? Deleuze und Guattari fragen:

"Was ist das, deine Wunschmaschine? Was ist das, deine Art, das gesellschaftliche Feld zu delirieren? (S. 59)...Wenn man das Delirium betrachtet, so scheint es uns zwei Pole zu haben: einen paranoischen faschistischen Pol und einen schizo-revolutionären Pol. Zwischen diesen Polen oszilliert es unaufhörlich. Das ist es, was uns interessiert: die revolutionäre Spaltung im Gegensatz zum despotischen Signifikanten." (Deleuze/Guattari, Rhizom, S. 64)

So gelesen, ist der vermeintliche "faschistische Bruch" im Roman "Fight Club" nichts anderes als ein solches Oszillieren. Es wird sich auch in der "virtual reality" künftiger (und bereits gegenwärtiger) "Black Sun"-Metaversen abspielen, wenn sich dort die delirierenden Wunschströme abbilden. Die Szene einer Hacker-Ligthshow aus "Snow Crash" ist dafür bezeichnend:
"Man könnte es sich ein Jahr lang immer wieder ansehen und würde jedes Mal etwas Neues entdecken. Es handelt sich um einen meilenhohes Gebilde aus beweglichen zwei- und dreidimensionalen Bildern, die in Raum und Zeit miteinander verzahnt sind. Alles ist darin enthalten. Filme von Leni Riefenstahl. Die Skulpturen von Michelangelo und die in Realität umgesetzten Erfindungen von Da Vinci. Luftkämpfe von Flugzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg, die aus der Mitte hervorbrechen, über die Menge dahinrasen, schießen, brennen und explodieren. Szenen aus tausend Filmklassikern, die zu einer einzigen gewaltigen, komplizierten Geschichte verschmelzen." (Snow Crash, S. 519)

Dass Leni Riefenstahl neben Michelangelo, Luftkämpfe des Zweiten Weltkriegs neben Leonardo da Vinci auftauchen, lässt die Bildflut zu einem oszillierenden Wunschaggregat werden jenseits eines moralisch wertenden, historischen Erinnerns. Geschichte selbst wird so in einem Feuerwerk von Bildern hypermedial verzahnter, ästhetischer Wunschprodukte wahrnehmbar. Die Wunschmaschine des Unbewussten arbeitet auf Hochtouren. Welche Wünsche der Gewalt produziert sie, wenn sich etwa Leni Riefenstahls Film "Triumph des Willens" zum Nürnberger Reichsparteitag mit noch immer hypnotischer Faszinationskraft entfaltet? "Hitlers Regisseurin - `Triumph des Willens´" http://de.news.yahoo.com/010507/27/1l04w.html

Klaus Theweleit hat diese Wunschproduktion des Unbewussten im Blick, wenn er in seinen "Männerphantasien" einen Weg zur erkennenden Aneignung des Faschismus über die Wunschströme des Unbewussten und jenseits der Historie vorschlägt:
"Und in der Tat: das Bewusstsein ist nicht der richtige Ort für die `Aufbewahrung´ der faschistischen Greuel...Wenn man Texte aber immer wieder liest (die Geschichte wieder und wieder anschaut), beginnen sie mit dem eigenen Unbewussten zu korrespondieren. Der Weg der Erkenntnis wäre vielleicht der, das eigene Unbewusste nicht zu verdrängen, die Geschichte (den Faschismus) vom eigenen Unbewussten `durchleben´ zu lassen, so dass die Erkenntnis der Geschichte schließlich über eine Erfahrung des eigenen Unbewussten geschieht." (Männerphantasien 1, S. 231)

Pole der Gewalt:
"Fight Club" und "Triumph des Wiillens"


Um Theweleits Überlegungen zur Korrespondenz zwischen Faschismus und Unbewusstem zu konkretisieren, möchte ich abschließend das Projekt eines Filmvergleichs vorschlagen. Im Mittelpunkt sollte die Frage stehen: Welche Wünsche produziert meine Rezeption der Filmbilder? Im Themenheft "Mediale Inszenierungen rechter Gewalt" der Zeitschrift "psychosozial" erschien 1995 die Studie von Hans-Dieter König: "Hitler und die Jugend. Tiefenhermeneutische Rekonstruktion dreier Szenensequenzen aus Leni Riefenstahls `Triumph des Willen´." "Triumph des Willens" (Nürnberger Reichsparteitag 1934) www.pbs.org/wgbh/cultureshock/provocations/leni

Der Film wurde in Hitlers persönlichem Auftrag gedreht und im April 1935 im Berliner Ufa-Palast als Staatsakt in Anwesenheit des Führers, der Parteispitze und des diplomatischen Korps uraufgeführt.. Der "Völkische Beobachter" erhob ihn zum "Denkmal der Bewegung", und er spielte Rekordergebnisse ein. Wie König in Anschluß an Loiperdinger ("Rituale der Mobilmachung") schreibt, wird

"Leni Riefenstahl in den hymnischen Besprechungen der nationalsozialistischen Presse und den Presserklärungen des Ufa-Konzerns als die Regisseurin gefeiert, die das `Parteitagserlebnis´ in ein `authentisches Filmerlebnis´ übersetzt habe. `Das ist es!´ hieß es in einer Pressemitteilung der Ufa: `Der Zuschauer soll nicht nur sehen und hören, sondern er soll die innere Größe und Monumentalität des nationalsozialistischen Gedankens empfinden und erleben.´" (Hitler und die Jugend, S. 47)

Schon in diesem Ufa-Text wird als besondere propagandistische Leistung eine Beziehung betont, die zwischen den Filmbildern und dem inneren Erleben der Zuschauer entsteht, also zwischen dem Bild und seiner Rezeption. König geht der entscheidenden Frage nach, "was jenes `Erlebnis´ nun eigentlich ausmacht." Es geht ihm um "die Analyse der Lebensentwürfe (der Wünsche, Ängste und Phantasien)..., die der Film aufgreift." (S.47) "Wiedergeburt als unbesiegbare Stahlnaturen" (S. 69) sei eine dieser Wunschphantasien. Ferner:

"In den untersuchten Szenensequenzen des Riefenstahl-Films geht es...um das Aufgreifen uneingelöster Wünsche nach (erwachsener) Autonomie und Unabhängigkeit bzw. unerfüllter Träume nach Sicherheit, Größe und nach einem harmonischen Einssein mit der Welt, Verschmelzungssehnsüchte, die in der erstrebten Volksgemeinschaft realisierbar erscheinen." Über das Bildmedium werden "noch nicht bewusste Lebensentwürfe aufgegriffen, ungestillte Träume, die sich leicht mit der revolutionär wirkenden Vision nach `völkischer und sozialer´ Regeneration´ verknüpfen lassen." (Hitler und die Jugend, S. 71)

Meine Frage ist nun: Welche Wünsche werden produziert, wenn diese Bilder heute gesehen werden? Gibt es da Ähnlichkeiten mit Wünschen, die "Fight Club" produziert? Zunächst fällt bei den Bildern Riefenstahls ein eklatanter Unterschied zu denen der "Fight Club" – Verfilmung auf: Gewalt und Zerstörung kommen nicht vor. Vielmehr besticht der Film durch faszinierende Bilder der Harmonie und Verschmelzung. Was auf der manifesten Ebene nicht dargestellt ist, schimmert jedoch auf einer latenten hindurch: Die auf dem Parteitagsgelände in einer Geometrie der Macht zu gewaltigen Blöcken strukturierten Menschenmassen strahlen ein Gewaltpotential aus, das nur darauf zu warten scheint, seine zerstörende und vernichtende Kraft zu entfalten. Im "Fight Club" ist es genau umgekehrt: Die Rezensionen des Films sind sich darin einig, dass ihm die Darstellung exzessiver Gewalt eigen ist. Diese manifeste Ebene hat die Rezeption des Films wesentlich bestimmt. Dennoch darf die latente Ebene nicht übersehen werden: "einfach nur sein", so bringt sie der Erzähler im letzten Kapitel auf den Punkt: "Wir sind einfach." (FC, S. 233)

Daraus ergibt sich folgenden Struktur eines filmvergleichendes Feldes:

                                             "Fight Club”                                             "Triumph des Willens"

manifest                             Gewalt, Zerstörung, Chaos                    Harmonie, Verschmelzung,Kosmos

 latent                                   "Einfach nur sein!"                                   Gewalt, Zerstörung,Chaos

            
                                                schizo-                                                      paranoid-
                                              revolutionärer->>>>>>>><<<<<<<<<<faschistischer
                                              Pol                                                                 Pol

Oszillieren der WunschproduktionIn Bilder umgesetzt, aktiviert dieses filmvergleichende Feld die Wunschmaschine "Unbewusstes", deren Wunschproduktion laut Deleuze/Guattari die gesellschaftlichen Verhältnisse, zwischen einem schizo-revolutionären und einem paranoid-faschistischen Pol oszillierend, deliriert. Wünsche nach Gewalt und Chaos haben so zwei Seiten. Sehnsucht nach verschmelzender Harmonie erscheint als eine davon, und es war gerade auch diese Seite, die den Faschismus so wünschenswert machte. Denn er wurde gewünscht. "Verführung" war überflüssig:

"Nein, die Massen sind nicht getäuscht worden, sie haben den Faschismus in diesem Augenblick und unter diesen Umständen gewünscht. Nur in solcher Perspektive lässt sich diese Perversion des Massenwunsches angehen." (Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, S. 39)

Dass im Wunsch nach Harmonie und Verschmelzung der nach Vernichtung all derer latent enthalten war, die nicht dazugehören, lässt "Triumph des Willens" nur ahnen. Anders in "Fight Club": "Einfach nur sein!" bezeichnet den schizo-revolutionären Pol eines Delirierens gesellschaftlicher Verhältnisse in Bildern von Gewalt und Chaos, die "Fight Club" in Szene setzt. Dabei zeigt sich jedoch auch das Oszillieren zwischen den beiden Polen. Darin sehe ich die innovative Stärke des Romans. Was bei Riefenstahl nur geahnt werden kann, wird als "Projekt Chaos" in "Fight Club drastisch vor Augen geführt. Die beiden Pole des Wunsches nach Gewalt, Chaos und Zerstörung, die es in den Blick zu bekommen gilt, werden so präsent und können Gegenstand bewusster Wahrnehmung werden. Es hat nämlich wenig Sinn zu glauben, Gewaltwünsche ließen sich wegpädagogisieren. Sie brauchen ihren Raum einer durchlebbaren Wahrnehmung. "Fight Club" hat ihn geschaffen. Erst in einem solchen Raum, der die eigenen Gewaltphantasien zulässt, geben sich auch deren Pole zu erkennen. Die Pole der eigenen und die der historischen Wunschproduktionen können dabei miteinander zu korrespondieren beginnen. Initiation:


Inszenierung einer Initiation:
Das Paradies des Faschisten und das Eigene des Schamanen

Die beiden Pole der Gewalt unseres filmvergleichenden Feldes ermöglichen auch eine Deutung der Struktur, die "Triumph des Willens" und "Fight Club" gemeinsam ist. Beide Filme können als "Initiationen" gesehen werden. Hans-Dieter Königs Untersuchung "Hitler und die Jugend" analysiert Leni Riefenstahls Produktion als eine solche "Inszenierung einer Initiation der Hitlerjugend" (S. 66) Dass es sich bei "Fight Club" um archaische Mannbarkeits- und Initiationsrituale handelt, haben wir im Abschnitt zur "Kampfekstase im Fight Club" festgestellt. Die Unterscheidung eines paranoid-faschistischen und eines schizo-revolutionären Pols wunschproduzierenden Delirierens erlaubt es nun, die Initiationsstruktur im Sinne dieser beiden Pole zu differenzieren.

Königs Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es das Anliegen des Nürnberger Initiationsrituals gewesen sei, die auf dem Parteitag versammelten Jungen der HJ von der alten Welt der Tradition zu lösen und in die neue Welt der nationalsozialistischen Ordnung einzugliedern. Das entspricht dem Anliegen aller sozial inszenierter Initiationsrituale. Es sind Übergangsriten . Der Parteitag setzte einen solchen Ritus wie eine religiöse Liturgie in Szene und erzeugte damit jenes religiöse Initiationserlebnis, das "Triumph des Willens" so kongenial filmisch umsetzte. Der Zuschauer konnte so die Nürnberger Liturgie als "inneren Reichsparteitag" nacherleben und so das Initiationsritual innerlich nachvollziehen. Die Bilder von Harmonie und Verschmelzung mobilisierten dabei Wünsche, die nach Mircea Eliade als "Heimweh nach dem Paradies" charakterisiert werden können, Sehnsüchte nach einem heilen Ursprung in der Mitte der Welt, einem Neuen Jerusalem, das wie in der apokalyptischen Schlussvision der christlichen Bibel vom Himmel herabsteigt, der Stadt aus reinem Licht, in die nichts Unreines eingeht. Dass ihr die Stadt der Finsternis und der "unreinen", die "Hure Babylon", gegenübersteht, die es in einem apokalyptischen Endsieg des Tausendjährigen Reiches Christi zu vernichten gilt, entspricht genau jenen Gewaltphantasien des "Tausendjährigen Reiches" der Nazis, die hinter seinen Bildern von Harmonie und Verschmelzung lauern: Der Nordturm der Wewelsburg: Spaltende Symbolik der "Mitte" www.ahlen.de/medien/christenkreuz/doc_04.html

Der Bremer Sozialpsychologe Gerhard Vinnai betont in seinem Buch "Jesus und Ödipus", dass das Gegenteil zum Eigenen nicht das Fremde, sondern "das Paradies" sei. Harmonie und Verschmelzung in einem ersehnten paradiesischen Urzustand der Ganzheit ohne Vielheit ist der Tod des Eigenen. Die Nürnberger Geometrie der Macht, die nur noch gewaltige und gewaltsame Menschenblöcke zulässt, aber nichts Individuell-Eigenes führt das im wahrsten Sinne des Wortes überwältigend vor Augen. Der paranoid-faschistische Pol der Wunschproduktion hat in dieser "Inszenierung einer Initiation" tatsächlich ein überzeugendes "Denkmal der Bewegung" (Völkischer Beobachter) gesetzt.

"Elias Canetti hat sehr gut gezeigt, wie der Paranoiker Massen und `Meuten´ organisiert, wie er sie kombiniert, sie in Gegensatz stellt, sie steuert. Der Paranoiker macht Massen zu Maschinen, er ist der Künstler großer molarer Einheiten, statistischer Formationen, herdenhafter Gebilde, organisierter Massenphänomene." (Deleuze/Guattari, Anti-Ödipus, S.360f)

Der Erzähler im "Fight Club” scheint vom Paradies nicht viel zu halten. Im Himmel findet er es jedenfalls nicht besonders toll: "alles Weiß in Weiß" (FC, S.232), eine schizo-revolutionäre Parodie ihres paranoid-faschistischen Gegenpols paradiesischer Ganzheit ohne Vielheit. Deren Zerstörung ist letztlich das Ziel der Initiation in "Fight Club", positiv formuliert: Gewalt, Chaos und Zerstörung dienen dem Eigenen, "molekularen Vielheiten von Singularitäten", "Subjektgruppen","...Fluchtlinien, denen die decodierten und deterritorialisierten Ströme folgen, die, ihre eigenen, neue Ströme produzierenden Einschnitte und nicht-figurativen Spaltungen erfindend, stets die codierte Mauer oder die Territorialgrenze durchbrechen, die sie von der Wunschproduktion trennen."(Anti-Ödipus, S.476)

Das Initiationsmodell, das diesem schizo-revolutionären Pol entspricht, ist das des Schamanen. Im Theorieentwurf des Hypertext-Projekts meines Literaturkurses "Schwarze Sonne – weißer Terror" ist dieses Modell auch netztheoretisch entwickelt:
Der Talmud des Cyber-Schamanen www.dialogin.de/schuelerprojekte/sonne/ergebnisse.htm

Die Initiation des Schamanen gliedert den Einzelnen nicht einer neuen, sozialen Gruppe an, sondern führt den zum Schamanen Berufenen in eine innere "Anderswelt" ein. Dabei erfolgt die Berufung nicht von außen, sondern es ist etwa eine Krankheit, die den Menschen überfällt, ihn von seinem alten sozialen Umfeld innerlich wegführt und von innen heraus umgestaltet. (Mircea Eliade, Schamanismus und archaische Ekstasetechnik)

"Mehr über sich selbst erfahren...durch Selbstzerstörung" (FC, S.57), dieses Ziel der Kampfekstase im "Fight Club" gleicht in gewisser Weise dem Resultat der Schamanen-Initiation. Die Zerstörung geschieht beim Schamanen durch die "Krankheit" , autonome Komplexe der Psyche, die als "Geister" erlebt werden. Das plötzliche Auftauchen Tylers, des geträumten Doppelgängers, am Strand und sein seltsames Ritual mit den Baumstämmen bekommt in dieser Perspektive den Sinn des Beginns einer schamanistischen Initiation. Tyler führt den Erzähler wie ein "Schutzgeist" immer tiefer in eine Welt hinein, die völlig anders ist als die des Alltags.

Dass diese Initiation mit der Erfahrung von Gewalt verbunden ist, hat Vorbilder in der Gegenwart amerikanischer Großstädte. Sehr informativ ist dazu das Bekenntnis "Ich bin ein Leder-Schamane" von Stuart Norman aus der verbreiteten schwulen S/M-Gruppe "Radical Faeries":

"S/M lässt sich als fortdauernder Initiationsprozess betrachten, durch den neue Erfahrungen und Selbsterkenntnis erreicht werden sollen. S/M war mein Weg zum Schamanentum. Er ist mein Ritual und meine religiöse Huldigungsform...Er bewirkt, dass Verstand und Bewusstsein sich auf einen einzigen Punkt richten und jeder der Beteiligten in einen Zustand gelangt, wo Körper und Geist miteinander verschmelzen. Es ist kein intellektueller Vorgang, sondern ein ganz natürliches, urtümliches In-Berührung-Kommen mit dem Körper." (Stuart Norman, Ich bin ein Leder-Schamane, S. 335f)
Radical Faeries www.interlog.com/~matt634/cpost.html

Nun weist Palahniuk allerdings jede Andeutung vehement von sich, sein "Fight Club" könne Homoerotik ins Spiel bringen. Auf der manifesten Ebene des Romantextes mag das stimmen. Eine Reihe von Rezensionen des Films hebt jedoch die enorme homoerotische Ausstrahlung der Filmbilder von den Kampfszenen im "Fight Club" hervor. So dürften auf einer latenten Ebene eben doch homoerotische Wunschphantasien eine Rolle spielen, die der Film durch die Optik, nicht durch die Handlung gekonnt inszeniert. Die Initiation in das Eigene wäre demnach auch eine Initiation in die eigenen homoerotischen Wünsche, die "Homosexualität im Mann" (Peter Schellenbaum). Daß das fast hundert Jahre nach Aschenbachs tödlicher Verdrängung gleichgelagerter Wünsche im "Tod in Venedig" (siehe oben der Abschnitt "Panik der Väter. Die Rückkehr Pans") noch immer mit schamhafter Homophobie unter der Decke gehalten wird, gibt zu denken.


Der molekulare Mann:
Gegen die Angst zu wünschen


Auf unserem filmvergleichenden Feld haben die homoerotischen Wunschphantasien ihren Platz im Quadranten "Fight Club"/latent. Dort steht bislang: "Einfach nur sein!" Dazu gehören schlicht auch diese Wünsche. In radikaler Konsequenz weiterverfolgt, sind sie ein Paradigma des schizo-revolutionären Wunschpols schlechthin. Klaus Theweleit hat das mit Michel Foucault ("Überwachen und Strafen") in aller gebotenen Deutlichkeit formuliert:

"Das homosexuelle Verlangen erscheint nicht nur als ein sexuelles Verlangen wie jedes andere auch (wie die liberalreformerische Toleranzposition es sehen will)): im Betreten des Anus ist impliziert das Öffnen gesellschaftlicher Gefängnisse, der Eintritt ins verbotene Verlies, in dem die Schlüssel zu manch anderen Verliesen aufbewahrt sind – es ist dadurch verknüpft mit der Wiedergewinnung der revolutionären Dimension des Wunsches, der revolutionär ist, weil er `Wunsch zu wünschen´ ist." (Männerphantasien 2, S.308)

Dazu gäbe es mit Blick auf den Faschismus noch viel zu sagen. In seiner Analyse des Nürnberger Initiationsrituals spricht H.-D. König bei der Massenbildung von einer "von homosexuellen Impulsen unterlegten Identifizierung miteinander." (Hitler und die Jugend, S.69) Ich verweise ferner exemplarisch auf das umstrittene Buch "Pink Swastika. Homosexuality in the Nazi Party"
www.yankeesamizdat.org/items/Swastika.html

Mit anderen Kritikern sehe ich in diesem Buch eine christlich-homophobe Variante des Holocaust-Revisionismus: Homosexualität wird von seinem christlich-fundamentalistischen Autor für die Shoah verantwortlich gemacht. Durch sie wurden die Nazis erst so richtig "böse". Letztlich ist also Homosexualität und nicht der Faschismus "Teufelswerk". Schließlich hat man das schon immer gewusst. "Anti-gay Holocaust-Revisionism” auf der Website "Holocaust-Revisionism and Neo-Naziism”
http://qrd.diversity.org.uk/qrd/www/RRR/revision.html

Es sind vielleicht die latenten homosexuellen Wünsche, die das Delirieren noch nicht zu Ende Geborener einerseits am stärksten in Richtung des schizo-revolutionären Wunschpols oszillieren lässt, andererseits diese Männer aber aus der Angst vor diesen Wünschen in die Paranoia homophober Abwehr treibt. Eine unheilige, christlich-faschistische Allianz kann entstehen. "Pink Swastika" ist für deren christliche Vertreter ein Beispiel.

Wenn Pädagogik irgendwo ansetzen soll, dann sicher nicht bei einem Wegpädagogisieren von Wünschen nach Gewalt und Chaos. Das ist vergebliche und eher kontraproduktive Liebesmühe. Ein eher erfolgversprechender Ansatzpunkt scheint mir die Angst vor den Wünschen zu sein (siehe dazu den Abschnitt: Panik der Väter – Die Rückkehr Pans). Gerade homophobe Wunschabwehr bringt eine Form von Gewalt hervor, die sich paranoid gegen die wendet, deren Anderssein bei sich selbst als Selbstwahrnehmung und Wunschphantasie verboten wird. Das kann dann solche Blüten treiben wie den "Anti-Gay-Revisionismus" des Holocaust, den christlich-fundamentalistische Homophobie produziert. Daß diese sich schnell und innig mit der Abwehr von Anderssein schlechthin verbündet, demonstriert die "Christliche Mitte" – Rundumschlag gegen Schwule, Moslems, Ausländer und alles sonstige "Artfremde". ("`Christliche Mitte´: Kampf der Paranoiden" www.gayforum.de/szene/01940.shtml)

Angst scheint die "molekulare" Vielheit des schizo-rvolutionären Wunschpols – "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen" (Fight Club; siehe Abschnitt "Der Schizo im Himmel")) – nicht dulden zu können, sie erlaubt nur den paranoid-faschistischen mit seinen "molaren" Einheitsmassen (Deleuze/Guattari). Die Plastik "Molecule Man" des amerikanischen Künstlers Jonathan Borofsky hat in Berlin-Treptow der Molekularität des anderen Pols ein Denkmal gesetzt: "Molecule Man" (Jonathan Borosky/Berlin-Treptow) www.eleves.ens.fr:8080/home/tholonia/neutreko.html

Über einer Wasserfläche laufen drei als Silhouette gestaltete Männer aufeinander zu und berühren sich sternförmig. Sie bilden jedoch nicht drei kompakte Flächen, sondern die Silhouetten bestehen aus einer Unzahl kleiner, runder Löcher, "Molekülen", die je nach der Perspektive und der Tageszeit dem Licht anders Raum geben. Dieser "Molekulare Mann" ist als eine transparente Vielheit im Licht spielender Kügelchen der genaue Gegenpol zur gestählten Ganzheit jener faschistischen, nackten Männerpanzer, die Bildhauer wie Arno Breker und Josef Torak nationalsozialistischen Wunschphantasien gemäß modellierten: Arno Breker (Website:" Wewelsburg – Haus der germanischen Kunst") http://members.nbci.com/wewelsburg/breker.htm

Aufschlussreich ist ein Zitat im einleitenden Text auf der Homepage dieser Website, die sich in ihrem Titel an der Wewelsburg, Kult- und Terrorstätte der SS bei Paderborn (siehe Abschnitt: Schatten des Kreuzes: Die Geburt der "Schwarzen Sonne"), orientiert: "We do not reject the modernists because they are modern, but because they are spiritually destructive." Spirituell konstruktiv sind demnach die auf der Website vorgestellten Schöpfungen der Bildhauer des Dritten Reiches. In der Tat sind sie ästhetischer Ausdruck jener Ganzheit, die wir im Abschnitt "Ewige Ganzheit im Phallus der Höhen" bei Jünger und Salomon untersucht haben.

Der "Molekulare Mann" erscheint mir dagegen wie die Vision eines Mannes, der auf die Vielheit des Eigenen in ihm transparent ist, die "molekularen Vielheiten von Singularitäten" (Deleuze/Guattari, Ant-Ödipus, S. 476) – ein Mann ohne Angst vor dem "Wunsch zu wünschen". Anders sein paranoid-faschistischer Gegenpart:

"Als Eindämmer, als Tötender, als Ausrottender nähert sich der Mann dem `Wunsch zu wünschen´, seinem eigenen Unbewussten, seinem eigenen Leben. Nur das (!) ist ihm unbewusst. Nicht irgendwelche Inhalte verdrängt er, es ist das Unbewusste selbst, die Wunschproduktion des Unbewussten insgesamt, die der Verdrängung verfällt. Innen hat dieser Mann ein KZ, das KZ seiner Wünsche." (Klaus Theweleit, Männerphantasien 2, S.11)

Mit meiner Analyse des Films "Fight Club" wollte ich den Blick vom Grauen der historisch realen KZs zu diesen inneren KZs wenden. Die psychische Realität ihres Grauens hat nicht wenig zum historischen Grauen beigetragen. Der Film "Fight Club" ist in seinem Oszillieren zwischen den beiden Polen der Wunschproduktion Vision und Warnung: Vision der Befreiung aus dem inneren KZ durch ritualisierte Gewalt, Warnung vor dem Verlust dieser Freiheit in neuen KZs organisierter Gewalt. Beides liegt in den Möglichkeiten der Schwarzen Sonne über Babel.


Literatur:

Bly, R., Eisenhans. Ein Buch über Männer, München 1991.
Deleuze, G./Guattari, F., Rhizom, Berlin 1977.
- Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I, Frankfurt 1977.
Eliade, M., Indisches Tagebuch. Reisenotizen 1928-1931, München 1996.
- Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Frankfurt 1994
Goetz, B., Das Reich ohne Raum. Eine Vision der Archetypen, Bern 1995.
Hillman, J., Pan und die natürliche Angst. Über die Notwendigkeit der Alpträume für die Seele, Zürich 1995.
Hooven, F.V., Tom of Finland. Sein Leben – seine Kunst, Berlin 1992
Jung, C.G., Seminar on Nietzsches Zarathustra (Abridged Edition), Princeton 1997.
Kantrowitz, A., Hakenkreuzspielzeug, in: Thompson, M.(hg.), Lederlust. Der S/M-Kult: Erfahrungen und Berichte, Berlin 1993, S. 240-258.
König, H.-D., Hitler und die Jugend. Tiefenhermeneutische Rekonstruktion dreier Szenensequenzen aus Leni Riefenstahls "Triumph des Willens", in: psychosozial 18 (1995), Heft III, S. 47-73.
Norman, St., Ich bin ein Leder-Schamane, in: Thompson, M.(Hg.), Lederlust. Der S/M-Kult: Erfahrungen und Berichte, Berlin 1993, S.331-339.
Palahniuk, Ch., Fight Club, München 1999
Sünner, R., Schwarze Sonne. Entfesselung der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik, Freiburg 1999.
Stephenson, N., Snow Crash,
Theweleit, K., Männerphantasien 1 und 2, Reinbek 198o
Warth, E., Hure Babylon vs. Heimat. Zur Großstadtrepräsentation im nationalsozialistischen Film, in: Schenk, I.(Hg.), Dschungel Großstadt. Kino und Modernisierung, Marburg 1999, S.97-111.


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