Viele von Eichendorffs Gedichten scheinen diese These zu belegen, allein wenn man einmal die Bedeutungen nebeneinanderstellt, die der Dichter mit dem Wald verbindet: "andächtiger Aufenthalt", "grünes Zelt", "frommer Sagen Aufenthalt", unter seinen Wipfeln "schlummert ein Zauberbann" und hallt "das alte Märchen" etc. Vor allem taucht immer wieder das Wort "Rauschen" auf: kein blosses Geräusch, sondern die Stimme der Natur, die vernommen werden will.

Doch Eichendorff - und das zeichnet ihn aus - weiss auch, dass wir diese Stimme kaum mehr richtig verstehen. Er redet deshalb oft auch von den "irren Liedern aus alter Zeit", die ein Stammeln bleiben, das uns gleichwohl noch ans Herz geht.

Übrig bleibt eher eine Sehnsucht, als die Überzeugung, dass Vergangenes einfach wieder herzustellen wäre. "Modern" ist Eichendorff da, wo er solche Spannungen aushält und weder Zuflucht in christlichen Tröstungen noch in nostalgischen Verklärungen alter Zeiten sucht. Weil ihm diese Gratwanderung manchmal gelingt, ist er - wie Theodor W. Adorno einmal schrieb - "kein Dichter der Heimat sondern der des Heimwehs":

 

 

SCHÖNE FREMDE

Es rauschen die Wipfel und schauern,
Als machten zu dieser Stund'
Um die halbverfallenen Mauern
Die alten Götter die Rund.

Hier hinter den Myrtenbäumen
In heimlich dämmernder Pracht,
Was sprichst du wirr wie in Träumen
Zu mir, phantastische Nacht?

Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem, grossem Glück.

Andere Gedichte Eichendorffs, die die Natur als Mysterienraum und den Wald als "Tempel" umschreiben:

Die Nacht  -  Lockung  -  Abschied