Der Dichter Joseph von Eichendorff (1788-1857) prägte das Wort vom "Rauschen der Haine", das unserem Essay als Titel dient.

Auch er huldigte einem pantheistischen Weltbild, das Gott oft eher im Weben der Naturkräfte als in kirchlichen Ritualen verspürte. Dennoch war er ein überzeugter Christ. Aber die Spannung zwischen naturreligiösen Elementen und neuzeitlichem Christentum liess ihn nicht los und er versuchte, dieses psychologische und spirituelle Problem auf verschiedene Art und Weise zu lösen.


I
n der Erzählung "Das Marmorbild" (1817) steht Eichendorff noch ganz unter dem Einfluss der Antikenverehrung des 19. Jahrhunderts und führt heidnische Elemente in Form der Göttin Venus ein. Florio, ein junger Sänger findet nachts in einem italienischen Garten eine steinerne Venusfigur, deren Anblick in ihm ungewohnte Gefühle auslöst.

Einerseits ist es eine schöne und lockende Skulptur, andererseits blitzen aus den vom Mondlicht erhellten Augenhöhlen auch dämonische Funken. Irritiert sehen wir Florio weiter durch die Geschichte laufen: "Er wußte nun selbst nicht mehr, was er wollte, gleich einem Nachtwandler, der plötzlich bei seinem Namen gerufen wird."

Mehrere Frauen, die er nun trifft, erinnern ihn an die seltsame Marmorgestalt. Es ist, als ob Venus ihn unter verschiedenen Masken verfolgt und verdrängte Sehnsüchte wachruft, etwa in Form einer Sängerin, die ein Frühlingslied anstimmt:

"Was weckst du Frühling, mich von neuem wieder?
 Dass all die alten Wünsche auferstehen,
 Geht über's Land ein wunderbares Wehen;
 Das schauert mir so lieblich durch die Glieder.

 Die schöne Mutter grüßen tausend Lieder,
 Die, wieder jung, im Brautkranz süss zu sehen;
 Der Wald will sprechen, rauschend Ströme gehen,
 Najaden tauchen singend auf und nieder ..."
 
Rauschen der Haine

Marmorbild 2