Das Dorf
  Detailliertere Einblicke in den Islam bekam ich vor allem im Kontakt mit gläubigen Menschen, etwa bei einem Besuch in einem abgelegenen Dorf bei Luxor, zu dem mich ein junger Mann mitgenommen hatte. Wir lernten uns auf der Nilfähre kennen, wo er mich unvermittelt fragte, was der Unterschied zwischen den englischen Worten "trip", "journey" und "travel" sei: keine ganz einfache Frage, die mich längeres Überlegen kostete. Er habe gerade, so erzählte er mir, sein Jurastudium vollendet, aber verdiene nur umgerechnet 80 DM im Monat, weswegen er sein Einkommen mit Englischstunden auf den Dörfern aufbessern müsse. Vor allem die Kids seien dort begierig auf Sprachkenntnisse, um mit Touristen besser verhandeln zu können. Auf Fahrrädern fuhren wir in eine kleine Siedlung, deren weisse Häuser in der Mittagshitze strahlten.

Zwei Dutzend lärmende Kinder begrüssten uns stürmisch, schauten mich zunächst erstaunt an, aber liessen mich dann doch in ihr "Schulhaus" mit hinein. Wir hockten alle auf dem Lehmboden und auch ich wurde von dem jungen Lehrer drangenommen, sogar mit einem scharfen "Wrong!" getadelt, als ich das Wort "butcher" nicht richtig aussprach.

Nach dem Unterricht wollten alle wissen, woher ich käme und wo meine Eltern wohnten. Als ich sagte, dass diese in Köln und ich 600 km entfernt in Berlin lebten, waren sie erstaunt bis entrüstet: Es ginge doch nicht, dass man seine Eltern im Stich liesse und nur an sich selber denke. Wann und warum ich denn von zuhause weggegangen sei? Mir kamen Worte wie "Generationskonflikt" und "Selbstverwirklichung" in den Sinn, aber ich spürte die Vergeblichkeit, deren Bedeutung in dieser Situation wirklich überzeugend darlegen zu können.

Was ich in ihrem Alter so gemacht hätte? Ob es bei uns in Deutschland auch Moscheen gäbe? Tanzen und Disco, so erklärten mir die Jugendlichen im Brustton der Überzeugung, seien Teufelswerk und führten nur zu schlechten Sitten. Meine Erwähnung des Bauchtanzes stiess lediglich auf mitleidiges Lächeln. Solche Phänomene seien die Folgen einer dekadenten Stadtkultur, die der Westens ins Land getragen habe. Die Kreuzzüge seien noch nicht beendet, sondern würden in geistig subtilerer Form weitergeführt.

 

Götter und Krokodile   Das Dorf 2