Götter und Krokodile
 

In Komombo verabschiedeten wir uns und ich betrat morgens um sieben Uhr den einer Krokodilgottheit gewidmeten Tempel, in dem ein einsamer Wärter mit seinem Strohbesen für Sauberkeit sorgte.

Das Krokodil – so hatte ich irgendwo gelesen – war von den alten Ägyptern deshalb verehrt worden, weil es einen siebten Sinn zu haben schien. Jedes Jahr legte das Weibchen seine Eier so ab, dass der immer zu anderen Höhen anschwellende Nil knapp darunter Halt machte: eine natürliche Wasserstandsmarkierung, die die Felder der Bauern vor Überschwemmungen bewahrte und sie mit grosser Ehrfurcht vor der Instinktgenauigkeit dieses Tieres erfüllte.

Auch wenn der Islam diese Zeit heute als heidnisch verurteilt, so führt er doch etwas von solchem Respekt vor der Schöpfung weiter. Deshalb waren für mich moderne und alte Religion Ägyptens meist keine so grossen Gegensätze, zumal beide auch ein ausserordentliches Gespür für die ästhetische Gestaltung des Spirituellen besassen.

Durch den Mangel an Touristen waren die alten Tempel nahezu menschenleer und ich verbrachte manchen Vormittag mit spannenden Streifzügen durch diese Stätten von Kult und Verehrung. Zwischen den riesigen Säulen von Karnak fühlte ich mich tatsächlich so, wie der Mythos diese Anlage deutet: Ich wurde zu einem kleinen Teil zwischen den überdimensionalen Schilfrohren des Ursumpfes, aus dem der erste Keim des Lebens hervorgesprossen sein soll.

Ein witziger Wärter begleitete mich, ahmte meine Kamerabewegungen nach und kritzelte rätselhafte Zeichen auf den von Lichtstreifen beleuchteten Boden. Wie alle ägyptischen Fremdenführer wusste auch er am Ende den Preis mit unglaublichem Charme und Erzähltalent in die Höhe zu treiben, sodass ich ohne Murren ein wenig dafür draufzahlte, bestens unterhalten worden zu sein.

 

Fährmann   Das Dorf