Fährmann 3
 



Es war Nacht geworden, aber trotz der Wildnis, in der wir uns befanden, nicht vollständig dunkel.

Einmal hörte ich ein Geräusch, sah mich um und und erblickte die Umrisse eines grossen leeren Lastkahnes, der einige Meter von uns entfernt vorbeizog. Auf seinem Deck kauerten - nur von winzigen Talglichtern erleuchtet – die eleganten Umrisse afrikanischer Körper, die um ein Brettspiel versammelt waren: ein Scherenschnitt wie aus der Vorzeit, der in vollkommener Stille vorbeiglitt und langsam wieder in der dämmrigen Ferne des Riesenstromes verschwand.

 

Nach einiger Zeit drang dumpfes Trommeln und Singen zu meinem Ohr, das von jenseits der Palmenwälder zu kommen schien, hinter deren Silhouetten der Schein ferner Feuer blitzte. Halb wachend und halb dösend, lösten diese Reize kindliche Sehnsüchte nach Geborgenheit in mir aus: In meiner Phantasie sah ich dicke Frauen mit riesigen Brüsten und schlafenden Kindern vor ihren Hütten hocken, umgeben vom monotonen Singsang ihres Clans, der mich in selige Abgründe der Erdverbundenheit entrückte.

Was sollte ich nach Deutschland zurückkehren, wo hier das Paradies auf mich wartete?

Während solche Bilder seliger Regression durch meinen Kopf rannen, dämmerte ich immer wieder weg und registrierte beim Aufwachen, dass sich die Formen der Palmenwipfel über mir verändert hatten. Was zunächst wie ein Kaleidoskop wirkte, das zu meinen somnambulen Gedankenspielen passte, stellte sich als Folge des verankerten und sich langsam auf dem Strom drehenden Bootes heraus.

Beruhigt von den langsamen Rotationen, schlief ich irgendwann ein und erwachte erst, als mein Fährmann den Kahn behutsam durch den Morgennebel steuerte, der die Schilfufer zu dunklen Eingangspforten für die Wohnungen von Flussgöttern verwandelt hatte.

 

Fährmann 2   Götter und Krokodile