Der Fährmann

 


Ähnliches spürte ich während einer zweitägigen Nilfahrt auf einer Felukke, bei der ich mit einem nubischen Fährmann stromabwärts fuhr. Anfangs hatte ich ein eher laues Gefühl, da ich nun mit einem Fremden längere Zeit allein sein und in unbekannte Regionen segeln würde. Groteske Phantasien von Raub und Gewalt schossen mir durch den Kopf und ich dachte an die materiellen Werte, die ich Form von Filmausrüstung und Bargeld dabeihatte. Der Fährmann war gross, schlank und sah ein bisschen wie Jimi Hendricks aus: Mit weissem Turban und Galabyia bekleidet, war er eine elegante und würdevolle Erscheinung, die wenig sprach und sich ganz auf die Handhabung seines Schiffes konzentrierte.

Seine Entschiedenheit hatte ich schon tags zuvor kennengelernt, als wir den Deal für die Fahrt abgemacht hatten. Nach der Besiegelung per Handschlag wurde ich ein paar Meter weiter von der Konkurrenz angesprochen, die mich in ihr Boot zu locken versuchte. Er sah dies, kam herüber und gab mir in heftigen Tönen zu verstehen, dass ich unseren Vertrag nicht brechen könne. Ich beruhigte ihn, erklärte die Situation und versicherte ihm nochmals, dass ich am nächsten Tag pünktlich erscheinen werde.

Mir gefiel seine Reaktion: Viele Nubier hatten etwas Direktes und Klares, das angenehmer war als das listig-devote Verhalten mancher arabischer Händler in Kairo. In aller Seelenruhe begann er, unser Boot auf den offenen Fluss zu manövrieren und ich lehnte mich zurück, um Wind, Sonne und Wasser zu geniessen. Irgendwann begann ich mit meinen Filmaufnahmen, die schnell zu wunderbaren Ergebnissen führten: das Glitzern des Stromes, die Weite der Landschaft, die Form der leicht geschwungenen Segel, die wie seltsame Falter auf dem Wasser gleiten, schwarzverhüllte Frauen am Ufer, Ruinen von gestrandeten Schiffen, weidende Rinder und endlose Palmenhaine.

Ich war in der Zeit zurückversetzt, trat allmählich in ein Niemandsland neuer Bilder und Töne ein. Meine Gespanntheit liess nach, als der Fährmann aufs Vorderdeck ging und sich für sein Gebet vorbereitete. Sorgfältig legte er eine kleine Matte aus, faltete sein Gewand vorne zusammen und kniete sich nieder. Dann sprach er, ohne mich zu beachten, seine Gebete. Er wirkte wie eine Mischung aus altem Weisen und kleinem Kind und löste seltsame Gefühle in mir aus: Was hatte ich seiner Andacht entgegenzusetzen? Die Angst um meine Habseligkeiten oder den Drang, aussergewöhnliche Filmbilder heimzutragen?

Ich musste über mich schmunzeln und konnte von nun an etwas relaxter an die Sache herangehen.

 

In der Moschee   Fährmann 2