"Rummenigge"

  Der erste Abend in Assuan führte mich in eine Märchenwelt von bunterleuchteten Labyrinthen, die mit unbekannten Abenteuern lockten. Zwischen Weihrauch-, Haschisch-, Parfüm- und Gewürzdüften liess ich mich durch die Gassen treiben, die mich einmal in einen düsteren Hinterhof führten, wo eine verschleierte Frau mit ihren Kindern vor einem riesigen Linsenberg hockte, den sie geduldig in Tüten abfüllte.

Auf einem Hügel oberhalb der mittelalterlich wirkenden Stadt ragte die Moschee empor, umrankt von Schnüren mit Glühbirnen, die wie Perlen in der Nacht funkelten. Ein junger Mann sprach mich an: Wo ich herkäme, wie ich hiesse, wie mir seine Stadt gefiele? Er verwechselte meinen Vornamen mit dem Namen des berühmten deutschen Fussballers "Rummenigge" und etwas von seiner grenzenlosen Verehrung für ihn schwappte auch auf mich über. "I also like Franz Beckenbauer", fügte er hinzu: "He is a gentleman, he wears good suits."

Härter noch prallten Mythos und Realität aufeinander, als ich bei einem Instrumentenbauer zum Tee eingeladen wurde. Er zeigte mir in seinem wundersamen Laden herrlich geschnitzte Lauten und fragte mich irgendwann, ob ich wisse, wo er am liebsten wohnen würde. Ich verneinte und er holte eine Postkarte von Stuttgart heraus, auf der eine in Neonlicht getränkte Fußgängerzone bei Nacht zu sehen war.

Als ich seinen schwärmerischen Gesichtsausdruck dabei sah, spürte ich die Kluft, die sich zwischen uns auftat. Während ich mich in das "romantische" Chaos seiner Heimatstadt hineinträumte, sehnte er sich nach dem Komfort westdeutscher Künstlichkeit, der für mich nur geistige Leere bedeutete: Momente der Entfremdung, die ich in diesem Land oft erlebte und die entweder mit Humor oder einem radikalen Themenwechsel überbrückt werden mussten. Dieser war auch meist möglich, wenn mich nicht gerade irgendein leidenschaftlicher Antisemit zu Hitler beglückwünschte, der uns Deutsche ja "beinahe ganz von den Juden befreit hätte."

 

"Allahu Akbar"   In der Moschee