"Allahu Akbar"

 

Im März 1991 verbrachte ich vier Wochen in Ägypten, um einen Film über den Maler Paul Klee zu drehen, der sich dort 1928 hatte inspirieren lassen (siehe "Die Legende vom Nil"). Als ich nachts in Kairo ankam, war es warm auf dem mit Palmen umstandenen Flughafen und überall standen schwerbewaffnete Polizisten herum. Gerade war der Golfkrieg zuende gegangen, aber man fürchtete immer noch Terroranschläge von Saddam Hussein, der sogar mit einer Bombardierung des Assuan-Staudammes gedroht hatte.

Die Atmosphäre war gespannt und es gab so gut wie keine Touristen, was für meine Pläne vorteilhaft war. Da der Weiterflug nach Assuan ausgefallen war, wartete ich – halb wachend, halb dösend - auf einer Bank im Flughafen auf die nächste Maschine um sechs Uhr morgens. "That's Egypt", war der lakonische Kommentar eines alten Mannes, der das gleiche Schicksal teilte und sich auf der Nebenbank zum Schlafen niederliess.


Mein erstes Eintauchen in die Welt des Islam war der lauthallende Gebetsruf des Flughafen-Muezzins, der mich in aller Frühe aus dem Halbschlaf riss. Als ich mich emporräkelte, sah ich Personal und Putzfrauen andächtig auf dem Boden kauern und sich in Richtung Mekka verbeugen. Ihre Gesten schienen von Herzen zu kommen: beeindruckend, wie sich Hunderte verschiedener Menschen plötzlich in eine andächtige Einheit verwandelten, in der kurzzeitig hierarchische Ordnungen verschwanden. Die vielen durch Lautsprecher verfremdeten Gebetsrufe sollten mich nun längere Zeit begleiten. Ich empfand sie nicht als störend, sondern wurde eher angerührt von ihrer Mischung aus Hingabefähigkeit, Klage und Sehnsucht. Ich war in eine andere Welt versetzt, die mehr mit Mythos, Märchen und Spiritualität zu tun hatte als meine nüchterne Heimat, in der solche Erlebnisse nicht vorstellbar waren.

Die nächste Maschine nach Assuan bekam ich trotzdem nicht. In letzter Minute drängelte sich ein Mann mit einem kleinen Mädchen vor und schilderte theatralisch eine Notsituation, die ihn angeblich zwang, sofort nach Assuan zu kommen. Die Kontrolleure übersetzten mir notdürftig sein Anliegen und warteten, wie ich reagieren würde. Was sollte ich sagen? Ich verstand die Details kaum und mein Gegenüber schüttete derart viele Gefühle und Beschwörungen auf mich aus, dass mir kaum etwas anderes übrigblieb, als ihn vorzulassen. Ein freundlicher Flughafenangestellter hatte alles mitbekommen und wir unterhielten uns eine Weile. Als er erfuhr, dass mich vor allem die pharaonische Kultur interessierte, sagte er, jedes Land habe wohl seine Hoch- und Tiefzeiten. Die Hochzeit von Ägypten sei schon etwas länger her, aber irgendwann käme sicher wieder eine Wende.
 

Ägypten 1991   "Rummenigge"