Der kleine Pharao
  Neben den herrlichen Moscheen waren es vor allem die Museen, die tagsüber in Kairo Schutz vor zuviel Hitze und Menschengewühl boten. Interessant etwa die Wanderung vom Islamischen ins Ägyptische Museum und der Vergleich zweier verschiedener Hochkulturen.

Kostbare Mosaike und Teppiche sowie reiches Arabeskenwerk auf erlesenen Koranhandschriften im Islamischen Museum offenbarten mir eine fast unbekannte Welt, von der auch Europa jahrhundertelang gezehrt hatte. Der stärkste Eindruck waren die endlos verschlungenen Ornamente, die wohl die im Islam verbotenen Bilder ersetzen sollen. Sie erinnerten mich nicht nur an das Kreisen der Allah-Rufe über dem Himmel von Kairo, sondern zogen mich ein Zeitgefühl hinein, dass anders war als das gewohnte europäische.
Nach und nach wurde ich förmlich aufgesogen von einer Unendlichkeit der Linien und Schriftzüge, die kein Anfang und kein Ende kannten und anders verliefen als die Pfeilrichtung unserer Zeit. Einssein und Verschmelzung mit dem Ganzen gelten hier mehr als materielle Steigerung und Perfektion. Ruhe und Gelassenheit überkam mich. Die pulsierenden Schriftbänder traten mal klarer, mal verschwommener hervor und bald driftete ich in meditative Stimmungen ab, die von leise plätschernden Brunnen im Hintergrund unterstützt wurden.
Anders, aber von ebenso spiritueller Kraft das Ägyptische Museum. Einige Stockwerke wurden gerade renoviert, was aber dem Gesamteindruck nicht schadete, sondern ihn eher intensivierte. Die Untergeschosse des Hauses wirkten wie gigantische staubige Kellerhallen, in denen - neben Paletten und Gabelstaplern - auch die unerhörten Kolosse der Vorzeit herumstanden: eine Atmosphäre des Provisorischen, die keine Kulturbeflissenheit aufkommen liess, sondern in ihrer Rohheit unmittelbar in die Vergangenheit zurückführte.

Drähte, Holzverschalungen, Kräne und Monteurhelme kommunizierten aufs erregendste mit turmhohen Pharaonenpaaren oder hundsköpfigen Gottheiten, die – ausgestattet mit dem langen Atem einer jahrtausendealten Geschichte – selbstbewusst in ihrer Deponie ausharrten.
 

Besonders bewegend war ein etwa drei Meter hoher Granitfalke, zwischen dessen Klauen ein Knabe mit unbeweglichem Gesichtsausdruck stand. Seine Mütze stiess oben an den mächtigen Schnabel des Vogels, der aber trotz seiner überdimensionalen Grösse eher Schutz als Bedrohung ausstrahlte. Das Kind schien geborgen unter einer mächtigen Kraft, die zwar im Falken ihr Abbild hatte, aber dennoch weit über dieses hinausreichte ins Rätselhafte, Elementare, Überirdische. Der Falke galt den alten Ägyptern als pfeilschneller Bote, der die Regionen der verehrten Sonne streift. Was wissen wir schon davon, wie er dieses Gestirn empfindet und welche Kommunikationsströme er mit ihm austauscht. Ein Tier, das aus Dutzenden von Metern Höhe Beute orten kann und auch sonst über hypersensible Wahrnehmungsorgane verfügt, ist auch heute noch geeignet, zum Objekt von Staunen und Verehrung zu werden.

Mir fiel ein, wie ich einmal einen Ägyptologen nach dem Unterschied zwischen Stier- und Widdergöttern gefragt hatte, worauf er antwortete, er kenne sich mit Göttern nicht aus: Bereits die Griechen hätten sich ja mit Recht über den "Irrationalismus" der ägyptischen Tierkulte lächerlich gemacht. Sprach's und verschwand.

Hier – wie auch bei den Krokodilsgöttern von Komombo – konnte ich das Gegenteil davon bewundern: Feinnervigkeit für vielschichtige und tiefreichende Wirkungskräfte der Natur, verbunden mit einer expressiven Gestaltungskunst, hinter der viele griechische Götter in dekorativer Harmlosigkeit zurückbleiben.

 

Natürlich stieg ich auch hoch zum berühmten Saal des Tut ench Amun, dessen Goldmaske ich ja schon aus zahllosen Abbildungen kannte und war gespannt, wie die reale Skulptur auf mich wirken würde. Aufregend war bereits der riesige Aussensarkophag, der wie eine buntbemalte Garage aussah. Neben ihm standen noch etliche kleinere, die einst alle sorgsam ineinander verschachtelt waren, um den Weg ins Allerheiligste zu erschweren.

Königliche Stühle und Kampfwagen wirkten nicht nur äusserst wohlgestaltet, sondern auch feingliedrig und zerbrechlich, was wohl mit dem jungen Alter des Pharaos zu tun hatte. Seine Gemahlin, wohl ebenfalls erst 16 oder 17 Jahre alt, legte ihm zum Abschied ein kleines Sträusschen Feldblumen ins Grab, das heute noch – vertrocknet, aber gut erhalten – auf seinen gekreuzten Händen liegt.

Selten schwand für mich ein historischer Abstand auf so schnelle und anrührende Weise, als beim Anblick dieser kleinen Blüten, vor denen alle Majestät der Pyramiden kurzzeitig in sich zusammenfiel. Hinter der goldenen Maske des Gottkönigs schimmerte für Sekunden das Kind hervor, mit seinen auch einfachen und allzumenschlichen Regungen. Trotz des unerschütterlichen Glaubens an Ewigkeit und Seelenwanderung schien auch hier ein Individuum von einem anderen Abschied genommen zu haben, begleitet von einer zarten und bis heute verstandenen symbolischen Geste.
 

Fustat   Atalante 4