Das Dorf 2
 

Trotzdem ich bei einigen den Eindruck hatte, dass sie eher Gelerntes nachbeteten als wirkliche Erfahrungen mitzuteilen, war ich doch beeindruckt von den vielen religiösen Kenntnissen dieser Halbwüchsigen. Kein Gleichaltriger bei uns hätte eine Chance gegen sie gehabt und vermutlich wären seine Idole hier auf wenig Resonanz gestossen.

Selbstbewusst erklärte mir der junge Lehrer, warum seine Religion gegenüber der Bibel die überlegenere sei: Moses und Jesus Christus wären durchaus nicht übel gewesen, aber Mohammed habe Jahrhunderte später Gottes Botschaft noch einmal mit frischen, zeitgemässen Worten in Erinnerung gerufen. Seine Version sei gegenüber den älteren und z.T. auch verfälschten jüdisch-christlichen Varianten sozusagen der letzte Stand der göttlichen Weisheit.


Auch habe Gott den Koran nur einem Menschen in relativ kurzer Zeit übermittelt, während die Bibel in tausend Jahren von über hundert Autoren zusammengebastelt worden sei.

Bei unserer Rückfahrt zum Nil stellte ich dann fest, dass mein Begleiter doch nicht nur in spirituellen Höhen wandelte. Erst druckste er herum, aber dann drang er in mich, doch etwas für seine Ausreise aus Ägypten zu tun. Er wolle hier nicht mehr in Armut und Perspektivlosigkeit leben, sondern sein Glück in Deutschland versuchen.

Der ganze Glanz der eben noch beschworenen islamischen Kultur war auf einmal verschwunden und er bettelte und drängelte, ihm doch unbedingt zu helfen. Ich solle im Konsulat oder der Botschaft für ihn vorsprechen, meinen Namen als Bürgschaft benutzen, um ihn aus seinem Elend herauszuholen. Er war felsenfest davon überzeugt, dass ich die Macht hätte, solches zu tun und reagierte auf meine Bedenken zunehmend gereizter.

Irgendwann half auch der Humor nicht mehr. Trotzdem ich ihm noch einmal für seine Gastfreundschaft dankte, radelte er an der nächsten Wegkreuzung verstimmt und ohne sich nochmal umzudrehen davon. Ein etwas ernüchternder Abschied, wie ich ihn in dieser Art noch einigemale erleben sollte.

 

Das Dorf   Liebesdienste