Ägypten 1991: Begegnungen mit einem islamischen Land

        von Rüdiger Sünner

 

"Allahu Akbar"

Im März 1991 verbrachte ich vier Wochen in Ägypten, um einen Film über den Maler Paul Klee zu drehen, der sich dort 1928 hatte inspirieren lassen. Als ich nachts in Kairo ankam, war es warm auf dem mit Palmen umstandenen Flughafen und überall standen schwerbewaffnete Polizisten herum. Gerade war der Golfkrieg zuende gegangen, aber man fürchtete immer noch Terroranschläge von Saddam Hussein, der sogar mit einer Bombardierung des Assuan-Staudammes gedroht hatte.

Die Atmosphäre war gespannt und es gab so gut wie keine Touristen, was für meine Pläne vorteilhaft war. Da der Weiterflug nach Assuan ausgefallen war, wartete ich – halb wachend, halb dösend - auf einer Bank im Flughafen auf die nächste Maschine um sechs Uhr morgens. "That's Egypt", war der lakonische Kommentar eines alten Mannes, der das gleiche Schicksal teilte und sich auf der Nebenbank zum Schlafen niederliess.

Mein erstes Eintauchen in die Welt des Islam war der lauthallende Gebetsruf des Flughafen-Muezzins, der mich in aller Frühe aus dem Halbschlaf riss. Als ich mich emporräkelte, sah ich Personal und Putzfrauen andächtig auf dem Boden kauern und sich in Richtung Mekka verbeugen. Ihre Gesten schienen von Herzen zu kommen: beeindruckend, wie sich Hunderte verschiedener Menschen plötzlich in eine andächtige Einheit verwandelten, in der kurzzeitig hierarchische Ordnungen verschwanden. Die vielen durch Lautsprecher verfremdeten Gebetsrufe sollten mich nun längere Zeit begleiten. Ich empfand sie nicht als störend, sondern wurde eher angerührt von ihrer Mischung aus Hingabefähigkeit, Klage und Sehnsucht. Ich war in eine andere Welt versetzt, die mehr mit Mythos, Märchen und Spiritualität zu tun hatte als meine nüchterne Heimat, in der solche Erlebnisse nicht vorstellbar waren.

Die nächste Maschine nach Assuan bekam ich trotzdem nicht. In letzter Minute drängelte sich ein Mann mit einem kleinen Mädchen vor und schilderte theatralisch eine Notsituation, die ihn angeblich zwang, sofort nach Assuan zu kommen. Die Kontrolleure übersetzten mir notdürftig sein Anliegen und warteten, wie ich reagieren würde. Was sollte ich sagen? Ich verstand die Details kaum und mein Gegenüber schüttete derart viele Gefühle und Beschwörungen auf mich aus, dass mir kaum etwas anderes übrigblieb, als ihn vorzulassen. Ein freundlicher Flughafenangestellter hatte alles mitbekommen und wir unterhielten uns eine Weile. Als er erfuhr, dass mich vor allem die pharaonische Kultur interessierte, sagte er, jedes Land habe wohl seine Hoch- und Tiefzeiten. Die Hochzeit von Ägypten sei schon etwas länger her, aber irgendwann käme sicher wieder eine Wende.

"Rummenigge"

Der erste Abend in Assuan führte mich in eine Märchenwelt von bunterleuchteten Labyrinthen, die mit unbekannten Abenteuern lockten. Zwischen Weihrauch-, Haschisch-, Parfüm- und Gewürzdüften liess ich mich durch die Gassen treiben, die mich einmal in einen düsteren Hinterhof führten, wo eine verschleierte Frau mit ihren Kindern vor einem riesigen Linsenberg hockte, den sie geduldig in Tüten abfüllte.

Auf einem Hügel oberhalb der mittelalterlich wirkenden Stadt ragte die Moschee empor, umrankt von Schnüren mit Glühbirnen, die wie Perlen in der Nacht funkelten. Ein junger Mann sprach mich an: Wo ich herkäme, wie ich hiesse, wie mir seine Stadt gefiele? Er verwechselte meinen Vornamen mit dem Namen des berühmten deutschen Fussballers "Rummenigge" und etwas von seiner grenzenlosen Verehrung für ihn schwappte auch auf mich über. "I also like Franz Beckenbauer", fügte er hinzu: "He is a gentleman, he wears good suits."

Härter noch prallten Mythos und Realität aufeinander, als ich bei einem Instrumentenbauer zum Tee eingeladen wurde. Er zeigte mir in seinem wundersamen Laden herrlich geschnitzte Lauten und fragte mich irgendwann, ob ich wisse, wo er am liebsten wohnen würde. Ich verneinte und er holte eine Postkarte von Stuttgart heraus, auf der eine in Neonlicht getränkte Fußgängerzone bei Nacht zu sehen war.

Als ich seinen schwärmerischen Gesichtsausdruck dabei sah, spürte ich die Kluft, die sich zwischen uns auftat. Während ich mich in das "romantische" Chaos seiner Heimatstadt hineinträumte, sehnte er sich nach dem Komfort westdeutscher Künstlichkeit, der für mich nur geistige Leere bedeutete: Momente der Entfremdung, die ich in diesem Land oft erlebte und die entweder mit Humor oder einem radikalen Themenwechsel überbrückt werden mussten. Dieser war auch meist möglich, wenn mich nicht gerade irgendein leidenschaftlicher Antisemit zu Hitler beglückwünschte, der uns Deutsche ja "beinahe ganz von den Juden befreit hätte."

In der Moschee

In Ägypten wird man oft angesprochen und manchmal ergeben sich wirklich interessante Begegnungen. Einmal nahm mich ein junger Mann mit in eine Moschee, wo gerade ein Gottesdienst beginnen sollte. Er verschwand zu seinen Freunden und ich liess mich – etwas ratlos - irgendwo im Hintergrund auf einem Teppich nieder.

Nach einer Weile kam ein anderer Mann auf mich zu und forderte mich mit wütendem Blick auf, die Moschee sofort zu verlassen. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte und zuckte nur mit den Schultern, worauf er immer aggressiver wurde, bis ein älterer bärtiger Mann nahte und ihn mit harschen Worten zurechtwies: Er habe nicht das Recht, einen Gast so zu behandeln und ich könne – wenn ich wollte – gerne bleiben.

Kurz vor Anfang der Zeremonie betrat eine Schar junger verschleierter Mädchen die Moschee und rannte – unter ständigem Kichern – quer durch den Saal auf eine Tür zu, wo es in den Frauen-Nebenraum ging. Als die Verbeugungen begannen, beobachtete ich vor allem die Jugendlichen und dachte an meine Konfirmandendenzeit zurück, in der auch ich regelmässig zur Kirche gegangen war. Allerdings eher wegen der hübschen Mädchen unserer Gruppe, deren Parfümgeruch sich in erregender Weise mit der feierlichen Kirchenstimmung mischte und deren in weissen Strümpfen steckende Beine mich stärker angezogen hatten als die Rituale des Pfarrers. Hier war es anders: Selbst 12jährige verrichteten ihre Andacht mit ernsthafter und konzentrierter Hingabe, vielleicht motiviert durch die anderen und im erhebenden Bewusstsein, einer besonderen Religion anzugehören.

Nach dem Gottesdienst ergab sich mit dem bärtigen Alten und dem jungen Mann, der mich hergelotst hatte noch ein Gespräch vor der Moschee. Ohne andere Religionen herabsetzen zu müssen, spürte ich bei dem Alten ein grosses Selbstbewusstsein und den Stolz, einer ausserordentlichen Sache zu dienen. Dies teilte sich ohne viele Worte mit. Demgegenüber fühlte ich mich eher unterlegen, als reichten mein Wissen und meine Aufgeschlossenheit nicht aus, um vor der spirituellen Beseeltheit dieser Menschen zu bestehen. Die im Westen so gefeierten Tugenden von Rationalität, Kritik und Differenzierung hatten hier kein Gewicht. Im Gegenteil: In den Augen der Gläubigen waren sie eher Zeichen von Zerrissenheit und geistiger Leere.


Der Fährmann

Ähnliches spürte ich während einer zweitägigen Nilfahrt auf einer Felukke, bei der ich mit einem nubischen Fährmann stromabwärts fuhr. Anfangs hatte ich ein eher laues Gefühl, da ich nun mit einem Fremden längere Zeit allein sein und in unbekannte Regionen segeln würde. Groteske Phantasien von Raub und Gewalt schossen mir durch den Kopf und ich dachte an die materiellen Werte, die ich Form von Filmausrüstung und Bargeld dabeihatte. Der Fährmann war gross, schlank und sah ein bisschen wie Jimi Hendricks aus: Mit weissem Turban und Galabyia bekleidet, war er eine elegante und würdevolle Erscheinung, die wenig sprach und sich ganz auf die Handhabung seines Schiffes konzentrierte.

Seine Entschiedenheit hatte ich schon tags zuvor kennengelernt, als wir den Deal für die Fahrt abgemacht hatten. Nach der Besiegelung per Handschlag wurde ich ein paar Meter weiter von der Konkurrenz angesprochen, die mich in ihr Boot zu locken versuchte. Er sah dies, kam herüber und gab mir in heftigen Tönen zu verstehen, dass ich unseren Vertrag nicht brechen könne. Ich beruhigte ihn, erklärte die Situation und versicherte ihm nochmals, dass ich am nächsten Tag pünktlich erscheinen werde.

Mir gefiel seine Reaktion: Viele Nubier hatten etwas Direktes und Klares, das angenehmer war als das listig-devote Verhalten mancher arabischer Händler in Kairo. In aller Seelenruhe begann er, unser Boot auf den offenen Fluss zu manövrieren und ich lehnte mich zurück, um Wind, Sonne und Wasser zu geniessen. Irgendwann begann ich mit meinen Filmaufnahmen, die schnell zu wunderbaren Ergebnissen führten: das Glitzern des Stromes, die Weite der Landschaft, die Form der leicht geschwungenen Segel, die wie seltsame Falter auf dem Wasser gleiten, schwarzverhüllte Frauen am Ufer, Ruinen von gestrandeten Schiffen, weidende Rinder und endlose Palmenhaine.

Ich war in der Zeit zurückversetzt, trat allmählich in ein Niemandsland neuer Bilder und Töne ein. Meine Gespanntheit liess nach, als der Fährmann aufs Vorderdeck ging und sich für sein Gebet vorbereitete. Sorgfältig legte er eine kleine Matte aus, faltete sein Gewand vorne zusammen und kniete sich nieder. Dann sprach er, ohne mich zu beachten, seine Gebete. Er wirkte wie eine Mischung aus altem Weisen und kleinem Kind und löste seltsame Gefühle in mir aus: Was hatte ich seiner Andacht entgegenzusetzen? Die Angst um meine Habseligkeiten oder den Drang, aussergewöhnliche Filmbilder heimzutragen?

Ich musste über mich schmunzeln und konnte von nun an etwas relaxter an die Sache herangehen.

Doch der nächste Stolperstein liess nicht lange auf sich warten: Wie jeder Tourist hatte auch ich gelesen, das man auf gar keinen Fall Nilwasser trinken solle, wenn man nicht Durchfall oder andere ernsthafte Krankheiten bekommen wolle. Mein Begleiter jedoch schöpfte – während des schönsten Sonnenunterganges - einige Tassen aus dem Strom, um unsere Abendsuppe zu bereiten. Als ich ihn – halb verwirrt, halb scherzend - daraufhin ansprach, erklärte er mir, es sei entscheidend, wo genau man das Wasser schöpfe. Bei starker Strömung fliesse der Fluss klar und sauber, nur an trägen Stellen müsse man vorsichtig sein, da sich dort z.B. Keime von toten Tieren entfalten könnten. In der beginnenden Dämmerung versuchte er das Ufer zu erreichen, wo wir übernachten wollten. Doch als wir anlegten, stiess er ein scharfes "Shit!" aus, zog mich zurück ins Boot und legte wieder ab, um einige Meter vom Land entfernt zu ankern. Ohne etwas zu sagen, spannte er ein kunstvolles Gewebe von Schnüren über das Deck, in denen kleine Glöckchen befestigt waren. Was wie eine avantgardistische Installation aussah, entpuppte sich als Rattenwarnanlage. Er habe, so berichtete er endlich, ein Tier ins Boot huschen gesehen und könne dies nun – beim Reagieren der Schnüre – besser fangen.

Im Licht einer kleinen Öllampe assen wir seine wohlschmeckende Suppe, in die er – als "Bakterienkiller" – Unmengen von Chilli gekippt hatte. Dann rauchten wir ein Pfeifchen Haschisch und er erzählte mir von seiner "deutschen Brieffreundin" aus Heidelberg, die er einmal während einer solchen Bootsfahrt kennengelernt habe. Die Deutschen seien o.k., nicht so verrückt wie die beiden Engländer von letzter Woche, die sich zum Schlafen in ein riesiges Exemplar ihrer Nationalflagge gehüllt hätten.

Wir unterhielten uns ganz gut, lachten viel und ich genoss auch die langen Schweigeminuten, in denen wir auf die unzähligen Färbungen von Himmel und Wasser starrten, die die Landschaft allmählich in ein Mysterium verwandelten. Irgendwann pinkelte er noch einmal über Bord und ging hinunter ins Unterdeck, um sich schlafen zu legen. Während er sofort einschlummerte, lag ich weiter wach da und sog die Sensationen einer unbekannten Welt in mich auf.


Es war Nacht geworden, aber trotz der Wildnis, in der wir uns befanden, nicht vollständig dunkel.
Einmal hörte ich ein Geräusch, sah mich um und und erblickte die Umrisse eines grossen leeren Lastkahnes, der einige Meter von uns entfernt vorbeizog. Auf seinem Deck kauerten - nur von winzigen Talglichtern erleuchtet – die eleganten Umrisse afrikanischer Körper, die um ein Brettspiel versammelt waren: ein Scherenschnitt wie aus der Vorzeit, der in vollkommener Stille vorbeiglitt und langsam wieder in der dämmrigen Ferne des Riesenstromes verschwand.

Nach einiger Zeit drang dumpfes Trommeln und Singen zu meinem Ohr, das von jenseits der Palmenwälder zu kommen schien, hinter deren Silhouetten der Schein ferner Feuer blitzte. Halb wachend und halb dösend, lösten diese Reize kindliche Sehnsüchte nach Geborgenheit in mir aus: In meiner Phantasie sah ich dicke Frauen mit riesigen Brüsten und schlafenden Kindern vor ihren Hütten hocken, umgeben vom monotonen Singsang ihres Clans, der mich in selige Abgründe der Erdverbundenheit entrückte.

Was sollte ich nach Deutschland zurückkehren, wo hier das Paradies auf mich wartete?

Während solche Bilder seliger Regression durch meinen Kopf rannen, dämmerte ich immer wieder weg und registrierte beim Aufwachen, dass sich die Formen der Palmenwipfel über mir verändert hatten. Was zunächst wie ein Kaleidoskop wirkte, das zu meinen somnambulen Gedankenspielen passte, stellte sich als Folge des verankerten und sich langsam auf dem Strom drehenden Bootes heraus.

Beruhigt von den langsamen Rotationen, schlief ich irgendwann ein und erwachte erst, als mein Fährmann den Kahn behutsam durch den Morgennebel steuerte, der die Schilfufer zu dunklen Eingangspforten für die Wohnungen von Flussgöttern verwandelt hatte.


Götter und Krokodile

In Komombo verabschiedeten wir uns und ich betrat morgens um sieben Uhr den einer Krokodilgottheit gewidmeten Tempel, in dem ein einsamer Wärter mit seinem Strohbesen für Sauberkeit sorgte.

Das Krokodil – so hatte ich irgendwo gelesen – war von den alten Ägyptern deshalb verehrt worden, weil es einen siebten Sinn zu haben schien. Jedes Jahr legte das Weibchen seine Eier so ab, dass der immer zu anderen Höhen anschwellende Nil knapp darunter Halt machte: eine natürliche Wasserstandsmarkierung, die die Felder der Bauern vor Überschwemmungen bewahrte und sie mit grosser Ehrfurcht vor der Instinktgenauigkeit dieses Tieres erfüllte.

Auch wenn der Islam diese Zeit heute als heidnisch verurteilt, so führt er doch etwas von solchem Respekt vor der Schöpfung weiter. Deshalb waren für mich moderne und alte Religion Ägyptens meist keine so grossen Gegensätze, zumal beide auch ein ausserordentliches Gespür für die ästhetische Gestaltung des Spirituellen besassen.

Durch den Mangel an Touristen waren die alten Tempel nahezu menschenleer und ich verbrachte manchen Vormittag mit spannenden Streifzügen durch diese Stätten von Kult und Verehrung. Zwischen den riesigen Säulen von Karnak fühlte ich mich tatsächlich so, wie der Mythos diese Anlage deutet: Ich wurde zu einem kleinen Teil zwischen den überdimensionalen Schilfrohren des Ursumpfes, aus dem der erste Keim des Lebens hervorgesprossen sein soll.

Ein witziger Wärter begleitete mich, ahmte meine Kamerabewegungen nach und kritzelte rätselhafte Zeichen auf den von Lichtstreifen beleuchteten Boden. Wie alle ägyptischen Fremdenführer wusste auch er am Ende den Preis mit unglaublichem Charme und Erzähltalent in die Höhe zu treiben, sodass ich ohne Murren ein wenig dafür draufzahlte, bestens unterhalten worden zu sein.


Das Dorf

Detailliertere Einblicke in den Islam bekam ich vor allem im Kontakt mit gläubigen Menschen, etwa bei einem Besuch in einem abgelegenen Dorf bei Luxor, zu dem mich ein junger Mann mitgenommen hatte. Wir lernten uns auf der Nilfähre kennen, wo er mich unvermittelt fragte, was der Unterschied zwischen den englischen Worten "trip", "journey" und "travel" sei: keine ganz einfache Frage, die mich längeres Überlegen kostete. Er habe gerade, so erzählte er mir, sein Jurastudium vollendet, aber verdiene nur umgerechnet 80 DM im Monat, weswegen er sein Einkommen mit Englischstunden auf den Dörfern aufbessern müsse. Vor allem die Kids seien dort begierig auf Sprachkenntnisse, um mit Touristen besser verhandeln zu können. Auf Fahrrädern fuhren wir in eine kleine Siedlung, deren weisse Häuser in der Mittagshitze strahlten.

Zwei Dutzend lärmende Kinder begrüssten uns stürmisch, schauten mich zunächst erstaunt an, aber liessen mich dann doch in ihr "Schulhaus" mit hinein. Wir hockten alle auf dem Lehmboden und auch ich wurde von dem jungen Lehrer drangenommen, sogar mit einem scharfen "Wrong!" getadelt, als ich das Wort "butcher" nicht richtig aussprach.

Nach dem Unterricht wollten alle wissen, woher ich käme und wo meine Eltern wohnten. Als ich sagte, dass diese in Köln und ich 600 km entfernt in Berlin lebten, waren sie erstaunt bis entrüstet: Es ginge doch nicht, dass man seine Eltern im Stich liesse und nur an sich selber denke. Wann und warum ich denn von zuhause weggegangen sei? Mir kamen Worte wie "Generationskonflikt" und "Selbstverwirklichung" in den Sinn, aber ich spürte die Vergeblichkeit, deren Bedeutung in dieser Situation wirklich überzeugend darlegen zu können.

Was ich in ihrem Alter so gemacht hätte? Ob es bei uns in Deutschland auch Moscheen gäbe? Tanzen und Disco, so erklärten mir die Jugendlichen im Brustton der Überzeugung, seien Teufelswerk und führten nur zu schlechten Sitten. Meine Erwähnung des Bauchtanzes stiess lediglich auf mitleidiges Lächeln. Solche Phänomene seien die Folgen einer dekadenten Stadtkultur, die der Westens ins Land getragen habe. Die Kreuzzüge seien noch nicht beendet, sondern würden in geistig subtilerer Form weitergeführt.

Trotzdem ich bei einigen den Eindruck hatte, dass sie eher Gelerntes nachbeteten als wirkliche Erfahrungen mitzuteilen, war ich doch beeindruckt von den vielen religiösen Kenntnissen dieser Halbwüchsigen. Kein Gleichaltriger bei uns hätte eine Chance gegen sie gehabt und vermutlich wären seine Idole hier auf wenig Resonanz gestossen.

Selbstbewusst erklärte mir der junge Lehrer, warum seine Religion gegenüber der Bibel die überlegenere sei: Moses und Jesus Christus wären durchaus nicht übel gewesen, aber Mohammed habe Jahrhunderte später Gottes Botschaft noch einmal mit frischen, zeitgemässen Worten in Erinnerung gerufen. Seine Version sei gegenüber den älteren und z.T. auch verfälschten jüdisch-christlichen Varianten sozusagen der letzte Stand der göttlichen Weisheit.

Auch habe Gott den Koran nur einem Menschen in relativ kurzer Zeit übermittelt, während die Bibel in tausend Jahren von über hundert Autoren zusammengebastelt worden sei.

Bei unserer Rückfahrt zum Nil stellte ich dann fest, dass mein Begleiter doch nicht nur in spirituellen Höhen wandelte. Erst druckste er herum, aber dann drang er in mich, doch etwas für seine Ausreise aus Ägypten zu tun. Er wolle hier nicht mehr in Armut und Perspektivlosigkeit leben, sondern sein Glück in Deutschland versuchen.

Der ganze Glanz der eben noch beschworenen islamischen Kultur war auf einmal verschwunden und er bettelte und drängelte, ihm doch unbedingt zu helfen. Ich solle im Konsulat oder der Botschaft für ihn vorsprechen, meinen Namen als Bürgschaft benutzen, um ihn aus seinem Elend herauszuholen. Er war felsenfest davon überzeugt, dass ich die Macht hätte, solches zu tun und reagierte auf meine Bedenken zunehmend gereizter.

Irgendwann half auch der Humor nicht mehr. Trotzdem ich ihm noch einmal für seine Gastfreundschaft dankte, radelte er an der nächsten Wegkreuzung verstimmt und ohne sich nochmal umzudrehen davon. Ein etwas ernüchternder Abschied, wie ich ihn in dieser Art noch einigemale erleben sollte.


Liebesdienste

Zur islamischen Welt gehört auch die Homosexualität. Etliche junge Männer in Ägypten erzählten mir, dass sie vor der für sie nicht ganz billigen Hochzeit wenig von ihren hübschen Zeitgenossinnen zu sehen bekämen. Ich sah viele schmachtende Blicke in Richtung verschleierter Schönheiten, die genau wussten, wie erotisch ihre verhüllten Kurven und Augenschlitze waren und einer klagte einmal halb resigniert, dass diese doch letztlich alles in der Hand hätten.

Einem jungen Mann war ich einmal in sein Haus gefolgt, weil er mir dort interessante "Dorfmotive" für meine Kamera versprochen hatte. Nach einem kurzen Imbiss rückte er mit der Sprache heraus: Er sei ein guter Liebhaber, sein Schwanz so dick wie eine Colaflasche, dazu fest und ausdauernd. Zur Veranschaulichung streckte er einen Zeigefinger starr in die Luft und tupfte mit dem anderen dagegen. Luft und Nahrung seiner Heimat – so teilte er mir stolz mit – würden seinem Genital zu besonderer Standfestigkeit verhelfen, während das der Deutschen viel leichter schlapp mache.

Daraufhin krümmte er langsam den Zeigefinger und sah mich mit einem breiten Grinsen an. Er wisse, wovon er rede, schliesslich kämen jeden Sommer viele ältere Deutsche zu ihm, weil sie etwas vergleichbar Gutes zuhause nicht bekämen.

Angesichts seiner Direktheit und Wortwahl musste ich lachen und bedauerte, sein Angebot nicht annehmen zu können. Als er nach weiteren Überredungsversuchen merkte, dass bei mir nichts zu machen war, bat er mich zum Abschied noch um einen anderen Gefallen. Er öffnete einen alten Koffer, in dem er unzählige Zehnmarkscheine aus aller Herren Länder mit Stecknadeln drapiert hatte und sagte mit treuherzigem Blick, nur der aus Deutschland fehle ihm noch. Natürlich glaubte ich ihm kein Wort, aber ich kam dennoch nicht umhin, ihm zur Vollständigkeit seiner Kollektion zu verhelfen.

Was waren zehn Mark für mich und was für ihn? Wenn der angehende Rechtsanwalt, den ich in Luxor getroffen hatte, tatsächlich 80 DM im Monat verdiente, konnte ich es mir ausrechnen. Mit theatralischem Ernst versicherte mir mein Gastgeber, dass er den Schein nur für seinen Koffer benutzen würde und etwas in mir war sogar bereit, ihm dies zu glauben.


Fustat

Am Schluss meiner Reise blieb ich noch eine Woche in Kairo, wo gerade die Fastenzeit Ramadan herrschte. Tagsüber sah man daher in den Restaurants kaum Einheimische, wogegen nach Einbruch der Dämmerung grosse Essensgelage begannen und Lokale bis tief in die Nacht geöffnet waren.

Kaum sah ich je eine Stadt mit grösseren Kontrasten. Vom glitzernden Luxus bis zur verrussten Töpferstadt Fustat waren es nur ein paar Kilometer und doch begab man sich auf eine Reise in entfernte Geschichtsepochen. Schwarzbeschmierte Kinder turnten barfuss auf Holzkohlehalden herum, hinter denen sich ein grosses Areal qualmender Feuerstellen und Öfen erstreckte, in denen Töpferware gebrannt wurde.

Mittelalterliche Szenerien mitten in einer Millionensstadt. Hier hatte ich die größten Probleme zu filmen und oft half auch kein Bakschisch, um die misstrauischen Menschen zu besänftigen. Einmal wurde mir sogar die Kamera weggerissen und ich musste sie mit aller Überredungskunst wieder freikaufen, um danach schleunigst das Weite zu suchen.

Eine Gruppe Jugendlicher verfolgte mich weiter und ich geriet in immer unheimlichere Regionen, wo mich misstrauische und feindselige Augen anstarrten. Gottseidank fand ich irgendwann in einem Schuppen Zuflucht vor meinen Verfolgern. Nachdem sie verschwunden waren, watete ich noch über ein riesiges Feld voller Wasserlachen und Morast, um ihnen in der Siedlung nicht noch einmal begegnen zu müssen.

Erschöpft und mit aufgeweichten Schuhen fand ich endlich wieder zu einer Hauptstrasse zurück, von wo aus die Töpferstadt wie ein qualmendes Kriegsszenario aussah. Der Filmemacher in mir war jedoch zufrieden und freute sich bereits auf die Sichtung des aussergewöhnlichen Materials.


Der kleine Pharao

Neben den herrlichen Moscheen waren es vor allem die Museen, die tagsüber in Kairo Schutz vor zuviel Hitze und Menschengewühl boten. Interessant etwa die Wanderung vom Islamischen ins Ägyptische Museum und der Vergleich zweier verschiedener Hochkulturen.

Kostbare Mosaike und Teppiche sowie reiches Arabeskenwerk auf erlesenen Koranhandschriften im Islamischen Museum offenbarten mir eine fast unbekannte Welt, von der auch Europa jahrhundertelang gezehrt hatte. Der stärkste Eindruck waren die endlos verschlungenen Ornamente, die wohl die im Islam verbotenen Bilder ersetzen sollen. Sie erinnerten mich nicht nur an das Kreisen der Allah-Rufe über dem Himmel von Kairo, sondern zogen mich ein Zeitgefühl hinein, dass anders war als das gewohnte europäische.

Nach und nach wurde ich förmlich aufgesogen von einer Unendlichkeit der Linien und Schriftzüge, die kein Anfang und kein Ende kannten und anders verliefen als die Pfeilrichtung unserer Zeit. Einssein und Verschmelzung mit dem Ganzen gelten hier mehr als materielle Steigerung und Perfektion. Ruhe und Gelassenheit überkam mich. Die pulsierenden Schriftbänder traten mal klarer, mal verschwommener hervor und bald driftete ich in meditative Stimmungen ab, die von leise plätschernden Brunnen im Hintergrund unterstützt wurden.

Anders, aber von ebenso spiritueller Kraft das Ägyptische Museum. Einige Stockwerke wurden gerade renoviert, was aber dem Gesamteindruck nicht schadete, sondern ihn eher intensivierte. Die Untergeschosse des Hauses wirkten wie gigantische staubige Kellerhallen, in denen - neben Paletten und Gabelstaplern - auch die unerhörten Kolosse der Vorzeit herumstanden: eine Atmosphäre des Provisorischen, die keine Kulturbeflissenheit aufkommen liess, sondern in ihrer Rohheit unmittelbar in die Vergangenheit zurückführte.

Drähte, Holzverschalungen, Kräne und Monteurhelme kommunizierten aufs erregendste mit turmhohen Pharaonenpaaren oder hundsköpfigen Gottheiten, die – ausgestattet mit dem langen Atem einer jahrtausendealten Geschichte – selbstbewusst in ihrer Deponie ausharrten.

Besonders bewegend war ein etwa drei Meter hoher Granitfalke, zwischen dessen Klauen ein Knabe mit unbeweglichem Gesichtsausdruck stand. Seine Mütze stiess oben an den mächtigen Schnabel des Vogels, der aber trotz seiner überdimensionalen Grösse eher Schutz als Bedrohung ausstrahlte. Das Kind schien geborgen unter einer mächtigen Kraft, die zwar im Falken ihr Abbild hatte, aber dennoch weit über dieses hinausreichte ins Rätselhafte, Elementare, Überirdische. Der Falke galt den alten Ägyptern als pfeilschneller Bote, der die Regionen der verehrten Sonne streift. Was wissen wir schon davon, wie er dieses Gestirn empfindet und welche Kommunikationsströme er mit ihm austauscht. Ein Tier, das aus Dutzenden von Metern Höhe Beute orten kann und auch sonst über hypersensible Wahrnehmungsorgane verfügt, ist auch heute noch geeignet, zum Objekt von Staunen und Verehrung zu werden.

Mir fiel ein, wie ich einmal einen Ägyptologen nach dem Unterschied zwischen Stier- und Widdergöttern gefragt hatte, worauf er antwortete, er kenne sich mit Göttern nicht aus: Bereits die Griechen hätten sich ja mit Recht über den "Irrationalismus" der ägyptischen Tierkulte lächerlich gemacht. Sprach's und verschwand.

Hier – wie auch bei den Krokodilsgöttern von Komombo – konnte ich das Gegenteil davon bewundern: Feinnervigkeit für vielschichtige und tiefreichende Wirkungskräfte der Natur, verbunden mit einer expressiven Gestaltungskunst, hinter der viele griechische Götter in dekorativer Harmlosigkeit zurückbleiben.

Natürlich stieg ich auch hoch zum berühmten Saal des Tut ench Amun, dessen Goldmaske ich ja schon aus zahllosen Abbildungen kannte und war gespannt, wie die reale Skulptur auf mich wirken würde. Aufregend war bereits der riesige Aussensarkophag, der wie eine buntbemalte Garage aussah. Neben ihm standen noch etliche kleinere, die einst alle sorgsam ineinander verschachtelt waren, um den Weg ins Allerheiligste zu erschweren.

Königliche Stühle und Kampfwagen wirkten nicht nur äusserst wohlgestaltet, sondern auch feingliedrig und zerbrechlich, was wohl mit dem jungen Alter des Pharaos zu tun hatte. Seine Gemahlin, wohl ebenfalls erst 16 oder 17 Jahre alt, legte ihm zum Abschied ein kleines Sträusschen Feldblumen ins Grab, das heute noch – vertrocknet, aber gut erhalten – auf seinen gekreuzten Händen liegt.

Selten schwand für mich ein historischer Abstand auf so schnelle und anrührende Weise, als beim Anblick dieser kleinen Blüten, vor denen alle Majestät der Pyramiden kurzzeitig in sich zusammenfiel. Hinter der goldenen Maske des Gottkönigs schimmerte für Sekunden das Kind hervor, mit seinen auch einfachen und allzumenschlichen Regungen. Trotz des unerschütterlichen Glaubens an Ewigkeit und Seelenwanderung schien auch hier ein Individuum von einem anderen Abschied genommen zu haben, begleitet von einer zarten und bis heute verstandenen symbolischen Geste.