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Zur Entdeckung der "Archetypen" gelangte Jung, nachdem ihm
die Ähnlichkeit vieler Bildmotive in Mythen und Märchen, aber
auch in Träumen und Phantasien Geisteskranker aufgefallen war.
Jung begann, weitere Träume von Kindern und kulturhistorisch nicht
gebildeten Patienten genauer zu betrachten und fand ähnliche Parallelen
zu Sagen- und Märchenmotiven. Das führte ihn zu einem intensiven
Studium der Mythen verschiedener Völker, bei dem sich seine Vermutung
erhärtete, dass deren ähnliche Motive kaum durch Berührungen
entstanden waren, sondern durch generelle, im menschlichen Unbewußten
verankerte Prädispositionen. Diese nannte er "Archetypen":
"Strombetten, in denen sich das seelische Erleben der Menschheit
seit eh und je bewegt", "unbewußte Grundmuster instinkthaften
Verhaltens". Dazu zählen bestimmte Erzählmuster wie die
Figur des "Helden", des "Alten Weisen", der "Grossen
Mutter", des "Narrs", aber auch Schattengestalten wie
Teufel, Satan oder Luzifer. Ebenso das Bild der "Nachtmeerfahrt"
bzw. "Odyssee", in der ein "Held" im Durchgang durch
Abenteuer und Prüfungen seelisch reift. Diese Archetypen finden
sich in den grossen Geschichten der Menschheit seit Anbeginn und dauern
- in abgewandelter Form - in den aktuellen Romanen, Computerspielen
und Kinomythen fort.
Doch der Begriff des Archetyps bleibt bis heute eher dunkel und mehrdeutig.
Wie gelangten sie in die Seele der Menschen hinein? Durch biologische
Prädisposition, soziales Lernen, durch Teilhabe des Menschen an
göttlich-übersinnlichen Welten? Jung bleibt hier unklar: Mal
spricht er von instinktähnlichen Mustern, mal neigt er zur Platonischen
Ideenlehre und spricht den "Urbildern" eine numinose Qualität
zu. Das wiederum führte dazu, dass Jung von wissenschaftlichen
Kreisen nicht ernstgenommen und in die Esoterikecke abgeschoben wurde,
wo er heute anerkannter ist, als im akademischen Bereich.
Doch es hat sich Einiges in der Forschung getan und manche Erkenntnisse
haben Jung korrigiert, andere wichtige Einsichten von ihm bestätigt.
Der Psychoanalytiker Christian Roesler hat in seinem spannenden Buch
"Analytische Psychologie heute" die neuesten Forschungsergebnissen
zu Jung's Archetypenlehre referiert. (1) Demnach müssen wir uns
gemäss den Erkenntnissen der modernen Genetik von der Idee verabschieden,
dass die Archetypen biologisch vererbt seien, wie etwa der Nestbau-Instinkt
eines Vogels. Seit der Kartierung des menschlichen Genoms im "Human
Genome Project" (2001) wissen wir, dass die rund 24.000 Gene im
menschlichen Erbgut nicht ausreichen, um komplexe symbolische Informationen
zu kodieren. Diese benötigen Vernetzungen im Neokortex, die aber
erst jenseits des ersten Lebensjahres entstehen. Angeboren können
dagegen bestimmte Grundemotionen sein sowie die Bereitschaft zum Spracherwerb
und Fähigkeiten zur leichteren Identifizierung des menschlichen
Gesichtes, was dem frühen Mutter-Kind-Kontakt zugute kommt.
Archetypen kommen also nicht aus den Genen, wie man heute überhaupt
von dem Gedanken abrückt, dass in den Genen feste Baupläne
enthalten seien, die nur umgesetzt werden müssten. Der menschliche
Organismus entwickelt sich durch ein komplexes Wechselspiel von genetischen
Informationen mit Reizen aus der Umwelt, wozu z.B. beim Kind auch emotionale
Zuwendung gehört. Diese Umweltreize beeinflussen bestimmte Gen-Schalter,
die dann durch Aktivierung oder Deaktivierung des Gens weitere Eiweiss-Kodierungen
veranlassen. Erfahrungen und Emotionen sind also so wichtig wie die
Gene selbst, Interaktionen letztlich wichtiger als die Idee eines "Bauplanes".
Man glaubt heute, dass Archetypen - wie auch die komplexeren psychischen
Strukturen - erst als "Emergenzphänomene" im Zusammenspiel
von Gehirn und Umwelt entstehen. Der Archetyp der "Mutter"
z.B. in seinen dunklen und hellen Nuancen könnte sich also in der
Interaktion von biologischen Prämissen mit Umweltreizen (z.B. realen
Mutterfiguren) herausgebildet haben. Man nimmt an, dass sich solche
Beziehungserfahrungen einst in symbolischen Strukturen niederschlugen
und dann z.B. auch mit der Erde in Verbindung gebracht wurden, so dass
Bilder wie "Mutter Natur" oder Erdgöttinnen entstehen
konnten. So einleuchtend solche Überlegungen sein mögen, so
lässt doch der heute viel verwendete Emergenzbegriff noch viele
Fragen offen. Wie kommt es, dass sich aus bestimmten realen Mutter-Erfahrungen
etwas so qualitativ Anderes wie der Archetyp der "Grossen Mutter"
herausbilden konnte? Woher kommt der Trieb des Menschen zur Metaphernbildung?
Warum nehmen wir natürliche Phänomene wie Erde, Licht, Wasser,
Luft, Sonne, Finsternis, um daraus geistig-seelische Bilder zu formen?
Wie kommt es von äusseren Lichtwahrnehmungen zur mystischen Erfahrung
eines "inneren Lichtes"? Hier liegen qualitative Sprünge
vor, die noch lange nicht genügend erforscht sind und die etwa
die amerikanische Biologin Ursula Goodenough dazu brachte, vom "Wunder
der Emergenz" zu sprechen. (2)
Immerhin kann man sagen, dass Symbole, Mythen und Archetypen auf irgendeine
Weise das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen dem Selbst und dem Anderem
widerspiegeln. Dieses Andere ist immer auch das Fremde. Seit Urzeiten
herrscht zwischen dem Selbst und dem Anderen eine grosse Spannung, die
in Geschichten und Bildern verarbeitet und gestaltet wird. Das Andere
tritt dem Selbst in vielen Gesichtern entgegen. Es ist der Kosmos in
seiner überwältigenden Schönheit und Unberechenbarkeit,
das Mysterium von Geburt und Tod, die Begegnung mit dem eigenen und
anderen Geschlecht, mit dem Tierhaften in uns und um uns herum, mit
Gewalt, Zerstörung, Grausamkeit, aber auch mit der Poesie und unfassbaren
Fülle der geheimnisvollen Natur. Vorbegriffliche Erfahrungen von
Drama, Kampf, Erlösung, Überwältigtwerden, Verlassensein,
Staunen, Verehrung, Anspannung und Entspannung mögen sich in narrativen
Grundkernen verdichtet haben, die kulturell weitergetragen wurden und
auch vom Kind als solche erkannt werden konnten.
Dazu - so die moderne Neurobiologie - verhalfen die sogenannten Spiegelneurone
(3), die die genetische Grundlage für Empathie und Imitationslernen
bilden. Sie ermöglichen beim Heranwachsenden eine Mustererkennung
für archetypische Geschichten. Mithilfe dieser Neuronen empfinden
wir eine Emotion, die wir bei einem anderen Menschen beobachten, nach
und können sogar davon "angesteckt" werden. Die Spiegelneuronen
ermöglichen die Konservierung und Weitergabe von Wissensbeständen
über Generationen und erzeugen so einen vorbegrifflichen geteilten
Bedeutungsraum, der vielleicht Jung's "kollektivem Unbewussten"
ähnelt. Wie subtil dieses "Feld" arbeitet, veranschaulichen
auch Forschungen israelischer Wissenschaftler über die unbewusste
Weitergabe traumatischer Erfahrungen von Shoah-Opfern an die nächste
Generation. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie Kinder und
Enkelkinder Bilder, Träume und "Erinnerungen" an Konzentrationslager-Erfahrungen
produzieren, ja sogar spezifische Symptome entwickeln, obwohl über
diese in der Familie niemals geredet wurde. (4) Diese Weitergabe erfolgt
auch nicht genetisch, sondern durch feinste, z.T. noch nicht untersuchte
präverbale Empathie - und Imitationshandlungen, in denen sich bereits
das Kind in Stimmungen, Tonnuancen, Gesten, Blicke und Gefühle
des Gegenübers einfühlt und so dessen "Geschichten"
versteht.
Jung ist also in Hinsicht der Entstehung der Archetypen zu ergänzen,
nicht aber in der Sorgfalt seiner Studien zur Fülle dieser narrativen
Grundstrukturen sowie in seiner Warnung, dass deren Macht sowohl zum
Geist wie zum Ungeist ausschlagen könne. Gerade die mythische Sprachgewalt
heutiger Medienprodukte (Kino, PC-Spiele) und die archetypisch aufgeladene
Sprache von Religionskriegen, nationalistischer Propaganda und Sekten-Ideologien
geben diesbezüglich noch viel Stoff für gründliche Untersuchungen.
Jungs immer noch aktuelles Hauptanliegen besteht daraus, das Erbe des
Archaischen in uns zu erkennen, um nicht von ihm unkontrolliert überwältigt
zu werden. Zusätzlich erkennt Jung in den Archetypen auch ein schöpferisches
Potential: Wenn sie nicht bewußtlos und kollektiv entfesselt,
sondern vom einzelnen Individuum kreativ genutzt werden, bieten sie
ein grosses Reservoir für künstlerische Tätigkeiten und
seelische Heilungsprozesse.
Betrachten wir ein paar dieser Vorstellungsformen genauer, z.B. den
Helden, der monströse Fabelwesen und Dämonen besiegt. Er taucht
als Herakles, Mithras, Odysseus, Siegfried, Parzival und Heiliger Michael
auf und ringt mit Löwen, Stieren, Riesen und Drachen, die alle
auf verschiedene Art und Weise etwas "Ungeheures" verkörpern,
dem sich der Held stellen muß.
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