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"Drachen, Helden, Nachtmeerfahrten" Die Archetypenlehre von C.G. Jung von Rüdiger Sünner |
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Zur Entdeckung der "Archetypen" gelangte Jung, nachdem ihm die Ähnlichkeit vieler Bildmotive in Mythen, Träumen und Phantasien Geisteskranker aufgefallen war, die keinen direkten Kontakt miteinander gehabt haben können. Ausschlaggebend war ein Erlebnis mit einem psychiatrischen Patienten, der Jung einmal aufforderte, in die Sonne zu blinzeln und dabei den Kopf zu drehen. Als Jung ihn fragte, was denn dort zu sehen sei, antwortete dieser: "Der Sonnenpenis - wenn ich meinen Kopf hin- und herbewege, so bewegt er sich ebenfalls, und das ist der Ursprung des Windes." Jung hielt dies für eine abstruse Halluzination, aber zeichnete sich das Bild auf. Vier Jahre später las er in einem gerade veröffentlichten Buch über einen griechischen Papyrus, in dem vom Mithras-Kult berichtet wird. Darin wurde eine Röhre erwähnt, die vom Antlitz der Sonne herabgelassen wird und den Ursprung des Windes darstellt. Das Bemerkenswerte ist nicht nur die Übereinstimmung zwischen der Halluzination des Kranken und der über 2000 Jahre alten Schrift, sondern auch die Tatsache, dass der Papyrus zum Zeitpunkt der Halluzination noch gar nicht veröffentlicht war. Der Kranke, der nur Volksschulbildung besass und nie gereist war, konnte nicht auf dem Wege des Lesens zu seinem Bild gekommen sein. Jung begann, weitere Träume von Kindern und kulturhistorisch nicht gebildeten Patienten genauer zu betrachten und fand ähnliche Parallelen zu Sagen- und Märchenmotiven. Das führte ihn zu einem intensiven Studium der Mythen verschiedener Völker, bei dem sich seine Vermutung erhärtete, dass deren ähnliche Motive kaum durch Berührungen entstanden waren, sondern durch generelle, im menschlichen Unbewußten verankerte Prädispositionen. Diese nannte er "Archetypen": "Strombetten, in denen sich das seelische Erleben der Menschheit seit eh und je bewegt", "unbewußte Grundmuster instinkthaften Verhaltens". Auch ein Kind kommt ja nicht als "tabula rasa" zur Welt, sondern bringt bestimmte Instinkte und Veranlagungen (z.B. Temperament) mit. Warum, so fragte sich Jung, sollte es nicht auch im geistigen Bereich vererbte Vorformen geben, die dann verschiedene Ausgestaltung erfahren? Wie auch immer man die Entstehung der Archetypen beurteilen will: Tatsache ist, dass die Mythen der Welt eine Menge ähnlicher Bild- und Symbolmotive aufweisen. Sie kennen die Figur eines Helden, der Drachen und Ungeheuer besiegen muss, engelartige und hexenähnliche Wesen, gute Geister und böse Dämonen, Vorstellungen von Paradies, Hölle oder Unterwelt. Diese sind - je nach Kultur - immer anders ausgeprägt, aber verweisen auf ähnliche Grunderfahrungen. Nach Jung entstammen sie dem Bereich des kollektiven Unbewußten und sind wesentlich älter und umfassender als unser rationales Denken. Jungs Hauptanliegen besteht nun nicht in der Einschränkung unserer Willensfreiheit durch solche vorgegebenen "Urbilder", sondern daraus, das Erbe des Archaischen in uns zu erkennen, um nicht von ihm unkontrolliert überwältigt zu werden. Zusätzlich erkennt Jung in den Archetypen auch ein schöpferisches Potential: Wenn sie nicht bewußtlos und kollektiv entfesselt, sondern vom einzelnen Individuum kreativ genutzt werden, bieten sie ein unendliches Reservoir z.B. für künstlerische Tätigkeiten. Betrachten wir ein paar dieser Vorstellungsformen genauer, z.B. den Helden, der monströse Fabelwesen und Dämonen besiegt. Er taucht als Herakles, Mithras, Odysseus, Siegfried und Heiliger Michael auf und ringt mit Löwen, Stieren, Riesen und Drachen, die alle auf verschiedene Art und Weise etwas "Ungeheures" verkörpern, dem sich der Held stellen muß.
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In Märchen ist es die Geschichte von "Einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" und in der neueren Literatur heisst dieser Held z.B. "Wilhelm Meister", "Josef K." oder "Ulysses". Heutzutage taucht dieser Archetyp vielfach im Kino auf, erfährt seine Abenteuer als "Indiana Jones" oder muss in düsteren Raumschiffgängen schleimige "Aliens" abwehren. Subtilere Filme schicken ihre Hauptfigur in Begegnungen mit den "Drachen" in der eigenen Brust, etwa Kubricks "Eyes wide shut". Gemeinsam ist all diesen Helden das Hinausziehen in die Welt, wo sie geprüft werden, Mut und List entwickeln, um am Ende doch heil zu bleiben und sich geistig-seelisch weiterzuentwickeln. Jung nennt diese Reise auch "Nachtmeerfahrt": das Eintauchen in einen Ozean von Gefahren und Verführungen, die aber letztlich einem Prozess der Bewusstwerdung dienen. Wir kennen dies aus eigenen Lebenskrisen und sprechen davon, das wir "durch etwas hindurchgegangen" seien, manchmal sogar "durch die Hölle". Oft kommt mit der Bewältigung von Schwierigkeiten auch Wandlung und Erneuerung. Nachdem Siegfried im Drachenblut gebadet hat, versteht er die Sprache der Vögel und aus den Drachenzähnen, die der griechische Held Kadmon in den Boden pflanzt, wachsen seine neue Gefährten. Aus dem von Mithras erstochenen Stier spriessen Ähren und Weinreben und die Tiere ernähren sich von seinem Blut. Durch solche unvorhersehbaren Wandlungen berührt dieser Archetyp auch transzendente Sphären, denn niemand weiss, wie und warum sie geschehen. Vielleicht erinnern diese Urbilder an den schöpferischen Grund der Natur, ihre Regenerationskräfte, die Wachstum sowie physische und seelische Gesundung bewirken. Versenkt man sich als Einzelner in solche Bilder, kann dies beglückende und stärkende Effekte zur Folge haben, einen zu meditativer oder künstlerischer Weiterführung inspirieren. Gerät ein Kollektiv in den Bann z.B. dieses Archetyps, drohen Vereinfachung und Gefahr: Schnell wird aus dem Helden die eigene und aus dem Drachen die andere Fraktion, Zwischenfarben verschwinden und irgendwann fließt anderes als nur Märchenblut. Ähnliches
kann mit dem Bild des "Weisen Alten" geschehen. Wie Held und
Drache, so taucht auch in vielen Mythen ein Ratgeber, verkleideter Gott
oder kluger Großvater auf, der dem noch unerfahrenen Jüngling
Tips gibt oder ihn in Geheimnisse des Lebens einführt. Auch die
Figur des "Vatergottes" (Zeus, Wotan, Jahwe) hat etwas davon.
Der "Weise Alte" ist laut Jung der "Archetyp des Sinnes":
Die seit Menschengedenken bestehende Frage nach dem Woher und Wohin
schuf sich in ihm eine gestalthafte Entsprechung. Doch auch hier droht
Gefahr, wenn die starke Wirkungskraft des Bildes auf bewußtlose
Menschen oder Massen trifft. Dann kann der "Alte Weise" zum
totalitären Führer oder erleuchteten Sektenchef mutieren und
heisst auf einmal Charles Manson, Adolf Hitler oder Saddam Hussein.
Eine positive Variante davon ist heute vermutlich der Dalai Lama, obwohl
auch bei ihm Hörigkeit und Massenverzückung auftreten können.
Irgendetwas in ihm scheint sich mit einem Urbild zu decken, sonst hätte
er nicht einen solchen weltweiten Erfolg. Denn die meisten Menschen
wissen nicht nur kaum etwas über ihn, sondern verdrängen auch
beharrlich z.B. negative Aspekte des tibetischen Buddhismus oder seiner
eigenen Biographie. |
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Weitere Stationen auf der "Nachtmeerfahrt" des Helden können der "Narr" oder das "göttliche Kind" sein. Der "Narr" spielt mit uns, fordert unsere Reaktionsschnelligkeit heraus und wirbelt unsere Urteilsstrukturen durcheinander. Er kommt auf Tarotkarten vor, heisst bei den Germanen Loki und bei Goethe Mephisto, kann als Hanswurst oder Schamane erscheinen und ist heute vielleicht die bessere Variante des Comdedy-Stars (z.B. Helge Schneider): der Provokateur, Spaßmacher, auch Dämon, der uns daran erinnert, daß alles im Leben unberechenbar ist. Totalitäre Regime oder fundamentalistische Sekten, die sich sonst gerne auf Mythen berufen, kennen diese Figur bezeichnenderweise nicht. Jung nennt auch den Archetyp des "göttlichen Kindes": ein Bild für Unschuld, Frische, Vitalität, Ganzheit, vergessene Dinge der eigenen Kindheit, das ebenfalls in vielen Kulturen vorkommt und wie eine Art Heilbringer funktioniert. Rom wurde von den Knaben Romulus und Remus gegründet, das Jesuskind brachte die Aura des Erlösenden auf die Welt, Däumlinge, Zwerge oder Elfen tauchen in Märchen an Stationen des Helden auf, wo Wandlungen und Erneuerungen bevorstehen. Ist es heute Leonardo di Caprio, der gegenüber den alten Kinomachos wieder ein Stück Jünglings- Erotik beschwört? Manche Psychologen meinen, dass die Zunahme von Kindesmissbrauch und das gesellschaftliche Interesse daran auch damit zu tun hätten, dass viele sich in einer korrupten Zeit an Sinnbildern der Reinheit aufrichten wollten. Hier würde sich der Archetyp des "göttlichen Kindes" auf bizarre Weise mit verirrten Sexualphantasien mischen: das "Verkommene" trifft auf das "Unschuldige". Aber auch die Werbung setzt auf immer jüngere Modelle, die mit versteckter Kind-Erotik die Umsätze ankurbeln sollen. Einer der spannendsten und vielschichtigsten Archetypen ist die "Grosse Mutter", für Jung eine Unterabteilung des "Anima"-Komplexes, der die Urbilder des Weiblichen umfasst. Wir kennen nicht nur den Begriff der leiblichen Mutter, sondern sprechen auch von "Mutter Erde", "Mutter Natur", "Mutter Kirche" etc.: Sinnbilder für übergreifende Einheiten, die etwas Bergendes, Schützendes, Nährendes aber auch Verschlingendes haben. Auch dieses Bild besteht seit Jahrtausenden in Kulturen, die niemals eine Berührung miteinander hatten und verweist auf alte und gemeinsame Erfahrungen.
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Jung geht sogar soweit, zu behaupten, dass das Kind diesen Archetyp bereits in sich trage und auf die leibliche Mutter projiziere, statt ihn umgekehrt in Analogie zu dieser zu bilden. Als Beweis dienen ihm Träume und Imaginationen von Kindern, deren Phantasien zum Thema "Mutter" weit über die leibliche Erzeugerin hinausgehen. Phantasie ist für Jung mehr als nur spielerisches Kombinieren von Bekanntem, so wie es auch Träume gibt, die sich nicht nur aus unserer Biographie erklären lassen. Für ihn müssen bereits "innere Bilder" vorhanden sein, zumindest Schatten oder abstrakte Vorformen davon, die das Erfahrungsmaterial ausrichten, selektieren und bearbeiten. Über deren genaue Herkunft und Beschaffenheit läßt Jung sich nicht weiter aus. Manchmal kann man in ihm einen heimlichen Anhänger Platons vermuten, der wie dieser daran glaubt, dass wir die Urbilder aus früheren Leben mitbrächten und jetzt wiedererinnerten. "Da ich aber kein Philosoph sondern ein Empiriker bin", schränkt Jung vieldeutig ein, "kann ich es mir nicht gestatten, mein besonderes Temperament, das heißt meine individuelle Einstellung denkerischen Problemen gegenüber, als allgemeingültig vorauszusetzen." (Jung: Ges.Werke 9/1, Düsseldorf 1995, 91f) Ob nun Platoniker oder nicht: Jeder von uns kennt die Begegnung mit dem "Mutter"- Archetyp unabhängig von der eigenen. "Mütterchen Rußland" nennen die Russen ihre Heimat und wir mögen es heute gerne, wenn Indianer oder Schamanen vor der Schändung der "Mutter Erde" durch Umweltsünden warnen. Keine Ökologie-Bewegung wäre denkbar ohne dieses Bild, das bereits in der deutschen Romantik von grosser Bedeutung war. Seiner Aktivierung verdanken wir mehr Sensibilität für die Umwelt, mehr Demut gegenüber dem grossen Organismus, der uns trägt und nährt. Und was wäre der negative Umgang mit der "Grossen Mutter"? Ein bewußtloses Verfallensein? Was passiert, wenn jemand "ins Wasser geht" statt sich auf eine andere Art umzubringen? Warum stürzte sich Empedokles am Ende seines Lebens eher euphorisch als verzweifelt in einen Vulkan? Überkommt uns die dunkle Seite dieses Archetyps, wenn wir verschiedenen Formen des "Versumpfens" erliegen, uns auflösen in Sucht, regressiven Lebenszuständen und infantilen Abhängigkeiten? Welche Begegnungen mit der "Grossen Mutter" sucht ein Masochist, der sich von einer Domina behandeln läßt? Jung weist daraufhin, dass die "Grosse Mutter" einen gütigen und einen schrecklichen Aspekt besitzt: ein Doppelgesicht, dass uns bewusst bleiben muss. Während z.B. indische Göttinnen diese Ambivalenz noch anschaulich demonstrieren, verlor ihn die christliche Maria zugunsten einer einseitig lichtvollen Seite. Das Christentum erfand für den negativen Aspekt der "Grossen Mutter" die Figur der Hexe und riss unser Bewusstsein auseinander. Seitdem irrt es ein wenig schizophren durch die Welt und projiziert gerne seine Schwächen auf andere. Das Verhältnis zu Archetypen betrifft also nicht nur persönliche sondern auch kollektive Zustände von Krankheit (Zerrissenheit) oder Gesundheit (Ganzheit). Vielleicht
gehört auch der Kreis in diesen Zusammenhang, laut Jung einer der
zentralen Archetypen der Menschheit. Wo kommt er her? Bildeten ihn die
Menschen in Analogie zu runden Objekten der Natur oder dem Lauf der
Gestirne? Oder war er bereits als Ahnung eines Vollkommenen im Unterbewußtsein
vorhanden? Stonehenge und Hunderte anderer Kultstätten wurden kreisförmig
gestaltet, ebenso die Mandalas Indiens und Tibets sowie viele ähnliche
Symbole anderer Kulturen. Auch die Tafelrunde des keltischen König
Arthurs, an der die Gralssucher sitzen, hat diese Form. |
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Wir können uns heute kaum mehr in solche Vorstellungen hineinversetzen, weil die moderne Rationalität alles (auch die Natur) entzaubert hat. Bezüglich des Kreises sollte man jedoch bedenken, dass dessen perfekte Form nur als Idealbild in unserem Denken existiert. In der Natur gibt es diese Form nicht und selbst der schärfste Laserstrahl könnte sie nicht zeichnen. Dem Einwand, dass sie ein Produkt unserer Abstraktionsfähigkeit sei, könnte man immerhin mit der Frage begegnen, was diese denn ist und wie sie in uns hineinkam. "Erdacht"
oder innerlich "geschaut": Zumindest hat der Kreis - wie andere
Archetypen - eine suggestive Macht über uns und auch er kann positiv
wie negativ wirken. Man sagt, eine Sache sei "rund" geworden,
aber auch, dass man sich "im Kreise bewege". Der Kreis kann
umhegen und Ganzheit ausdrücken, aber auch einschliessen und das
Bild einer Statik verkörpern, aus der heraus nichts Neues mehr
geschehen kann. Dies ist die Crux vieler Esoterik: Im schlimmsten Fall
werden die schönen Mandalas zu starren Zwingburgen, mit denen fanatische
Sekten die Welt draussen und ihre Mitglieder drinnen zu halten versuchen.
Ein Kreissymbol der rigiden Ausschliessung ist z.B. das zwölfspeichige
Sonnenrad auf dem Boden der SS-Kultstätte Wewelsburg bei Paderborn,
die sogenannte "Schwarze Sonne". Um sie herum sollten sich
die obersten SS-Führer gruppieren, die im Namen angeblich germanischer
Licht- und Sonnenmystik die "Dunkelkräfte" von "minderwertigen
Rassen" aus der Welt schaffen sollten.
Einen unbedenklicheren Umgang mit den Archetypen scheint der Künstler anzubieten, der mit ihnen in einem artifiziellen Raum spielt, der durch Mehrdeutigkeit eher vor Absolutismen gefeit ist. Schon Homers Odyssee ist eigentlich kein reiner Mythos mehr, sondern ein Kunstwerk, das mit mythischen Versatzstücken umgeht. Und wenn Picasso, Klee, Dali oder Beuys vorzeitliche Symbole und Figuren malen, so spielen sie auch mit ihnen. Der Zuschauer wird in die Magie ihrer Konstruktionen hineingezogen und erlebt atavistische Schichten seiner Person. Aber er bleibt dabei wach und kann ständig zwischen bewußter und unbewußter Ebene hin- und herwandern. Vielleicht sind manche Künstler heute das, was früher einmal die Schamanen waren: Lehrmeister im Umgang mit Mythen, Urbildern, archaischen und irrationalen Inhalten unseres Bewusstseins. Für Jung ist es gut, solche zu haben, weil wir keinen "vernünftigen Ersatz" für die Archetypen finden können. Sie scheinen zum Menschen dazuzugehören, was man z.B. daran sieht, dass auch mythenfeindliche Bewegungen wie Aufklärung oder Marxismus wieder zu neuen Ersatzreligionen geführt haben. Die Französische Revolution ersetzte die alten Götter durch die "Vernunft", in deren Namen bald neues Blut floß und der Kommunismus huldigte göttergleichen Führern, die versprachen, das "Paradies auf Erden" herzustellen. Wer in der ehemaligen DDR-Hymne das "Auferstehen aus Ruinen" besang, merkte womöglich nicht einmal, dass hier das alte Bild vom "Phönix aus der Asche" angerufen wurde, um erhabene Gefühle von Kollektivstolz und -stärke freizusetzen. Die Geschichte zeigt, dass die Menschen die Archetypen bestenfalls weiterträumen und ihnen neue Gestalt geben. Zwar lachen wir heute über "Engel" oder "Teufel", aber Millionen verehrten Lady Diana als "Lichtgestalt" oder gruseln sich wollüstig an "Hannibal, the cannibal". Was hier trotz aller überspannter Züge noch harmlos ist, kann im Sog psychotischer, nationalistischer oder fundamentalistischer Phantasmen zur Katastrophe geraten. Im Hintergrund der Völkermorde Ruandas und Serbiens standen ähnliche Mythen von "Reinheit" und "Auserwähltheit" wie beim Arier-Wahn der Nazis. Und auch der Berliner Polizist, der eine Prostituierte enthauptete, weil ihm dies angeblich der germanische Gott Odin einflüsterte , war einem Archetyp erlegen: Ein geschwächtes und verwirrtes Ich wurde vom Bild des "Alten Weisen" überflutet, das ihn - hier in einer dämonischen Variante - zu exzessiven Taten trieb, an die er sich später kaum mehr erinnern konnte. Die zunehmende Faszination an einem Phänomen wie Satanismus geht in eine ähnliche Richtung. "Satan" und "Teufel" wurden von Aufklärung und Christentum verbannt, aber sie kehren mit unverminderter Kraft wieder. Sie sind keine lauen Hirngespinste, sondern Verkörperungen eines besonders mächtigen Archetyps, den Jung den "Schatten" nennt: dunkle, unbearbeitete und verdrängte Seiten unserer Persönlichkeit und Kultur, die vielleicht umso penetranter ans Tageslicht drängen, je mehr "Aufklärung" und "Rationalität" zu alleinigen Heilmitteln verabsolutiert werden. Gerade Jugendliche, die eher das Leidenschaftliche, Exzessive und Verbotene suchen, fühlen sich von der "luziferischen" Komponente angezogen, weil sie eine Art Sammelbecken für alles Tabuisierte, Sündhafte und Ausgegrenzte darstellt. Gefühle des Trotzes gegen Anstand, Moral und Vernunft können hier ausgelebt und provokativ gegen Eltern und Lehrer gerichtet werden. Jammern und Mahnen hilft nicht nur nichts, sondern verstärkt eher die Lust am Flirt mit dem Obszönen und Schockierenden.
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Deshalb muß ein anderer Umgang damit gesucht werden. Rudolf Steiner etwa hält das "Luziferische" für eine durchaus wichtige Kraft im Leben, die schon in jeder kindlichen Trotzreaktion durchbricht: Es ist nicht das schlechthin Böse, sondern eine Regung der Ichkraft, die sich bemerkbar machen will. Auch jeder Künstler und Revolutionär, der Festgefahrenes durchbricht, gibt dem luziferischen Impuls nach, entfacht Feuer und streut Salz in die Wunden. Schädlich wird diese Energie erst im Übermaß und ohne Bezug zu anderen, bindenden Kräften. Das Element des Feuers, das Luzifer den Menschen brachte, ist nichts an sich Verwerfliches, sondern sorgt - richtig angewendet - auch für lebensspendende Kräfte wie Wärme und Nahrung. (R.Steiner: Das Mysterium des Bösen, hrsg. von Michael Kalisch, Stuttgart 1993) Wie Steiner plädiert daher auch Jung für Integration statt Ausgrenzung von "Schatten"-Elementen wie Provokationslust, Zerstörungstrieb oder dem Bedürfnis nach Blasphemie, Exzentrik und Grenzüberschreitung. Als Psychiater kennt Jung den zuhörenden statt verurteilenden Umgang mit den Abgründen der Seele und braucht sich nicht hinter rationalen, moralischen oder religiösen Abwehrhaltungen zu verstecken. Schon als Kind ahnte er, dass Christentum und Aufklärung kein vernünftiges Instrumentarium bereithielten, um mit diesen dunklen Aspekten fertigzuwerden. Vermutlich als Abwehr gegen frömmlerische Tendenzen des elterlichen Pfarrhaushaltes hatte Jung bereits in jungen Jahren "luziferische" Träume und Visionen: Vorstellungen von unterirdischen Kulträumen unter grünen Schweizer Wiesen, wo auf einem Thronsessel ein fleischerner Riesenphallus hockt, Mordphantasien vor dem Baseler Münster, wo er sich die schlimmsten Sünden vorstellt und erst bei dem Gedanken Ruhe findet, dass auch diese von Gott gewollt sein müssen: "Zur 'Gotteswelt' gehörte alles 'Übermenschliche', blendendes Licht, Finsternis des Abgrunds, die kalte Apathie des Grenzenlosen in Zeit und Raum und das unheimlich Groteske der irrationalen Zufallswelt. 'Gott' war für mich alles, nur nicht erbaulich." (Aniela Jaffé: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G.Jung, Zürich und Düsseldorf 1971, 77) Integration des "Schattens" heisst also erstmal, ihn anzusehen und - ohne Wertung - als Teil der Gesamtpersönlichkeit zu akzeptieren. Jung spricht einmal davon, dass bei ihm die "Zwischenwände" zwischen Bewußtem und Unbewußtem stets "durchsichtiger" blieben als bei anderen. Vielleicht ist dies auch ein interessanter Rat für den richtigen Umgang mit den Archetypen, die ja ein Stück irrationale Natur im Menschen darstellen. Diese "Durchsichtigkeit" setzt jedoch ein gekräftigtes Ich voraus, das die dünne Membran beherrscht statt von ihr beherrscht zu werden. Vielleicht ist eine Gesellschaft gefeiter gegen den Mißbrauch von Mythen und Archetypen, wenn sie sowohl Ichstärkung als auch Durchsichtigkeit fördert. Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich klingen, aber Ichstärkung bedeutet nicht rigide Härte oder ängstliche Abschliessung, sondern die Fähigkeit, so viel Divergentes und Ambivalentes wie möglich zuzulassen. Solche Fähigkeiten haben schon immer eher die Künstler besessen, weil sie in einem freieren Raum leben und sich spielerisch mit den irrationalen Mächten auseinandersetzen können. Vielleicht sollte ihnen im Zeitalter fehlender Schamanen oder bedenklicher Pseudogurus mehr Bedeutung zukommen. Ebenso dem Ästhetischen generell, das ja an Schulen und Universitäten nur am Rande vorkommt und immer zuerst von Kürzungen betroffen ist: Dabei meint "ästhetisch" hier nicht Kult der Schönheit, sondern Schärfung von Intuition, Phantasie und Imagination, um im Bereich des "Irrationalen" und "Archaischen" genauer unterscheiden zu lernen. Viele Künstler spielen zwar heute mit mythischen Floskeln, aber eher oberflächlich oder als lukrative Bedienung eines auf Sensationen erpichten Kulturbetriebes. Die wirklich ernsthafte Beschäftigung mit solchen Dingen, auch begleitet von intellektueller Reflexion, fehlt. Wo wäre heute jemand vom Format eines Pablo Picasso, Paul Klee, Alberto Giacometti, Joseph Beuys oder Anselm Kiefer, die sich lebenslang und durchaus lustvoll mit solchen Problemen beschäftigten? Wir wollen einige von ihnen in den nächsten Heften porträtieren, um weitere Lösungsmodelle zu den aufgeworfenen Fragen zu skizzieren. Denn gerade Künstler haben es immer wieder geschafft, Atavismus und Avantgarde in einer überzeugenden Weise miteinander zu verbinden, Brücken zu bauen zwischen Urzeit und Gegenwart, mythologischen Instinkten und rationalem Bewusstsein. Gerade in unserer Zeit, wo entfesselte Triebwelten und abstrakt-funktionale Rationalität immer weiter auseinanderlaufen, wären solche Vermittler von allergrösstem Wert. Denn - so noch einmal Jung - "in Wirklichkeit kommt man von der archetypischen Grundlage ... nie los, wenn man nicht gewillt ist, eine Neurose in Kauf zu nehmen, sowenig als man sich ohne Selbstmord des Körpers und seiner Organe entledigen kann. Wenn man nun die Archetypen nicht wegleugnen oder sonstwie unschädlich machen kann, so ist jede neu errungene Stufe von kultürlicher Bewußtseinsdifferenzierung mit der Aufgabe konfrontiert, eine neue und der Stufe entsprechende Deutung zu finden, um nämlich das in uns existierende Vergangenheitsleben mit dem Gegenwartsleben, das jenem zu entlaufen drohte, zu verknüpfen. Geschieht dies nicht, so entsteht ein wurzelloses, an der Vergangenheit nicht mehr orientiertes Bewußtsein, welches hilflos allen Suggestionen erliegt, das heißt praktisch für psychische Epidemien anfällig wird." (Jung: Ges.Werke 9/1, 171) |
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