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Leider wird darüber
im Buch nichts gesagt, die Trimondis steigen nicht in den Keller ihrer
eigenen Projektionen, Ängste und Verstrickungen hinab, wie sie es
für den Umgang mit den "Schattenseiten" des Lamaismus fordern.
Stattdessen klingt in ihrem Buch immer auch eine Art Hassliebe gegenüber
dem Dalai Lama durch. Vielleicht auch ein bisschen Neid angesichts seines
"Sex-Appeals", der ja offensichtlich auf zahlreiche Filmschauspielerinnen,
Popsängerinnen und selbst Feministinnen zu wirken scheint? Man merkt,
und das ist nicht unsympathisch, dass die Trimondis mit diesem interessanten
und charismatischen Mann noch nicht fertig sind. Auch mir geht es so,
wenn ich einerseits die kritischen Materialien im Buch lese, andererseits
von ihm bspw. im Fernsehen immer wieder stark berührt werde.
Im "Schatten des Dalai Lama"
wird dem Führer Tibets einerseits zugestanden, tatsächtliche
Reformbewegungen voranzutreiben,
andererseits erscheint er wie ein in finstere
Okkultpraktiken verstrickter Zauberer, der mit allen Wassern
der Sexualmagie gewaschen ist, rachsüchtige Schutzgottheiten verehrt
und an einen Endkampf des Buddhismus um die Weltherrschaft glaubt. Die
Trimondis berichten jedoch auch davon, wie er den Missbrauch von Frauen
für tantrische Zwecke kritisiert, Licht- und Schattenseiten in der
Vergangenheit seiner Heimat eingesteht und sogar die Gründung einer
tibetischen Fraueninitiative protegierte. Ihm wird zugutegehalten, dass
er sogar seine Wiedergeburt in einem weiblichen Körper für möglich
hält, was einen radikalen Bruch mit dem bisher ausschliesslich männerdominierten
Lamaismus bedeuten würde. Aber dann wird wieder gesagt, er äussere
all dies immer nur mit einem Schmunzeln, kaschiert hinter mehrdeutigem
Humor und es schimmert die Befürchtung hindurch, er sei doch ein
listiger Stratege oder mephistophelischer Clown. Der Dalai Lama - dies
merkt man auf Schritt und Tritt - ist den Trimondis unheimlich, eine Sphinx
in männlicher Gestalt, bei der man nicht so genau weiss, wo man dran
ist. Auch mir geht es zuweilen so und vielleicht spüre ich in diesen
Momenten die tiefsten Abgründe zwischen Europa und Asien. Möglicherweise
äussert sich bereits in der ganzen Aura dieses Mannes die Kluft zwischen
westlichem Rationalismus, Entweder-Oder-Denken und dem östlichen
(manchmal fast genüsslichen) Oszillieren zwischen allen Polen irdischer
und kosmischer Fragen. Dies scheint mir ein erkenntnistheoretisches und
moralisches Grundproblem nicht nur der Kritik des Buddhismus, sondern
auch ihres obersten Führers zu sein.
Die Trimondis helfen
sich aus dieser Verlegenheit, indem sie ein paar Dinge übertreiben:
Sie erwähnen die Faszination des Dalai Lama für Kriegsspielzeuge,
Kriegsfilme und Uniformen und erwägen, ob die Ausstrahlung der von
ihm zelebrierten grossen
Kalachakra-Rituale auch indirekt zum Tod von Petra
Kelly oder Mao Tse Tung
führten (703, 740). Auch sind sie in ihren Recherchen ungenau, was
sein Zusammentreffen mit Alt-Nazis
oder fanatischen Sektenführern
betrifft. Ob man Heinrich Harrer einfach
mit der Bezeichnung "SS'ler" ausreichend charakterisieren kann,
bleibt fraglich. Ebenso beziehen die Trimondis ihre Information, der Dalai
Lama sei nach seiner Flucht aus Tibet als erster vom chilenischen Neo-Naziführer
Miguel Serrano begrüsst worden,
aus einem Interview mit Serrano selbst, also einer höchst subjektiven
Quelle (665). Und die Tatsache, dass sich der japanische Sektenführer
Shoko Ashara als Inkarnation eines "Shambhala-Kriegers"
sah, Sexualtantra praktizierte, 100.000 Dollar für tibetische Flüchtlingshilfe
spendete und sich mit dem Dalai Lama traf (vor dem Giftanschlag in Tokio!),
berechtigt noch nicht zu der Feststellung, dass dieser Ashara "direkt
in die Geheimnisse seiner 'politischen Mystik' eingeweiht hat."
(690) Unverständlich bleibt auch, warum der amerikanische Multimillionär
John du Pont erwähnt wird, der
1996 auf offener Strasse den Olympiasieger David Schultz erschoss und
kundtat, er sei der "Dalai Lama" und das "Oberhaupt einer
weltweiten buddhistischen Kirche" (691)? Hier wird mit unlauteren
Suggestionen und nebulösen Assoziationsketten gearbeitet, vielleicht
auch aus Wut darüber, letztlich doch nicht an den "Kern"
des zu Kritisierenden heranzukommen. Möglicherweise sind auch (uneingestandene)
Gefühle persönlicher Abrechnung mit im Spiel, die die Qualität
des sonst so wichtigen Buches leider trüben.
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