|
"Ich
halte aus dem einfachen Grund daran fest, weil ich im Rückblick auf
zahlreiche Befragungen feststellen konnte, dass das Orakel noch immer
recht hatte ... Ich glaube nicht nur an Geister, sondern an verschiedene
Arten von Geistern! ... Zu dieser Kategorie gehört auch das Staatsorakel
Nechung. Wir halten diese Geister für zuverlässig, denn sie
haben eine lange Geschichte ohne jede Kontroverse in über 1000 Jahren."
(Schatten des Dalai Lama, 548)
Trotzdem sich der Dalai Lama bei seinen Auftritten in Europa und Amerika
als rational denkender Mensch gibt, herrschen in seinem Amtssitz in Dharamsala
nach wie vor Orakelkunst, Reinkarnationsglaube,
Sternenkunde, Traumdeutung
und Losziehung vor, auch um wichtige
Fragen der exiltibetischen Politik mitzubestimmen. So befragte man auch
nach dem bereits oben erwähnten Ritualmord der Shugden-Anhänger
das Orakel, wie man sich angesichts der furchtbaren Ereignisse zu verhalten
habe. Ich erwähne dies hier nicht, weil ich solchen "okkulten"
Dingen prinzipiell unversöhnlich gegenüberstehe: Auch in unseren
"westlichen" Entscheidungsfindungen spielen Intuition, Eingebung,
Inspiration, "innere Stimmen" und sogar Träume eine gewisse
Rolle, ganz zu schweigen von der Arbeit der Künstler, die ohne so
etwas gar nicht auskommt. Aber in Tibet wird darüber kaum offen gesprochen
und das Orakelwesen liegt in der Hand einiger weniger Auserwählter,
die naturgemäss damit auch Missbrauch betreiben können. Zudem
ist es nicht eingebettet und ausbalanciert durch rationale und demokratische
Prozesse, sondern bestimmt mit unhinterfragter Absolutheit das spirituelle
und politische Geschehen.
Als weiteres Beispiel
für "magische Politik" führen die Trimondis auch den
sogenannten Shambhala-Mythos an, eines
der Kernstücke des Kalachakra-Tantras, in dem die Etablierung eines
goldenen buddhistischen Zeitalters und ein erbitterter Krieg gegen Glaubensfeinde
vorausgesagt wird. Dort ist die Rede von "zornigen
Raddrehern", die in einer "letzten
Schlacht" die Feinde der buddhistischen Lehre vernichten
werden, wobei bestimmte Begriffe auf den Islam
deuten. Zwar sind solche Passagen in gewisser Weise historisch plausibel,
da zur Entstehungszeit des Shambhala-Mythos (10. Jahrhundert) tatsächlich
islamische Krieger in buddhistischen Gemeinden Indiens viel Unheil anrichteten.
Aber man kann sich trotzdem fragen, wieso solche Anachronismen nach wie
vor zur aktuellen "spirituellen Politik" Tibets gehören.
Sie sind letztlich genauso unzeitgemäss, irrational und gewaltgeladen
wie die Rechtfertigung von "Heiligen Kriegen" durch arabische
oder jüdische Fundamentalisten, die ebenso auf jahrhundertealte Mythen
zurückgreifen, um aktuelle politische Konflikte zu lösen.
|