Diese Schattenseiten
des vom Westen zurechtgeträumten Paradieses auf dem "Dach der
Welt" werden von heutigen tibetischen Führern und ihren westlichen
Anhängern meist unterdrückt. Während letztere nicht müde
werden, in der eigenen europäischen Geschichte z.B. Leibeigenschaft,
Sklaverei und Ausbeutung
anzuprangern, übersehen sie dieselben Phänomene im weit entfernten
und über allen Wolken thronenden Geheimland Tibet. Wichtig ist auch
der Hinweis der Trimondis, dass bspw. der Karmaglaube
dafür eingesetzt wurde, soziale Unterschiede spirituell zu rechtfertigen:
Priviligiertheit konnte so als Belohnung für gute Taten in einem früheren
Leben gedeutet werden und Armut als Busse für ehemalige Verfehlungen.
Während sich der Westen über die barbarischen Exzesse der Taliban
empörte, übersah er gerne, dass noch bis in die 50er Jahre des
20. Jahrhunderts öffentliche Auspeitschungen in Tibet üblich waren,
von früheren Strafformen wie Verstümmelung etc. einmal ganz abgesehen.
Der tibetische Klerus war nicht nur eine friedfertige Gruppe von studierenden
Mönchen, sondern - laut den Trimondis - auch ein privates,
profitorientiertes Kapitalunternehmen, in dem politische Intrigen
und Konkurrenzkämpfe der verschiedenen
Orden an der Tagesordnung waren. Zwischen den Eingeweihten und der analphabetischen
Masse herrschte kein demokratischer Dialog, sondern Indoktrination und -
wenn nötig - brutale Gewalt. Wie schnell dieses prekäre Gleichgewicht
umkippen konnte, schilderte z.B. Heinrich Harrer, der in den 40er Jahren
während des Neujahrsfestes einmal die Verwandlung von okkultem Massentheater
in kollektive Raserei beobachten konnte:
"Wie aus der Hypnose erwacht, stürzen in diesem Augenblick
die Zehntausende aus der Ordnung ins Chaos. Der Übergang ist so plötzlich,
dass man fassungslos ist. Geschrei, wilde Gesten ... sie trampeln sich gegenseitig
zu Boden, bringen sich fast um. Aus den noch weinend Betenden, ekstatisch
Versunkenen sind Rasende geworden. Die Mönchssoldaten beginnen ihr
Amt! Riesige Kerle mit ausgestopften Schultern und geschwärzten Gesichtern
- damit die abschreckende Wirkung noch verstärkt wird. Rücksichtslos
schlagen sie mit ihren Stöcken auf die Menge ein ... Heulend steckt
man die Schläge ein, aber selbst die Geschlagenen kehren wieder zurück.
Als ob sie alle von Dämonen besessen wären." (Schatten
des Dalai Lama, 534) |