Brutale Ikonographie

   
 
Neben der Frauenfeindlichkeit werfen die Trimondis dem tibetischen Buddhismus eine "sadomasochistische Lust am Makabren und Aggressiven" vor, was sich vor allem in seinen Bilddarstellungen und den sog. Gokhangs (Schreckenskammern unter den Klöstern) zeige. Hier wuchere es nur so von abgeschlagenen Schädeln, Hackmessern, Instrumenten aus Menschenknochen, Leichenteilen, dämonischen Fratzen, Henkern, Zombies und sonstigen Horrorgestalten.

Warum, so fragen die Autoren, ist die Schutzgöttin des Dalai Lama ausgerechnet die Göttin Palden Lhamo (Bild), die auf der abgezogenen Haut des von ihr ermordeten Sohnes über einen kochenden Blutsee reitet, behängt mit Schädeln und abgeschlagenen Menschenköpfen? Warum tragen die sexuellen Gefährtinnen (Dakinis) gerne Hackmesser und mit Blut gefüllte Schädelschalen in der Hand und wieso werden junge Lamas während ihrer "Initiation" in Horrorkammern eingesperrt, wo Leichenteile und morbide Schreckgespenster auf sie warten?


Tibetologen und buddhistische Geistliche antworten darauf, dass all dies rein symbolische Gestalten seien, die die Dämonen des "niederen Selbst" (Begierden, Ängste etc.) verkörperten: Um zur Erleuchtung aufzusteigen, müsse der Adept sich ihnen mit voller Wucht stellen, ihre "Leerheit" erkennen und sie so endgültig abtöten. Die Trimondis halten dagegen, dass im okkulten Weltbild des Buddhismus Aussen- und Innenwelt, Subjekt und Objekt, Symbol und Realität nicht getrennt seien, was dazu führen könne, dass bestimmte magische Beschwörungen buchstäbliche Wirkungen erzielen könnten.

Zumindest für das alte Tibet sind Dinge wie Schwarze Magie und Schadenzauber belegt. So gab es etwa die sogenannten "Lingas" (Bild rechts), rituelle Abbildungen oder Figuren, in die alle Negativa des Feindes hineinprojiziert wurden, worauf man sie in dessen Haus brachte oder wie eine Voudoo-Puppe quälte.

"In einem so stark von der Magie geprägten Weltbild wie dem tibetischen"
, so Gerhardt W. Schuster in seinem aufschlussreichen Buch "Das alte Tibet - Geheimnisse und Mysterien", "führten Hass und Neid oft zu dem Entschluss, missliebige Menschen durch Schadenzauber zu schädigen. Allgemein bekannt war den Tibetern die starke Wirkung von sowohl positiver als auch negativer Gedankenenergie. Verstärkt durch die Anrufung zornvoller Gottheiten, konnte aus häufigem Verwünschen und Verfluchen einem Widersacher durchaus Schaden erwachsen. wesentlich nachhaltiger aber war die rituelle Verfluchung durch einen sachkundigen Magier." Gelegentlich wurde sogar von staatlicher Seite auf schwarzmagische Praktiken zurückgegriffen: Noch während der Jugendzeit des jetzigen Dalai Lama praktizierten Mönche des Mindoling-Klosters bei Lhasa aufwendige Zeremonien, um eine Invasion von Gurkha-Truppen aus Nepal abzuhalten (Schuster 135).
 
 
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Ähnlich bizarr mutet für den Westen, der im Mittelalter auch solche Praktiken kannte, das Phänomen des Ritualmordes an, das es heute in Europa vielleicht noch in Mafia-Kreisen gibt. Ein aufsehenerregendes Beispiel, das auch den Dalai Lama tief verstörte, war der äusserst brutale Mord, der in Dharamsala am 4. Februar 1997 an einem seiner engsten Vertrauten (Lobsang Gyatso) sowie an zweien seiner Schüler verübt wurde. Täter dieses blutigen Spektakels, bei dem sogar Kehlen durchgeschnitten und Hautteile der Opfer abgezogen wurden, waren konservative Anhänger der Gelbmützensekte, die den furchteinflössenden Rachegott Dorje Shugden ("Brüller des Donnerkeiles") verehren: vermutlich sollte ihr Mord ein Protest gegen die Verurteilung dieser Shugden-Anbeter und ihrer "reaktionären" schamanistischen Praktiken durch den Dali Lama sein. In diesem Falle, der natürlich auch wieder als Einzelbeispiel bzw. Pervertierung von Mythen gedeutet werden kann, scheint die "handgreifliche" Macht bestimmter Symbolgehalte plötzlich doch einmal ganz greifbar zu werden: Es ist wahrscheinlich, dass die Mörder sich durch intensive Verinnerlichung mit der Gewaltaura ihres Vorbildes so stark verbanden, dass sie am Ende die Tat als zwangsläufige Befolgung einer "höheren Eingebung" bzw. als Handlung der Gottheit selbst empfanden.

Ähnliches gibt es natürlich auch im Westen, wenn z.B. psychotische Mörder "im Auftrag" von Stimmen, Dämonen etc. handeln oder okkult faszinierte Jugendliche durch "Satan" oder "Odin" zu rituellen Morden inspiriert werden. Auch die islamistischen Attentäter des 11.September handelten ja in "göttlicher Mission" und waren sich bei ihrem "Heiligen Krieg" keiner Schuld bewusst. Keine Kultur - und sei sie noch so "aufgeklärt" - ist vor solchen erschreckenden Atavismen gefeit. Aber im Spektrum tibetischen Glaubens wurden und werden solche Taten nicht von verirrten Einzelgängern, sondern von religiösen Vertretern begangen, die sich durch ein komplexes System von Göttern und Dämonen abgesichert glauben. Auch wenn dieses nicht zwangsläufig zu solch monströsen Geschehnissen führen muss, so ist doch die Forderung berechtigt, offener über derartige Schattenseiten des Okkulten zu diskutieren bzw. die Frage zu stellen, wie diese mit Modernisierungs- und Reformprozessen eines neuen Tibet zusammengedacht werden sollen.

 

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