Trotz diesen herabwürdigenden Vorstellungen ist das Weibliche in den sexualmagischen Ritualen des tibetischen Buddhismus dennoch von grosser Wichtigkeit: Der Einzuweihende muss - real oder in der Einbildung - Geschlechtsverkehr mit einer "Mudra" (Gespielin) begehen, um sich deren begehrtes Vaginalsekret einzuverleiben, worauf er androgyn wird bzw. die "bisexuelle Gottheit im eigenen Körper" realisiert. Dieser Vorgang wird - laut dem Geheimtext des Kalachakra-Tantras - auch mit Minderjährigen vollzogen, wobei zuweilen der "Genuss" von deren Urin, Kot und Menstruationsblut quasi als anfachendes Moment noch der sexuell-spirituellen Steigerung dient. Auch wenn der Dalai Lama dies persönlich nicht (mehr) praktiziere - so die Trimondis - besässe er doch detaillierte Kenntnisse dieser Rituale und Techniken. Auf der "Mind and Life"-Konferenz in Dharamsala (1999) habe er sogar die anrüchige Vajroli-Methode erwähnt, mit der der Yogi übe, Wasser und Milch durch die Harnröhre nach oben zu ziehen. Derart trainiert, könne er dann beim Sexualverkehr den Samen anhalten bzw. das vaginale Sekret seiner Partnerin zu sich hinaufziehen, um es mit seinem Sperma zu einem göttlichen Extrakt zu vermischen (Schatten des Dali Lama, 349f).
Ritualgegenstände des tibetischen Tantra, die Vagina und Penis symbolisieren
   

Die jungen Gespielinnen - so erklärte das geistliche Oberhaupt der Tibeter noch zusätzlich - würden in der tantrischen Literatur u.a. nach der Form ihrer Genitalien klassifiziert: So gebe es die "Lotos-artige", die "Reh-artige", die "Muschel-artige" oder die "Elefanten-artige" (350).  Auch wenn diese Mädchen in Tibet vielleicht hoch angesehen werden und ihre gelegentliche Minderjährigkeit mit einem anderen Heiratsalter zu tun haben mag, so hat man es hier doch nicht mit einer Partnerschaft zu tun, sondern mit dem Gebrauch eines Objektes, das nach seinem Funktionieren wieder entlassen wird. Dass solche Praktiken auf jeden Fall bei westlichen Frauen traumatische Spuren hinterlassen können, erfuhr die bereits erwähnte schottische Religionswissenschaftlerin June Campbell, die einige Jahre lang "Mudra" des hochangesehenen Lamas Kalu Rinpoche war.
  "Meine Einwilligung, in eine geheime sexuelle Beziehung einzutreten", schrieb sie darüber, "basierte vor allem auf der Verpflichtung zu Hingabe und Gehorsam, die für alle, die in der nächsten Umgebung des Lamas lebten, von zentraler Bedeutung ist. Ausserdem machte die Forderung, den Lama als göttlich anzusehen, es mir praktisch unmöglich, sein Urteilsvermögen bezüglich aller Fragen, die meine eigene spirituelle Entwicklung betrafen, anzuzweifeln." (Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen, 165)  

June Campbell glaubte anfangs, dass eine geheime Beziehung eine Erweiterung der religiösen Praxis sein könne und in den Bereich der geheimen tantrischen Praktiken fallen müsse. "Tatsächlich jedoch lief das, was geschah, den ursprünglich eindeutig egalitären tantrischen Vorstellungen völlig zuwider, da ich mit Forderungen konfrontiert wurde, in denen weder Achtung meinem Körper und meiner Person gegenüber zum Ausdruck kam, noch Rücksicht auf meine Gefühle genommen wurde ... irgendwann sah ich mich dann nicht mehr in der Lage, weiterhin eine Beziehung zu einer angesehenen Autoritätsperson aufrechtzuerhalten, die ständig meine Persönlichkeitsgrenzen verletzte und von mir bedingungslose Unterwerfung erwartete." (ebd. 166)

Da von June Campbell absolutes Stillschweigen über ihre Tätigkeit verlangt wurde, war es ihr zunächst nicht möglich, aus diesem Bannkreis auszubrechen, zumal sie mit Horrorgeschichten über das Schicksal von Mudras, die geplaudert hatten, eingeschüchtert wurde: "Menschen, die nie eine Tradition wie die tibetische von innen kennengelernt haben, mögen solche Ängste für völlig überzogen halten, doch in geschlossenen Gruppen dieser Art kann schnell eine autoritäre 'Kultur der Insider' die Herrschaft übernehmen." (167)

Ihr Schicksal war kein Einzelfall: Auch andere Lamas missbrauchten das Vertrauen ihrer Schülerinnen, so dass sich selbst der Dalai Lama damit beschäftigte und genaue Untersuchungen anregte. Selbst wenn man die Vergehen einzelnen fehlbaren Individuen anlastet, so spiegeln sie doch auch die unheilvolle "Allianz von Religion, Sexualität, Macht und Geheimhaltung", wie sie für das lamaistische Mönchswesen typisch ist. Diese Männer, die - so Campbell - früh ihren Müttern weggenommen wurden und nie eine Möglichkeit hatten, sich selbst als gewöhnliche Menschen zu erleben und eigene Identität (d.h. auch psychische Unabhängigkeit von der Mutter) zu entwickeln, wissen kaum etwas über zwischengeschlechtliche Beziehungen, aber gelten dennoch als grosse und "reine" Heilige. Besonders absurd und schmerzhaft wird es, wenn sie zwar nach aussen hin zölibatär auftreten, aber sich dennoch heimlich "gefügige" Frauen für ihre spirituellen Praktiken halten. June Campbell glaubt letztlich nicht an eine baldige Reformierung dieser jahrhundertelangen Traditionen, weil die gesamte Philosophie und Ikonographie des tibetischen Buddhismus fest darauf gegründet sei.

 

Frauenbild Brutale Ikonographie