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June Campbell glaubte
anfangs, dass eine geheime Beziehung eine Erweiterung der religiösen
Praxis sein könne und in den Bereich der geheimen tantrischen Praktiken
fallen müsse. "Tatsächlich jedoch lief das, was geschah,
den ursprünglich eindeutig egalitären tantrischen Vorstellungen
völlig zuwider, da ich mit Forderungen konfrontiert wurde, in denen
weder Achtung meinem Körper und meiner Person gegenüber zum
Ausdruck kam, noch Rücksicht auf meine Gefühle genommen wurde
... irgendwann sah ich mich dann nicht mehr in der Lage, weiterhin eine
Beziehung zu einer angesehenen Autoritätsperson aufrechtzuerhalten,
die ständig meine Persönlichkeitsgrenzen verletzte und von mir
bedingungslose Unterwerfung erwartete." (ebd. 166)
Da von June Campbell absolutes Stillschweigen
über ihre Tätigkeit verlangt wurde, war es ihr zunächst
nicht möglich, aus diesem Bannkreis auszubrechen, zumal sie mit Horrorgeschichten
über das Schicksal von Mudras, die geplaudert hatten, eingeschüchtert
wurde: "Menschen, die nie eine Tradition wie die tibetische von
innen kennengelernt haben, mögen solche Ängste für völlig
überzogen halten, doch in geschlossenen Gruppen dieser Art kann schnell
eine autoritäre 'Kultur
der Insider' die Herrschaft übernehmen." (167)
Ihr Schicksal war
kein Einzelfall: Auch andere Lamas missbrauchten das Vertrauen ihrer Schülerinnen,
so dass sich selbst der Dalai Lama damit beschäftigte und genaue
Untersuchungen anregte. Selbst wenn man die Vergehen einzelnen fehlbaren
Individuen anlastet, so spiegeln sie doch auch die unheilvolle "Allianz
von Religion, Sexualität, Macht und Geheimhaltung",
wie sie für das lamaistische Mönchswesen typisch ist. Diese
Männer, die - so Campbell - früh ihren Müttern weggenommen
wurden und nie eine Möglichkeit hatten, sich selbst als gewöhnliche
Menschen zu erleben und eigene Identität (d.h. auch psychische Unabhängigkeit
von der Mutter) zu entwickeln, wissen kaum etwas über zwischengeschlechtliche
Beziehungen, aber gelten dennoch als grosse und "reine" Heilige.
Besonders absurd und schmerzhaft wird es, wenn sie zwar nach aussen hin
zölibatär auftreten, aber sich dennoch heimlich "gefügige"
Frauen für ihre spirituellen Praktiken halten. June Campbell glaubt
letztlich nicht an eine baldige Reformierung dieser jahrhundertelangen
Traditionen, weil die gesamte Philosophie und Ikonographie des tibetischen
Buddhismus fest darauf gegründet sei.
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