Die Anhänger des
Dalai Lama und seiner Lehre müssten sich die Frage gefallen lassen,
ob sie nicht mit der Adaption dieses Glaubenssystems wieder ein vorrationales
okkult-magisches Weltbild einführten,
in dem weniger selbstbestimmte Individuen als transzendente Mächte
bzw. ihre Sprachrohre, die tibetischen Lamas herrschten: "Das Abendland
hat mit der Aufklärung seine alten 'Götter' und Mythen gestürzt,
jetzt holt es sie durch die unkritische Übernahme exotischer Religionssysteme
wieder ins Land." (327)
Eine solche These stiess natürlich auf erbitterten Widerstand, hatten
sich doch in den letzten Jahren Hunderttausende den Dalai Lama und seine
"friedfertige" Religion zur neuen spirituellen Orientierung, ja
zum Objekt grenzenloser Verehrung auserkoren. Viele glauben heute, dass
der Buddhismus gegenüber dem langsam verfallenden Christentum eine
echte Glaubensalternative darstelle, die dem in Materialismus gefangenen
Europäer und Amerikaner neue Wege zu geistig-seelischem Heil weisen
könne. Die Lektüre des Trimondi-Buches zeigt aber zumindest, das
unzählige Facetten dieser Religion im Westen völlig unbekannt
sind, ja dass sie Untiefen enthält, die auch in gänzlich andere
Bereiche als "Frieden", "Mitgefühl" oder "Toleranz"
weisen.
Auch wenn ich nicht
mit allen Thesen des Buches einverstanden bin, so teile ich doch seine
Meinung, dass umfangreiches und differenziertes Wissen zur Beschäftigung
mit den Mythen und Religionen dieser Welt dazugehört. Nicht zuletzt
habe ich aus einem solchen Ansinnen heraus dieses Online-Magazin gegründet.
Wir wollen daher im folgenden einige Kernpunkte der Streitschrift diskutieren
und zum Schluss fragen, ob und inwieweit der tibetische Buddhismus wirklich
eine spirituelle Alternative für den Westen
darstellt.
|