Einleitung

   
 

Kaum ein Buch provozierte in den letzten Jahren eine so erregte Kontroverse in Deutschland wie "Der Schatten des Dalai Lama" (1999) von Victor und Victoria Trimondi. Nachdem ich mich bereits auf der umfangreichen Webseite des Autorenpaares dazu geäussert hatte (www.trimondi.de/deba06.html), möchte ich angesichts des aktuellen ATALANTE-Themas noch einmal differenzierter darauf eingehen. Denn auch wenn dem Buch manche Mängel vorgeworfen wurden (Vermischung seriöser mit unklaren Quellen, Sinnverkürzungen, Zitatcollagen, Unkenntnis der tibetischen Sprache bzw. des Sanskrit etc.) enthält es genug Material, um mindestens eine Hauptthese zu untermauern: Der nach Esoterik hungrige Westen habe bisher den tibetischen Buddhismus eher verklärt und idealisiert, als kritisch hinterfragt.

Die Anhänger des Dalai Lama und seiner Lehre müssten sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht mit der Adaption dieses Glaubenssystems wieder ein vorrationales okkult-magisches Weltbild einführten, in dem weniger selbstbestimmte Individuen als transzendente Mächte bzw. ihre Sprachrohre, die tibetischen Lamas herrschten: "Das Abendland hat mit der Aufklärung seine alten 'Götter' und Mythen gestürzt, jetzt holt es sie durch die unkritische Übernahme exotischer Religionssysteme wieder ins Land." (327)

Eine solche These stiess natürlich auf erbitterten Widerstand, hatten sich doch in den letzten Jahren Hunderttausende den Dalai Lama und seine "friedfertige" Religion zur neuen spirituellen Orientierung, ja zum Objekt grenzenloser Verehrung auserkoren. Viele glauben heute, dass der Buddhismus gegenüber dem langsam verfallenden Christentum eine echte Glaubensalternative darstelle, die dem in Materialismus gefangenen Europäer und Amerikaner neue Wege zu geistig-seelischem Heil weisen könne. Die Lektüre des Trimondi-Buches zeigt aber zumindest, das unzählige Facetten dieser Religion im Westen völlig unbekannt sind, ja dass sie Untiefen enthält, die auch in gänzlich andere Bereiche als "Frieden", "Mitgefühl" oder "Toleranz" weisen.

Auch wenn ich nicht mit allen Thesen des Buches einverstanden bin, so teile ich doch seine Meinung, dass umfangreiches und differenziertes Wissen zur Beschäftigung mit den Mythen und Religionen dieser Welt dazugehört. Nicht zuletzt habe ich aus einem solchen Ansinnen heraus dieses Online-Magazin gegründet. Wir wollen daher im folgenden einige Kernpunkte der Streitschrift diskutieren und zum Schluss fragen, ob und inwieweit der tibetische Buddhismus wirklich eine spirituelle Alternative für den Westen darstellt.

 

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