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"Der
Schatten des Dalai Lama" von
Rüdiger Sünner Kaum ein Buch provozierte in den letzten Jahren eine so erregte Kontroverse in Deutschland wie "Der Schatten des Dalai Lama" (1999) von Victor und Victoria Trimondi. Nachdem ich mich bereits auf der umfangreichen Webseite des Autorenpaares dazu geäussert hatte (www.trimondi.de), möchte ich angesichts des aktuellen ATALANTE-Themas noch einmal differenzierter darauf eingehen. Denn auch wenn dem Buch manche Mängel vorgeworfen wurden (Vermischung seriöser mit unklaren Quellen, Sinnverkürzungen, Zitatcollagen, Unkenntnis der tibetischen Sprache bzw. des Sanskrit etc.) enthält es genug Material, um mindestens eine Hauptthese zu untermauern: Der nach Esoterik hungrige Westen habe bisher den tibetischen Buddhismus eher verklärt und idealisiert, als kritisch hinterfragt. Die Anhänger des Dalai Lama und seiner Lehre müssten sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht mit der Adaption dieses Glaubenssystems wieder ein vorrationales okkult-magisches Weltbild einführten, in dem weniger selbstbestimmte Individuen als transzendente Mächte bzw. ihre Sprachrohre, die tibetischen Lamas herrschten: "Das Abendland hat mit der Aufklärung seine alten 'Götter' und Mythen gestürzt, jetzt holt es sie durch die unkritische Übernahme exotischer Religionssysteme wieder ins Land." (327) Eine solche These stiess natürlich auf erbitterten Widerstand, hatten sich doch in den letzten Jahren Hunderttausende den Dalai Lama und seine "friedfertige" Religion zur neuen spirituellen Orientierung, ja zum Objekt grenzenloser Verehrung auserkoren. Viele glauben heute, dass der Buddhismus gegenüber dem langsam verfallenden Christentum eine echte Glaubensalternative darstelle, die dem in Materialismus gefangenen Europäer und Amerikaner neue Wege zu geistig-seelischem Heil weisen könne. Die Lektüre des Trimondi-Buches zeigt aber zumindest, das unzählige Facetten dieser Religion im Westen völlig unbekannt sind, ja dass sie Untiefen enthält, die auch in gänzlich andere Bereiche als "Frieden", "Mitgefühl" oder "Toleranz" weisen. Auch
wenn ich nicht mit allen Thesen des Buches einverstanden bin, so teile
ich doch seine Meinung, dass umfangreiches und differenziertes Wissen
zur Beschäftigung mit den Mythen und Religionen dieser Welt dazugehört.
Nicht zuletzt habe ich aus einem solchen Ansinnen heraus dieses Online-Magazin
gegründet. Wir wollen daher im folgenden einige Kernpunkte der Streitschrift
diskutieren und zum Schluss fragen, ob und inwieweit der tibetische Buddhismus
wirklich eine spirituelle Alternative für den Westen darstellt. Frauenbild im tibetischen Buddhismus Ein zentraler Vorwurf der Trimondis an den tibetischen Buddhismus ist, dass er in seinen Geheimlehren ein Bild der Frau pflege, durch das diese oft zum Symbol des Inferioren, Verführerischen und Dämonischen degradiert werde. Dies könne man nicht nur an negativ besetzten Sprachwendungen (1) ablesen, sondern bereits am tibetischen Ursprungsmythos selbst. Dieser berichte von der Verführung eines Buddhawesens in Affengestalt durch eine "von "Geilheit aufgestachelte" Dämonin namens Srinmo, der der meditierende Buddha zunächst 7 Tage lang widerstehen konnte. Erst als sie ihm drohte, mit anderen Dämonen monströse Jungtiere zu zeugen, die Tod und Verderben über die Welt brächten, schlief er "aus Mitleid" mit ihr. Eine andere Legende fügt hinzu, dass Srinmo, weil sie gegen die Einführung des Buddhismus in Tibet protestiert habe, auf den Rücken geworfen und mit 13 Ritualdolchen ("Nägel der Unbeweglichkeit") gepfählt worden sei. Die Abbildung links zeigt diesen Vorgang, wobei die jeweiligen Einschnittstellen auch die Hauptgründungsklöster Tibets markieren, mit dem Potala von Lhasa als Zentrum in der Mitte. Unter seinen Kellern, so die Sage, befinde sich ein riesiger Blutsee, aus dem dann und wann noch der leise Herzschlag der gepfählten Dämonin nach oben dringe. Selbst wenn andere Mythen und Religionen auch nicht mit archaisch-drastischen Bildern geizen, so strömt dieses doch eine besonders makabre Kraft aus: Die Gründung Tibets wird im Zusammenhang mit der Herzdurchbohrung einer weiblichen Gottheit gesehen, die wohl Erdkräfte, Verführung, Wildnis, Animalisches und schweifend Sinnliches symbolisiert. Gleichwohl wird sie am Leben gelassen, um - gezähmt - ihre Energien doch irgendwie für eine männliche Priesterkaste nutzen zu können. Spricht sich hierin die gleiche Angst vor dem Weiblichen aus wie in buddhistischen Meditationsanweisungen für Mönche, die sich den langsam verwesenden Leib einer schönen Frau vorstellen sollen, um Einsicht in die unabwendbare Vergänglichkeit aller Dinge zu erhalten? Trotz diesen herabwürdigenden Vorstellungen ist das Weibliche in den sexualmagischen Ritualen des tibetischen Buddhismus dennoch von grosser Wichtigkeit: Der Einzuweihende muss - real oder in der Einbildung - Geschlechtsverkehr mit einer "Mudra" (Gespielin) begehen, um sich deren begehrtes Vaginalsekret einzuverleiben, worauf er androgyn wird bzw. die "bisexuelle Gottheit im eigenen Körper" realisiert. Dieser Vorgang wird - laut dem Geheimtext des Kalachakra-Tantras - auch mit Minderjährigen vollzogen, wobei zuweilen der "Genuss" von deren Urin, Kot und Menstruationsblut quasi als anfachendes Moment noch der sexuell-spirituellen Steigerung dient. Auch wenn der Dalai Lama dies persönlich nicht (mehr) praktiziere - so die Trimondis - besässe er doch detaillierte Kenntnisse dieser Rituale und Techniken. Auf der "Mind and Life"-Konferenz in Dharamsala (1999) habe er sogar die anrüchige Vajroli-Methode erwähnt, mit der der Yogi übe, Wasser und Milch durch die Harnröhre nach oben zu ziehen. Derart trainiert, könne er dann beim Sexualverkehr den Samen anhalten bzw. das vaginale Sekret seiner Partnerin zu sich hinaufziehen, um es mit seinem Sperma zu einem göttlichen Extrakt zu vermischen (Schatten des Dali Lama, 349f). Die jungen Gespielinnen - so erklärte das geistliche Oberhaupt der Tibeter noch zusätzlich - würden in der tantrischen Literatur u.a. nach der Form ihrer Genitalien klassifiziert: So gebe es die "Lotos-artige", die "Reh-artige", die "Muschel-artige" oder die "Elefanten-artige". (350) Auch wenn diese Mädchen in Tibet vielleicht hoch angesehen werden und ihre gelegentliche Minderjährigkeit mit einem anderen Heiratsalter zu tun haben mag, so hat man es hier doch nicht mit einer Partnerschaft zu tun, sondern mit dem Gebrauch eines Objektes, das nach seinem Funktionieren wieder entlassen wird. Dass solche Praktiken auf jeden Fall bei westlichen Frauen traumatische Spuren hinterlassen können, erfuhr die bereits erwähnte schottische Religionswissenschaftlerin June Campbell, die einige Jahre lang "Mudra" des hochangesehenen Lamas Kalu Rinpoche war. "Meine Einwilligung, in eine geheime sexuelle Beziehung einzutreten", schrieb sie darüber, "basierte vor allem auf der Verpflichtung zu Hingabe und Gehorsam, die für alle, die in der nächsten Umgebung des Lamas lebten, von zentraler Bedeutung ist. Ausserdem machte die Forderung, den Lama als göttlich anzusehen, es mir praktisch unmöglich, sein Urteilsvermögen bezüglich aller Fragen, die meine eigene spirituelle Entwicklung betrafen, anzuzweifeln." (Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen, 165) June
Campbell glaubte anfangs, dass eine geheime Beziehung eine Erweiterung
der religiösen Praxis sein könne und in den Bereich der geheimen
tantrischen Praktiken fallen müsse. "Tatsächlich jedoch
lief das, was geschah, den ursprünglich eindeutig egalitären
tantrischen Vorstellungen völlig zuwider, da ich mit Forderungen
konfrontiert wurde, in denen weder Achtung meinem Körper und meiner
Person gegenüber zum Ausdruck kam, noch Rücksicht auf meine
Gefühle genommen wurde ... irgendwann sah ich mich dann nicht mehr
in der Lage, weiterhin eine Beziehung zu einer angesehenen Autoritätsperson
aufrechtzuerhalten, die ständig meine Persönlichkeitsgrenzen
verletzte und von mir bedingungslose Unterwerfung erwartete."
(ebd. 166) Ihr
Schicksal war kein Einzelfall: Auch andere Lamas missbrauchten das Vertrauen
ihrer Schülerinnen, so dass sich selbst der Dalai Lama damit beschäftigte
und genaue Untersuchungen anregte. Selbst wenn man die Vergehen einzelnen
fehlbaren Individuen anlastet, so spiegeln sie doch auch die unheilvolle
"Allianz von Religion, Sexualität, Macht und Geheimhaltung",
wie sie für das lamaistische Mönchswesen typisch ist. Diese
Männer, die - so Campbell - früh ihren Müttern weggenommen
wurden und nie eine Möglichkeit hatten, sich selbst als gewöhnliche
Menschen zu erleben und eigene Identität (d.h. auch psychische Unabhängigkeit
von der Mutter) zu entwickeln, wissen kaum etwas über zwischengeschlechtliche
Beziehungen, aber gelten dennoch als grosse und "reine" Heilige.
Besonders absurd und schmerzhaft wird es, wenn sie zwar nach aussen hin
zölibatär auftreten, aber sich dennoch heimlich "gefügige"
Frauen für ihre spirituellen Praktiken halten. June Campbell glaubt
letztlich nicht an eine baldige Reformierung dieser jahrhundertelangen
Traditionen, weil die gesamte Philosophie und Ikonographie des tibetischen
Buddhismus fest darauf gegründet sei. Brutale Ikonographie Neben
der Frauenfeindlichkeit werfen die Trimondis dem tibetischen Buddhismus
eine "sadomasochistische Lust am Makabren und Aggressiven" vor,
was sich vor allem in seinen Bilddarstellungen und den sog. Gokhangs (Schreckenskammern
unter den Klöstern) zeige. Hier wuchere es nur so von abgeschlagenen
Schädeln, Hackmessern, Instrumenten aus Menschenknochen, Leichenteilen,
dämonischen Fratzen, Henkern, Zombies und sonstigen Horrorgestalten.
Die Trimondis halten dagegen, dass im okkulten Weltbild des Buddhismus Aussen- und Innenwelt, Subjekt und Objekt, Symbol und Realität nicht getrennt seien, was dazu führen könne, dass bestimmte magische Beschwörungen buchstäbliche Wirkungen erzielen könnten. Von ihren dazu gebrachten Beispielen überzeugen weniger angebliche Texte über reale Menschenopfer im 11.Jahrhundert oder die drastischen Folter- und die Strafmethoden des alten Tibet. Einleuchtend wird die hauchdünne Scheidewand zwischen Gewalt-Imaginationen und realer Ausführung jedoch am Beispiel des äusserst brutalen Ritualmordes, der in Dharamsala am 4.Februar 1997 an einem Vertrauten des Dalai Lama (Lobsang Gyatso) sowie an zweien seiner Schüler verübt wurde. Täter dieses blutigen Spektakels, bei dem sogar Kehlen durchgeschnitten und Hautteile der Opfer abgezogen wurden, waren konservative Anhänger der Gelbmützensekte, die den furchteinflössenden Rachegott Dorje Shugden ("Brüller des Donnerkeiles") verehren: vermutlich ein Protest gegen die Verurteilung dieser Shugden-Anbeter und ihrer "reaktionären" und schamanistischen Praktiken durch den Dali Lama. In diesem Falle, der natürlich auch wieder als Einzelbeispiel bzw. Pervertierung von Mythen gedeutet werden kann, scheint die suggestive Macht bestimmter destruktiver Götter und Symbole plötzlich einmal ganz dicht zu werden: Es ist zumindest vorstellbar, dass die Mörder sich durch intensive Verinnerlichung mit der Gewaltaura ihres Vorbildes so stark verbanden, dass sie am Ende die Tat als zwangsläufige Befolgung einer "höheren Eingebung" bzw. als Handlung der Gottheit selbst empfanden. Ähnliches
gibt es auch im Westen, wenn z.B. psychotische Mörder "im Auftrag"
von Stimmen, Dämonen etc. handeln oder okkult faszinierte Jugendliche
durch "Satan" oder "Odin" zu rituellen
Morden inspiriert werden. Auch die islamistischen Attentäter des
11.September handelten ja in "göttlicher Mission" und waren
sich bei ihrem "Heiligen Krieg" keiner Schuld bewusst.
Keine Kultur - und sei sie noch so "aufgeklärt" - ist vor
solchen erschreckenden Atavismen gefeit. Im Spektrum tibetischer Religion
scheint jedoch der Raum von Mythen, Göttern und Dämonen dominanter
und durch ungebrochene Traditionen suggestiver zu sein als im Westen und
es bleibt zu fragen, ob und wie Modernisierungsprozesse hier modifizierend
eingreifen können. Archaische Geschichte Während
die Anhänger des Dalai Lama und auch dieser selbst die Geschichte
Tibets gerne als eine von Frieden und Weisheit getragene Epoche deuten,
ergeben die Recherchen der Trimondis ein anderes Bild: Neben meditativer
Stille und einer Philosophie des Mitgefühls herrschten hier auch
über Jahrhunderte Beamtenwillkür, diktatorische Entscheidungen,
Gehirnwäsche, Dämonenglauben, spirituelle Kontrolle, kriecherische
Servilität, der Wenn die Trimondis behaupten, dass der tibetische
Buddhismus nach wie vor ein magisch-okkultes Weltbild pflege,
in dem "Visionen", "Eingebungen" und "Götter"
sogar die Politik mitbestimmen, so lässt sich dies am klarsten anhand
des sogenannten Staatsorakels belegen, das am Hofe des Dalai Lama
eine wichtige Funktion innehat. In Trance ruft dieses den Zorngott Pehar,
um Weisungen für den Reinkarnationsort etwa eines verstorbenen
Lamas zu erhalten. Bei solchen Ritualen spielen sich für den Westler
bizarr anmutende Szenen ab: Das Orakel, meist ein junger Mann mit medialen
Fähigkeiten, zuckt in seinem kiloschweren Ornat hin und her, bis
sich ihm die Augen verdrehen und Schaum aus dem Mund tritt. Um ihn herum
Mönche mit Diktaphonen, die gebannt jedes Murmeln und Stammeln aufzeichnen,
das Botschaften über Himmelsrichtungen und Topographien Tibets enthalten
soll, wo die Reinkarnation des geistlichen Führers in Form eines
kleinen Jungen vermutet wird. Trotzdem einige "progressive"
Tibeter diese archaische Methode inzwischen auch mit Skepsis ansehen,
verteidigt sie der Dalai Lama nach wie vor als zuverlässige "Informationsermittlung": Diese
Schattenseiten des vom Westen zurechtgeträumten reinen Paradieses
auf dem "Dach der Welt" werden von heutigen tibetischen Führern
und ihren westlichen Anhängern meist unterdrückt. Während
letztere nicht müde werden, in der eigenen europäischen Geschichte
z.B. Leibeigenschaft, Sklaverei und Ausbeutung anzuprangern,
übersehen sie dieselben Phänomene im weit entfernten und über
allen Wolken thronenden Geheimland Tibet. Wichtig ist auch der Hinweis
der Trimondis, dass bspw. der Karmaglaube dafür eingesetzt
wurde, soziale Unterschiede spirituell zu rechtfertigen: Priviligiertheit
konnte so als Belohnung für gute Taten in einem früheren Leben
gedeutet werden und Armut als Busse für ehemalige Verfehlungen. Während
sich der Westen über die barbarischen Exzesse der Taliban empörte,
übersah er gerne, dass noch bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts
öffentliche Auspeitschungen in Tibet üblich waren (siehe etwa
Foto in der US-Zeitschrift LIFE vom 13.November 1950), von früheren
Strafen wie Verstümmelung etc. einmal ganz abgesehen. Der tibetische
Klerus war nicht nur eine friedfertige Gruppe von studierenden Mönchen,
sondern - laut den Trimondis - auch ein privates, profitorientiertes
Kapitalunternehmen, in dem politische Intrigen und Konkurrenzkämpfe
der verschiedenen Orden an der Tagesordnung waren. Zwischen den Eingeweihten
und der analphabetischen Masse herrschte kein demokratischer Dialog, sondern
Indoktrination und - wenn nötig - Gewalt. Wie schnell dieses prekäre
Gleichgewicht umkippen konnte, schilderte z.B. Heinrich Harrer, der in
den 40er Jahren während des Neujahrsfestes einmal die Verwandlung
von okkultem Massentheater in kollektive Raserei beobachten konnte: Magische Politik Wenn
die Trimondis behaupten, dass der tibetische Buddhismus nach wie vor ein
magisch-okkultes Weltbild pflege, in dem "Visionen",
"Eingebungen" und "Götter" sogar die Politik
mitbestimmen, so lässt sich dies am klarsten anhand des sogenannten
Staatsorakels belegen, das am Hofe des Dalai Lama eine wichtige
Funktion innehat. In Trance ruft dieses den Zorngott Pehar, um
Weisungen für den Reinkarnationsort etwa eines verstorbenen
Lamas zu erhalten. Bei solchen Ritualen spielen sich für den Westler
bizarr anmutende Szenen ab: Das Orakel, meist ein junger Mann mit medialen
Fähigkeiten, zuckt in seinem kiloschweren Ornat hin und her, bis
sich ihm die Augen verdrehen und Schaum aus dem Mund tritt. Um ihn herum
Mönche mit Diktaphonen, die gebannt jedes Murmeln und Stammeln aufzeichnen,
das Botschaften über Himmelsrichtungen und Topographien Tibets enthalten
soll, wo die Reinkarnation des geistlichen Führers in Form eines
kleinen Jungen vermutet wird. Trotzdem einige "progressive"
Tibeter diese archaische Methode inzwischen auch mit Skepsis ansehen,
verteidigt sie der Dalai Lama nach wie vor als zuverlässige "Informationsermittlung": Trotzdem sich der Dalai Lama bei seinen Auftritten in Europa und Amerika als rational denkender Mensch gibt, herrschen in seinem Amtssitz in Dharamsala nach wie vor Orakelkunst, Reinkarnationsglaube, Sternenkunde, Traumdeutung und Losziehung vor, auch um wichtige Fragen der exiltibetischen Politik mitzubestimmen. So befragte man auch nach dem bereits oben erwähnten Ritualmord der Shugden-Anhänger das Orakel, wie man sich angesichts der furchtbaren Ereignisse zu verhalten habe. Ich erwähne dies hier gar nicht einmal deswegen, weil ich solchen "okkulten" Dingen prinzipiell unversöhnlich gegenüberstehe: Auch in unseren "westlichen" Entscheidungsfindungen spielen Intuition, Eingebung, Inspiration, "innere Stimmen" und sogar Träume eine gewisse Rolle, ganz zu schweigen von der Arbeit der Künstler, die ohne so etwas gar nicht auskommt. Aber in Tibet wird darüber kaum offen gesprochen und das Orakelwesen liegt in der Hand einiger weniger Auserwählter, die naturgemäss damit auch Missbrauch betreiben können. Zudem ist es nicht eingebettet und ausbalanciert durch rationale und demokratische Prozesse, sondern bestimmt mit einer gewissen unhinterfragten Absolutheit das spirituelle und politische Geschehen. Als
weiteres Beispiel für "magische Politik" führen die
Trimondis auch den sogenannten Shambhala-Mythos an, eines der Kernstücke
des Kalachakra-Tantras, in dem die Etablierung eines goldenen buddhistischen
Zeitalters und ein erbitterter Krieg gegen Glaubensfeinde vorausgesagt
wird. Dort ist die Rede von "zornigen Raddrehern", die
in einer "letzten Schlacht" die Feinde der buddhistischen
Lehre vernichten werden, wobei bestimmte Begriffe auf den Islam
deuten. Zwar sind solche Passagen in gewisser Weise historisch plausibel,
da zur Entstehungszeit des Shambhala-Mythos (10. Jahrhundert) tatsächlich
islamische Krieger in buddhistischen Gemeinden Indiens viel Unheil anrichteten.
Aber man kann sich trotzdem fragen, wieso solche Anachronismen nach wie
vor zur aktuellen "spirituellen Politik" Tibets gehören.
Sie sind letztlich genauso unzeitgemäss, irrational und gewaltgeladen
wie die Rechtfertigung von "Heiligen Kriegen" durch arabische
oder jüdische Fundamentalisten, die ebenso auf jahrhundertealte Mythen
zurückgreifen, um aktuelle politische Konflikte zu lösen. Wer ist der Dalai Lama? Wenn die Trimondis atavistische Tiefenschichten des tibetischen Buddhismus kritisieren, beziehen sie natürlich immer dessen Oberhaupt - den Dalai Lama - mit ein. Und doch verraten die Bemerkungen zu ihm eine gewisse Ambivalenz und Unentschiedenheit, die sich im Verlauf der Lektüre zu einem Katalog letztlich offener Fragen ausweitet. Man muss wissen, dass die Trimondis den Dalai Lama einst nicht nur schätzten, sondern auch Bücher von ihm verlegten und Grossveranstaltungen mit ihm organisierten. Irgendwann kam eine Abkehr und es entstand das Bedürfnis, religiöse Weltbilder - also auch den Buddhismus - genauer und tiefer zu analysieren. Ich vermute, dass dabei auch persönliche Erfahrungen (Enttäuschungen, Verletzungen?) der Autoren mit dem Oberhaupt Tibets eine Rolle spielten. Leider
wird darüber im Buch nichts gesagt, die Trimondis steigen nicht in
den Keller ihrer eigenen Projektionen, Ängste und Verstrickungen
hinab, wie sie es für den Umgang mit den "Schattenseiten"
des Lamaismus fordern. Stattdessen klingt in ihrem Buch immer auch eine
Art Hassliebe gegenüber dem Dalai Lama durch. Vielleicht auch ein
bisschen Neid angesichts seines "Sex-Appeals", der ja offensichtlich
auf zahlreiche Filmschauspielerinnen, Popsängerinnen und selbst Feministinnen
zu wirken scheint. Man merkt, und das ist nicht unbedingt unsympathisch,
dass die Trimondis mit diesem interessanten und charismatischen Mann noch
nicht fertig sind. Auch mir geht es so, wenn ich einerseits die kritischen
Materialien im Buch lese, andererseits von ihm bspw. im Fernsehen immer
wieder stark berührt werde. Die
Trimondis helfen sich aus dieser Verlegenheit, indem sie ein paar Dinge
übertreiben: Sie erwähnen die Faszination des Dalai Lama für
Kriegsspielzeuge, Kriegsfilme und Uniformen ("sehr attraktiv")
und erwägen, ob die Ausstrahlung der von ihm zelebrierten grossen
Kalachakra-Rituale auch indirekt zum Tod von Petra Kelly oder Mao
Tse Tung führten (703, 740). Auch sind sie in ihren Recherchen
ungenau, was sein Zusammentreffen mit Alt-Nazis oder fanatischen
Sektenführern betrifft. Ob man Heinrich Harrer einfach
mit der Bezeichnung "SS'ler" charakterisieren kann, bleibt fraglich.
Ebenso beziehen die Trimondis ihre Information, der Dalai Lama sei nach
seiner Flucht aus Tibet als erster vom chilenischen Neo-Naziführer
Miguel Serrano begrüsst worden, aus einem Interview mit Serrano
selbst, also einer höchst subjektiven Quelle (665). Und die Tatsache,
dass sich der japanische Sektenführer Shoko Ashara als Inkarnation
eines "Shambhala-Kriegers" sah, Sexualtantra praktizierte, 100.000
Dollar für tibetische Flüchtlingshilfe spendete und sich mit
dem Dalai Lama traf (vor dem Giftanschlag in Tokio!), berechtigt noch
nicht zu der Feststellung, dass dieser Ashara "direkt in
die Geheimnisse seiner 'politischen Mystik' eingeweiht hat."
(690) Völlig unerfindlich bleibt, warum schliesslich noch der amerikanische
Multimillionär John du Pont erwähnt wird, der 1996 auf
offener Strasse den Olympiasieger David Schultz erschoss und kundtat,
er sei der "Dalai Lama" und das "Oberhaupt einer weltweiten
buddhistischen Kirche" (691)? Hier wird mit unlauteren Suggestionen
und nebulösen Assoziationsketten gearbeitet, vielleicht auch aus
Wut darüber, letztlich doch nicht an den "Kern" des zu
Kritisierenden heranzukommen. Möglicherweise sind auch (uneingestandene)
Gefühle persönlicher Abrechnung mit im Spiel, die die Qualität
des sonst so wichtigen Buches leider trüben. Braucht der Westen den Buddhismus? Zu den einflussreichsten und wortgewaltigsten Propagandisten des tibetischen Buddhismus gehört der Amerikaner Robert Thurman (Bild), übrigens Vater der erfolgreichen Hollywood-Schauspielerin Uma Thurman ("Pulp fiction"). Er liebt es, von der "coolen Revolution des Buddhismus" zu sprechen, in dem für ihn Werte wie Individualismus, Pazifismus, Ökologie etc. zum Ausdruck kommen, ja er geht sogar soweit, die grossen tibetischen Gelehrten der letzten Jahrhunderte für bedeutender als ihre europäischen Kollegen zu halten. Hume, Kant, Nietzsche, Wittgenstein, Hegel, Heidegger - so der effektive Werbestratege des Dalai Lama - würden sich später einmal als Linienhalter der grossen Bodhisattvas erweisen. Amerikanische Halbbildung, Neid gegenüber dem kulturell älteren Europa oder provokativer Schachzug eines cleveren Marketing-Strategen? Tatsache ist jedoch, dass nicht nur Hunderttausende (in Amerika sogar Millionen) von Menschen sich der Spiritualität Tibets mit grosser Faszination zuwenden, sondern auch Wissenschaftler wie der Atomphysiker Carl Friedrich von Weizsäcker oder der Evolutionstheoretiker Ken Wilber, der den tibetischen Buddhismus für das "umfassendste und vollständigste System der Welt" hält. (Schatten 765) Es
sei immer wieder erstaunlich, so auch die Trimondis, wieviele gestandene
Gelehrte des Westens sich in unkritischer Begeisterung für den Dalai
Lama und sein wissenschaftliches Halbwissen begeistern würden, ja
oft liefen Konferenzen darauf hinaus, die neuesten Erkenntnisse Europas
und Amerikas alle schon im Buddhismus vorzufinden. Jung hatte zwar nichts dagegen, z.B. Yoga-Übungen als "Hygiene" zuzulassen, war aber gegenüber der asiatischen Lehre der Ich-Überwindung äusserst skeptisch eingestellt. Der Europäer, der sich seiner Meinung nach noch gar nicht mit den Untiefen seines Ichs auseinandergesetzt hatte, sollte nicht wegwerfen, was er überhaupt noch nicht besass. Für Jung war Europa, anders als der Osten, durch eine weitgehend übergestülpte Christianisierung ein Kontinent der Abspaltung und Verdrängung geworden. Man habe den "heidnischen Barbaren" lediglich in ein dunkles Verlies gesperrt, um darüber eine glänzende Welt von "Kultur", "Rationalität" und "Moral" zu errichten, die aber auf schwankenden Füssen stünde. Hexenjagd,
Inquisition, nationalistische Obsessionen, Kriege und kolonialistischer
Grössenwahn waren für Jung Beispiele dafür, wie sich der
eingesperrte "Barbar" - das unintegrierte Irrationale, Unbewusste,
auch Dämonische - immer wieder aus seinem Keller zurückmeldete
und alle gloriosen Errungenschaften wie "Vernunft", "Bewusstsein"
oder "Ichstärke" ad absurdum führte. Solange dieses
so sei, könne man nicht einfach durch fernöstliche Atemübungen
die "Entleerung" des Subjektes vorantreiben, sondern
müsste erstmal eines schaffen, das seinen Namen auch wirklich verdient.
Dies sollte jedoch über Denken und Bewusstheit geschehen,
da der Westen diesbezüglich hochdifferenzierte Traditionen besässe,
die nicht einfach durch Tranceerfahrungen oder Guruhörigkeit abzulösen
seien: "Der Osten kam zur Erkenntnis innerer Dinge mit einer kindlichen
Unkenntnis der Welt. Wir dagegen werden die Psyche und ihre Tiefe erforschen,
unterstützt von einem ungeheuer ausgedehnten historischen und naturwissenschaftlichen
Wissen." (Ges.Werke 13, 51) Ganz ähnlich argumentierte der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, der in seinen Anfangsjahren noch Anhänger der vom Orient faszinierten "Theosophischen Gesellschaft" war, die er aber bald wieder verliess. Auch für ihn, der sich intensiv z.B. mit Goethe und dem deutschen Idealismus auseinandergesetzt hatte, war eine einfache Übernahme östlicher Weisheiten undenkbar, zumal sie Dinge voraussetzten, die im Westen längst überwunden waren, z.B. die Anbetung von spirituellen Meistern oder hellsichtig-somnambule Tranceerfahrungen, die das Ich abdämpften statt zu stärken. Bei allem Respekt vor den Hochkulturen Asiens war deren Philosophie für Steiner doch eher etwas Anachronistisches, das sich mit seiner Auffassung von Evolution nicht vertrug. Denn
in der geistigen Geschichte des Westens - so Steiner - habe man sich folgerichtig
immer mehr der materiellen Welt zugewandt, um Ichkraft und Natrurwissenschaften
zu entwickeln, beides höchstwichtige Elemente für folgerichtiges
Denken und ein Handeln aus Freiheit. Daher sei es unzulässig,
das irdisch-stoffliche Leben als Verursacher von Leiden zu diffamieren
und per Meditation in die Leere des Nirwana zu flüchten. Nicht
sollten Ich und Denken abgeschafft werden, sondern sich im Gegenteil zu
mehr Kraft und Wahrnehmungsschärfe steigern, um illusionäre
Aspekte der Realität zu durchstossen und zu tieferen, auch ganzheitlicheren
Ebenen zu gelangen. Steiner sah daher z.B. im Buddhismus ein eher statisch-unhistorisches
als dynamisch-entwicklungsbetontes Weltbild, das für frühere
Zeiten wohl einmal funktioniert hatte, aber für die westliche Moderne
nicht zu adaptieren war. Aus
einem solchen Denken heraus entwickelte die Anthroposophie denn auch ökologische,
kosmologische und heilkundliche Anschauungen, die wiederum
fernöstlichen Lehren sehr nahekommen, aber gleichwohl immer auf europäisch
naturwissenschaftlicher Basis stehen. Steiner glaubte wohl auch an Eingebungen
durch "Götter" und "hohe geistige Wesenheiten",
ja sprach gelegentlich sogar von "Hellsichtigkeit" und "übersinnlicher
Erkenntnis". Aber er versuchte zeitlebens, solche Inspirationen mit
der Empirie zu verbinden und durch das klare nachvollziehbare Denken laufen
zu lassen. Dadurch - so sein Argument - wären bestimmte Negativerscheinungen
östlicher Systeme wie Autoritätsgläubigkeit, okkulte Manipulationen,
Ichschwächung etc. unmöglich. Wenngleich solche Dinge in den
anthroposophischen Kreisen dennoch vorkommen, so sind dies eher menschliche
Schwächen als Konsequenzen aus Steiners Lehre, die sich immer wieder
scharf gegen Hörigkeit, mechanisches Nachbeten oder die unkritische
Rezeption medialer Botschaften wehrt (siehe hierzu
auch Gerhard Wehr: C.G.Jung und Rudolf Steiner, Zürich 1990, 193ff) "Nicht dadurch, dass der Westen die Macht der Mythen leugnet, kann er sie überwinden. Er selber hat deren ungebrochene und gewaltige Präsenz auch in unserem Jahrhundert erleben müssen ... Nur wenn aufklärerisch orientierte Denker einen Einstieg in die Zentren der religiösen Kultmysterien wagen, und bereit sind, sich mit dem innersten Kern dieser Mysterien auseinanderzusetzen, wird es zu einer Entschärfung der 'religiösen Zeitbomben' kommen ... So absurd es klingen mag, der 'westliche Rationalismus' ist im eigentlichen Sinne die Ursache für den Okkultismus. Er drängt die esoterischen Lehren und ihre Praktiken ... in den gesellschaftlichen Untergrund, wo sie sich ungestört und hemmungslos ausbreiten können - bis sie dann eines Tages ... mit ungeheurer Gewalt hervorbrechen und die ganze Gesellschaft in ihren atavistischen Sog mit hineinziehen. Auf der anderen Seite macht der 'kritische Abstieg' in die Mysterienkulte der religiösen Traditionen wertvolle Lernprozesse möglich. Wir wollten ja mit unserer Analayse des buddhistischen Tantrismus nicht zu dem Schluss gelangen, dass alles an den traditionellen Religionen (im speziellen Fall am Buddhismus) zu verwerfen sei. Viele religiöse Lehrinhalte, viele Gesinnungen, Praktiken und Visionen scheinen bei der Errichtung einer friedvollen Weltengemeinschaft durchaus als wertvoll und sind sogar notwendig. Auch wir vertreten die Meinung, dass die 'Aufklärung' und der westliche 'Rationalismus' nicht mehr allein die Kraft haben, die Welt sinnvoll zu interpretieren, und schon gar nicht, sie zu verändern. Der Mensch lebt nicht vom Verstand allein! Die Welt des kommenden Jahrtausends ist deswegen unserer Sicht nach nicht zu entmythologisieren (nicht zu entzaubern oder zu re-rationalisieren), sondern der Mensch hat die Kraft, das Recht und die Verantwortung, die bestehenden Mythen, Mysterien und Religionen einem kritischen Untersuchungs- und Selektionsverfahren zu unterziehen." (792) |
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| 1) Die bei den Trimondis häufig zitierte intime Kennerin des tibetischen Buddhismus, June Campbell, weist daraufhin, dass in dieser Glaubenslehre eine Sprache fehlt, die geschlechtliche Differenz anerkennt und würdigt. Eher herrsche eine Terminologie sexistischer Polarisierung vor, die schon in der Frauenverachtung des historischen Buddha angelegt sei. So fallen Campbell in den heiligen Texten z.B. folgende Synonyme für "Frau" oder "Weiblichkeit" auf: "die mit Beschränkungen behaftet ist, "die fesselt", "die ohne Samen (Stärke) ist", "die man nachts nicht aus dem Haus lassen kann", "Unruhestifterin", "primäre Ursache des Leidens", "zuerst lächelnde Göttin ... dann Dämonin mit Leichenaugen ... am Ende zahnlose alte Kuh", "heilige Zutat des Tantra" etc. (June Campbell: Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen, Berlin 1997, 69f) |
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